Zehn Filme des Jahres

Kino / DVD / VoD

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.


Rafiki

 

Foto: Edition Salzgeber

„Da steht Ziki. Ziki mit den bunten Haaren und den großen Augen. Ziki mit den schönen Lippen, über die das süßeste Lächeln huscht, vor allem wenn sie Kena sieht. Ziki und Kena – aus ihnen wird bald etwas werden: eine heimliche, eine erste, große, epische Liebe. Und eine versteckte Beziehung zweier junger Frauen in Kenias Hauptstadt Nairobi. Es ist ein zarter Anfang, der Beginn einer Selbstfindung, die im Verborgenen blüht, auf dem Dach eines rosafarbenen Hochhauses. Hier schwören sie sich, nicht die typischen kenianischen Frauen zu werden, die brav ihre Ehemänner ehren und Kinder großziehen. Hier oben, über der Stadt, sind sie frei: Ziki, die die Welt bereisen will, um allen zu zeigen, was es heißt, eine moderne Afrikanerin zu sein, und Kena, die nicht Krankenschwester werden wird, sondern verdammt nochmal Ärztin.“

aus „Ich bin, denn wir sind“ von Beatrice Behn
(sissy-Besprechung zu „Rafiki“)


The Wild Boys

 

Foto: Bildstörung

„Das Zentrum, auf das der Film immer zurückkommt, das er umschwärmt, sind die fünf pubertären Jungenkörper, die von fünf erwachsenen Schauspielerinnen – Anaël Snoek, Vimala Pons, Diane Rouxel, Pauline Lorillard und Mathilde Warnier – verkörpert werden, nicht als Travestie auf ein Passing gerichtet, sondern als Irritation einer Erzählung, die sinnfällig wird, wenn die Insel ihr Geheimnis offenbart, die Insel auf deren libidinöser Natur die experimentelle Zivilisierung gründet, die der Kapitän und sein eigentliches Mastermind Severin/e, deren Geschlecht sich zunehmend verundeutlicht, entwickelt haben. Die Methode hat ihre Haken, denn die Kräfte, die die Insel verströmt, machen an den Affekten, die sie einhegen sollen, nicht halt und greifen auf die Körper über. Unter dem artifiziellen Licht der echt-falschen Südseesonne und mehr noch in der bizarr-schönen Nacht geraten die Körper ins Schwimmen, schlagen Begierden über.“

aus „Früchte der Erkenntnis“ von Sebastian Markt
(sissy-Besprechung zu „The Wild Boys“)


Der Boden unter den Füßen

 

Foto: Edition Salzgeber

„Lola ist keine Gender-Rebellin, aber auch keine kaltherzige Karrieristin, sie brennt für ihren Job, lässt sexistische Anzüglichkeiten von Kunden ebenso über sich ergehen wie sie gegen die Zuschreibungen ihrer Chefin machtlos ist. Zumal sich Lola nach einem Suizidversuch ihrer Schwester Conny nicht mehr auf ihren Job konzentrieren kann und Schwäche zeigt. Immer häufiger ruft Conny aus der Klinik an, doch eigentlich ist das gar nicht möglich, schon wegen des Handyverbots in der geschlossenen Psychiatrie. Bald hält Lola diese Anrufe selbst für Halluzinationen, und wenn die Kamera in schleichenden Schwenks vom Licht ins Schattenhafte gleitet, hinter Baumstämmen, Türen und Wänden alles und nichts sein kann, wenn das Psychiatriegelände und die urbanen Bürolandschaften einander immer ähnlicher werden, wandert das Paranoide von Conny über Lola ganz sachte zum Publikum selbst.“

aus „Nicht einmal mehr mit sich selbst verwandt“ von Cosima Lutz
(sissy-Besprechung zu „Der Boden unter den Füßen“)


Synonymes

 

Foto: Grandfilm

„Denn Yoav kann nicht einfach eine Haut gegen eine andere ersetzen. Haut ist gleich Haut, nackt ist gleich nackt, Sprache ist gleich Sprache. ‚Synonyme‘ meinen nicht nur andere Wörter, sie meinen auch Wörter für ein Selbes. Sprache ist immer zuerst Muttersprache, und die kann man nicht einfach verlieren, wie es einem passt. In diesem Sinne legt Yoav Hand an etwas, was nicht zu ändern ist. Und was ist dieses ‚Handanlegen‘ anderes als – erinnern wir uns an den Anfang – Masturbieren? Wenn Yoav zu einem französischen Wort zig Synonyme aufzählt, um zu zeigen, dass er sie kann (‚böse, obszön, ignorant, abscheulich, niederträchtig‘), ist das wie Wortwichsen: noch ein Wort rauswichsen und noch eins und noch eins. Man spricht mit der Vorstellung einer anderen Sprache, so wie man zum Bild von jemand anderem onaniert. Aber gleichzeitig bleibt dieses Auswichsen von Worten ein Handanlegen an den eigenen – beschnittenen – Penis, an dasjenige, was ihm jüdische Identität verleiht und ihn mit dem Hebräischen verbindet, mit seiner Muttersprache, der er nicht entkommen kann. Wie sehr man sich auch anstrengend mag, beim Wichsen bleibt man immer bei sich selbst.“

aus „Haut gleich Haut“ von Philipp Stadelmaier
(sissy-Besprechung zu „Synonymes“)


Wild Nights with Emily

 

„Anstatt einem chronologischen Narrativ zu folgen, setzt Olnek auf Sitcom-artige Fragmente und den erfrischenden Effekt des Kontrasts. Eine Art Rahmenerzählung bildet dabei die Lesetour der Emily-Dickinson-Herausgeberin Mabel Todd, die Emily Dickinson zwar nie persönlich zu Gesicht bekam (und vermutlich nicht zuletzt aus Enttäuschung darüber den Mythos der ‚Einsiedlerin‘ befeuerte), sich aber dazu berufen fühlte, den literarischen Konventionen der Zeit angepasste Versionen von Emilys Gedichten zu veröffentlichen und rund um deren Schöpferin ihre eigene Fantasie zu kreieren. Ein besonders einschneidender Eingriff betrifft dabei die Vertuschung der Liebesbeziehung zwischen Emily Dickinson und Susan Gilbert, die in ihren Teenagerjahren begann und bis zu Emilys Tod andauerte. In einer Split-Screen-Szene, die zu den stärksten des Films zählt, sehen wir auf der einen Seite, wie Susan mit liebevoller Hingabe Emilys Leiche wäscht, auf der anderen Mabel Todd, die mit frenetischem Eifer Susans Namen aus den ihr gewidmeten Gedichten radiert – ein bitterer Kommentar zur Auslöschung queerer Erfahrung aus der Geschichte.“

aus „Ein Mythos im Cut-up“ von Anja Kümmel
(sissy-Besprechung zu „Wild Nights with Emily“)


Leid und Herrlichkeit

 

Foto: Studiocanal

„Almodóvar ist ein Kind der Movida Madrileña, der extravaganten, poppig-provokanten, geschlechterwirren Bewegung der Achtziger, die das erstarrte, repressive Gefüge der Franco-Gesellschaft durcheinanderzuwirbeln versuchte. In Almodóvars Filmen ist diese Herkunft immer reflektiert, ihre Rezeption scheint deren Atmosphäre vorauszusetzen. Kino mit Life-Charakter, mit dem Flair von Performance. Das Apartment Salvadors ist eine dunkle Höhle, eins zu eins der Wohnung Almodóvars nachgebaut, einige der Kunst-Objekte hat der Filmemacher selbst zur Verfügung gestellt. Überhaupt nicht eins zu eins nachgemacht ist die Figur des Filmemachers, kein Alter Ego wird in diesem Film reflektiert, überhaupt kein Ego – in der Movida zersplitterten alle Ich-Gefühle und Identitäten, in einem kulturellen Kollektiv. Keine Autofiktion. Es ist die Movida selbst, deren Autobiografie Almodóvar in seinen Filmen geschaffen hat. (…) ‚Leid und Herrlichkeit‘ ist ein Film der Wiederbegegnungen, des Wiedersehens, damit auch ein Film des Verlierens, der Ellipsen. Man erlebt Salvador sehr jung und dann wieder als in die Jahre gekommenen, gepiesackten Mann, ausgespart aber bleibt der Künstler in seiner Schaffenskraft, der Movida-Mann.“

aus „Reglose Umschlingung“ von Fritz Göttler
(sissy-Besprechung zu „Leid und Herrlichkeit“)


Messer im Herz

 

„In ‚Begegnungen nach Mitternacht‘, Yann Gonzalez’ Spielfilmdebüt, hatte ‚La star‘, eine seiner exzentrischen Außenseiterfiguren, die Vision eines Phantomkinos, eines Kinos, in dem Träume wie Filme ganz direkt auf eine riesige Leinwand projiziert werden. Und eben dieser Vision folgt Gonzalez’ kompromisslos. Seine Filme sind tatsächlich Zelluloid gewordene Träume. Schon deshalb muss er sie auf analogem Filmmaterial drehen. Denn erst die belichteten 16- und 35mm-Filmestreifen machen sie wirklich greifbar. Aus etwas Ephemeren wird etwas, das man anfassen kann, um es dann wieder in etwas Flüchtiges, in riesige, sich selbst fortwährend auslöschende Bilder auf einer Leinwand, zu verwandeln. Kino ist in seinem Herzen nichts anderes als Alchemie. Ein zauberischer Vorgang, der im Giallo wie in den Pornofilmen der 70er seinen perfekten Ausdruck gefunden hat. Phantome aus Blut und Sperma, beide auf ihre ganz eigene Art ungemein verführerisch. Die einen entführten einen in eine Welt der Neurosen und Obsessionen, des Schreckens und der Gewalt, die anderen in ein Reich der Sehnsüchte und Freiheiten, der Verzückung und Verschwendung. In ihnen offenbarte sich die ursprüngliche Kraft des Kinos, diese wahrhaft unwiderstehliche Macht der bewegten und einen bewegenden Bilder, in ihrer vielleicht reinsten Form. Und nach eben dieser Kraft verzehrt sich Yann Gonzalez. Dass ‚Messer im Herz‘ im Paris des Jahres 1979 spielt, ist nicht nur eine Hommage an jene Epoche, die einem mittlerweile unendlich fern erscheint, die kaum noch etwas mit unserer durch und durch digitalisierten Gegenwart verbindet. Gonzalez erträumt sich eine parallele Wirklichkeit, in der nicht viel mehr als ein einzelner Schnitt 2019 von 1979 trennt. “

aus „Reinste Magie“ von Sascha Westphal
(sissy-Besprechung zu „Messer im Herz“)


Porträt einer jungen Frau in Flammen

 

Foto: Alamode

„Erst nach und nach finden Marianne und Héloïse zu einer Sprache für ihre Gefühle. Das offene Wort ist lange undenkbar, stattdessen verständigen sich die beiden über Blicke und Gesten, irgendwann über Berührungen und schließlich einen ersten Kuss im Schutz der Felswände. Kamerafrau Claire Mathon fängt die Annäherung in Landschaftsaufnahmen von niederschmetternder Schönheit ein und mit Doppelporträtbildern, die die beiden Frauen schrittweise zu einem Paar verschmelzen. Voraussetzung für diese Entwicklung ist der Bruch des männlich geprägten Blickregimes, das beide – das Modell und die Malerin, die paradoxerweise an einem Bild arbeiten muss, dass die Geliebte einem anderen überlassen soll – erst zusammengebracht hat. In der ersten Sitzung, in der sich Héloïse von Marianne porträtieren lässt, stehen sich die beiden Frauen gegenüber, zwischen ihnen steht nur die Leinwand, auf der das Bild entstehen soll. Marianne erklärt Héloïse, dass sie, ihre Betrachterin, bereits all ihre Gesten gedeutet habe. Sie wisse, wie sich Wut, Ärger oder Verlegenheit bei ihr ausdrückten. Héloïse wirkt irritiert und holt die Malerin kurzerhand auf ihre Seite. Gemeinsam blicken sie hinüber zur Staffelei, hinter der bis eben noch Marianne stand. ‚Wenn Sie mich ansehen, wen sehe ich dann?‘, fragt sie. Blicksubjekt und –objekt identifizieren sich miteinander, sie erkennen sich, ihre Hierachie löst sich auf.“

aus „Schau mich an!“ von Christian Weber
(sissy-Besprechung zu „Porträt einer jungen Frau in Flammen“)


Madame

 

Foto: Edition Salzgeber

„Was macht einen Mann zu einem Mann? Und was eine Frau zu einer Frau? Diesen Fragen, die zusammenhängen, aber nicht austauschbar sind, spürt Riethauser mit dem Doppelporträt von seiner Großmutter Caroline und sich selbst nach. Und zumindest eine Antwort ist schnell gefunden: Es ist die Gesellschaft im weitesten Sinne und die Familie im ganz Speziellen. Die Regeln, die den Platz des einzelnen Menschen bestimmen, die ihm und ihr sagen, was normal ist, was sich gehört und was nicht sein soll, sind auch die, die unser Bild von dem bestimmen, was eine Frau und was einen Mann ausmacht. (…) Stéphane Riethauser hat ‚Madame‘ als eine Art filmischen Brief an Caroline konzipiert. Obwohl sie schon vor Jahren verstorben ist, ist sie doch allgegenwärtig: als Stimme auf dem Anrufbeantworter ihres Enkels ebenso wie in den Bildern, die er mit seiner Videokamera, übrigens einem Geschenk von ihr, in den 1990er Jahren gemacht hat. In diesem Film, gerichtet an eine geliebte Tote, kann Riethauser all das aussprechen und zeigen, worüber er damals, als sie noch lebte, geschwiegen hat. Das Unausgesprochene sucht sich in den Bildern seinen Weg.“

aus „What Makes a Man a Man“ von Sascha Westphal
(sissy-Besprechung zu „Madame“)


Border

 

Foto: Capelight Pictures

„Tinas grobes Gesicht täuscht in keinem Moment über ihren Feinsinn hinweg. Während ihrer Zeit mit Vore bemerkt sie schnell: Es gibt vielleicht einen Ausbruch aus der Tristesse, womöglich ein richtiges Leben in einer scheinbar falschen Gesellschaft. Sie beginnt, über den Preis des unwiderruflichen Ausstiegs nachzudenken. Endlich ungezwungen atmen nach dem ganzen Schnüffeln, auch dafür taugt die Nase! Ihr Leben lang wurde ihr erzählt, sie sei deformiert und gehöre nicht dazu, doch vielleicht ist sie wirklich aus einer anderen Welt. Ihr Körper reagiert auf die neuen Gedanken: ‚Free your mind and your ass will follow‘. Abbasi hat mit Eva Melander und Eero Milonoff eine Sexszene wie eine zweite Geburt gedreht, in der Körper sich zeigen, die in keine Kategorien passen. Die Körper erfinden sich ihre eigene Realität, und die Erlösung, wirklich gesehen zu werden, bricht heraus wie ein Schrei – ein übergroßer Schrei des Erkanntwerdens, wie er nur im Kino erklingen kann. “

aus „Seid verschlungen“ von Dennis Vetter
(sissy-Besprechung zu „Border“)




Rafiki
von Wanuri Kahiu
KE 2018, 83 Minuten, FSK 12,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD (deutsche Fassung): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



The Wild Boys
von Bertrand Mandico
FR 2017, 110 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,
Bildstörung



Der Boden unter den Füßen
von Marie Kreutzer
AT 2019, 108 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD (deutsche Fassung): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Synonymes

von Nadav Lapid
ES 2019, 112 Minuten, FSK 6,
deutsche SF & französisch-hebräische OF mit deutschen UT,

Grandfilm



Wild Nights with Emily
von Madeleine Olnek
US 2019, 84 Minuten, FSK o.A.,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber



Leid und Herrlichkeit
von Pedro Almodóvar
ES 2019, 112 Minuten, FSK 6,
deutsche SF & spanische OF mit deutschen UT,
Studiocanal



Messer im Herz
von Yann Gonzalez
FR 2018, 102 Minuten, FSK 16,
französische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)




Blu-ray: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)



Porträt einer jungen Frau in Flammen
von Céline Sciamma
FR 2019, 120 Minuten, FSK 12,
deutsche SF & französisch OF mit deutschen UT,

Alamode



Madame
von Stéphane Riethauser
CH 2019, 94 Minuten, FSK 12,
deutsche Fassung & französische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber



Border
von Ali Abbasi
SW/DÄ 2018, 110 Minuten, FSK 16,
deutsche SF & schwedisch-dänische OF mit deutschen UT,
Capelight Pictures


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