Wild Nights with Emily

Trailer queerfilmnacht / Kino

Emily Dickinson (1830-1886) gilt als eine der wichtigsten Dichterinnen der Weltliteratur – und als „Einsiedlerin“. Dass sie über Jahrzehnte eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit ihrer Jugendfreundin und späteren Schwägerin Susan Gilbert führte, wussten zu ihrer Lebzeit nur wenige. Auch nach Emilys Tod wurde die Beziehung streng geheim gehalten – u.a. von Emilys Verlegerin Mabel, die sogar die postum veröffentlichen Gedichte manipulierte und Emilys feurige Liebesbriefe an Susan an Männer umadressierte. Madeleine Olneks lustvolle Komödie „Wild Nights with Emily“ zeigt die leidenschaftliche lesbische Liebe einer quicklebendigen Dichterin und schildert beispielhaft, wie eine dezidiert weibliche, queere Lebensgeschichte bewusst manipuliert wurde, um in ein heteronormatives Narrativ zu passen. Unsere Autorin Anja Kümmel hat sich auf die willkommene Abzweigung von tradierten Bildern und Vorstellungen begeben.

Foto: Edition Salzgeber

Ein Mythos im Cut-Up

von Anja Kümmel

Emily Dickinson steht in der Küche, in einer weißen Schürze, im Hintergrund Nudelholz, Obst und Backformen perfekt arrangiert wie in einem Werbeclip, und rezitiert: „Der Schmerz hat einen blinden Fleck …“ Genial nonchalant zeigt diese Szene die wohl bedeutendste US-amerikanische Dichterin des 19. Jahrhunderts in einem Facettenreichtum, der ihr im offiziellen Kanon bis heute nicht zugestanden wird.

Gerade eben noch – Regisseurin Madeleine Olnek arbeitet in „Wild Nights with Emily“ bevorzugt mit unvermittelten Schnitten – sahen wir die damals populäre Lyrikerin Helen Hunt Jackson vor zahlreichem Publikum eine sentimentale Ode an die Mütterlichkeit und an christliche Werte proklamieren. Mit der einfachen Methode von Schnitt und Gegenschnitt spricht Olnek Bände über die ungeschriebenen Gesetze der Viktorianischen Ära: Ein Gedicht muss sich reimen, um als Gedicht anerkannt zu werden; Frauen finden keinen Ehemann, wenn sie „zu schlau“ sind – und überhaupt sollte sich weibliche Kreativität am besten auf das Bemalen von Porzellan beschränken. Warum von Emily Dickinsons knapp 1800 sowohl formal als auch inhaltlich avantgardistischen Gedichten nur 11 zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurden, ist eigentlich nur mehr eine rhetorische Frage.

Zweifellos liefert die Viktorianische Periode mit ihren unpraktischen Kleidern und allzu starren Konventionen, an denen Menschen gar nicht anders können als zu scheitern, die perfekte Vorlage für eine Parodie. Dennoch wirken für dieses spezielle Sujet die aufs komödiantische Fach abonnierte Madeleine Olnek (Schöpferin u.a. von der wunderbaren SatireCodependent Lesbian Space Alien Seeks Same“, 2011) sowie Comedian Molly Shannon in der Rolle der Emily Dickinson erst einmal wie eine unwahrscheinliche Wahl. Zumindest lässt diese Kombination erahnen, dass „Wild Nights with Emily“ gekommen ist, um mit dem Bild der verbitterten, asexuellen Einsiedlerin ein für alle Mal zu brechen.

Folglich haben wir es weniger mit einem klassischen Biopic zu tun, als vielmehr mit einem lange überfälligen Korrektiv, einer schelmischen Antwort auf die getragene Ehrfurcht bisheriger Darstellungen, wie etwa Terence Davies’ „A Quiet Passion” (2016). Was auch heißt: Man sollte den Mythos, der hier demontiert wird, bereits ziemlich gut kennen (und satt haben), um den Film in vollen Zügen zu genießen und seine zahlreichen Anspielungen zu verstehen.

Anstatt einem chronologischen Narrativ zu folgen, setzt Olnek auf Sitcom-artige Fragmente und den erfrischenden Effekt des Kontrasts. Eine Art Rahmenerzählung bildet dabei die Lesetour der Emily-Dickinson-Herausgeberin Mabel Todd, die Emily Dickinson zwar nie persönlich zu Gesicht bekam (und vermutlich nicht zuletzt aus Enttäuschung darüber den Mythos der „Einsiedlerin“ befeuerte), sich aber dazu berufen fühlte, den literarischen Konventionen der Zeit angepasste Versionen von Emilys Gedichten zu veröffentlichen und rund um deren Schöpferin ihre eigene Fantasie zu kreieren. Ein besonders einschneidender Eingriff betrifft dabei die Vertuschung der Liebesbeziehung zwischen Emily Dickinson und Susan Gilbert, die in ihren Teenagerjahren begann und bis zu Emilys Tod andauerte. In einer Split-Screen-Szene, die zu den stärksten des Films zählt, sehen wir auf der einen Seite, wie Susan mit liebevoller Hingabe Emilys Leiche wäscht, auf der anderen Mabel Todd, die mit frenetischem Eifer Susans Namen aus den ihr gewidmeten Gedichten radiert – ein bitterer Kommentar zur Auslöschung queerer Erfahrung aus der Geschichte.

Foto: Edition Salzgeber

Abgesehen von einigen Ausnahmen wie dieser sind Olneks respektlose Vignetten recht offensiv auf Lacher aus, was teils gut, teils weniger gut funktioniert. Meist ergibt sich die Komik schon allein aus dem Widerspruch zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was man sieht: So erzählt Mabel ihrem andächtig nickenden Publikum, Emily habe die meiste Zeit ihres Lebens damit verbracht, einsam in ihrem Zimmer zu sitzen und die Beerdigungen auf dem angrenzenden Friedhof zu beobachten. In der nächsten Szene sieht man Emily, wie sie in einer Wolke von Mehlstaub Gedichtfragmente auf die Rückseite eines Lebkuchenrezepts kritzelt und anschließend fröhlich lachend das Gebäck an die Kinder der Nachbarschaft verteilt. Mabels Behauptung, Emily wollte erst postum veröffentlicht werden, kontrastiert Olnek mit Emilys jahrelangen Versuchen, diverse mal arrogante, mal tumb-paternalistische Herausgeber von Zeitungen und Literaturzeitschriften dazu zu bewegen, sich ihre Gedichte wenigstens anzusehen.

Und, die zentrale Divergenz, die der Film immer wieder ausspielt: Auf Mabels Darstellung von Emily als ungeliebte alte Jungfer, die soziale Kontakte nur in Briefform pflegte, folgen Szenen, in denen Emily und Susan sich küssen, übereinander herfallen oder angeregt diskutierend nebeneinander im Bett liegen. Susan Gilbert als Emilys erste Leserin, Kritikerin und Muse zu inszenieren, ist wohl das bedeutendste Verdienst des Films, der erstmals diese für ihr Leben und Schreiben so zentrale Beziehung in ein angemessenes Licht rückt.

Foto: Edition Salzgeber

Ob Emily und Susan tatsächlich eine sexuelle Beziehung führten, ist nicht überliefert – romantisch und stellenweise erotisch sind die Texte, die Emily an Susan adressierte, in jedem Fall. Dass sie mehr als nur eine romantische Brieffreundschaft pflegten, steht zu vermuten – immerhin wohnten sie, nachdem Susan Emilys Bruder Austin geheiratet hatte, jahrzehntelang in Nachbarhäusern. Da Frauen zu jener Zeit jegliche eigene Sexualität abgesprochen wurde und somit lesbisches Begehren so gut wie undenkbar war, konnten sie wahrscheinlich relativ unbehelligt Zeit miteinander verbringen. In „Wild Nights with Emily“ wirkt Austin zwar gekränkt, dass seine Frau sich mehr für die Gedichthefte ihrer Schwägerin als für seine Finanzgeschäfte interessiert, wirklich skeptisch wird er allerdings erst, als er selbst eine leidenschaftliche Affäre mit Mabel Todd beginnt. Vielleicht, weil ihm nun zum ersten Mal im Leben aufgeht, dass Frauen auch abseits ihrer „ehelichen Pflichten“ sexuelle Wesen mit eigenem Begehren sein können?

Foto: Edition Salzgeber

Derlei subtil feministische Botschaften, versteckt in den Bruchstellen zwischen Schein und Sein, tragen den Film über weite Strecken und machen ihn zu einem hintergründigen Vergnügen. Mit der Zeit allerdings erschöpft sich der immer wieder aufs Neue bemühte Gegensatz zwischen Mabels affektiert-selbstverliebten Schilderungen und der manchmal allzu plakativen Inszenierung der „echten“ Emily. Zu sehr verlässt sich Olnek in ihren Miniaturen auf die inhärente Albernheit der ausladenden Hüte, glockenartigen Röcke und unzähligen Unterröcke, zu wenig Raum bekommen dagegen ihre Figuren, sich zu entfalten und mehr als die immer gleichen konsternierten Mienen zu zeigen. So bleibt die Dynamik zwischen Susan und Emily recht oberflächlich; erotische Spannung kommt kaum auf. Leicht befremdlich wirken auch die hin und wieder eingestreuten surreal-düsteren Szenen, die Emilys Lyrik untermalen. Eine Emily-Dickinson-Biographie kann eben nicht nur eine Gag-Revue sein, mag sich die Regisseurin gedacht haben – das Ergebnis dieser Überlegung geht jedoch nicht ganz auf.

Andererseits ist Olnek klug genug, auch ihre Inszenierung mit subtilen Mitteln als eine künstliche, selektive zu entlarven, die ebenso wenig Anspruch auf „Authentizität“ erhebt wie Mabels Version der Geschichte. So durchbrechen immer wieder kleine irritierende Elemente den vermeintlichen Realismus der Szenerie, wie etwa eine Schale Äpfel, die so unecht aussehen wie Marzipanobst, oder ein seltsam geometrisches Gebilde aus Gurken. Oder eine Katze, die unschwer als lebloser Fellhaufen zu erkennen ist, während ein mechanisches Maunzen vom Band ertönt.

Mit spielerischer Verve zeichnet „Wild Nights with Emily“ ein Bild der visionären Dichterin fürs 21. Jahrhundert: feministisch, queer, anti-autoritär, lebenslustig, polyamor, sexpositiv – eine willkommene Abzweigung von jenen Bildern, die Mabel Todd und ihre Nachfolger_innen propagierten. Die Wahrheit indes liegt vermutlich irgendwo dazwischen, in unerschlossenem Terrain.




Wild Nights with Emily
von Madeleine Olnek
US 2019, 84 Minuten, FSK o.A.,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

Ab 28. November hier im Kino und im Dezember in einigen Städten als Special in der queerfilmnacht.

↑ nach oben