Film

Nevrland

Nevrland

Ab Donnerstag im Kino: Jakob ist 17, arbeitet als Aushilfskraft in einem Schlachthof und kämpft mit einer lähmenden Angststörung. Als er in einem Sex-Cam-Chat den 26-jährigen Künstler Kristjan kennenlernt, beginnt für ihn eine transpersonale Reise nach Nevrland und zu den Wunden seiner Seele. Bildgewaltig und atmosphärisch dicht zeigt der österreichische Regisseur Gregor Schmidinger in seinem ersten Langfilm "Nevrland" den Prozess des sexuellen Erwachens und der Selbstfindung als existentiellen Trip, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer mehr verwischen. Newcomer Simon Frühwirth wurde für seine Rolle als Jakob bereits mehrfach ausgezeichnet. Sebastian Markt über einen tiefenpsychologisch fundierten Coming-of-Age-Film über den Mut, man selbst zu sein, und die gewaltige Angst, die oft davor liegt.
The Garden

The Garden

Derek Jarmans "The Garden" (1990) ist ein subjektiver, höchst sinnlicher Strom von Bildern, der kühn die Möglichkeiten des Kinos austestet. Der Experimentalfilm kommt ohne Dialoge aus, lyrische Erzählstimmen und ein betörender Soundtrack von Simon Fisher-Turner bestimmen die Tonspur, über allem schwebt eine madonnenhafte Tilda Swinton. Jarman, der 1994 an den Folgen von Aids starb, verhandelt in dem Film nicht nur die eigene Sterblichkeit, er klagt auch wütend das repressive Klima gegen Schwule und Lesben unter der Regierung Margaret Thatchers in der Hoch-Zeit der Aids-Krise an – und hinterfragt kritisch die Rolle der katholischen Kirche in der Jahrhundert-langen Homosexuellen-Verfolgung. Knapp 30 Jahre nach seiner Uraufführung wurde Jarmans visionäres Meisterwerk vom British Film Institute digital restauriert und erscheint in dieser Fassung jetzt erstmals auch in Deutschland als DVD und VoD. Andreas Köhnemann über ein zeitloses Manifest queeren, filmischen Widerstands.
Acid

Acid

Jetzt als DVD und VoD: Sasha ist 20 und hat keinen richtigen Plan für sein Leben. Gerade ist sein Kumpel Vanya einfach so vom Balkon gesprungen. Nach der Beerdigung geht Sasha mit seinem besten Freund Pete und Freundin Karina erst mal in den Club, feiern. Dort lernen die drei den Künstler Vasilisk kennen, der ihnen Zuhause seine Arbeit vorführt: Er löst alte Politiker-Büsten in Säure auf. Am nächsten Morgen trinkt Pete einen Schluck der Flüssigkeit und landet im Krankenhaus. Als er wieder sprechen kann, findet er endlich Worte für das Chaos um sich. Das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin – bekannt aus seiner Zusammenarbeit mit Kirill Serebrennikov ("Leto", 2018) – ist ein abgründiges Porträt der Jugend im heutigen Russland. Den jungen Männern in "Acid" scheint es ökonomisch an nichts zu mangeln, emotional wirken sie jedoch verwahrlost und orientierungslos. Stefan Hochgesand über einen Not-Coming-of-Age-Film mit ätzender Wirkung, der in seiner teils virtuosen Filmsprache an das Frühwerk Xavier Dolans erinnert.
Normal

Normal

Jetzt im Kino: In ihrer dokumentarischen Betrachtung „Normal“ befasst sich die italienische Filmemacherin Adele Tulli mit dem Thema Gender - ohne das Gezeigte jemals zu kommentieren. Was mit dem ersten Blick auf das Geschlechtsteil bereits vor der Geburt seinen Anfang nimmt, setzt sich mit Ritualen im Kindes- und schließlich im Erwachsenenalter fort: Wie sich „Mann“ und „Frau“ zu geben haben, muss immer wieder eingeübt werden. Unsere Autorin Beatrice Behn hat „Normal“ für uns gesehen - und darin das Potenzial für eine persönliche Revolution entdeckt.
Bonnie & Bonnie

Bonnie & Bonnie

Yara lebt mit ihrem albanischen Vater und den drei Geschwistern in Hamburg-Wilhelmsburg. Neben ihrem Job im Supermarkt schmeißt sie den Familienhaushalt und vertreibt sich die Freizeit mit ihrer Clique. Als sie auf der Straße der toughen Kiki begegnet, ist plötzlich nichts mehr wie zuvor: Während Yara eine neue, bislang ungekannte Freiheit entdeckt, erlebt Heimkind Kiki das erste Mal das Gefühl von Geborgenheit. Aber niemand darf von der Beziehung wissen, vor allem nicht Yaras konservativer Vater, der schon einen Ehemann für sie ausgesucht hat… Regisseur Ali Hakim erzählt die berührende Geschichte von zwei jungen Frauen, die wie ihre filmhistorischen Vorbilder Bonnie und Clyde ins Weite aufbrechen müssen, damit ihre Liebe eine Chance hat. Anja Kümmel über eine mitreißende lesbische Romanze, die im Oktober in der queerfilmnacht zu sehen ist und am 24. Oktober auch regulär im Kino startet.
Celebration: Video-Interview mit Olivier Meyrou

Celebration: Video-Interview mit Olivier Meyrou

Nach zehn Jahren Aufführungsverbot darf Olivier Meyrous meisterhafter Dokumentarfilm "Celebration" über Yves Saint Laurent und dessen Partner Pierre Bergé endlich gezeigt werden. Wir haben uns mit dem Regisseur über die wilde Veröffentlichungsgeschichte des Films unterhalten, über die spezielle Beziehungsdynamik innerhalb des ikonischen Paars und die Herausforderung, eine Person zu filmen, die sich der Außenwelt permanent entzieht. Ein Interview über Mythos und Wirklichkeit, über engste Verbundenheit, tiefe Kränkungen und Filmemachen als Liebesbeweis.
Nurejew – The White Crow

Nurejew – The White Crow

In seiner dritten Regiearbeit erzählt Schauspielstar Ralph Fiennes eine brisante Episode aus dem Leben der sowjetischen Tanzikone Rudolf Nurejew nach: Während eines Gastspiels in Paris in den 1960er Jahren gerät der junge und höchst talentierte Ballett-Star – eindrucksvoll dargestellt vom ukrainischen Weltklasse-Tänzer Oleg Ivenko – ins Fadenkreuz des sowjetischen Geheimdiensts. Auf zwei anderen Zeitebenen blättert das Drehbuch von David Hare ("The Hours", "Der Vorleser") weitere Teile von Nurejews Biografie auf. Dessen Zuneigung zu Männern fällt dabei weitgehend unter den Tisch. Zum Glück gibt es immerhin diese eine Szene, findet unser Autor Stefan Hochgesand...
Celebration

Celebration

Paris, 2001. Yves Saint Laurent skizziert, bereits schwer von Krankheiten gezeichnet, die Entwürfe für seine letzte Kollektion. Unterdessen richtet sein Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé eine Serie von Feiern aus, um das kolossale Werk des Modedesigners zu würdigen. Regisseur Olivier Meyrou begleitet Saint Laurent in den letzten Karrierejahren und wirft dabei vor allem ein Licht auf die diffizile Beziehung zu seinem Partner. "Celebration" wurde bereits im Jahr 2007 auf der Berlinale uraufgeführt, Bergé ließ die weitere Veröffentlichung des Films jedoch verbieten. Erst jetzt, zwei Jahre nach Bergés und über ein Jahrzehnt nach Saint Laurents Tod, darf "Celebration" wieder gezeigt werden – und läuft ab Donnerstag auch in den deutschen Kinos. Daniel Schreiber hat ihn für uns gesehen.
Gelobt sei Gott

Gelobt sei Gott

Alexandre lebt mit seiner Familie in Lyon. Eines Tages erfährt er per Zufall, dass der Priester, von dem er in seiner Pfadfinderzeit missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Er beschließt zu handeln und findet Unterstützung bei zwei weiteren Opfern, François und Emmanuel. Zusammen wollen sie das Schweigen brechen, das über ihrem Martyrium liegt – gegen alle Widerstände. François Ozon hat in seinem neuen Film die wahren Ereignisse des Missbrauchsskandals um den Lyoner Priester Preynat verarbeitet. Seine meisterhaft inszenierte Anklage der erschütternden Versäumnisse in der Katholischen Kirche wurde im Februar auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Ab Donnerstag ist "Gelobt sei Gott" bundesweit im Kino zu sehen. Andreas Wilink hat den Film für uns gesehen – und genau hingehört.
Messer im Herz

Messer im Herz

Neu als DVD, Blu-Ray und VoD: Paris 1979. Als die Schwulenporno-Regisseurin Anne von ihrer Partnerin und Cutterin Loïs verlassen wird, beschließt sie, die Geliebte mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert mit einem Schnappklingen-Dildo Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm "Begegnungen nach Mitternacht" (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen höchstreferentiellen Genre-Mix aus Giallo-Schlitzer, Psycho-Thriller und Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Undergroundkino der 70er Jahre ist. An der Seite von Superstar Vanessa Paradis spielen einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, u.a. Nicolas Maury und Félix Maritaud ("Sauvage"). Bei seiner Uraufführung in Cannes wurde "Messer im Herz" als radikales Meisterwerk gefeiert. Im Juli läuft er nun in der queerfilmnacht, ab 18. Juli auch regulär im Kino. Sascha Westphal hat sich in Gonzalez‘ cinephiles Labyrinth begeben und die revolutionäre Vision eines Phantomkinos entdeckt, das in ein Reich der Neurosen und Obsessionen führt, aber auch der Sehnsüchte und Freiheiten.