Film

Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstrationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kommt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung als DVD heraus und ist nun auch als VoD zu sehen. Matthias Frings über "Before Stonewall" und dessen historische Bedeutung.
Leid und Herrlichkeit

Leid und Herrlichkeit

Auch der neue Filme von Pedro Almodóvar ist wieder ein faszinierendes Vexierspiel zwischen Fiktion und vermeintlicher autobiographischer Wahrheit. Über drei Epochen fächert "Leid und Herrlichkeit" das schillernde Leben von Salvador Mallo auf, einem berühmten Filmregisseur am Ende seiner Laufbahn. Superstar Antonio Banderas, Star aus Almodóvars Frühwerk, spielt einen Künstler, der einst vor Lebenslust und Kreativität sprühte und sich heute nur noch mit Krankheiten herumplagt. Fritz Göttler hat sich den Film angesehen und neben einer großen Melancholie die energische Kraft der Movida Madrileña wiederentdeckt, jener lustvollen kulturellen Gegenbewegung des Madrids der 80er Jahre, die Almodóvar entscheidend geprägt hat – und der er mit seinem gesamten Kino eine Autobiografie geschrieben hat.
Von Mädchen und Pferden

Von Mädchen und Pferden

Heute Abend läuft der wunderbarer Coming-of-Age-Film "Von Mädchen und Pferden" bei rbb QUEER (23h30 im rbb). Ganz im Norden, am Rickelsbüller Koog, soll die 16-jährige Alex endlich feste Strukturen kennen lernen. Das zumindest erhofft sich ihre Adoptivmutter, die die Schulabbrecherin zu einem Praktikum auf den Reiterhof abgeschoben hat. Alex ist zunächst wenig begeistert – Rauchverbot, kaum Handyempfang und viel Arbeit. Aber eben auch: Pferde, ein endlos langer Strand, das Meer – und die charismatische Reitlehrerin Nina, die offen lesbisch lebt... Monika Treut, die große Pionierin des queeren Kinos in Deutschland, befreit den Blick ihrer jugendlichen Protagonistin und eröffnet ihr ganz neue Welten. Tania Witte geht dem Zauber des Films, der für die Begeisterung von Mädchen für Pferde ziemlich handfeste Bilder findet, auf den Grund.
Something Must Break

Something Must Break

Heute zeigt der rbb den inhaltlich und formal wohl widerständigsten Film seiner Reihe rbb QUEER: Ester Martin Bergsmark erzählt in "Something Must Break" (23h30 im rbb) eine zärtliche, manchmal heftige Liebesgeschichte zwischen einem androgynen Jungen und einem anderen, der nicht schwul ist. Zusammen rebellieren sie gegen die Langeweile der bürgerlichen Ikea-Welt und suchen nach einer Form für ihre Liebe, die in kein hetero- oder homonormatives Schema passt. Der schwedische Film wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2014 mit dem renommierten "Tiger Award" beim Filmfestival Rotterdam. Aileen Pinkert hat ihn für uns gesehen.
Messer im Herz

Messer im Herz

Paris 1979. Als die Schwulenporno-Regisseurin Anne von ihrer Partnerin und Cutterin Loïs verlassen wird, beschließt sie, die Geliebte mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert mit einem Schnappklingen-Dildo Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm "Begegnungen nach Mitternacht" (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen höchstreferentiellen Genre-Mix aus Giallo-Schlitzer, Psycho-Thriller und Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Undergroundkino der 70er Jahre ist. An der Seite von Superstar Vanessa Paradis spielen einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, u.a. Nicolas Maury und Félix Maritaud ("Sauvage"). Bei seiner Uraufführung in Cannes wurde "Messer im Herz" als radikales Meisterwerk gefeiert. Im Juli läuft er nun in der queerfilmnacht, ab 18. Juli auch regulär im Kino. Sascha Westphal hat sich in Gonzalez‘ cinephiles Labyrinth begeben und die revolutionäre Vision eines Phantomkinos entdeckt, das in ein Reich der Neurosen und Obsessionen führt, aber auch der Sehnsüchte und Freiheiten.
Du sollst nicht lieben

Du sollst nicht lieben

"Kann Gott eine Liebe von solcher Klarheit verurteilen?", fragte die französische Libération in ihrer hymnischen Rezension von "Du sollst nicht lieben". In seinem Debütfilm erzählt Regisseur Haim Tabakman die Liebesgeschichte zwischen zwei orthodoxen Juden, die vor allem einen der beiden, einen verheirateten Familienvater, in eine tiefe Lebenskrise stürzt. Tabakmans aufwühlendes, vielfach preisgekröntes Drama wirft einen vieldeutigen Blick in die Welt des ultra-orthodoxen Judentums und nimmt sowohl das sexuelle Begehren als auch den Glauben als menschliche Bedürfnisse ernst. Morgen ist der Film bei rbb QUEER (23h30 im rbb) zu sehen. Paul Schulz hat den Film für uns besprochen und sich mit Haim Tabakman zum Gespräch getroffen.
Der Sommer von Sangailé

Der Sommer von Sangailé

Heute Abend geht es bei rbb QUEER nach Litauen, wo nicht-heterosexuelles Kino Seltenheitswert hat. Das eigentlich Besondere an "Der Sommer von Sangailé" (23h25 im rbb) ist aber, mit welcher Leichtigkeit die Regisseurin Alanté Kavaïté von panischer Höhenangst und der ersten großen Liebe, von selbstverletzenden Handlungen und weiblichem Erwachsenwerden in der baltischen Provinz erzählt, in der der Sowjetkommunismus noch heute sichtbare Spuren hinterlassen hat. Für ihren wildromantischen Coming-of-Age-Film wurde Kavaïté 2015 in Sundance mit dem Regie-Preis ausgezeichnet. Jessica Ellen hat ihn für uns besprochen.
Jonas

Jonas

Neu als DVD und VoD: Jonas ist 33 und arbeitet dort als Krankenträger. In seiner Freizeit lässt er sich von einem Sexdate zum nächsten treiben, nachts zettelt er in Clubs regelmäßig Streit an. Er kann nicht vergessen, was vor 18 Jahren mit ihm passiert ist, kann Nathan nicht vergessen, den coolen Jungen mit der Narbe im Gesicht, der im neuen Schuljahr plötzlich neben ihm saß und ihm kurz darauf seinen ersten Kuss gab. Und den er in einer verhängnisvollen Nacht für immer verlor. Regisseur Christophe Charrier verknüpft in seinem Film virtuos zwei Zeitebenen miteinander, auf denen er vom schwulen Heranwachsen im Frankreich der 90er, der ersten großen Liebe, von Scham, Schuld und einem gewaltigen, alles verzehrendes Trauma erzählt, das nach und nach an die filmische Oberfläche kommt wie die Erinnerung an einen düsteren Traum. In der Hauptrolle brilliert mit Félix Maritaud ("120 BPM", "Sauvage", "Messer im Herz") einer der derzeit angesagtesten jungen Darsteller des europäischen Kinos. Für unseren Autor Philipp Stadelmaier erzählt "Jonas" vor allem die Geschichte einer verlorenen Unschuld.
Der Kreis

Der Kreis

Morgen startet rbb QUEER in die zweite Runde! Bis zum 15. August laufen dann wieder jeden Donnerstagabend queere Filme im rbb. Wie im letzten Jahr begleiten wir die Reihe mit einer Artikelserie. Den Anfang macht das preisgekrönte Schweizer Dokudrama "Der Kreis" (23h25 im rbb). Stefan Haupts Film über die gleichnamige Zeitschrift, die in den 1940ern bis in die späten 1960er Leser in der ganzen Welt hatte und das Medium einer der wichtigsten europäischen Schwulenbewegungen war, ist keine Geschichtsstunde. Er setzt, als Spielfilmversion einer wahren Geschichte, auf die exemplarische und doch ganz besondere Liebe zwischen Ernst und Röbi, die im Umfeld des Kreises zueinander fanden. In kurzen Dokumentaraufnahmen tauchen die beiden selbst im Film ihres Lebens auf – und bereichern die berührende Geschichte um die Dimension der eigenen Erfahrungen. Zur diesjährigen Eröffnung seiner queeren Filmreihe hätte sich der rbb am Abend des 50. Jubiläums der Stonewall Riots wohl keinen besseren Film aussuchen können. Sebastian Markt hat "Der Kreis" für uns besprochen.
Das melancholische Mädchen

Das melancholische Mädchen

Auf der Suche nach einem Schlafplatz streift das melancholische Mädchen durch die Großstadt. Unterwegs begegnet sie jungen Müttern, die ihre Mutterschaft als religiöses Erweckungserlebnis feiern, findet Unterschlupf bei einem abstinenten Existentialisten, für den Sex "auch nur noch ein Markt" ist, und wartet in einer Drag Bar "auf das Ende des Kapitalismus". Statt sich zu bemühen hineinzupassen, fängt das Mädchen an, ihre Depression als Politikum zu betrachten. In 15 komischen Begegnungen erforscht Susanne Heinrich in ihrem gefeierten Debütfilm die postmoderne, neoliberale Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self Marketing, Ernüchterung und Glückszwang. "Das melancholische Mädchen" verbindet Pop und Theorie und ist voll von Zitaten, die man in Neonbuchstaben auf Werbetafeln leuchten sehen will. Beatrice Behn über eine feministiche Komödie, die sich nicht nur der Kino-üblichen männlich-normativen Blickführung verweigert, sondern auch den Ordnungen der konventionellen Filmkritik.