Machtspiele

100 Tage, Genosse Soldat

100 Tage, Genosse Soldat

"100 Tage, Genosse Soldat" gilt als einer der wenigen Klassiker des schwulen Kinos aus Russland, wo Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Inspiriert von einer Erzählung des Schriftstellers Kuri Poljakov erzählt Regisseur Hussein Erkenov in poetischen Bildern von fünf jungen Soldaten und den unbarmherzigen Zuständen in der sowjetischen Armee. Ein Film wie ein Traum – visuell gewaltig, aufwühlend, gefühlvoll und radikal. Zum 30. Geburtstag seiner Entstehung erscheint nun die digital restaurierte Fassung von "100 Tage, Genosse Soldat" als VoD im Salzgeber Club. Für unseren Autor Christian Lütjens die Gelegenheit zu einer Würdigung von Erkenovs Meisterwerk.
Bester Mann

Bester Mann

Gemobbt zu werden ist für den schüchternen Teenager Kevin Alltag. Eines Tages kommt ihm ein Unbekannter auf einem Motorrad zu Hilfe. Kevin ist fasziniert von Bennie, der ihm erzählt, dass er als Talentscout arbeitet und professionell Fotos macht. Und er freut sich zunächst, dass Bennie auch ihn fotografieren will. Doch die Bilder werden viel freizügiger, als der Junge gedacht hat... Florian Forschs mittellanger Film erzählt eine Geschichte über Missbrauch, die Verletzlichkeit von Jugend und darüber, wie gut sich organisiertes Verbrechen hinter einer einfachen Ideologie verbergen lässt. "Bester Mann" wurde 2018 mit den Max Ophüls Preis ausgezeichnet, war für den Österreichischen Filmpreis nominiert und ist ab sofort zusammen mit "Label Me" von Kai Kreuser im Salzgeber Club zu sehen. Rajko Burchardt über einen eindrucksvollen Film voller Abgründe.
Zehn Filme des Jahres

Zehn Filme des Jahres

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.
Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Das Biopic „Mishima - Ein Leben in vier Kapiteln“ widmet sich in stark fiktionalisierter Form dem gefeierten japanischen Autor Yukio Mishima (*1925), der 1970 den traditionellen Selbstmord, Seppuku, beging. Die Geschichte des queeren, widersprüchlichen Künstlers wird erzählt, indem sie mit drei Erzählungen seiner Bücher parallelisiert wird. Im Jahr 1985 feierte der Film der New-Hollywood-Ikone Paul Schrader seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Der restaurierte Director’s Cut wurde beim diesjährigen San Sebastian Film Festival gezeigt und läuft jetzt im Kino an. Unser Autor Fritz Göttler hat ihn gesehen - und spürt den Zusammenhängen zwischen Mishimas (zu) großem Traum und dessen Werk, Körper und Queerness nach.
Kanarie

Kanarie

Südafrika, 1985. Der 18-jährige Boy-George-Fan Johan Niemand wird in den Soldatenchor „Kanaries“ aufgenommen - und merkt schnell, dass er dort, wie überall, eine bestimmte Rolle spielen muss: Der Chor hat die Aufgabe, die Werte des Staates und der katholischen Kirche anzupreisen. Als sich Johan während einer Tournee in einen singenden Kameraden verliebt, stellt er bald das repressive Ordnungssystem um sich herum infrage. Die mitreißende musikalische Coming-of-Age- und Liebesgeschichte „Kanarie“ von Christiaan Olwagen zeigt vor dem historischen Hintergrund des Apartheid-Regimes die Verwundungen, die Nationalismus und Religion jungen Menschen antun können – aber auch, wie man in der Allianz mit anderen Außenseitern seine eigene Stimme finden kann. Unser Autor Stefan Hochgesand hat sich gemeinsam mit den Chorjungs durch Widrigkeiten zu den Sternen begeben.
Messer im Herz

Messer im Herz

Neu als DVD, Blu-Ray und VoD: Paris 1979. Als die Schwulenporno-Regisseurin Anne von ihrer Partnerin und Cutterin Loïs verlassen wird, beschließt sie, die Geliebte mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert mit einem Schnappklingen-Dildo Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm "Begegnungen nach Mitternacht" (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen höchstreferentiellen Genre-Mix aus Giallo-Schlitzer, Psycho-Thriller und Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Undergroundkino der 70er Jahre ist. An der Seite von Superstar Vanessa Paradis spielen einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, u.a. Nicolas Maury und Félix Maritaud ("Sauvage"). Bei seiner Uraufführung in Cannes wurde "Messer im Herz" als radikales Meisterwerk gefeiert. Im Juli läuft er nun in der queerfilmnacht, ab 18. Juli auch regulär im Kino. Sascha Westphal hat sich in Gonzalez‘ cinephiles Labyrinth begeben und die revolutionäre Vision eines Phantomkinos entdeckt, das in ein Reich der Neurosen und Obsessionen führt, aber auch der Sehnsüchte und Freiheiten.
Liberté

Liberté

Nachdem er sich in seinem Film „Der Tod von Louis XIV“ (2016) dem Sterben des Sonnenkönigs gewidmet hatte, befasste sich Albert Serra in seinem selbstgeschriebenen Stück „Liberté“ mit einer Gruppe von Libertins wenige Jahre vor der Französischen Revolution. Im Frühjahr 2018 feierte es an der Berliner Volksbühne seine Premiere, u.a. mit Helmut Berger und Ingrid Caven. Nun kommt die gleichnamige Verfilmung, die in Cannes uraufgeführt wurde, in die Kinos - montiert aus 300 Stunden Material, das mit drei Kameras aufgenommen wurde. Unser Autor Dennis Vetter hat den Film für uns gesehen und sich auf die Logik des Verspielten eingelassen.
Konsequenzen

Konsequenzen

Neu als DVD und VoD: Weil er sich nicht an Regeln halten kann, landet Andrej erst vor Gericht und dann in einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Unter den Teenagern dreht sich alles um Drogen, Sex und Gewalt. Und es herrscht eine klare Hackordnung, an deren Spitze der brutale und unberechenbare Gangleader Željko steht. Andrej und Željko geraten sofort aneinander, doch aus der Rivalität wird bald eine Kameradschaft, in der sich Andrej klar unterordnet. Doch je länger die beiden Zeit zusammen totschlagen, desto mehr fühlt sich Andrej auch körperlich zu Željko hingezogen... Fesselnd und authentisch erzählt "Konsequenzen" von unterdrücktem sexuellem Begehren und Teenage Angst, von den rohen Impulsen des Heranwachsens und den Unsicherheiten, die darunter liegen. Für seinen schonungslosen Debütfilm konnte Regisseur Darko Štante auf eigene Erfahrungen als Lehrer in einem slowenischen Jugendgefängnis zurückgreifen. Philipp Stadelmaier schreibt für uns über einen rauen und vor homosexueller Potenz strotzenden Coming-of-Age-Film, in dessen Zentrum ein jungen Mann steht, der versucht, ein guter Hetero zu sein, obwohl es vielleicht nichts gibt, was ihm weniger liegt.
The Artist and the Pervert

The Artist and the Pervert

Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas, der als einer der wichtigsten Vertreter der Spektralmusik gilt, und die afroamerikanische Sexualpädagogin und Autorin Mollena Williams-Haas suchten 40 Jahre lang nach dem richtigen Partner. Nun leben sie glücklich und offen in einer BDSM-Beziehung, in der Mollena 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Georgs "Sklavin" und Muse ist, und er ihr "Meister". Die Filmemacher*innen Beatrice Behn und René Gebhardt haben das Paar ein Jahr lang begleitet. Vielschichtig und berührend unterwandert ihr Film Klischees, Vorurteile und den normativen Blick auf Liebe und SM – und porträtiert zwei Menschen, die erst in der Beziehung zueinander ganz zu sich selbst gefunden haben. Rajko Burchardt hat "The Artist and the Pevert", der morgen in den deutschen Kinos startet, für uns gesehen.
The Favourite

The Favourite

England im frühen 18. Jahrhundert. Es herrscht Krieg mit Frankreich. Der Hofstaat der gebrechlichen Königin Anne ist von Neid, Intrigen und Verrat zerfressen. De facto wird das Land von Annes enger Vertrauten und heimlichen Geliebten Lady Sarah regiert. Als Abigail als neues Dienstmädchen an den Hof kommt, nimmt Sarah sie unter ihre Fittiche. Doch Abigail verfolgt schon bald den ehrgeizigen Plan, die neuen Favoritin der Königin zu werden. Der neue Film des griechischen Regie-Stars Giorgos Lanthimos ("Doogtooth", "The Lobster", "The Killing of the Sacred Dear") ist mit großartigen Darstellerinnen (Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz) gespickt, wurde bereits mit Preisen überhäuft und soeben für zehn Oscars nominiert. Philipp Stadelmaier unterzieht Lanthimos' feministischem Ränkespiel einer sexuellen Strukturanalyse und erkennt "Macht" als abstrakte Ordnung, der alle Figuren unterworfen sind. Einblicke in ein queeres Kabinett aus Körpern, die gekrümmte Räume mit offenen Rändern bevölkern.