Machtspiele

Akrobaten

Akrobaten

Zwei Fremde begegnen sich in einer unfertigen Wohnung. Christophe ist offensichtlich reich, attraktiv und erfolgreich, zumindest auf den ersten Blick, Micha ein in Russland geborener Hochseilartist, dessen Karriere durch ein gebrochenes Bein gefährdet ist. Aus dem ersten anonymen Treffen entwickelt sich ein körperlich und seelisch extremes Verhältnis, in dem die Abhängigkeiten ständig zu changieren scheinen: Wer dominiert, wer manipuliert wen? „Akrobaten“ ist bereits der sechste Spielfilm des kanadischen Regisseurs Rodrigue Jean („Alex – Süchtig nach Liebe“). In der expliziten, eiskalten Darstellung einer ambivalenten Sexbeziehung erkennt unser Autor Philipp Stadelmaier die zeitgenössische und porno-queere Variante eines Skandalfilms aus dem Jahr 1972. Nur mit anderen Gespenstern.
Der Prinz

Der Prinz

Chile 1970. Am Ende einer durchzechten Nacht begeht der 20-jährige Jaime einen Mord. Im Gefängnis landet er in einer Gruppenzelle, die vom gefürchteten „Potro“ geführt wird. Dieser wird Jaimes Beschützer und macht ihn zu seinem neuen „Prinzen“, erwartet dafür aber Loyalität und sexuelle Unterordnung. Die „schwarze Liebe“ zwischen den beiden erfüllt Jaimes Bedürfnis nach Zuneigung und Zugehörigkeit. Doch dann entbrennt im Knast ein brutaler Machtkampf... „Der Prinz“ von Sebastián Muñoz basiert auf Mario Cruz’ lange verschollenem Roman, der parallel zum Film erstmals in deutscher Übersetzung erscheint. Das faszinierende Porträt Chiles kurz vor dem Amtsantritt Salvador Allendes kommt am 19. November ins Kino und läuft schon in diesem Monat in der queerfilmnacht. Unser Autor Andreas Wilink hat hinter die Gitter auf ein emotionales Biotop geblickt.
Enfant Terrible

Enfant Terrible

Ein Biopic über Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), das sagenumwobene und höchst produktive Genie des Neuen Deutschen Films, das heute in einer Reihe mit Orson Welles, Jean-Luc Godard und Douglas Sirk steht – das muss man sich als zeitgenössischer Regisseur erst mal zutrauen. Oskar Roehler traut sich bekanntermaßen einiges zu und hat dabei in der Vergangenheit durchaus auch schon mal queer-affine Filme gedreht wie "Agnes und seine Brüder" (2004, mit Fassbinder-Star Margit Carstensen), denen man ansieht, dass RWF ein starkes filmisches Vorbild ist. Wie nahe Roehler dem Meister und dessen wilder künstlerischer Wahlfamilie in seinem leicht aktifiziellem und teils originell besetztem Spielfilmporträt kommt, hat Fassbinder-Kenner Andreas Wilink für uns erkundet.
Monika Treut: Female Misbehavior!

Monika Treut: Female Misbehavior!

Aktuell gibt es eine tolle Gelegenheit, das Werk von Monika Treut und Elfi Mikesch wiederzuentdecken: Die Anthology Film Archives, das Goethe-Institut New York und Salzgeber präsentieren international auf Vimeo die Retrospektive "Female Misbehavior: The Films of Monika Treut & Elfi Mikesch", die sich den lustvoll-subversiven Filmen der zwei unerschrockenen Avantgardistinnen widmet. Seit dem in Co-Regie entstandenen sadomasochistischen Liebesdrama "Verführung: Die grausame Frau" (1985) verbindet die beiden eine lange und fruchtbare professionelle Partnerschaft, die auch zur gemeinsamen Gründung der unabhängigen Produktionsfirma Hyena Films führte. Vor zwei Jahren sprach Jan Künemund zur Veröffentlichung der DVD-Box "Monika Treut: Female Misbehavior!" mit Treut über drei Jahrzehnte weibliche Kino-Lust, Gender-Science-Fiction und queere Pionierarbeit – und natürlich auch über ihre Freundin und Kollegin Elfi Mikesch.
100 Tage, Genosse Soldat

100 Tage, Genosse Soldat

"100 Tage, Genosse Soldat" gilt als einer der wenigen Klassiker des schwulen Kinos aus Russland, wo Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Inspiriert von einer Erzählung des Schriftstellers Kuri Poljakov erzählt Regisseur Hussein Erkenov in poetischen Bildern von fünf jungen Soldaten und den unbarmherzigen Zuständen in der sowjetischen Armee. Ein Film wie ein Traum – visuell gewaltig, aufwühlend, gefühlvoll und radikal. Zum 30. Geburtstag seiner Entstehung erscheint nun die digital restaurierte Fassung von "100 Tage, Genosse Soldat" als VoD im Salzgeber Club. Für unseren Autor Christian Lütjens die Gelegenheit zu einer Würdigung von Erkenovs Meisterwerk.
Bester Mann

Bester Mann

Gemobbt zu werden ist für den schüchternen Teenager Kevin Alltag. Eines Tages kommt ihm ein Unbekannter auf einem Motorrad zu Hilfe. Kevin ist fasziniert von Bennie, der ihm erzählt, dass er als Talentscout arbeitet und professionell Fotos macht. Und er freut sich zunächst, dass Bennie auch ihn fotografieren will. Doch die Bilder werden viel freizügiger, als der Junge gedacht hat... Florian Forschs mittellanger Film erzählt eine Geschichte über Missbrauch, die Verletzlichkeit von Jugend und darüber, wie gut sich organisiertes Verbrechen hinter einer einfachen Ideologie verbergen lässt. "Bester Mann" wurde 2018 mit den Max Ophüls Preis ausgezeichnet, war für den Österreichischen Filmpreis nominiert und ist ab sofort zusammen mit "Label Me" von Kai Kreuser im Salzgeber Club zu sehen. Rajko Burchardt über einen eindrucksvollen Film voller Abgründe.
Zehn Filme des Jahres

Zehn Filme des Jahres

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.
Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Das Biopic „Mishima - Ein Leben in vier Kapiteln“ widmet sich in stark fiktionalisierter Form dem gefeierten japanischen Autor Yukio Mishima (*1925), der 1970 den traditionellen Selbstmord, Seppuku, beging. Die Geschichte des queeren, widersprüchlichen Künstlers wird erzählt, indem sie mit drei Erzählungen seiner Bücher parallelisiert wird. Im Jahr 1985 feierte der Film der New-Hollywood-Ikone Paul Schrader seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Der restaurierte Director’s Cut wurde beim diesjährigen San Sebastian Film Festival gezeigt und läuft jetzt im Kino an. Unser Autor Fritz Göttler hat ihn gesehen - und spürt den Zusammenhängen zwischen Mishimas (zu) großem Traum und dessen Werk, Körper und Queerness nach.
Kanarie

Kanarie

Südafrika, 1985. Der 18-jährige Boy-George-Fan Johan Niemand wird in den Soldatenchor „Kanaries“ aufgenommen - und merkt schnell, dass er dort, wie überall, eine bestimmte Rolle spielen muss: Der Chor hat die Aufgabe, die Werte des Staates und der katholischen Kirche anzupreisen. Als sich Johan während einer Tournee in einen singenden Kameraden verliebt, stellt er bald das repressive Ordnungssystem um sich herum infrage. Die mitreißende musikalische Coming-of-Age- und Liebesgeschichte „Kanarie“ von Christiaan Olwagen zeigt vor dem historischen Hintergrund des Apartheid-Regimes die Verwundungen, die Nationalismus und Religion jungen Menschen antun können – aber auch, wie man in der Allianz mit anderen Außenseitern seine eigene Stimme finden kann. Unser Autor Stefan Hochgesand hat sich gemeinsam mit den Chorjungs durch Widrigkeiten zu den Sternen begeben.
Messer im Herz

Messer im Herz

Neu als DVD, Blu-Ray und VoD: Paris 1979. Als die Schwulenporno-Regisseurin Anne von ihrer Partnerin und Cutterin Loïs verlassen wird, beschließt sie, die Geliebte mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert mit einem Schnappklingen-Dildo Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm "Begegnungen nach Mitternacht" (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen höchstreferentiellen Genre-Mix aus Giallo-Schlitzer, Psycho-Thriller und Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Undergroundkino der 70er Jahre ist. An der Seite von Superstar Vanessa Paradis spielen einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, u.a. Nicolas Maury und Félix Maritaud ("Sauvage"). Bei seiner Uraufführung in Cannes wurde "Messer im Herz" als radikales Meisterwerk gefeiert. Im Juli läuft er nun in der queerfilmnacht, ab 18. Juli auch regulär im Kino. Sascha Westphal hat sich in Gonzalez‘ cinephiles Labyrinth begeben und die revolutionäre Vision eines Phantomkinos entdeckt, das in ein Reich der Neurosen und Obsessionen führt, aber auch der Sehnsüchte und Freiheiten.