Wo/Anders

Lichtes Meer

Lichtes Meer

Das Meer eignet sich seit Ewigkeiten als Kulisse für schwules Seemansgarn. Nicht selten ist früher einer aufs Schiff, um der heimatlichen Sexualkontrolle zu entfliehen. Doch wie lässt sich mannmännliche Romantik heute erzählen, in Zeiten der modernen Frachtschifffahrt? Stefan Butzmühlen ist das Wagnis eingegangen. "Lichtes Meer" erzählt von einer Matrosenliebe zwischen Vorpommern und Martinique, mit schluchzendem Soundtrack und wilden Meeresbildern, aber auch mit Blick für heutige Realitäten und beiden Beinen auf leicht schaukelndem Boden. Unser Autor Nikolaus Perneczky über einen Film, in dem Nähe und Distanz, Intimität und Autonomie einander nicht ausschließen. "Lichtes Meer" läuft am Donnerstag, den 30. Juli um 23h30 bei rbb QUEER.
Als wir tanzten

Als wir tanzten

Heute startet endlich Levan Akins großartiges Liebes- und Tanzdrama "Als wir tanzten" bundesweit im Kino. Der Film erzählt die Geschichte des Nachwuchstänzers Merab, der an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis studiert. Als Irakli neu in die Klasse kommt, sieht Merab in ihm zunächst einen Rivalen. Aus der Konkurrenz wird bald ein immer stärkeres Begehren. Doch im homophoben Umfeld der Schule wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Liebe geheim halten. Akins Films wurde in Cannes als Entdeckung gefeiert und seitdem vielfach ausgezeichnet. Der in Georgien erschreckend weit verbreiteten Queer-Feindlichkeit, die sich auch in homophoben Protesten bei der Landespremiere zeigte, hält Akin eine entschiedene Feier von nicht-heterosexueller Liebe entgegen. Und sissy feiert gleich doppelt mit: Sascha Westphal spürt der sexuellen und tänzerischen Befreiungsbewegung nach, die Merab den Repressionen in seiner Heimat energisch entgegensetzt. Und Stefan Hochgesand musste aufpassen, nicht gleich wie Honig dahinzuschmelzen.
Viva

Viva

Morgen Abend um 23h30 bei rbb QUEER: Jesús hat einen Traum: Travestiekünstler werden. Als 'Viva' macht der schmächtige Jüngling seine ersten wackeligen Stöckelschritte auf der Bühne – und bekommt erstmal eine aufs Maul. Der Schläger: sein Vater. Der ist nach jahrelanger Abwesenheit wieder in Havanna aufgetaucht und macht sich nun im Leben seines Sohns breit. Unserem Autor Malte Göbel begeisterten in Paddy Breathnachs leidenschaftlich gespieltem Coming-of-Age-Drama vor allem die selbstbewussten queeren Figuren, die in glanzvollen Drag-Darbietungen ihre Erfüllung finden.
Du sollst nicht lieben

Du sollst nicht lieben

"Kann Gott eine Liebe von solcher Klarheit verurteilen?", fragte die französische Libération in ihrer hymnischen Rezension von "Du sollst nicht lieben". In seinem Debütfilm erzählt Regisseur Haim Tabakman die Liebesgeschichte zwischen zwei orthodoxen Juden, die vor allem einen der beiden, einen verheirateten Familienvater, in eine tiefe Lebenskrise stürzt. Tabakmans aufwühlendes, vielfach preisgekröntes Drama wirft einen vieldeutigen Blick in die Welt des ultra-orthodoxen Judentums und nimmt sowohl das sexuelle Begehren als auch den Glauben als menschliche Bedürfnisse ernst. Der Film steht im Rahmen unseres Jüdischen Junis als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung. Paul Schulz hat sich zum damaligen deutschen Filmstart mit Haim Tabakman zum Gespräch getroffen und "Du sollst nicht lieben" für uns besprochen.
100 Tage, Genosse Soldat

100 Tage, Genosse Soldat

"100 Tage, Genosse Soldat" gilt als einer der wenigen Klassiker des schwulen Kinos aus Russland, wo Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Inspiriert von einer Erzählung des Schriftstellers Kuri Poljakov erzählt Regisseur Hussein Erkenov in poetischen Bildern von fünf jungen Soldaten und den unbarmherzigen Zuständen in der sowjetischen Armee. Ein Film wie ein Traum – visuell gewaltig, aufwühlend, gefühlvoll und radikal. Zum 30. Geburtstag seiner Entstehung erscheint nun die digital restaurierte Fassung von "100 Tage, Genosse Soldat" als VoD im Salzgeber Club. Für unseren Autor Christian Lütjens die Gelegenheit zu einer Würdigung von Erkenovs Meisterwerk.
Zehn Filme des Jahres

Zehn Filme des Jahres

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.
Hamam – Das türkische Bad

Hamam – Das türkische Bad

Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1997 wurde "Hamam - Das türkische Bad" als Meisterwerk gefeiert und ist längst zu einem Klassiker des queeren Kinos avanciert. Regisseur Ferzan Özpetek ("Die Ahnungslosen") nutzt die homoerotische und höchst sinnliche Atmosphäre türkischer Bäder und den Zauber der Metropole am Bosporus, um in verführerischen Bildern von einem sexuellen und kulturellen Erwachen zu erzählen – und vom Eintauchen in eine einzigartige, faszinierende Welt. Jetzt erscheint der Kultfilm in digital restaurierter Fassung. Unser Autor Christian Lütjens hat ihn als zeitloses Märchen über das Suchen und Finden der (Selbst-)Liebe erlebt.
Sócrates

Sócrates

Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter ist der 15-jährige Sócrates ganz auf sich allein gestellt. Weil ihn sein Vater wegen seiner Homosexualität verstoßen hat, soll er in ein Heim. Doch so schnell gibt Socrates die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf. Das Spielfilmdebüt des brasilianisch-amerikanischen Regisseurs Alexandre Moratto, gedreht mit einem Mini-Budget von 20.000 Dollar und mit Jugendlichen aus einem Sozialprojekt, kommt seiner Hauptfigur und deren Lebensumständen am sozialen Rand von São Paulo dabei so nah und wirkt derart authentisch, wie es sonst meist nur im Dokumentarfilm gelingt. Axel Schock hat den neorealistisch anmutenden Film, der vergangenes Jahr mit einem Independent Spirit Award ausgezeichnet wurde, für uns gesehen.
Acid

Acid

Jetzt als DVD und VoD: Sasha ist 20 und hat keinen richtigen Plan für sein Leben. Gerade ist sein Kumpel Vanya einfach so vom Balkon gesprungen. Nach der Beerdigung geht Sasha mit seinem besten Freund Pete und Freundin Karina erst mal in den Club, feiern. Dort lernen die drei den Künstler Vasilisk kennen, der ihnen Zuhause seine Arbeit vorführt: Er löst alte Politiker-Büsten in Säure auf. Am nächsten Morgen trinkt Pete einen Schluck der Flüssigkeit und landet im Krankenhaus. Als er wieder sprechen kann, findet er endlich Worte für das Chaos um sich. Das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin – bekannt aus seiner Zusammenarbeit mit Kirill Serebrennikov ("Leto", 2018) – ist ein abgründiges Porträt der Jugend im heutigen Russland. Den jungen Männern in "Acid" scheint es ökonomisch an nichts zu mangeln, emotional wirken sie jedoch verwahrlost und orientierungslos. Stefan Hochgesand über einen Not-Coming-of-Age-Film mit ätzender Wirkung, der in seiner teils virtuosen Filmsprache an das Frühwerk Xavier Dolans erinnert.
Liberté

Liberté

Nachdem er sich in seinem Film „Der Tod von Louis XIV“ (2016) dem Sterben des Sonnenkönigs gewidmet hatte, befasste sich Albert Serra in seinem selbstgeschriebenen Stück „Liberté“ mit einer Gruppe von Libertins wenige Jahre vor der Französischen Revolution. Im Frühjahr 2018 feierte es an der Berliner Volksbühne seine Premiere, u.a. mit Helmut Berger und Ingrid Caven. Nun kommt die gleichnamige Verfilmung, die in Cannes uraufgeführt wurde, in die Kinos - montiert aus 300 Stunden Material, das mit drei Kameras aufgenommen wurde. Unser Autor Dennis Vetter hat den Film für uns gesehen und sich auf die Logik des Verspielten eingelassen.