Kritiken (Literatur)

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Nach einem Unwetter nimmt die Farmerswitwe Agnes die Identität des katholischen Missionars Father Damien an und leitet bis ins hohe Alter eine kleine Gemeinde im Indianerreservat. Der bereits vor 20 Jahren verfasste Roman "Die Wunder von Little No Horse" der amerikanischen Autorin Louise Erdrich dringt tief in die Persönlichkeit seiner Heldin ein, die ihr wahres Geschlecht verleugnet, um Gott zu dienen. Der Vergleich zu Michael Roes' Roman "Herida Duro" (2019) drängt sich auf und zeigt große Unterschiede. Michael Sollorz ist Louise Erdrich in die Trostlosigkeit des Indianerreservats gefolgt.
Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Es ist noch immer eine Ausnahme, dass heterosexuelle Autoren und Autorinnen sich ihre Hauptfiguren in der queeren Vielfalt suchen. „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel ist eine solche Ausnahme und verdient deshalb Beachtung, zumal der Roman von der Jury des Deutschen Buchpreises in Betracht gezogen wurde. Tilman Krause über die hochgelobte Liebes- und Familiengeschichte der 1992 geborenen Schriftstellerin.
Joe Brainard: Ich erinnere mich

Joe Brainard: Ich erinnere mich

Seit Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (1913-1927) gilt vielen Schriftsteller*innen die eigene Erinnerung als besonders legitime Quelle von Literatur, und Proust war der Geruch von Urin in der Spargelzeit ebenso "literaturwürdig" wie der Duft der Madeleine zum Lindenblütentee. Fünfzig Jahre nach Prousts Tod veröffentlichte der 1941 in Arkansas geborene und 1994 an einer durch Aids verursachten Lungenentzündung verstorbene Künstler und Autor Joe Brainard seine ganz persönlichen Erinnerungen an vergangene Empfindungen: "Ich erinnere mich" erzählt keine Geschichte, sondern präsentiert Erinnerungen pur, die jedoch, folgt man Rezensent Axel Schock, in ihrer Gesamtheit das faszinierende Porträt einer aufwühlenden Epoche ergeben.
Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis

Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis

"Mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor", schrieb die FAZ vor ein paar Jahren über Thomas Manns berühmt-berüchtigtes Prosawerk "Tod in Venedig", in dem sich ein altender Schriftsteller unsterblich in einen polnischen Jüngling verliebt. In einem neuen Essay, der jetzt als Buch erschienen ist, hat Joachim Bartholomae Manns Klassiker einer genauen Analyse unterzogen. Er zeigt, dass Autoren aus aller Welt sich von der eigentümlichen Themenstruktur inspirieren ließen und eigene Variationen über das von Thomas Mann vorgegebene Thema verfassten. Elmar Kraushaar stellt "Aschenbachs Vermächtnis" vor.
Peter Rehberg: Hipster Porn

Peter Rehberg: Hipster Porn

Queertheoretische Denker gehen über die Frage, ob Pornografie zu verdammen sei oder nicht, hinaus und fragen stattdessen nach dem subversiven Potenzial pornografischer Inszenierungen. Im Interview mit Verlegerin Claudia Gehrke haben wir bereits die Möglichkeiten nicht-exploitativer Erotik und Pornografie am Beispiel des Jahrbuchs „Mein heimliches Auge“ erörtert. In „Hipster Porn“ unterzieht nun Peter Rehberg das Porno-Fanzine „Butt“ einer hochabstrakten queertheoretischen Analyse. Mike Laufenberg gibt einen Überblick über diese komplexe Studie.
Jeanette Winterson: Frankissstein

Jeanette Winterson: Frankissstein

Seit ihrem erfolgreichen Debüt „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ im Jahr 1985 kreist Jeannette Wintersons literarische Fantasie beharrlich um Fragen nach den Grenzen von Körperlichkeit, des Vorstellungsvermögens und der sexuellen Identität. Insofern ist es kein Wunder, dass die komplexe Thematik von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ eines Tages in ihren Blick geriet. In einer Zeit, in der Geschlechtsangleichungen längst Normalität geworden sind und mit künstlicher Intelligenz experimentiert wird, erzählt Winterson die Liebesgeschichte von Ry Shelley und Victor Stein. Anja Kümmel hat sie gelesen.
Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer

Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer

Als links engagierte Studentin und Hausbesetzerin war die Journalistin Ulrike Heider mit ein paar zornigen jungen Männern befreundet, die 1971 in Frankfurt am Main die Politgruppe RotZSchwul (Rote Zelle Schwul) gründeten. Die beginnende Schwulenbewegung erschien Heider wie eine zweite 68er-Revolte: Provokation, sexueller Hedonismus und spielerische Aktionsformen knüpften ebenso an den Antiautoritarismus von 1968 an wie an die radikale Kritik an der Gesellschaft. Über diese Zeit hat sie nun ein vielstimmiges Erinnerungsbuch geschrieben. Roter Faden dabei ist das provokative Leben und politische Wirken eines engen Freundes, des 1992 an Aids verstorbenen Lyrikers Albert Lörken. Boris von Brauchitsch hat den berührenden Zeitzeuginnenbericht für uns gelesen.
Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Nach zwei Romanen hat Fabian Hischmann jetzt die Story-Sammlung "Alle wollen was erleben" veröffentlicht. Anders als in Neil Postmans Klassiker "Wir amüsieren uns zu Tode" liegt der Akzent dieses Bands auf dem "Wollen" – denn wie sich in der Komfortzone der Ersten Welt ein gutes Leben gestalten ließe, kann kaum eine der Figuren Hischmanns beantworten. Unser Rezensent Christian Lütjens meint: Ein Meisterstück der mehrdimensionalen Diversität in 13 Teilen.
Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Liebesromane gibt es wie Sand am Meer. In den meisten von ihnen geht es um die Suche nach einer beglückenden Partnerschaft oder nach Sex. In ihrem Roman "Es ist Sarah" dagegen beschreibt Pauline Delabroy-Allard die Liebe als eine Art Naturgewalt, vielleicht als eine Art Krankheit. Damit hat sie in Frankreich viel Aufsehen erregt – vollkommen zu Recht, findet unsere Rezensentin Anja Kuemmel.
Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Ein Roman, der den intersektionalen Feminismus einem Alltagstest unterzieht, verortet sich sofort als Stimme der Millennial-Generation: Sally Rooney wurde 1991 in Irland geboren und weiß, wovon sie schreibt. Ihr Roman „Gespräche mit Freunden“ erkundet ein modernes Lebensgefühl und unterscheidet sich damit höchst erfreulich von all den Familien-, Liebes- und Krankengeschichten, die die Gegenwartsliteratur derzeit dominieren. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.