Kritiken (Literatur)

John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

John Boyne: Die Geschichte eines Lügners

Der Schriftsteller Maurice Swift ist ein brillanter Erzähler, aber ihm fehlen die Geschichten. In Westberlin trifft er sein großes Idol Erich Ackermann, und der preisgekrönte Autor verfällt tatsächlich seinem Charme. Als Swift ihm auf Lesereise durch Europa begleitet, weiht ihn Ackermann sogar in sein Geheimnis ein. Die Geschichte, die Maurice daraus entwickelt, lässt ihn zum Star der Literaturszene werden – und führt zu Ackermanns Karriereende. „Die Geschichte eines Lügners“ von John Boyne ist erst Komödie, dann Drama und schließlich komödiantischer Krimi. Matthias Frings hat sich von der Verve des Schelmenromans mitreißen lassen.
Wyndham Lewis: Die Affen Gottes

Wyndham Lewis: Die Affen Gottes

„Das Beste ist, wenn man das Schlimmste über die Leute weiß“. Getreu dieser Maxime ist der Roman „Die Affen ­Gottes“, der 1930 erschien und jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt, eine ebenso komische wie brachiale Abrechnung mit jenem Milieu, das sein Autor, der Maler, Avantgardist und Gründer der Vortizisten-Gruppe Wyndham Lewis, bestens kannte: der Londoner Kunstwelt der 1910er und -20er Jahre. Von Lewis in greller Überzeichnung vorgeführt, bringt das ­Personal dieser monströsen, 776-Seiten starken Farce ein veritables Welttheater zur Aufführung, das in einem mehrere hundert Seiten langen Karneval grotesker Masken gipfelt. Michael Sollorz ist begeistert, wie klug und zynisch, boshaft und zuweilen albern Lewis sein Seziermesser ansetzt.
Felix Rexhausen: Zaunwerk

Felix Rexhausen: Zaunwerk

Felix Rexhausen (1932-1992) war einer der ersten offen schwulen Autoren der Nachkriegszeit. Mit dem Roman „Lavendelschwert“ und dem Erzählband „Berührungen“ ist er bereits in der Bibliothek rosa Winkel vertreten. „Zaunwerk“ ist der seinerzeit nicht veröffentlichte Vorläufer dieser beiden Bücher, wiederentdeckt vom Literaturwissenschaftler Benedikt Wolf. Das Buch, bereits 1964 abgeschlossen, entfaltet ein Panorama vom Leben der Homosexuellen der alten Bundesrepublik, ihrem Leben im Versteck, ihren kleinen Freiräumen und großen Sehnsüchten. Tilman Krause empfindet den episodisch erzählten Roman als literarische Sensation.
Camila Sosa Villada: Im Park der prächtigen Schwestern

Camila Sosa Villada: Im Park der prächtigen Schwestern

Camila verlässt ihr Zuhause und geht in die Stadt, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sein kann, wer sie ist. Sie wird Teil einer Wahlfamilie aus Sexworker*innen und anderen Außenseiter*innen. Gemeinsam feiern sie die Liebe und den Rausch, im Widerstand gegen eine Gesellschaft, die sie verachtet. In ihrem autobiografisch gefärbten Roman „Im Park der prächtigen Schwestern“ erzählt die trans Autorin und Schauspielerin Camila Sosa Villada von der Freude am Leben, von Zugehörigkeit und von Befreiung. Anja Kümmel lobt das feine psychoanalytische Gespür und den klaren soziologischen Blick der Argentinierin.
James Baldwin: Ein anderes Land

James Baldwin: Ein anderes Land

James Baldwin ist zweifellos einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts und gilt als eine der bedeutendsten Stimmen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Als Schwarzer und Homosexueller war er doppelt marginalisiert, er schrieb mit Furor, aber auch mit analytischer Präzision und literarischer Eleganz. So auch in seinem 1962 erschienenen Roman „Another Country“, der nun neu übersetzt unter dem Titel „Ein anderes Land“ veröffentlicht wurde. Axel Schock attestiert dem Buch eine zeitlose Intensität und Wahrhaftigkeit.
Mark Gevisser: Die pinke Linie

Mark Gevisser: Die pinke Linie

Während bei den Themen sexuelle Selbstbestimmung und Geschlechtsidentität in vielen Ländern große Liberalisierungsfortschritte stattfinden, sind queere Menschen in anderen Ländern noch immer politischen Diskriminierungen ausgesetzt. Mark Gevisser zeichnet diese Konfliktlinie – die „pinke Linie“, wie er sie nennt – rund um den Globus nach. Er schildert, wie nicht-heterosexuelle Paare und Familien für rechtliche Gleichstellung kämpfen, und spricht mit von Diskriminierung Betroffenen in Kenia, Ägypten und den USA. Florian Birnmeyer hat Gevissers Kombination aus Reportage und Analyse gelesen.
Edmund White: Meine Leben

Edmund White: Meine Leben

Mit den Erinnerungsbänden „City Boy“ und „Der Flaneur“ sowie mehreren vom eigenen Leben inspirierten Romanen wurde Schriftsteller Edmund White nicht nur zur Ikone der amerikanischen Schwulenliteratur, sondern auch zum Meister des autobiografischen Schreibens. Nun sind im Albino Verlag mit dem 500-Seiten-Wälzer „Meine Leben“ seine Memoiren in deutscher Übersetzung erschienen. Unser Autor Marko Martin witterte dahinter zunächst ein Stück Copy-and-Paste-Literatur, ließ sich am Ende aber von den detailsatten Beschreibungen und der Fabulierlust des ebenso hochgebildeten wie unprätentiösen Erzählers White mitreißen.
Saskia Vogel: Permission

Saskia Vogel: Permission

Nach dem Tod ihres Vaters sucht die gescheiterte Schauspielerin Echo Trost in den Leben Fremder. Als sie der Domina Orly begegnet, ist sie sofort fasziniert, doch deren Houseboy Piggy ist zunächst nicht willens, eine andere Person teilhaben zu lassen. In ihrem Debütroman „Permission“ erzählt Saskia Vogel von Menschen, die im Reich der Erotik nach Heilung suchen und sich die Frage stellen, wie sie geliebt werden möchten. Dabei gelingt es ihr meisterhaft, heteronormative Dating-Rituale der als „pervers“ gebrandmarkten BDSM-Szene gegenüberzustellen, findet Anja Kümmel.
Flora S. Mahler: Julie Leyroux

Flora S. Mahler: Julie Leyroux

In ihrem Debütroman "Julie Leyroux" erzählt die Wiener Autorin Flora S. Mahler von der titelgebenden Konzeptkünstlerin, die zum Mittelpunkt des Kosmos einer Gruppe von Thirtysomethings wird. Die Galeristin Ann, Julies Kommilitonin und Geliebte Mona sowie ihr Halbbruder Robert schildern Geschichten mit der provokanten, queeren Künstlerin. Anja Kümmel über ein außergewöhnlich konstruiertes, satirisch anmutendes Kunstbetriebsporträt voller subtiler Beobachtungen.