Lauren John Joseph: Wo wir uns berühren

Buch

Nach dem Universitätsabschluss fragt sich JJ, wie es nun weitergehen soll – sowohl, was die berufliche Zukunft angeht, als auch die eigene geschlechtliche Identität. In der queeren Subkultur trifft JJ auf den Fotografen Thomas James. Es folgt eine leidenschaftliche Affäre mit toxischen Zügen, die tragisch endet. Nach Thomas’ Verschwinden beginnt für JJ eine künstlerische Suche nach sich selbst und damit der queere Bildungsroman „Wo wir uns berühren“ – jenes Buch, mit dem sich Großbritanniens nichtbinäre Performance- und Pop-Persona Lauren John Joseph (auch bekannt unter den Pseudonymen La JohnJoseph und Alexander Geist) zum Literatur-Wunder wandelte. Angelo Algieri ist der Metamorphose im Schatten von Liebe, Verrat und Selbstermächtigung auf den Grund gegangen.

Stimmig unstimmige Mutationen

von Angelo Algieri

„Dies ist der Gesang, der dein Leben in Erinnerung ruft, er ist Fiktion, er ist Biografie, er ist eine Verklärung“, stellt trans Person und Ich-Erzähler:in JJ gleich zu Beginn des Textes fest und setzt damit von vornherein den Ton eines antiken Epos. Die Worte richten sich an den vier Jahre zuvor verstorbenen Lover Thomas. Er sei gestorben, bevor JJ sich endgültig von ihm habe entlieben können, heißt es an einer späteren Stelle. Den Verlust will JJ im Schreiben überwinden: Wie im Rausch fließen nach einer durchfeierten Nacht die ersten Seiten des Textes in die Tastatur. In einer Wohnung in Mexico City und an einem 29. Februar, dem früheren Geburtstag des „Schaltjahrkinds“ Thomas. Das Tor zur Erinnerung ist geöffnet.

Zehn Jahre früher: Eine Party in London. JJ studiert im letzten Trimester, Thomas schreibt Gedichte, ist Model und hat Ambitionen, ein großer Fotograf zu werden. Er ist als Widerling verrufen, aber sieht verdammt gut aus. Es funkt zwischen den beiden und sie landen zusammen im Bett, wo Thomas sich gern von JJ ficken lässt. Von dieser Nacht pflegen sie ein Verhältnis, das zwischen ewigem Auf und Ab, On and Off, Hin und Her oszilliert. Das liegt auch daran, dass JJ ständig unterwegs ist. Mehrmals geht es in die USA: zweimal nach San Francisco, bzw. Berkeley, einmal nach New York. Die US-Aufenthalte sind gezeichnet von Partys, Drogen, flüchtigen Bekanntschaften und diversen Gelegenheitsjobs. Zudem erlangt JJ vor allem in der New Yorker Szene eine gewisse Bekanntheit als Dragqueen. Doch auf Dauer erfüllt das nicht. So geht es nach zweieinhalb Jahren im Big Apple zurück nach Großbritannien.

Lauren John Joseph – Foto: Studio Prokopiou

Nach der Ankunft in London informiert JJ Thomas über die Rückkehr und kann auch gleich bei ihm übernachten. Prompt vögeln sie wieder. Weil niemand etwas sagt, weiß JJ zunächst nicht, dass Thomas inzwischen mit Adam, JJs bestem Freund, zusammen ist. Doch es kommt bald heraus. Was für ein Schlamassel! Adam ist von Thomas enttäuscht, da er offenbar von einer monogamen Beziehung ausgegangen ist, JJ hingegen erkennt, was für ein Arschloch Thomas ist und möchte ihn nie wiedersehen. Nach einer letzten zufälligen Begegnung bricht der Kontakt komplett ab. Dann, anderthalb Jahre später, erhält JJ einen Telefonanruf: „Thomas ist tot.“

Lauren John Joseph fächert in „Wo wir uns berühren“ ein weites Spektrum queeren Lebens und Liebens der Millenial-Generation auf. Eine Lebensrealität zwischen prekären Gelegenheitsjobs und exzessiven Partys, Alkohol und Pillen, Sex und Liebe trifft auf die Ménage-à-trois dreier unterschiedlicher Charaktere mit entsprechend unterschiedlichen Erwartungen ans Leben und dessen Beziehungen. Vor diesem Hintergrund gelingt es Joseph sehr gut, deutlich zu machen, wie internalisierte Homo- und Transphobie bei queeren Menschen zu aggressivem Verhalten gegenüber anderen Queers führt. So hat der endgültige Bruch zwischen JJ und Thomas brisante gesellschaftspolitische Gründe: Thomas entpuppt sich als rassistisch, klassistisch und transphob. Damit greift er JJs Identität – irische Vorfahren, Herkunft aus der Arbeiterklasse Liverpools, Selbstdefinition als trans-Person – in ihren Grundfesten an.

Der Roman ist folglich keine Lobeshymne auf den verstorbenen Thomas, sondern eine schonungslose Darstellung dessen, was er für JJ dargestellt hat: Engel und Teufel zugleich. Das schließt unbequeme Fragen und Griffe an die eigene Nase mit ein. Rückblickend wundert JJ sich mitunter über die eigene, durch die „rosarote Liebesbrille“ bedingte Ignoranz gegenüber Thomas problematischen Standpunkten und die jahrelange Selbsttäuschung durch die trügerische Auffassung, Thomas habe seine Aussagen lediglich ironisch gemeint. Kam das Schweigen und Nicht-Kontra-Geben am Ende nicht einer Komplizenschaft mit Thomas gleich?

Mit derartigen Fragen hat sich JJ beim Schreiben schon seit Jahren auseinandergesetzt, gleichzeitig aber permanent andere Ausdrucksformen in unterschiedlichen Kunstrichtungen ausprobiert. Erst am besagten 29. Februar in Mexico City, als die Worte auf einmal wie von selbst in die Laptop-Tastatur strömen, ist der Punkt der Selbst(an)erkenntnis als Schriftsteller:in erreicht. So ist „Wo wir uns berühren“ ein veritabler Coming-of-Artist-Roman. JJ schreibt: „So wie ich von bisexuell zu schwul, zu queer, zu trans übergegangen bin, musste ich als Künstlerin verschiedene unstimmige Mutationen durchlaufen“. Bei Sätzen wie diesen drängt sich der Vergleich der Erzählstimme JJ mit der realen Person LJJ (Lauren John Joseph) auf. Die Parallelen sind unverkennbar und durchziehen den gesamten Roman: Beide sind trans und kommen aus Liverpool, beide leben in London, beide haben eine Weile in den USA verbracht, profilieren sich als Kunstschaffende und legen literarische Debüts vor. Haben wir es also mit einem autofiktionalen Roman à la „Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis zu tun? In Interviews verweist Joseph lediglich geheimnisvoll auf den Titel des Romans: „Wo wir uns berühren“ beziehe sich nicht nur auf die Story von JJ, Thomas und Adam, sondern auch auf die Berührungspunkte zwischen Autor:in und Ich-Erzähler:in.

Stilistisch kommt der Text teils ausufernd und ausfransend daher, doch das ist Absicht. JJ muss zunächst die vergangenen zehn Jahre verarbeiten und einordnen – nicht nur in Bezug auf das Verhältnis zu Thomas, sondern auch in Bezug auf das eigene Schaffen. In punkto Selbstreflektion erinnert die Erzählweise teils an Edmund White und Ali Smith. Ausdrücklich zu loben ist an diesem Debüt zudem die exzellente Beschreibung von Sexszenen, die stets den Kern der Sache benennen, aber trotzdem nie voyeuristisch oder pornografisch anmuten. Wie es sich für einen britischen Roman gehört, geht all das mit einer guten Prise Ironie und Sarkasmus einher, inklusive liebevollem London-Bashing und der Thematisierung der Schere von Fremd- und Selbstwahrnehmung, etwa wenn JJs Akzent in den USA als äußerst vornehm und very British wahrgenommen wird, obwohl er in Wahrheit das Merkmal einer Herkunft aus der Arbeiterklasse ist.

Eine andere Form der Ausuferungen sind essayistische Passagen, in denen Lauren John Joseph im Stil von Karl Ove Knausgård oder Gunther Geltinger gekonnt und klug das Schreiben als solches, insbesondere das Schreiben im digitalen Zeitalter reflektiert. Beispielsweise darüber, wie Erinnerungen an das eigene Leben durch digitale „Artefakte“ verfälscht oder ausgelöscht werden, wenn der Provider persönliche E-Mails qua AGB-Änderung für immer löscht. Und dann bleibt da natürlich noch die philosophische Frage, ob ein Text zwangsläufig klüger ist als die Person, die ihn verfasst hat. Kurzum: Lauren John Joseph hat mit „Wo wir uns berühren“ einen wichtigen, vielschichtigen und radikal selbstreflexiven queeren Coming-of-Artist-Roman geschrieben.




Wo wir uns berühren
von Lauren John Joseph
aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Hardcover, 
464 Seiten, € 25,
DTV München

 

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