Le Paradis

TrailerQueerfilmnacht

In einer Jugendstrafanstalt bereitet sich der 17-Jährige Joe auf seine Rückkehr in die Gesellschaft vor, unsicher, welches Leben ihn jenseits der Mauern erwartet. Doch als Neuzugang William die Nachbarzelle bezieht, wird Joes Sehnsucht nach Freiheit durch ein anderes Begehren abgelöst. Einander mit wachsender Begierde und Verzweiflung umkreisend, begeben sich Joe und William auf eine Reise der emotionalen Emanzipation. Der Debütfilm des belgischen Regisseurs Zeno Graton verfolgt die Irrungen und Wirrungen einer Leidenschaft zwischen zwei jungen Männern, die für ihre Liebe im wahrsten Sinne des Wortes Mauern sprengen müssen. Andreas Wilink über einen Ausbruch der Gefühle, den man im Februar in der Queerfilmnacht und ab 29. Februar regulär im Kino miterleben kann.

Foto: Salzgeber

Was Freiheit meint

von Andreas Wilink

Zu den homoerotisch grundierten Figuren und Orten gehören der Seemann und der Soldat, das Internat und das Gefängnis. Phänotypen und Schauplätze exklusiver Männlichkeit, bei denen sich Triebunterdrückung und Lusterleben, Verbot und Übertretung bedingen und vermischen. Nicht selten ist in den Begegnungen ein durch Einsamkeit verursachter Notruf enthalten.

Vergitterte Zäune und Gitterstäbe. Und dahinter eine Welt, abgeriegelt. Ein Erziehungsheim, die Insassen tragen rote T-Shirts und graue Shorts. Einer von ihnen ist Joe, etwas im Abseits, mit trotzig abweisendem Gesicht. Aus dem Off hören wir seine Stimme, die sich an eine Kindheitsszene erinnert von im Eis gefangenen Fischen in einem winterlichen See und dieses symbolisch aufgeladene Bild mit dem von Familie in eins setzt. Der Junge glaubte damals oder wollte es glauben, die Fische würden wie die Bären Winterschlaf halten, um im Frühling wieder aufzuwachen. In Wahrheit sind sie erfroren.


Nach diesem Prolog stiehlt Joe sich fort an eine sommerliche Seepromenade, während ihn orientalisch anmutende wilde Popmusik einhüllt. Er wird zurückgebracht und für seinen Ausbruchsversuch von seiner Sozialarbeiterin zur Rede gestellt. In wenigen Wochen sei seine Verhandlung, und er möge sich bei der ihn dann verhörenden Richterin, die über seine Zukunft zu entscheiden hat, schriftlich entschuldigen. Der 17-Jährige will nach der Verbüßung für sich sein, sein eigenes Leben und keinesfalls zurück zu seiner Mutter.

Ein Team von Erziehern – streng, aber fair und verantwortlich – befindet über den jeweiligen Einzelfall, den Status der Zöglinge, das Ende unter Aufsicht und den Neuanfang in Freiheit, wenn auch mit Auflagen. Die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter helfen beim Beschaffen einer Wohnung, eines Arbeitsplatzes, bei der Integration. Aber wie sehen die Perspektiven aus? Einer aus der Gruppe, Fahd, erhält den ablehnenden Brief eines Internats, für das er sich um einen Platz beworben hatte und das sich für außerstande erklärt, den Outcast aufzunehmen.

Foto: Salzgeber

In der Vollzugsanstalt leben sie in kleinen Einheiten, machen eine Ausbildung zum Metallschweißer, bekommen Schulunterricht, lernen spielend wie etwa die Black-Box-Kamera funktioniert, treiben Sport. Manchmal kommt eine Art Pfadfinderatmosphäre auf. Manchmal, für einen Waldlauf etwa oder wenn Besuchstag ist, öffnen sich die Tore. Einmal während eines Gewitters scheint es so, als könne der Regen ihnen ihre Zwangslage hinwegwaschen.

Ein Neuer, William, wird eingeliefert. Joe, dessen arabische Wurzeln noch eine besondere emanzipatorische Anstrengung erfordern, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, und William tauschen eine Zigarette, wobei ihre Blicke mehr sagen, als Worte. Sogar in diesem kontrollierten abgeschlossenen Lebensraum finden sie zueinander und sei es durch Klopfzeichen an der Wand zwischen ihren zellenartigen Zimmern. Es ist ein stürmisches Werben und Verliebtsein, verbunden durch Sehnsucht nach Nähe und unbedingter Zugehörigkeit, die sie sich aneinanderklammern lässt, damit keiner von ihnen stürzt. Als William hört, dass Joe bald entlassen werden soll, fühlt er sich verraten und gerät außer sich, bis Joe ihn beruhigt.

Foto: Salzgeber

In der Gruppe sprechen sie darüber, Gefühle zuzulassen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Joe tut es im Rap-Rhythmus und puscht sich bei seinem Vortrag in Rage. Die in seinem Körper gestaute Wut und sein brennender Schmerz legen sich in die selbst verfassten Liedzeilen. Darin heißt es, draußen würde er beschimpft als „Missgeburt, Araber, Parasit, Wilder“ und von seiner Mutter verflucht. Er habe nichts zu verlieren, „weil ich nie was hatte“.

William hat seinen Wunschraum. Dieses Gegenglück teilt er in zartem Austausch mit Joe, wenn er vom sechs Monate währenden Licht des Nordens spricht und dem wärmenden Dunkel der Zeit dazwischen. Sein Paradies beschwört er mit einer Wikinger-Mythe, nach der sich „der Königliche Wall“ dadurch bildet, dass die bekannte Welt von einer zusammengerollten Schlange schützend umschlungen wird, kreisförmig ohne Anfang und Ende. Mit Hilfe eines von ihm in der Schlosserei gefertigten Brennstabs tätowiert er Joe das sagenhafte Tierbildnis auf den Oberarm.

Foto: Salzgeber

Das sind die Momente in Zero Gratons Film, dem sensibel und seinen Hauptfiguren gegenüber zugewandt inszenierten Debüt des 1990 in Brüssel geborenen Regisseurs und Co-Autors, die gewissermaßen aus dem Geist von Michel Foucault Widerspruch einlegen: Protest gegen Polizei, Justiz und das institutionelle System, die dem nur unzulänglich unterstützten Autonomieanspruch der kriminell gewordenen Joe und William entgegenwirken. Der Begriff Fürsorge, würde man ihn buchstabengetreu ernst nehmen, hätte eine andere Kraft. So aber hören wir die Richterin fragen – durchaus nicht falsch, aber für Joe kaum hilfreich, als sie ihm weitere drei Monate in der Anstalt auferlegt –, was es bedeute, ein Mann und erwachsen zu sein. Es bedeute, führt sie aus, sich selbst zu schützen, zu erkennen und zu lernen, was Freiheit meint, nämlich ein komplexes System von Regeln.

Träumer sind wohl immer Flüchtende. Dass Joe aufbegehrt, dass William in Aufruhr gerät und Feuer legt, dass beide wieder zu fliehen versuchen, ja, dass die ganze Station aus Verzweiflung mit den Fäusten gegen die Türen schlägt, wer wollte es ihnen verübeln. Das Kuckucksnest, in dem sie einsitzen, ist ein Käfig. Joe wird schließlich in eine Strafanstalt überwiesen.

Dort läuft er über den Gefängnishof, immer geschwinder, als folge er jemandem, um ihn einzuholen. Nur dessen Rückenlinie, Hinterkopf und Nacken sieht er. Ist es William oder eine Wunscherfüllungsfantasie? Wir bleiben mit dieser Frage allein zurück, hoffend, dass Joe und William nicht wie die Fische unterm Eis zu Tode gefroren sind oder frieren werden.




Le Paradis
von Zeno Graton
BE/FR 2023, 83 Minuten, FSK 12,
französische OF mit deutschen UT

Im Februar in der Queerfilmnacht