Andreas Wilink (Autor)

Wege zu Kraft und Schönheit

Wege zu Kraft und Schönheit

Was ist der vollkommene Körper – und wie erhält man ihn? Mit diesen Fragen setzte man sich bereits vor 100 Jahren auseinander. Nach dem Motto "Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper" zielt der Kulturfilm "Wege zu Kraft und Schönheit" (1925) auf die Wiederaneignung eines körperlichen Idealzustandes nach Vorbild der Antike ab und propagiert dazu vor allem die körperliche Ertüchtigung. In den 20er Jahren traf der didaktische Lehrfilm in sechs Kapiteln einen Nerv der Zeit und war Ausdruck eines neuen Körperbewusstseins, das sich in Form der Lebensreformbewegung und des Naturalismus etabliert hatte. Der Film ist aber auch ein wertvolles filmhistorisches Dokument, das als ideologischer Vorläufer des nationalsozialistischen Körperkultes angesehen werden kann, wie er später etwa in Propagandafilmen von Leni Riefenstahl zelebriert wurde. Nachdem "Wege zu Kraft und Schönheit" jahrzehntelang nur zensiert verfügbar war, erscheint der Film nun wissenschaftlich rekonstruiert, digital restauriert und erstmals in seiner vollständigen Fassung auf DVD und ist auch als VoD verfügbar. Andreas Wilink folgt den Spuren eines Klassikers des UFA-Kulturfilms.
Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

"Literatur muss kämpfen", sagt Édouard Louis, "für all jene, die selbst nicht kämpfen können". Sein erster, autobiographischer Roman "Das Ende von Eddy" (2014), der in Frankreich und Deutschland zum Bestseller wurde, ist nicht nur das mitreißende Dokument der Selbstbefreiung eines jungen schwulen Mannes aus prekären Verhältnissen; es ist, ähnlich wie Louis' zweites Buch "Im Herzen der Gewalt" (2016), ein energischer Text gegen eine homo- und xenophobe französische Gesellschaft, die von kaum überbrückbaren sozialen Barrieren durchsetzt ist. In seinem neuen, gerade mal 80 Seiten dicken Buch geht Louis nicht mehr nur im eigenen Leben, sondern auch in dem des Vaters auf Spurensuche: Woher kam die Gewalt, die diesen erfüllte; wieso wählte der Vater die letzten Jahrzehnte stramm den Front National; inwieweit haben die sozialen Verhältnisse gar zu seinem allzu raschen körperlichen Verfall beigetragen? In der Nachfolge seiner intellektuellen Leitfigur Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") entdeckt Louis in seiner soziologischen Analyse den eigenen Vater noch einmal neu – und entwickelt so für sich die Möglichkeit, um ihn zu trauern. Andreas Wilink über eine wütende und höchst persönliche Protestnote.
Porträt: Xavier Dolan

Porträt: Xavier Dolan

Xavier Dolan feiert heute seinen 30. Geburtstag – und legt damit vielleicht auch endlich das vielzitierte Label des filmischen Wunderkinds ab, das ihm seit seinem Debütfilm "I Killed My Mother" (2009) beständig anhaftet. Um ihm stilecht zu gratulieren, kommt uns der eben erschienene Sammelband von Andreas Wilink gerade Recht. Unter dem wunderbar ambivalenten Titel "Aus der Fernnähe" hat Wilink – Kulturjournalist, Theater- und Filmkritiker – eigene Texte und Porträts aus den vergangenen 20 Jahren zusammengetragen und begegnet in dem Band auch zahlreichen queeren Bühnen- und Filmkünstlern wie Werner Schroeter, Rainer Werner Fassbinder oder Walter Bockmayer. Sein Text zu Xavier Dolan ist einer von nur zweien, denen keine persönliche Begegnung vorausgegangen ist. Aus der transantlantischen Ferne nähert sich Wilink in einer empathischen Betrachtung Dolans zügellosem Werk an, dessen erste sechs Filme er als Bausteine in einem zutiefst persönlichen Projekt der Selbstwerdung liest. Sein Porträt lässt uns umso gespannter auf Dolans neuen, siebten Film warten "The Death and Life of John F. Donovan", der im Laufe des Jahres auch in Deutschland in die Kinos kommen soll.