Unterwegs

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Sandra verbringt mit ihrer kleinen Tochter Jule und Freund Benni den Sommerurlaub auf einem abgelegenen Campingplatz in Brandenburg. Dort begegnen sie dem 19-jährigen Marco. Der charismatische Herumtreiber fordert die Spontaneität des Paars heraus und überredet Sandra und Benni spontan zu einer gemeinsamen Fahrt an die polnische Ostsee. In seinem Debütfilm „Unterwegs“ erzählt Jan Krüger („Rückenwind“, „Auf der Suche“, „Die Geschwister“) eine zerbrechliche Dreiecksgeschichte, die sich ganz aus den Geheimnissen ihrer Figuren entwickelt. Für sein Road Movie voller ungeahnter Sehnsüchte und Möglichkeiten wurde Krüger im Jahr 2004 mit dem Tiger Award des Filmfestivals Rotterdam ausgezeichnet. Jetzt kehrt dieser Klassiker des jungen queeren Kinos aus Deutschland in digital restaurierter Fassung zurück. Andreas Wilink über einen Film, der verführerisch vom Ausscheren aus dem Geplanten und Geregelten erzählt.

Bild: Salzgeber

Polen liegt am Meer

von Andreas Wilink

Jan Krügers Figuren handeln im Halbschatten. Sie stehen in nicht eindeutig zu definierenden Beziehungen zueinander – leicht angespannten, über eine Ecke her gedachten, womöglich krisenhaften Beziehungen, auch wenn der Konflikt bislang sozusagen subkutan zu verlaufen schien und nicht mehr als eine diffuse Empfindung war.

Es sind Liebesfilme, ja, aber das kann alles Mögliche meinen – Glücksfälle oder Katastrophenberichte. Es gibt so viele unterschiedliche Modelle, Programme und Konstellationen: In „Auf der Suche“ (2011) sitzt eine Frau (gespielt von Corinna Harfouch) in einem Auto mit dem Kennzeichen KA für Kassel und holt in Marseille den früheren Freund ihres verschwundenen Sohnes Simon vom Flughafen ab („Auf der Suche“, 2011). In „Die Geschwister“ (2011) führt ein junger Mann in Berlin Interessenten durch eine zu vermietende Wohnung. Und in „Unterwegs“ (2004) lässt sich ein Paar ohne Trauschein mit einer sechsjährigen Tochter beim Campingurlaub an einem See von einem bis kurz zuvor Fremden freiwillig nach Polen „entführen“.

Mal kreist in Jan Krügers Filmen die Geschichte um einen abwesenden Dritten, wie in „Auf der Suche“. Mal gibt es eine Art von Bruder und Schwester, die einen Dritten, an sich zu binden verstehen und dessen bisheriges Leben aus der Bahn werfen, weil er so etwas verspürt wie „Begehrensunruhe“ (Michel Foucault), wie in „Die Geschwister“. Und mal stört jemand den kalten Frieden einer Bindung auf, wie in Krügers Debüt „Unterwegs“ von 2004. Für eineinhalb Stunden verdichtet sich etwas zu Schicksal. Themen der Filme sind der Verlust und die Einsamkeit und der Versuch, sie zu verleugnen, zu verhindern, zu überwinden.

In „Unterwegs“ treffen wir auf keine richtige Familie, auch wenn es danach aussieht: Mutter Sandra und das Töchterchen Jule sowie Benni, der aber nicht der Ehemann und auch nicht Vater des Mädchens ist. Sie campen im Grünen an einem Fluss oder See nahe Berlin. Im Zelt tauschen sie Zärtlichkeiten aus, während das Kind neben ihnen selig schläft. Dann der Hinzutritt einer weiteren Person: ein junger Mann, fast noch ein Junge, Marco, der auf sympathische Weise zu provozieren und ein Geheimnis um sich zu machen versteht. Ein erster Blick zwischen ihm und Benni. Ein langer, zu langer Moment, um unverfänglich zu sein. Gefolgt von einem balgenden Spiel im Wasser, bei dem naturgemäß die Körper entblößt sind und sich präsentieren.

„Unterwegs“ von 2004, der für das ZDF und seine verdienstvolle Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ entstand, war nach einer Reihe preisgekrönter Kurzfilmen Krügers erster von bislang vier Spielfilmen. Der 1973 in Aachen geborene Regisseur hatte in seiner Heimatstadt Elektrotechnik, Physik und Sozialwissenschaften studiert, um im Anschluss an der Kölner Kunsthochschule für Medien ein Filmstudium zu absolvieren.

Bild: Salzgeber

Sein Debüt hat noch nicht ganz die beobachtende Abstraktion und kühl nüchterne Perspektive von höherer Warte, die die späteren Arbeiten vermitteln und von der Filmkritik mitunter der Berliner Schule zugerechnet wurden. Auch wenn diese stets vorrangig als formal-ästhetische und visuelle Kategorie wahrgenommen wird, ist sie doch auch Untersuchungsmethode, um individuelle Verunsicherung in den urbanen Landschaften und Lebensentwürfen ihrer Bewohner zu reflektieren. Wo etwa Christian Petzold eine an die Gegenwart angebundene moderne Mythologisierung der Frau vornimmt oder Angela Schanelec auf ihre eigene Weise Eric Rohmers Konstruktionen von Beziehungsmustern für sich umwandelt, interessiert sich Krüger für die Frage, was ein Mann und sein Rollen- und Selbstbild ist, was maskulin oder feminin ist oder was sich der Norm und ihrer Definitionsmacht entzieht.

Marco schlägt vor, dass sie sich zu viert ins Auto (Autokennzeichen KR für Krefeld) setzen, um nach 400 Kilometern in Polen am Meer zu sein. Einfach so. Dieses Polen ist – wie auch später in „Die Geschwister “– kein erotischer und homoerotischer Sehnsuchtstort wie es etwas Italien für Johann Joachim Winckelmann, August von Platen, Josef Winkler oder Gore Vidal war, jedoch ebenfalls eine Gegenwelt in ihrem damaligen Verfall, dem gesellschaftlich Brüchigen, ökonomisch Unbefestigten, moralisch Quecksilbrigen gegenüber den deutschen Verhältnissen. Vielleicht zu vergleichen mit dem verwilderten Italien während des Krieges und nach Mussolinis Tod, wie Curzio Malaparte es in seinem Roman „La Pelle“ (Die Haut“) schildert. Dabei kann das Aufgelassene und im Umbruch Begriffene auch Ausdruck dafür sein, dass sich eine Chance ergibt. Am Rande bemerkenswert, dass ein Regisseur aus dem tiefen Westen der Republik dieses Ziel im postkommunistischen Osteuropa erkennen lässt.

Bild: Salzgeber

Sandra, Benni, Jule und Marco kommen unter im Haus der älteren Maria, deren Sohn Krzysztof mit Marco befreundet war und tödlich mit dem Motorrad verunglückt ist. Danach fahren sie weiter in das leer stehende Haus von Marcos Tante und machen es hübsch zurecht, um Jules Geburtstag mit den Nachbarn zu feiern. An dem Abend, als er schon einiges an Alkohol intus hat, führt Benni einen Schleiertanz auf, als wolle er beweisen, dass auch er aus seiner Haut heraus kann und etwas Verrücktes tun. Er ahnt, dass sich Sandra mit Marco eingelassen hat, und nicht bloß für einen Ritt auf dem Motorrad. Benni geht, Sandra kehrt wieder um, vielleicht.

Marco, ein Streuner, unbehaust, wenig mitteilsam und doch wiederum leutselig und von entwaffnendem Charme. Einer, der überredet, einflüstert, anstiftet, lockt und lenkt, und Sandra und Benni zum Ausscheren aus dem Geplanten und Geregelten bewegt: nachts übermütig in der Ostsee zu schwimmen, im warmen Sand zusammenzuliegen, die Körper der Anderen zu spüren, Möglichkeiten auszutesten, Reize auszusenden und zu empfangen.

Bild: Salzgeber

Marco hat die klassische Rolle des Verführers, wenngleich weniger dämonisch als Mephistopheles, weniger ephebenhaft anmutig als der polnische „Prinz“ Tadzio in Venedig, kein Engel, doch nicht ganz fern von dem wie vom Himmel gefallenen jungen Mann in Pier Paolo Pasolinis „Teorema“ (1968). Nicht zufällig stellt er im Puppenspiel für die Kinder zu Jules Geburtstag mit einer Marionette den Hofnarren dar, der um die Prinzessin wirbt. Überhaupt will er jedem sein eigenes Märchen zugestehen.

Zieht Marco die Fäden bei Sandra und Benni oder zappelt er nicht selbst an unsichtbaren Strippen? Er verkörpert den Impuls „durch den brennenden Reifen der Welt zu springen“, wie es bei der feuergefährdeten Dichterin Ingeborg Bachmann zu lesen ist. Wobei ungewiss bleibt, ob Marco nur Initiator für die Erweckung und Veränderung eines anderen Menschen ist, ohne sich selbst retten zu können. „Erlösung dem Erlöser“, Richard Wagners „Parsifal“-Formel, ist zwar etwas hoch gegriffen, aber hat es hier nicht doch etwas davon? Die Frage bleibt – und die Sehnsucht.




Unterwegs
von Jan Krüger
DE 2004, 80 Minuten, FSK 16,
deutsche OF

Jetzt als DVD und VoD.