Angela Chadwick: XX – Was wäre wenn

Angela Chadwick: XX – Was wäre wenn

Was wäre, wenn zwei Frauen ein leibliches Kind miteinander bekommen könnten? Mit dieser brisanten philosophischen und moralischen Frage setzt sich die englische Autorin Angela Chadwick in ihrem Debütroman auseinander. "XX – Was wäre wenn" erzählt die Geschichte von Jules und Rosie, die ein Kind haben wollen. Als die zwei Frauen davon hören, dass es Forschern gelungen ist, eine weibliche Eizelle mit der DNA einer anderen Eizelle zu befruchten, ergreifen sie ihre Chance und lassen sich mit der neuen Methode befruchten. Doch mit Rosies Schwangerschaft gerät das Leben des Paars völlig aus den Fugen. Neben den gewöhnlichen Herausforderungen werdender Eltern stehen sie plötzlich im Zentrum einer weltweiten Diskussion um die Zukunft der Menschheit – denn bei der neuen Form der künstlichen Befruchtung können nur Mädchen gezeugt werden… Chadwick beschreibt ein interessantes Gedankenexperiment, findet unsere Autorin Tania Witte. Doch ihren Figuren mangelt es an Authentizität und emotionaler Tiefe.
Der verlorene Sohn

Der verlorene Sohn

Der 19-jährige Jared (Lucas Hedges) wächst in einem Baptistenprediger-Haushalt in den amerikanischen Südstaaten auf – und ist schwul. Weil das aus der Sicht seiner strenggläubigen Eltern (Nicole Kidman, Russell Crowe) nicht zusammengeht, schicken sie den Sohn zu einer Konversationstherapie. Doch die "Behandlung" im Kreise der übrigen "Patienten" trägt andere Früchte, als sich die Eltern erhofft haben. Basierend auf dem gefeierten autobiografischen Roman "Boy Erased" von Garrard Conley erzählt das fein besetzte Drama (in Nebenrollen sind Xavier Dolan und Troye Sivan zu sehen) von den repressiven Lebensumständen von queeren Menschen im Bible Belt der USA – und der mutigen Selbstermächtigung eines jungen Mannes. Patrick Heidmann über einen Film, der in Trump-Amerika von bestürzender Aktualität ist. Ab Sonntag ist "Der verlorene Sohn" als Special in der queerfilmnacht zu sehen; am Donnerstag startet er regulär in den deutschen Kinos.
Jane Ward: Nicht schwul

Jane Ward: Nicht schwul

Wer kennt das nicht: Nach einigen Bieren werden heterosexuelle Männer plötzlich untereinander zutraulich, was von schwuler Seite gern mit der Bemerkung quittiert wird, darin komme das Ausmaß verkappter, uneingestandener Homosexualität zum Ausdruck. Die lesbische amerikanische Soziologin Jane Ward sieht das anders: Ihrer Meinung nach haben schwule Männer den mann-männlichen Sex nicht gepachtet, zumindest sei er aus der amerikanischen weißen Heteromännlichkeit nicht wegzudenken. Ist Sex vielleicht gar nicht das entscheidende Kriterium, um Homos von Heteros zu unterscheiden? Entdecken Heteros das wilde Sexualleben, während Queers heiraten und Kinder adoptieren wollen? Peter Rehberg, der als Kulturwissenschaftler und Autor selbst zu queerer Männlichkeit forscht und veröffentlicht (wie etwa jüngst zum Thema "Hipster Porn"), hat Wards kontroverses Buch für uns gelesen.
Princess Cyd

Princess Cyd

Neu als DVD und VoD: Die 16-jährige Cyd besucht in den Sommerferien ihre Tante Miranda, eine bekannte Schriftstellerin, in Chicago. Während Cyd den ganzen Tag Fußball spielen und sich im Garten sonnen möchte, sitzt Miranda am liebsten hinterm Schreibtisch und arbeitet an ihren Texten. Auch beim Thema Liebe gehen die beiden andere Wege: Cyd erkundet gerade ihr sexuelles Begehren und verliebt sich in die smarte Kellnerin Katie; Miranda hingegen ist Langzeit-Single und hat scheinbar kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Als Cyd ihre Tante aus der Liebesreserve locken will, erklärt Miranda ihr ein paar Dinge über das Glücklichsein. Mit feinem Gespür für kleine Gesten, Blicke und Zwischentöne porträtiert Regisseur Stephen Cone („Einen Freund zum Geburtstag“, 2015) zwei unterschiedliche Frauenfiguren, die nicht nur einen Schmerz, sondern auch eine Sehnsucht teilen. Nátalia Wiedmann über einen bemerkenswert schwerelosen Film über weibliche Sensibilität, Sexualität und Befreiung.
Julian Mars: Lass uns von hier verschwinden

Julian Mars: Lass uns von hier verschwinden

Erwachsensein ist auch eines dieser Dinge, die sich Felix einfacher vorgestellt hatte. Nicht, dass er sich keine Mühe geben würde, im Gegenteil: Es gibt in seinem Leben schon lange nichts mehr, das nicht das Prädikat "vernünftig" verdient hätte. Sogar mit seinem Ex-Freund Martin trifft er sich wieder ab und zu und tut dabei tapfer so, als wäre er längst über alles hinweg. Alles furchtbar erwachsen eben, und alles furchtbar langweilig – wäre da nicht sein neuer Mitbewohner, der nicht nur Felix’ festgefahrene Routine, sondern auch seine Gefühle heftig durcheinanderbringt. Und dann ist da noch Emilie, Felix' beste Freundin, die mit einer einzigen Frage seine ganze Welt aus den Angeln hebt. Nach seinem viel beachteten Debütroman "Jetzt sind wir jung" erzählt Julian Mars in seinem neuen Buch die Geschichte seines Protagonisten Felix weiter. Es geht um die großen Fragen und das kleine Glück, um falschen Hoffnungen, echte Freundschaft – und die Schwierigkeiten, endlich einen Platz im Leben zu finden. Kevin Clarke hat den neuen Roman für uns gelesen, den Julian Mars in den nächsten Tagen auch auf eine Leserreise quer durch Deutschland und in Österreich vorstellen wird.
Der Prinz und der Dybbuk

Der Prinz und der Dybbuk

Neu auf DVD: Als Regisseur und Produzent von Hollywood-Filmen schuf Michał Waszyński über 40 Filme. Er arbeitete mit Stars wie Sophia Loren, Claudia Cardinale und Orson Welles. Seine eigentliche Obsession aber galt dem Film „Der Dybbuk“, bei dem er 1937 Regie führte und der heute als einer der geheimnisvollsten Filme der jiddischen Filmgeschichte gilt. Aber wer war Michał Waszyński, der 1904 als Moshe Waks und Sohn eines armen Schmiedes in der Ukraine geboren wurde und 1965 in Italien als polnischer Prinz starb, wirklich? Ein Wunderkind des Kinos, ein raffinierter Betrüger oder ein Mann, der filmische Illusion und Realität nicht auseinanderhalten konnte? Für ihr Porträt eines menschlichen Chamäleons, das kontinuierlich Namen, Religion, Titel und Länder wechselte, um seine eigene Lebensgeschichte wie ein Filmdrehbuch zu schreiben, wurden Elwira Niewiera und Piotr Rosołowski im vergangenen Jahr in Venedig mit dem Löwen für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Lukas Foerster folgt ihrer faszinierenden Spurensuche.
Martin Reichert: Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik

Martin Reichert: Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik

Das Wüten der Aids-Epidemie mit Tausenden von Toten ist, zumindest in den Industrienationen, Geschichte, aber die Epidemie hat das Leben und die Sexualität nicht nur der Schwulen verändert. Damit auch Jüngere die Auswirkungen der Krankheit auf unser aller Leben begreifen können, hat der taz-Redakteur Martin Reichert, Jahrgang 1973, in seinem Buch "Die Kapsel – Aids in der Bundesrepublik" die Geschichte dieser Krankheit geschrieben. Anstatt anhand kalter Fakten ein vermeintlich objektives Bild zu zeichnen, bezieht sich Reichert auf die Lebensläufe einiger mehr oder weniger prominenter Zeitzeugen und lässt über sie die bundesdeutsche Aids-Geschichte lebendig werden. Christoph Klimke hat das Buch für uns gelesen.
Just Friends

Just Friends

Im Februar wird es in der queerfilmnacht sommerlich und schwer romantisch. Yad hat gerade sein Medizinstudium in Amsterdam geschmissen und kommt für ein paar Monate in die Kleinstadt, in der seine syrisch-stämmigen Eltern leben. Weil er in seinem alten Job als Surflehrer nicht mehr unterkommt, verdient er sich als Haushaltskraft bei der rüstigen alten Dame Ans etwas Geld dazu. Eines Nachmittags sitzt Ans attraktiver Enkel Joris am Tisch. Nach ersten Startschwierigkeiten lassen die beiden zusammen Drohnen steigen, daten stilecht im American Diner und versuchen zu surfen, ohne zu nass zu werden. Doch als sich der Sommer dem Ende zuneigt, müssen sie entscheiden, ob aus dem Flirt mehr werden kann oder ob sie doch nur Freunde bleiben. Ellen Smit und Henk Burger lassen in ihrer rasant geschriebenen Romantic Comedy nicht nur ein hinreißendes Paar zueinanderkommen, sondern auch eine ganze Reihe herrlich skurriler Nebenfiguren auftreten. In "Just Friends" geht es um die große Liebe und ganz nebenbei auch um richtige und falsche Zukunftspläne, überbesorgte und unbekümmerte Mütter, kulturelle Vorurteile, unverarbeitete Trauer und den Abschied von der Kindheit. Andreas Köhnemann über einen umwerfend charmanten schwulen Sommerfilm, der glücklich macht.
Marie Luise Lehner: Im Blick

Marie Luise Lehner: Im Blick

Zwei Mädchen werden gemeinsam erwachsen. Sie lernen, sich zu schminken, ziehen Stöckelschuhe an und vergleichen ihre Brüste. Sie entdecken Alkohol und Drogen, gehen mit fremden Männern nach Hause, feiern Partys und haben Sex. Die jungen Frauen wollen sich nicht einschränken lassen, unternehmen Reisen in ferne Länder und erfahren am eigenen Körper, dass Freiheit nicht für beide Geschlechter das Gleiche bedeutet. Anhand einer Freundschaft und einer Liebesbeziehung erzählt die österreichische Autorin Marie Luise Lehner, Jahrgang 1995, vom Schauen und vom Angeschautwerden, von Rollen, in die Frauen gedrängt werden, und von alltäglicher sexueller Gewalt. Selten wurde vom Aufwachsen eines queeren Millennials so offen, ehrlich und mit derart radikaler Verletzlichkeit erzählt, findet unsere Rezensentin Anja Kümmel.
Rafiki

Rafiki

Ab heute im Kino: "Gute kenianische Mädchen werden gute kenianische Ehefrauen" – Kena lernt schon früh, was von Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland erwartet wird: artig sein und sich dem Willen der Männer fügen. Doch die selbstbewusste Kena lässt sich nicht vorschreiben, wie sie zu leben hat. So freundet sie sich auch mit der hübschen Ziki an, obwohl ihre Väter politische Konkurrenten sind. Das Gerede im Viertel ist den Mädchen zunächst ziemlich egal. Doch als sich Kena und Ziki ineinander verlieben, müssen sie sich entscheiden: zwischen der vermeintlichen Sicherheit, ihre Liebe zu verbergen, und der Chance auf ihr gemeinsamen Glück. "Rafiki" – der Titel bedeutet auf Suaheli „Freund(in)“ – ist der erste kenianische Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. In Kenia selbst, wo Homosexualität noch immer unter Strafe steht, wurde der Film zunächst mit einem Aufführungsverbot belegt, das erst nach einer Klage der Regisseurin gelockert wurde. Beatrice Behn geht in ihrer Besprechung den Ursprüngen der homophoben Ordnungen auf den Grund, die noch immer in weiten Teilen Afrikas herrschen – und feiert den lesbischen Liebesfilm als mitreißende Utopie, die tief in afrikanischen Traditionen verwurzelt ist.