Gunther Geltinger: Benzin

Gunther Geltinger: Benzin

Im Dunkeln Fußgänger anzufahren, kann das Leben verändern: In ihrem Bestseller "Löwen wecken" (2015) erzählt die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen, wie ein Chirurg einen illegalen Einwanderer überfährt und dadurch für kurze Zeit Anteil am Schicksal der Migranten nimmt. Gunther Geltinger ("Mensch Engel", 2008; "Moor", 2013) stellt das Szenario auf den Kopf: Zwei schwule Touristen fahren in Südafrika einen jungen Schwarzen an, der überlebt und sich zu einer Art Katalysator entwickelt – für das Verhältnis der Deutschen zu dessen Heimat und für die Beziehung der Reisenden zueinander. Detlef Grumbach hat den Roman "Benzin" gelesen.
Nina

Nina

Nina ist Mitte 30, Lehrerin und mit Wojtek verheiratet. Die Ehe der beiden hat schon vor einiger Zeit einen toten Punkt erreicht. Um die Beziehung zu retten, suchen sie nach einer Leihmutter, die ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen soll. Mit der jungen Magda, die offen lesbisch lebt, scheinen sie endlich die ideale Kandidatin gefunden zu haben. Doch als sich Nina in Magda verliebt, wird alles, was in Ninas Leben vorher wichtig war, plötzlich bedeutungslos. Regisseurin Olga Chajdas fängt das komplizierte Beziehungsgeflecht ihrer drei Hauptfiguren mit großer Intimität ein und nähert sich nach und nach dem lesbischen Begehren einer jungen Frau an, die im Polen der Gegenwart bis dahin in gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen gefangen war. Für ihr subtil politisches Regiedebüt wurde Chajdas u.a. mit dem renommierten Big Screen Award auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam. Alexandra Seitz über einen Film der Blicke und Gesten, der subtilen Andeutungen, Auslassungen und Ambivalenzen.
Sebastian Barry: Tage ohne Ende

Sebastian Barry: Tage ohne Ende

In Büchern und Filmen gilt der Wilde Westen als Domäne raubeiniger Männlichkeit. Umso größer war die Sensation, als Annie Proulx 1997 die Geschichte zweier Schafhirten veröffentlichte, die sich in der Einsamkeit des Brokeback Mountain ineinander verlieben. Ang Lees Verfilmung wurde 2005 nicht nur ein Welterfolg, sondern auch zum Schlüsselfilm des Queer Cinema. Doch "Brokeback Mountain" spielt im Jahr 1963, als der Westen schon lange nicht mehr wild gewesen ist. 2006 veröffentliche die deutsche Autorin Christine Wunnicke mit "Missouri" den ersten richtigen Western mit einer offen schwulen Liebesgeschichte. Danach gehörte der Westen erst mal wieder den Heteros, bis der irische Bestsellerautor Sebastian Barry vor drei Jahren ein Freundespaar in die Turbulenzen des amerikanischen 19. Jahrhunderts entsendet hat. Sein Roman "Tage ohne Ende", der jetzt in deutschen Übersetzung erschienen ist, erzählt die Geschichte eines queeren Glücks, findet unser Rezensent Christian Lütjens.
Border

Border

Die Grenzbeamtin Tina ist die Beste in ihrem Job, denn sie hat eine besondere Fähigkeit: Sie kann bei anderen Menschen Angst, Scham und Wut wittern. Weil diese Begabung sie ihren Mitmenschen gegenüber aber auch fremd sein lässt, lebt Tina zurückgezogen und einsam in einer Hütte im Wald. Doch dann begegnet sie Vore, der ihr nicht nur auffallend ähnlich sieht, sondern bei dem ihre Fähigkeit auch an eine Grenze stößt, selbst wenn sie ahnt, dass er etwas verbirgt. Vores Wildheit, die ihr merkwürdig vertraut vorkommt, zieht sie magisch an. Als er sein Geheimnis preisgibt, hat das auch für Tinas Leben weitreichende Folgen. Nachdem "Border" bereits letztes Jahr in Cannes als eine der großen Entdeckungen des Festivals gefeiert wurde und mit dem Preis der Nebensektion "Un certain regard" ausgezeichnet wurde, ist Ali Abassis abgründiges queeres Märchen jetzt endlich auch in den deutschen Kinos zu sehen. Dennis Vetter über einen fantastischen Film, der seine Zuschauer*innen kühn über Genre- und Identitätsgrenzen hinweg auf einen Pfad ungeahnter Erkenntnisse führt.
Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Heinrich Heine schrieb über die Liebe: "Es ist eine alte Geschichte, und ist doch immer neu". Und die Literaturgeschichte beweist seitdem, wie recht er hatte. Die allerneuste "alte Geschichte" stammt von Stephan Phin Spielhoff. Menschen mit Berufen, die es vor 20 Jahren noch nicht gab, erfinden sich ihre eigene Welt, ein irres Mosaik aus ganz Neuem und ziemlich Altem, und mitten drin, quasi als Kontrastmittel, die Freude und der Schmerz der Liebe. Spielhoff, Jahrgang 1983, lässt sich sprachlich auf die Welt ein, von der er erzählt, in einem bunten Mix aus Deutsch, Englisch und Internetsprech. Michael Sollorz, Jahrgang 1962, hat sich dem Text in einem Selbstversuch ausgesetzt und ist beeindruckt. Tipp für alle Berliner*innen: Am Donnerstagabend stellt Spielhoff seinen Roman persönlich in der Buchhandlung Hundt Hammer Stein (Alte Schönhauser Straße 23-24) vor.
Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

"Literatur muss kämpfen", sagt Édouard Louis, "für all jene, die selbst nicht kämpfen können". Sein erster, autobiographischer Roman "Das Ende von Eddy" (2014), der in Frankreich und Deutschland zum Bestseller wurde, ist nicht nur das mitreißende Dokument der Selbstbefreiung eines jungen schwulen Mannes aus prekären Verhältnissen; es ist, ähnlich wie Louis' zweites Buch "Im Herzen der Gewalt" (2016), ein energischer Text gegen eine homo- und xenophobe französische Gesellschaft, die von kaum überbrückbaren sozialen Barrieren durchsetzt ist. In seinem neuen, gerade mal 80 Seiten dicken Buch geht Louis nicht mehr nur im eigenen Leben, sondern auch in dem des Vaters auf Spurensuche: Woher kam die Gewalt, die diesen erfüllte; wieso wählte der Vater die letzten Jahrzehnte stramm den Front National; inwieweit haben die sozialen Verhältnisse gar zu seinem allzu raschen körperlichen Verfall beigetragen? In der Nachfolge seiner intellektuellen Leitfigur Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") entdeckt Louis in seiner soziologischen Analyse den eigenen Vater noch einmal neu – und entwickelt so für sich die Möglichkeit, um ihn zu trauern. Andreas Wilink über eine wütende und höchst persönliche Protestnote.
Konsequenzen

Konsequenzen

Im April in der queerfilmnacht: Weil er sich nicht an Regeln halten kann, landet Andrej erst vor Gericht und dann in einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Unter den Teenagern dreht sich alles um Drogen, Sex und Gewalt. Und es herrscht eine klare Hackordnung, an deren Spitze der brutale und unberechenbare Gangleader Željko steht. Andrej und Željko geraten sofort aneinander, doch aus der Rivalität wird bald eine Kameradschaft, in der sich Andrej klar unterordnet. Doch je länger die beiden Zeit zusammen totschlagen, desto mehr fühlt sich Andrej auch körperlich zu Željko hingezogen... Fesselnd und authentisch erzählt "Konsequenzen" von unterdrücktem sexuellem Begehren und Teenage Angst, von den rohen Impulsen des Heranwachsens und den Unsicherheiten, die darunter liegen. Für seinen schonungslosen Debütfilm konnte Regisseur Darko Štante auf eigene Erfahrungen als Lehrer in einem slowenischen Jugendgefängnis zurückgreifen. Philipp Stadelmaier schreibt für uns über einen rauen und vor homosexueller Potenz strotzenden Coming-of-Age-Film, in dessen Zentrum ein jungen Mann steht, der versucht, ein guter Hetero zu sein, obwohl es vielleicht nichts gibt, was ihm weniger liegt.
Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Die titelgebende Hauptfigur in "Mister Weniger" ist ein Enkel all der großen Schelmengestalten der Weltliteratur, seien es Simplicius Simplicissimus, Don Quixote, Peer Gynt oder Wyatt und Billy in "Easy Rider". Andrew Sean Greer, der für den Roman im vergangenes Jahr mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde, hat sich aber nicht einfach nur ein paar moderne Episoden ausgedacht, sondern lässt die Erzählweise selbstreflexiv werden und unterläuft so gängige Genre-Erwartungen. Wie er das tut und warum das so komisch und unbedingt preiswürdig ist, erklärt Tobias Völker.
Just Friends

Just Friends

Jetzt als DVD und VoD: Yad hat gerade sein Medizinstudium in Amsterdam geschmissen und kommt für ein paar Monate in die Kleinstadt, in der seine syrisch-stämmigen Eltern leben. Weil er in seinem alten Job als Surflehrer nicht mehr unterkommt, verdient er sich als Haushaltskraft bei der rüstigen alten Dame Ans etwas Geld dazu. Eines Nachmittags sitzt Ans attraktiver Enkel Joris am Tisch. Nach ersten Startschwierigkeiten lassen die beiden zusammen Drohnen steigen, daten stilecht im American Diner und versuchen zu surfen, ohne zu nass zu werden. Doch als sich der Sommer dem Ende zuneigt, müssen sie entscheiden, ob aus dem Flirt mehr werden kann oder ob sie doch nur Freunde bleiben. Ellen Smit und Henk Burger lassen in ihrer rasant geschriebenen Romantic Comedy nicht nur ein hinreißendes Paar zueinanderkommen, sondern auch eine ganze Reihe herrlich skurriler Nebenfiguren auftreten. In "Just Friends" geht es um die große Liebe und ganz nebenbei auch um richtige und falsche Zukunftspläne, überbesorgte und unbekümmerte Mütter, kulturelle Vorurteile, unverarbeitete Trauer und den Abschied von der Kindheit. Andreas Köhnemann über einen umwerfend charmanten schwulen Sommerfilm, der glücklich macht.
Marko Martin: Das Haus in Habana

Marko Martin: Das Haus in Habana

Marko Martin ist Reiseschriftsteller: In den Fußstapfen seines Vorbilds Hans Christoph Buch erweitert er mit der Beschreibung seiner Erlebnisse in entlegenen Weltgegenden unser Wissen um die menschlichen Möglichkeiten. Meist sind es Angehörige der aufstiegsorientierten Mittelschicht, denen er auf seinen Reisen begegnet und an denen er mal um mal eine Nachahmung westlicher Standards erkennt – so zuletzt in "Umsteigen in Babylon" (2016). Nun wagt sich der in der DDR aufgewachsene Autor erstmals in einen der letzten "realsozialistischen" Staaten, nach Kuba. Und selbst hier stößt er auf eine unverblümt materielle Orientierung der Menschen. Von Christian Lütjens.