Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Nach zwei Romanen hat Fabian Hischmann jetzt die Story-Sammlung "Alle wollen was erleben" veröffentlicht. Anders als in Neil Postmans Klassiker "Wir amüsieren uns zu Tode" liegt der Akzent dieses Bands auf dem "Wollen" – denn wie sich in der Komfortzone der Ersten Welt ein gutes Leben gestalten ließe, kann kaum eine der Figuren Hischmanns beantworten. Unser Rezensent Christian Lütjens meint: Ein Meisterstück der mehrdimensionalen Diversität in 13 Teilen.
Giant Little Ones

Giant Little Ones

Franky und Ballas sind seit Ewigkeiten beste Freunde. Die Stars des Schwimm-Teams sind beliebt in der Highschool und begehrt bei den Mädchen. Doch als sich die beiden im betrunkenen Zustand sexuell näherkommen, ist plötzlich alles anders: Ballas will mit Franky nichts mehr zu tun haben und die Gerüchteküche in der Schule brodelt. Franky erlebt Mobbing und Gewalt, aber auch eine neue Nähe zu seinem Vater, der selbst seit einigen Jahren schwul lebt. Allmählich wird dem Teenager klar, wer er sein möchte. Keith Behrmans "Giant Little Ones" wurde nach seiner gefeierten Weltpremiere in Toronto vielfach ausgezeichnet – und läuft im November in der queerfilmnacht. Christian Lütjens über einen außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film, der mit leuchtenden Bildern und mitreißenden Darsteller*innen Herzen und Horizonte öffnet.
Heute oder morgen

Heute oder morgen

Sommer in Berlin. Maria und Niels lieben sich, das Leben und die Freiheiten, die sie sich gegenseitig geben. Was morgen ist, interessiert nicht, es zählt nur der Moment. Dann treffen sie auf Chloe. Maria wagt den ersten Schritt, aus einem Flirt entwickelt sich schnell eine intensive Romanze zwischen den beiden Frauen. Niels wird Teil davon – und verfällt Chloe ebenso. Eine Ménage-à-trois, in der alles lustvoll ist. Doch dann stellt eine unerwartete Nachricht die Gefühle der drei Liebenden auf eine harte Probe. In seinem Debütfilm erzählt Thomas Moritz Helm ein modernes Berliner Sommermärchen fernab von konservativen Moralvorstellungen. Im Zentrum stehen drei junge Menschen, die nach einer neuen Definition von Liebe und Beziehung suchen. Andreas Köhnemann hat ein Buch über sexuell ambivalente Dreiecksbeziehungen im Film geschrieben ("Liebe in alle Richtungen", 2016) – und sich "Heute oder morgen", den es jetzt als DVD und VoD gibt, angesehen.
Der Boden unter den Füßen

Der Boden unter den Füßen

Neu als DVD und VoD: Mit Ende 20 glaubt Lola ihr Privatleben ebenso fest im Griff zu haben wie ihren Job als Unternehmensberaterin. Niemand weiß von ihrer schizophrenen Schwester Conny und der Geschichte psychischer Krankheit, die sich durch ihre Familie zieht. Und auch die Affäre zu ihrer Teamleiterin Elise hält sie erfolgreich geheim. Doch als Lola die Nachricht bekommt, dass Conny einen Suizidversuch nur knapp überlebt hat, drohen all ihre Geheimnisse ans Licht zu kommen... In ihrem neuen Film erzählt die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer ("Die Vaterlosen", "Was hat uns bloß so ruiniert") die Geschichte einer jungen Frau, der nach und nach die Kontrolle über ihr allzu streng strukturiertes Leben entgleitet. Neben Lola-Darstellerin Valerie Pachner, die in Kürze auch in der weiblichen Hauptrolle des neuen Films von Terrence Malick ("Ein verborgenes Leben") zu sehen sein wird, glänzen Pia Hierzegger ("Wilde Maus") und Mavie Hörbinger ("Sommerhäuser"). Cosima Lutz hat Kreutzers präzisen Entfremdungs-Thriller gesehen – und entdeckt darin ein abgründiges Spiegelkabinett weiblicher Selbstbilder.
Porträt einer jungen Frau in Flammen

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Eine einsame Insel vor der Küste der Bretagne im Jahr 1770. Die Pariser Malerin Marianne soll ein Porträt der jungen Adelstochter Héloïse anfertigen, um einen Edelmann im fernen Mailand von seiner zukünftigen Frau zu überzeugen. Weil sich Héloïse weigert, Modell zu sitzen, arbeitet Marianne inkognito: Sie beobachtet Héloïse während ihrer gemeinsamen Spaziergänge an der Küste und malt abends aus dem Gedächtnis heraus das Bild. Doch je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto stärker bricht sich ein tiefes Begehren Bahn. Céline Sciammas atemberaubendes Liebesdrama macht aus Noémie Merlant und Adèle Haenel ein neues ikonisches Filmpaar, wurde im Mai in Cannes von der Kritik gefeiert und mit der Queer Palm sowie dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Christian Weber über ein feministisches Meisterwerk, das mit konventionellen Blickhierarchien bricht und ein nicht zu bändigendes Feuer legt.
Mein heimliches Auge: Interview mit Claudia Gehrke

Mein heimliches Auge: Interview mit Claudia Gehrke

Claudia Gehrke ist eine der letzten legendären Gestalten der deutschen Verlagslandschaft. In den 70er-Jahren war die intellektuelle und politische Diskussion in Deutschland von einer Handvoll Zeitschriften geprägt, von denen ihr „Konkursbuch“ beinahe als einzige bis heute überlebte. Bald entstand um die Zeitschrift herum ein Verlag, in dem ungewöhnliche sexuelle Perspektiven stets eine große Rolle spielten. Das berühmteste Produkt des Konkursbuch-Verlags in Tübingen ist jedoch das 1982 gegründete Jahrbuch „Mein heimliches Auge“. Über diese Geschichte dieses Jahrbuchs sprachen wir mit Verlegerin Claudia Gehrke.
Westler

Westler

Berlin, Mitte der 1980er Jahre. ‚Westler’ Felix und Thomas aus Ostberlin leben nur wenige Kilometer voneinander entfernt – und doch in zwei unterschiedlichen Welten. Zwischen ihnen liegt die Berliner Mauer, pro Woche können sie sich nur einen Tag sehen und pro Tag nur vier, fünf Stunden. Irgendwann weiß Thomas nur noch einen Ausweg: die Flucht aus der DDR, über Prag in den Westen, zu Felix. Regisseur Wieland Speck und sein Team mussten 1985 im Ostteil Berlins zum Teil mit versteckter Kamera drehen. 34 Jahren nach seiner Entstehung erscheint "Westler", ein Klassiker des Queeren Kinos, jetzt in digital restaurierter Fassung als DVD und VoD. Andreas Wilink hat sich den grenzenüberschreitenden Liebesfilm noch einmal angesehen und fühlt sich zurücktransportiert in die alte Mauerstadt.
Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Pauline Delabroy-Allard: Es ist Sarah

Liebesromane gibt es wie Sand am Meer. In den meisten von ihnen geht es um die Suche nach einer beglückenden Partnerschaft oder nach Sex. In ihrem Roman "Es ist Sarah" dagegen beschreibt Pauline Delabroy-Allard die Liebe als eine Art Naturgewalt, vielleicht als eine Art Krankheit. Damit hat sie in Frankreich viel Aufsehen erregt – vollkommen zu Recht, findet unsere Rezensentin Anja Kuemmel.
Bonnie & Bonnie

Bonnie & Bonnie

Jetzt im Kino: Yara lebt mit ihrem albanischen Vater und den drei Geschwistern in Hamburg-Wilhelmsburg. Neben ihrem Job im Supermarkt schmeißt sie den Familienhaushalt und vertreibt sich die Freizeit mit ihrer Clique. Als sie auf der Straße der toughen Kiki begegnet, ist plötzlich nichts mehr wie zuvor: Während Yara eine neue, bislang ungekannte Freiheit entdeckt, erlebt Heimkind Kiki das erste Mal das Gefühl von Geborgenheit. Aber niemand darf von der Beziehung wissen, vor allem nicht Yaras konservativer Vater, der schon einen Ehemann für sie ausgesucht hat…  Regisseur Ali Hakim erzählt die berührende Geschichte von zwei jungen Frauen, die wie ihre filmhistorischen Vorbilder Bonnie und Clyde ins Weite aufbrechen müssen, damit ihre Liebe eine Chance hat. Anja Kümmel über eine mitreißende lesbische Romanze, die im Oktober in der queerfilmnacht zu sehen ist und am 24. Oktober auch regulär im Kino startet.
Sócrates

Sócrates

Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter ist der 15-jährige Sócrates ganz auf sich allein gestellt. Weil ihn sein Vater wegen seiner Homosexualität verstoßen hat, soll er in ein Heim. Doch so schnell gibt Socrates die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf. Das Spielfilmdebüt des brasilianisch-amerikanischen Regisseurs Alexandre Moratto, gedreht mit einem Mini-Budget von 20.000 Dollar und mit Jugendlichen aus einem Sozialprojekt, kommt seiner Hauptfigur und deren Lebensumständen am sozialen Rand von São Paulo dabei so nah und wirkt derart authentisch, wie es sonst meist nur im Dokumentarfilm gelingt. Axel Schock hat den neorealistisch anmutenden Film, der vergangenes Jahr mit einem Independent Spirit Award ausgezeichnet wurde, für uns gesehen.