Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Noch anfang der Achtzigerjahre reichte allein der Verdacht, nicht-heterosexuell zu sein, um als Träger gewisser Ämter und Würden in Verruf zu geraten. Von Günter Kießling, dem hochdekorierten Viersterne-General der Bundeswehr und stellvertretenden Oberkommandierenden der NATO, hieß es irgendwann, er sei schwul. Es blieb bei Gerüchten, der General wurde dennoch entlassen. Die "Affäre Kießling" erregte die Bundesrepublik wie kaum ein zweiter Skandal in der Amtszeit Helmut Kohls, und das allein will einiges heißen. Nach 35 Jahren hat nun ein Offizier der Bundeswehr die offizielle Chronik der Ereignisse geschrieben. Detlef Grumbach, der die Affäre einst journalistisch begleitete, hat das Buch mit dürftigem Erkenntnisgewinn gelesen – und sieht alte Denkfiguren noch immer am Werke.
Einfach Charlie

Einfach Charlie

Jetzt als DVD und VoD: Charlie ist 14 und liebt es, Fußball zu spielen. Gerade hat der Teenager das Angebot bekommen, in die Jugendabteilung eines Clubs in der ersten englischen Liga aufgenommen zu werden. Charlies Vater platzt fast vor Stolz, auch weil es einst sein eigener Traum war, Profifußballer zu werden. Für Charlie ist die Aussicht aber ein einziger Albtraum, denn "er" ist eigentlich ein Mädchen, dem bei der Geburt das Geschlecht "männlich" zugewiesen wurde. Als Charlie sich ihren Freunden und Eltern anvertraut, reagieren nicht alle mit Verständnis. Die britische Regisseurin Rebekah Fortune erzählt in "Einfach Charlie" nicht nur vom Suchen und Finden der eigenen Identität, sondern auch die Geschichte von Charlies Familie und dem sozialen Druck, den das mutige Coming-out auslöst. Samuel Benke hat sich den in seiner Realitätsnähe berührenden Coming-of-Age-Film für uns gesehen.
Michael Roes: Herida Duro

Michael Roes: Herida Duro

Nach "Der Coup des Berdache" (1999) kehrt der deutsche Schriftsteller Michael Roes zum Thema kulturell regulierter geschlechtlicher Ambivalenz zurück: Die Albanerin Herida Duro wird von ihrem Vater zum Mann erklärt, da ihre Eltern keinen männlichen Erben haben. Herida verlässt das karge Bergdorf ihrer Jugend und macht als Filmemacherin Karriere, zunächst im totalitären Regime des maoistischen Revolutionsführers Enver Hoxha, später in Rom. Vom eigenen Lebensglück abgeschnitten, vertieft sie sich in das Schicksal eines anderen fremdbestimmten Ausnahmemenschen – und dreht einen Film über die Jugend des Jesus von Nazareth.
Zwischen Sommer und Herbst

Zwischen Sommer und Herbst

Heute Abend läuft bei rbb QUEER eine lesbische Romanze aus Deutschland, genauer gesagt aus Ostwestfalen. Lena ist 17, gerade mit der Schule fertig und voller abenteuerlicher Zukunftspläne. Doch die geraten erst einmal gehörig durcheinander, als ihr eines Nachts am Familienkühlschrank Eva begegnet, die neue Freundin ihres Bruders Jonas. Regisseur Daniel Manns erzählt in "Zwischen Sommer und Herbst" (24h00 im rbb) eine zarte, authentische Geschichte über das Erwachsenwerden und zwei junge Frauen, die erst die eigenen Unsicherheiten überwinden müssen, um als Paar eine Chance zu bekommen. Jessica Ellen hat den Film für uns gesehen.
Acid

Acid

Sasha ist 20 und hat keinen richtigen Plan für sein Leben. Gerade ist sein Kumpel Vanya einfach so vom Balkon gesprungen. Nach der Beerdigung geht Sasha mit seinem besten Freund Pete und Freundin Karina erst mal in den Club, feiern. Dort lernen die drei den Künstler Vasilisk kennen, der ihnen Zuhause seine Arbeit vorführt: Er löst alte Politiker-Büsten in Säure auf. Am nächsten Morgen trinkt Pete einen Schluck der Flüssigkeit und landet im Krankenhaus. Als er wieder sprechen kann, findet er endlich Worte für das Chaos um sich. Das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin – bekannt aus seiner Zusammenarbeit mit Kirill Serebrennikov ("Leto", 2018) – ist ein abgründiges Porträt der Jugend im heutigen Russland. Den jungen Männern in "Acid" scheint es ökonomisch an nichts zu mangeln, emotional wirken sie jedoch verwahrlost und orientierungslos. Stefan Hochgesand über einen Not-Coming-of-Age-Film mit ätzender Wirkung, der in seiner teils virtuosen Filmsprache an das Frühwerk Xavier Dolans erinnert – und jetzt im Kino zu sehen ist.
Heute oder morgen

Heute oder morgen

Sommer in Berlin. Maria und Niels lieben sich, das Leben und die Freiheiten, die sie sich gegenseitig geben. Was morgen ist, interessiert nicht, es zählt nur der Moment. Dann treffen sie auf Chloe. Maria wagt den ersten Schritt, aus einem Flirt entwickelt sich schnell eine intensive Romanze zwischen den beiden Frauen. Niels wird Teil davon – und verfällt Chloe ebenso. Eine Ménage-à-trois, in der alles lustvoll ist. Doch dann stellt eine unerwartete Nachricht die Gefühle der drei Liebenden auf eine harte Probe. In seinem Debütfilm erzählt Thomas Moritz Helm ein modernes Berliner Sommermärchen fernab von konservativen Moralvorstellungen. Im Zentrum stehen drei junge Menschen, die nach einer neuen Definition von Liebe und Beziehung suchen. Nach seiner Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale startet der Film am 19. September im Kino und ist im August bereits in der queerfilmnacht zu sehen. Andreas Köhnemann hat ein Buch über sexuell ambivalente Dreiecksbeziehungen im Film geschrieben ("Liebe in alle Richtungen", 2016) – und sich "Heute oder morgen" angesehen.
Rupert Thomson: Never anyone but you

Rupert Thomson: Never anyone but you

Die 17-jährige Suzanne freundet sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit der etwas jüngeren Lucy an, Tochter eines jüdischen Zeitungsverlegers. Zunächst noch im Verborgenen entwickelt sich aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung, die das Leben der beiden prägen wird. Sie legen sich die geschlechtlich uneindeutigen Künstlernamen Claude Cahun und Marcel Moore zu, gehen nach Paris und erregen dort in den Zwanzigerjahre mit ihren radikal modernen Texten, Collagen und Fotografien erstes Aufsehen. Ihr Salon wird zum Treffpunkt für Surrealisten und Literaten, Dalí, Breton und Hemingway geben sich die Klinke in die Hand. Mit dem Dichter Robert Desnos tauscht sich Cahun über das damals revolutionäre Konzept aus, "dass Geschlecht zufällig ist und austauschbar" – und Identität wandelbar. Doch der um sich greifende Antisemitismus treibt sie aus der Metropole und auf der Kanalinsel Jersey, die sie auch noch verteidigen, als die Wehrmacht sie 1940 besetzt. Rupert Thomson zeichnet in seiner meisterhaften Romanbiografie das wechselvolle Leben der der beiden Frauen nach, die in ihrer Lebens- und Denkweise der Queer Theory um Jahrzehnte vorgriffen. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Wege zu Kraft und Schönheit

Wege zu Kraft und Schönheit

Was ist der vollkommene Körper – und wie erhält man ihn? Mit diesen Fragen setzte man sich bereits vor 100 Jahren auseinander. Nach dem Motto "Ein gesunder Geist lebt in einem gesunden Körper" zielt der Kulturfilm "Wege zu Kraft und Schönheit" (1925) auf die Wiederaneignung eines körperlichen Idealzustandes nach Vorbild der Antike ab und propagiert dazu vor allem die körperliche Ertüchtigung. In den 20er Jahren traf der didaktische Lehrfilm in sechs Kapiteln einen Nerv der Zeit und war Ausdruck eines neuen Körperbewusstseins, das sich in Form der Lebensreformbewegung und des Naturalismus etabliert hatte. Der Film ist aber auch ein wertvolles filmhistorisches Dokument, das als ideologischer Vorläufer des nationalsozialistischen Körperkultes angesehen werden kann, wie er später etwa in Propagandafilmen von Leni Riefenstahl zelebriert wurde. Nachdem "Wege zu Kraft und Schönheit" jahrzehntelang nur zensiert verfügbar war, erscheint der Film nun wissenschaftlich rekonstruiert, digital restauriert und erstmals in seiner vollständigen Fassung auf DVD und ist auch als VoD verfügbar. Andreas Wilink folgt den Spuren eines Klassikers des UFA-Kulturfilms.
Tiefe Wasser

Tiefe Wasser

Morgen Abend ist Tomasz Wasilewskis visuell meisterhaftes Drama "Tiefe Wasser" als Free-TV-Premiere bei rbb QUEER zu sehen (23h30 im rbb). Dessen Held ist ein Leistungsschwimmer in Polen, der sich unter dem Druck seiner Umwelt einen Lebens- und Liebesspielraum zu erobern versucht. Das Wasser ist sein Element, er taucht unter, schwimmt sich frei, lässt sich treiben. Aber wie in der berühmten Volksballade der Königskinder ist auch in diesem Film das Wasser kein Ort, an dem zwei Liebende zusammenkommen können. Eine Filmbesprechung als motivischer Vergleich von Gunther Geltinger.
Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstrationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kommt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung als DVD heraus und ist nun auch als VoD zu sehen. Matthias Frings über "Before Stonewall" und dessen historische Bedeutung.