Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer

Ulrike Heider: Der Schwule und der Spießer

Als links engagierte Studentin und Hausbesetzerin war die Journalistin Ulrike Heider mit ein paar zornigen jungen Männern befreundet, die 1971 in Frankfurt am Main die Politgruppe RotZSchwul (Rote Zelle Schwul) gründeten. Die beginnende Schwulenbewegung erschien Heider wie eine zweite 68er-Revolte: Provokation, sexueller Hedonismus und spielerische Aktionsformen knüpften ebenso an den Antiautoritarismus von 1968 an wie an die radikale Kritik an der Gesellschaft. Über diese Zeit hat sie nun ein vielstimmiges Erinnerungsbuch geschrieben. Roter Faden dabei ist das provokative Leben und politische Wirken eines engen Freundes, des 1992 an Aids verstorbenen Lyrikers Albert Lörken. Boris von Brauchitsch hat den berührenden Zeitzeuginnenbericht für uns gelesen.
Booksmart

Booksmart

Molly und Amy sind beste Freundinnen und die Streberinnen ihrer Highschool. Am Tag vor der Vergabe der Abschlusszeugnisse stellt Molly mit Entsetzen fest, dass es auch ihre Mitschüler*innen an die besten Unis des Landes geschafft haben, obwohl die zuvor doch eigentlich nur Feiern im Kopf hatten. Die beiden beschließen, in den letzten verbleibenden Stunden ihrer Schülerinnen-Karriere alle verpassten Exzesse nachzuholen uns stürzen sich in eine epische Party-Nacht. Schauspielerin Olivia Wilde ("Dr. House") verpasst mit ihrem rasant inszenierten Regiedebüt der zuletzt etwas angestaubten Highschool-Komödie eine Frischzellenkur, bei der Queersein kein Problemthema mehr ist. Unsere Autorin Beatrice Behn findet das eigentlich ganz smart, hätte sich aber für die nicht-heterosexuellen Figuren etwas mehr Emanzipation gewünscht.
Searching Eva

Searching Eva

In ihrem Langfilmdebüt "Searching Eva" porträtiert Pia Hellenthal die in Berlin lebende Italienerin Eva Collé, die seit Jahren ihre Follower im Internet und auf Social-Media-Kanälen an ihrem Alltag mit allen Höhen und Tiefen teilhaben lässt – und dabei auch intimste Details nicht ausspart. Eva lebt vielfältige Identitäten, sie ist Katzenbesitzerin, Dichterin, Sexarbeiterin, Bisexuelle, Ex-Junkie, Feministin, Anarchistin, Model. Ihre Realität ist virtuell und das Leben eine subjektive Konstruktion unter eigener Regie. Beatrice Behn über einen hybridartigen Film mit einer höchst queeren und im besten Sinne schamlosen Protagonistin.
Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Fabian Hischmann: Alle wollen was erleben

Nach zwei Romanen hat Fabian Hischmann jetzt die Story-Sammlung "Alle wollen was erleben" veröffentlicht. Anders als in Neil Postmans Klassiker "Wir amüsieren uns zu Tode" liegt der Akzent dieses Bands auf dem "Wollen" – denn wie sich in der Komfortzone der Ersten Welt ein gutes Leben gestalten ließe, kann kaum eine der Figuren Hischmanns beantworten. Unser Rezensent Christian Lütjens meint: Ein Meisterstück der mehrdimensionalen Diversität in 13 Teilen.
Giant Little Ones

Giant Little Ones

Franky und Ballas sind seit Ewigkeiten beste Freunde. Die Stars des Schwimm-Teams sind beliebt in der Highschool und begehrt bei den Mädchen. Doch als sich die beiden im betrunkenen Zustand sexuell näherkommen, ist plötzlich alles anders: Ballas will mit Franky nichts mehr zu tun haben und die Gerüchteküche in der Schule brodelt. Franky erlebt Mobbing und Gewalt, aber auch eine neue Nähe zu seinem Vater, der selbst seit einigen Jahren schwul lebt. Allmählich wird dem Teenager klar, wer er sein möchte. Keith Behrmans "Giant Little Ones" wurde nach seiner gefeierten Weltpremiere in Toronto vielfach ausgezeichnet – und läuft im November in der queerfilmnacht. Christian Lütjens über einen außergewöhnlichen Coming-of-Age-Film, der mit leuchtenden Bildern und mitreißenden Darsteller*innen Herzen und Horizonte öffnet.
Heute oder morgen

Heute oder morgen

Sommer in Berlin. Maria und Niels lieben sich, das Leben und die Freiheiten, die sie sich gegenseitig geben. Was morgen ist, interessiert nicht, es zählt nur der Moment. Dann treffen sie auf Chloe. Maria wagt den ersten Schritt, aus einem Flirt entwickelt sich schnell eine intensive Romanze zwischen den beiden Frauen. Niels wird Teil davon – und verfällt Chloe ebenso. Eine Ménage-à-trois, in der alles lustvoll ist. Doch dann stellt eine unerwartete Nachricht die Gefühle der drei Liebenden auf eine harte Probe. In seinem Debütfilm erzählt Thomas Moritz Helm ein modernes Berliner Sommermärchen fernab von konservativen Moralvorstellungen. Im Zentrum stehen drei junge Menschen, die nach einer neuen Definition von Liebe und Beziehung suchen. Andreas Köhnemann hat ein Buch über sexuell ambivalente Dreiecksbeziehungen im Film geschrieben ("Liebe in alle Richtungen", 2016) – und sich "Heute oder morgen", den es jetzt als DVD und VoD gibt, angesehen.
Der Boden unter den Füßen

Der Boden unter den Füßen

Neu als DVD und VoD: Mit Ende 20 glaubt Lola ihr Privatleben ebenso fest im Griff zu haben wie ihren Job als Unternehmensberaterin. Niemand weiß von ihrer schizophrenen Schwester Conny und der Geschichte psychischer Krankheit, die sich durch ihre Familie zieht. Und auch die Affäre zu ihrer Teamleiterin Elise hält sie erfolgreich geheim. Doch als Lola die Nachricht bekommt, dass Conny einen Suizidversuch nur knapp überlebt hat, drohen all ihre Geheimnisse ans Licht zu kommen... In ihrem neuen Film erzählt die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer ("Die Vaterlosen", "Was hat uns bloß so ruiniert") die Geschichte einer jungen Frau, der nach und nach die Kontrolle über ihr allzu streng strukturiertes Leben entgleitet. Neben Lola-Darstellerin Valerie Pachner, die in Kürze auch in der weiblichen Hauptrolle des neuen Films von Terrence Malick ("Ein verborgenes Leben") zu sehen sein wird, glänzen Pia Hierzegger ("Wilde Maus") und Mavie Hörbinger ("Sommerhäuser"). Cosima Lutz hat Kreutzers präzisen Entfremdungs-Thriller gesehen – und entdeckt darin ein abgründiges Spiegelkabinett weiblicher Selbstbilder.
Porträt einer jungen Frau in Flammen

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Eine einsame Insel vor der Küste der Bretagne im Jahr 1770. Die Pariser Malerin Marianne soll ein Porträt der jungen Adelstochter Héloïse anfertigen, um einen Edelmann im fernen Mailand von seiner zukünftigen Frau zu überzeugen. Weil sich Héloïse weigert, Modell zu sitzen, arbeitet Marianne inkognito: Sie beobachtet Héloïse während ihrer gemeinsamen Spaziergänge an der Küste und malt abends aus dem Gedächtnis heraus das Bild. Doch je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto stärker bricht sich ein tiefes Begehren Bahn. Céline Sciammas atemberaubendes Liebesdrama macht aus Noémie Merlant und Adèle Haenel ein neues ikonisches Filmpaar, wurde im Mai in Cannes von der Kritik gefeiert und mit der Queer Palm sowie dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Christian Weber über ein feministisches Meisterwerk, das mit konventionellen Blickhierarchien bricht und ein nicht zu bändigendes Feuer legt.
Mein heimliches Auge: Interview mit Claudia Gehrke

Mein heimliches Auge: Interview mit Claudia Gehrke

Claudia Gehrke ist eine der letzten legendären Gestalten der deutschen Verlagslandschaft. In den 70er-Jahren war die intellektuelle und politische Diskussion in Deutschland von einer Handvoll Zeitschriften geprägt, von denen ihr „Konkursbuch“ beinahe als einzige bis heute überlebte. Bald entstand um die Zeitschrift herum ein Verlag, in dem ungewöhnliche sexuelle Perspektiven stets eine große Rolle spielten. Das berühmteste Produkt des Konkursbuch-Verlags in Tübingen ist jedoch das 1982 gegründete Jahrbuch „Mein heimliches Auge“. Über diese Geschichte dieses Jahrbuchs sprachen wir mit Verlegerin Claudia Gehrke.
Westler

Westler

Berlin, Mitte der 1980er Jahre. ‚Westler’ Felix und Thomas aus Ostberlin leben nur wenige Kilometer voneinander entfernt – und doch in zwei unterschiedlichen Welten. Zwischen ihnen liegt die Berliner Mauer, pro Woche können sie sich nur einen Tag sehen und pro Tag nur vier, fünf Stunden. Irgendwann weiß Thomas nur noch einen Ausweg: die Flucht aus der DDR, über Prag in den Westen, zu Felix. Regisseur Wieland Speck und sein Team mussten 1985 im Ostteil Berlins zum Teil mit versteckter Kamera drehen. 34 Jahren nach seiner Entstehung erscheint "Westler", ein Klassiker des Queeren Kinos, jetzt in digital restaurierter Fassung als DVD und VoD. Andreas Wilink hat sich den grenzenüberschreitenden Liebesfilm noch einmal angesehen und fühlt sich zurücktransportiert in die alte Mauerstadt.