Verfehlte Orte: Interview mit Christoph Geiser

Verfehlte Orte: Interview mit Christoph Geiser

Christoph Geiser, geboren 1949 in Basel, wurde als Spross einer alten Schweizer Familie mit autobiografisch geprägten Romanen schnell berühmt. "Wüstenfahrt" (1984), sein literarisches Coming-out, leitete die erste Wende in seiner Schriftstellerlaufbahn ein. Es folgten Auseinandersetzungen mit Caravaggio, de Sade, Goethe und Piranesi, dann wieder Autobiografisches. So ist in 50 Jahren ein Werk entstanden, das so abwechslungsreich ist wie das richtige Leben und mindestens so intensiv und leidenschaftlich. Dabei ist Geisers Ringen mit dem literarischen Ausdruck und der Sinnhaftigkeit des Schreibens stets ebenso präsent wie die Durchdringung der gesellschaftlichen Wirklichkeit aus der Perspektive des Außenseiters. Wir haben das Erscheinen des Erzählbands "Verfehlte Orte" zum Anlass für ein Gespräch mit dem Autor genommen.
Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstrationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kehrt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung auf die große Leinwand zurück. Matthias Frings hat sich "Before Stonewall" noch einmal angesehen und erinnert an dessen eigene, historische Bedeutung.
Mark Merlis: Halbstark

Mark Merlis: Halbstark

Das schwule Bewegungsgedächtnis reicht bei den meisten von uns mit Ach und Krach bis zu den Stonewall Riots vor 50 Jahren zurück. Mark Merlis geht in seinem neuen Roman „Halbstark“ weiter zurück: in die frühen Sechzigerjahre, als New York noch ein chaotischer Moloch war, mit Stadtvierteln, um die selbst die Polizei einen weiten Bogen machte. Im Mittelpunkt seines Buchs steht der jüdische Intellektuelle Jonathan Ascher, der dem spießigen Alltag seine revolutionären Ideen entgegenstellt und für kurze Zeit zur landesweiten Berühmtheit wird. Gabriel Wolkenfeld, Jahrgang 1985, hat das Buch gelesen.
Jan Stressenreuter: Weil wir hier sind

Jan Stressenreuter: Weil wir hier sind

20 Jahre lang war Jan Stressenreuter ein literarischer Seismograf der schwulen Szene in Deutschland. Seine Bücher näherten sich dem Lebensgefühl seiner Generation aus immer wieder neuen, verblüffenden Richtungen an und hatten doch alle eins gemeinsam: Man merkte, hier schreibt jemand über Themen, die ihn selbst angehen, nicht abgehoben oder besserwisserisch, sondern bodenständig und im besten rheinischen Ton. Wenige Monate nach seinem plötzlichen Tod ist sein letzter, dystopischer Roman erschienen. Christian Lütjens hat ihn gelesen und verknüpft seine Besprechung mit einem persönlichen Nachruf.
Kim hat einen Penis

Kim hat einen Penis

Kim und ihr Freund Andreas sind irgendwie glücklich. Doch Kim will mehr. Sie will einen Penis. Nicht, weil sie gerne ein Mann wäre, sondern einfach nur, weil sie neugierig ist und das der Beziehung vielleicht einen neuen Kick geben könnte. Im neuen Film von Philipp Eichholtz geht das auch ganz einfach: Ab in die Schweiz, wo die Bestimmungen lockerer sind, ein paar Stunden in der Tagesklinik und mit einem Schwanz retour nach Berlin. Und dann mal sehen, was dieses zusätzliche Körperteil so macht mit einem, dem Alltag und dem Freund. Um eine Geschichte über weibliche Selbstverwirklichung zu erzählen, bedient sich Eichholtz eines aus Gender- und Queer-Perspektive erschreckend naiven Plots. Sein Film ist dabei zwar nicht direkt homo- oder transphob, findet unser Autor Stefan Hochgesand, aber in einer per se transphoben Gesellschaft riskiert Eichholtz mit seiner kaum reflektierten Sex- und Geschlechterkomödie erhebliche Kollateralschäden.
Konsequenzen

Konsequenzen

Neu als DVD und VoD: Weil er sich nicht an Regeln halten kann, landet Andrej erst vor Gericht und dann in einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Unter den Teenagern dreht sich alles um Drogen, Sex und Gewalt. Und es herrscht eine klare Hackordnung, an deren Spitze der brutale und unberechenbare Gangleader Željko steht. Andrej und Željko geraten sofort aneinander, doch aus der Rivalität wird bald eine Kameradschaft, in der sich Andrej klar unterordnet. Doch je länger die beiden Zeit zusammen totschlagen, desto mehr fühlt sich Andrej auch körperlich zu Željko hingezogen... Fesselnd und authentisch erzählt "Konsequenzen" von unterdrücktem sexuellem Begehren und Teenage Angst, von den rohen Impulsen des Heranwachsens und den Unsicherheiten, die darunter liegen. Für seinen schonungslosen Debütfilm konnte Regisseur Darko Štante auf eigene Erfahrungen als Lehrer in einem slowenischen Jugendgefängnis zurückgreifen. Philipp Stadelmaier schreibt für uns über einen rauen und vor homosexueller Potenz strotzenden Coming-of-Age-Film, in dessen Zentrum ein jungen Mann steht, der versucht, ein guter Hetero zu sein, obwohl es vielleicht nichts gibt, was ihm weniger liegt.
Studio 54 – The Documentary

Studio 54 – The Documentary

Wilde Partys, Drogenexzesse und hemmungsloser Sex – das New Yorker Studio 54 war der berühmteste Nachtclub der späten 1970er Jahre. Mit seinen ausschweifenden Feiern zog er Weltstars wie Michael Jackson, Andy Warhol und Liza Minelli in seinen Bann. Mark Christopher hat in seinem legendären Spielfilm "Studio 54" (1998/2015) dem Club und seinem 1989 verstorbenen Co-Gründer Steve Rubell, dargestellt von Mike Myers, ein Denkmal gesetzt. Über 30 Jahre nach der Schließung des Clubs im Jahr 1986 erzählt Matt Tyrnauer nun in seinem gleichnamigen Dokumentarfilm vom Aufstieg und Niedergang des Mythos "Studio 54" – und konnte dafür u.a. erstmals den zweiten Gründer, Ian Schrager, für ein ausführliches Interview gewinnen. Andreas Köhnemann über das vielschichtige Porträt eines Urorts nicht-heterosexueller Partykultur, das im Juni exklusiv in der queerfilmnacht auf der großen Leinwand zu sehen ist.
It’s My Party

It’s My Party

Fast zwei Jahrzehnte war Regisseur Randal Kleiser in Hollywood zuständig für massenkompatible Familienunterhaltung, er machte mit dem Musical "Grease" (1978) Olivia Newton-John zum Weltstar und sorgte mit "Die blaue Lagune" (1980) für feuchte Teenagerträume. 1995 aber verfilmte er mit "It’s My Party" einen ganz persönlichen Stoff: die Geschichte seines Aids-kranken Lebensgefährten Harry Stein, der wenige Jahre zuvor nach einem Fest mit seinen Freunden seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Anlässlich der deutschen Erstveröffentlichung des Films auf DVD und Blu-ray geht Axel Schock der Frage nach, warum "It’s My Party" trotz eigentlich idealer Grundvoraussetzungen im Gegensatz zu "Philadelphia" ein so wenig beachteter Aids-Film geblieben ist.
Rafiki

Rafiki

Neu als DVD & VoD: "Gute kenianische Mädchen werden gute kenianische Ehefrauen" – Kena lernt schon früh, was von Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland erwartet wird: artig sein und sich dem Willen der Männer fügen. Doch die selbstbewusste Kena lässt sich nicht vorschreiben, wie sie zu leben hat. So freundet sie sich auch mit der hübschen Ziki an, obwohl ihre Väter politische Konkurrenten sind. Das Gerede im Viertel ist den Mädchen zunächst ziemlich egal. Doch als sich Kena und Ziki ineinander verlieben, müssen sie sich entscheiden: zwischen der vermeintlichen Sicherheit, ihre Liebe zu verbergen, und der Chance auf ihr gemeinsamen Glück. "Rafiki" – der Titel bedeutet auf Suaheli „Freund(in)“ – ist der erste kenianische Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. In Kenia selbst, wo Homosexualität noch immer unter Strafe steht, wurde der Film zunächst mit einem Aufführungsverbot belegt, das erst nach einer Klage der Regisseurin gelockert wurde. Beatrice Behn geht in ihrer Besprechung den Ursprüngen der homophoben Ordnungen auf den Grund, die noch immer in weiten Teilen Afrikas herrschen – und feiert den lesbischen Liebesfilm als mitreißende Utopie, die tief in afrikanischen Traditionen verwurzelt ist.
OJ & ER: #ichwillihnberühren

OJ & ER: #ichwillihnberühren

Die Sozialen Medien haben die Suche nach Sex und Liebe bekanntermaßen radikal verändert. In dem Buch "#ichwillihnberühren" des anonymen Autorenduos OJ und ER lässt sich nun ein besonders skuriller Fall nachlesen, in dem das Netz mobiler Appnutzer selbst noch auf der Bettkante gegenwärtig ist und ins Liebesgeschehen miteingreift. Axel Schock geht dem Dokument einer ungewöhnlichen und zu Herzen gehenden Romanze auf die Spur.