In memoriam: Hans Stempel und Martin Ripkens

In memoriam: Hans Stempel und Martin Ripkens

Hans Stempel und Martin Ripkens waren über 55 Jahre ein Paar. Sie lebten und arbeiteten zusammen, haben sich als Filmkritiker und -scouts leidenschaftlich für das internationale Autorenkino und gegen die homophoben Strukturen innerhalb der deutschen Filmbranche engagiert – und  eigene Filme über schwules Leben und homosexuelle Geschichte gemacht. Martin starb 2012 im Alter von 78. Hans folgte ihm vor wenigen Tagen, am 11. Februar dieses Jahres, er wurde 94 Jahre alt. Wir erinnern an die zwei Vorreiter der schwulen, politisch bewussten Filmkultur mit einem Text, den die beiden im Jahr 2008 für das Programmheft der Teddy-Awards verfasst haben, wo sie für ihr breites Engagement mit einem Spezialpreis geehrt wurden.
Philipp Stadelmaier: Queen July

Philipp Stadelmaier: Queen July

Bereits in seinen Theaterstücken „Black Square“ und „Vanishing Points“ hat sich Filmkritiker und sissy-Autor Philipp Stadelmaier mit dem Aufeinanderprallen von bürgerlicher Wohlständigkeit und politischer Wirklichkeit auseinandergesetzt. Auch sein Debütroman „Queen July“ zielt auf den Clash zwischen Erster und Dritter Welt. Aziza hat ihre Jugendliebe Strehler nie vergessen, auch nicht in Dschibuti, wo sie seit ein paar Jahren lebt. Als Strehler plötzlich wieder in ihr Leben kracht, verwickelt sich Aziza in Schwärmereien, die nur ihre neue Pariser Bekannte July zu entwirren vermag, bei der sie den Sommer verbringt. Christian Lütjens hat „Queen July“ für uns gelesen.
Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Nach einem Unwetter nimmt die Farmerswitwe Agnes die Identität des katholischen Missionars Father Damien an und leitet bis ins hohe Alter eine kleine Gemeinde im Indianerreservat. Der bereits vor 20 Jahren verfasste Roman "Die Wunder von Little No Horse" der amerikanischen Autorin Louise Erdrich dringt tief in die Persönlichkeit seiner Heldin ein, die ihr wahres Geschlecht verleugnet, um Gott zu dienen. Der Vergleich zu Michael Roes' Roman "Herida Duro" (2019) drängt sich auf und zeigt große Unterschiede. Michael Sollorz ist Louise Erdrich in die Trostlosigkeit des Indianerreservats gefolgt.
Taxi zum Klo

Taxi zum Klo

Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1980 löste "Taxi zum Klo" in den Kinos der braven Bundesrepublik einen Skandal aus – und wurde kurz darauf spektakulär mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Heute gilt der authentische und schamlose schwule Liebesfilm als einer der großen Klassiker des queeren Kinos aus Deutschland. Der Regisseur und Hauptdarsteller Frank Ripploh, der als Lehrer an einer Schule in West-Berlin arbeitete, bis sein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität ihn seinen Posten kostete, erzählt darin seine eigene Lebensgeschichte. Philipp Stadelmaier über einen Film, der in seiner Darstellung einer souveränen schwulen Hauptfigur der Zeit weit voraus war – und selbst heute noch progressiv wirkt.
Casta Diva: Interview mit Rainer Falk und Sven Limbeck

Casta Diva: Interview mit Rainer Falk und Sven Limbeck

Große Gefühle, wuchtige Kostüme, Gesten voller Leidenschaft. Viele Schwule lieben die Welt der Oper. Nun ist endlich der erste „schwule Opernführer“ erschienen, in jeder Hinsicht ein Gemeinschaftsprojekt der Gay Community: 30 Opernfans haben die Herausgeber Rainer Falk und Sven Limbeck beim Verfassen der Analysen von 157 Opern von zirka 100 Komponisten tatkräftig unterstützt, die Finanzierung des edel ausgestatteten Buchs wurde durch Crowdfunding ermöglicht. Wir sprachen mit Rainer Falk und Sven Limbeck über dieses Großereignis.
Darkroom – Tödliche Tropfen

Darkroom – Tödliche Tropfen

In seinem neuen Film "Darkroom - Tödliche Tropfen" befasst sich Rosa von Praunheim mit einem wahren Kriminalfall aus der jüngsten Vergangenheit Berlins. Während der Krankenpfleger Lars mit seinem Freund Roland eine scheinbar perfekte Beziehung führt, treibt er sich heimlich im Nachtleben umher, mordet und experimentiert mit tödlichen Substanzen. Der diesjährige Eröffnungsfilm des Filmfestivals Max Ophüls Preis setzt nicht auf Hochglanz, sondern auf sein gut eingespieltes Hauptdarsteller-Duo. Stefan Hochgesand hat sich in die filmische Blackbox begeben und neben ekligen Momenten auch Paradiesisches entdeckt.
Das melancholische Mädchen

Das melancholische Mädchen

Jetzt als DVD und VoD: Auf der Suche nach einem Schlafplatz streift das melancholische Mädchen durch die Großstadt. Unterwegs begegnet sie jungen Müttern, die ihre Mutterschaft als religiöses Erweckungserlebnis feiern, findet Unterschlupf bei einem abstinenten Existentialisten, für den Sex "auch nur noch ein Markt" ist, und wartet in einer Drag Bar "auf das Ende des Kapitalismus". Statt sich zu bemühen hineinzupassen, fängt das Mädchen an, ihre Depression als Politikum zu betrachten. In 15 komischen Begegnungen erforscht Susanne Heinrich in ihrem gefeierten Debütfilm die postmoderne, neoliberale Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self Marketing, Ernüchterung und Glückszwang. "Das melancholische Mädchen" verbindet Pop und Theorie und ist voll von Zitaten, die man in Neonbuchstaben auf Werbetafeln leuchten sehen will. Beatrice Behn über eine feministiche Komödie, die sich nicht nur der Kino-üblichen männlich-normativen Blickführung verweigert, sondern auch den Ordnungen der konventionellen Filmkritik.
Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Es ist noch immer eine Ausnahme, dass heterosexuelle Autoren und Autorinnen sich ihre Hauptfiguren in der queeren Vielfalt suchen. „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel ist eine solche Ausnahme und verdient deshalb Beachtung, zumal der Roman von der Jury des Deutschen Buchpreises in Betracht gezogen wurde. Tilman Krause über die hochgelobte Liebes- und Familiengeschichte der 1992 geborenen Schriftstellerin.
Nevrland

Nevrland

Neu als DVD, Blu-Ray und VoD: Jakob ist 17, arbeitet als Aushilfskraft in einem Schlachthof und kämpft mit einer lähmenden Angststörung. Als er in einem Sex-Cam-Chat den 26-jährigen Künstler Kristjan kennenlernt, beginnt für ihn eine transpersonale Reise nach Nevrland und zu den Wunden seiner Seele. Bildgewaltig und atmosphärisch dicht zeigt der österreichische Regisseur Gregor Schmidinger in seinem ersten Langfilm "Nevrland" den Prozess des sexuellen Erwachens und der Selbstfindung als existentiellen Trip, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantasie immer mehr verwischen. Newcomer Simon Frühwirth wurde für seine Rolle als Jakob bereits mehrfach ausgezeichnet. Sebastian Markt über einen tiefenpsychologisch fundierten Coming-of-Age-Film über den Mut, man selbst zu sein, und die gewaltige Angst, die oft davor liegt.
Joe Brainard: Ich erinnere mich

Joe Brainard: Ich erinnere mich

Seit Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (1913-1927) gilt vielen Schriftsteller*innen die eigene Erinnerung als besonders legitime Quelle von Literatur, und Proust war der Geruch von Urin in der Spargelzeit ebenso "literaturwürdig" wie der Duft der Madeleine zum Lindenblütentee. Fünfzig Jahre nach Prousts Tod veröffentlichte der 1941 in Arkansas geborene und 1994 an einer durch Aids verursachten Lungenentzündung verstorbene Künstler und Autor Joe Brainard seine ganz persönlichen Erinnerungen an vergangene Empfindungen: "Ich erinnere mich" erzählt keine Geschichte, sondern präsentiert Erinnerungen pur, die jedoch, folgt man Rezensent Axel Schock, in ihrer Gesamtheit das faszinierende Porträt einer aufwühlenden Epoche ergeben.