Kritiken (Film)

Nina

Nina

Nina ist Mitte 30, Lehrerin und mit Wojtek verheiratet. Die Ehe der beiden hat schon vor einiger Zeit einen toten Punkt erreicht. Um die Beziehung zu retten, suchen sie nach einer Leihmutter, die ihr gemeinsames Kind zur Welt bringen soll. Mit der jungen Magda, die offen lesbisch lebt, scheinen sie endlich die ideale Kandidatin gefunden zu haben. Doch als sich Nina in Magda verliebt, wird alles, was in Ninas Leben vorher wichtig war, plötzlich bedeutungslos. Regisseurin Olga Chajdas fängt das komplizierte Beziehungsgeflecht ihrer drei Hauptfiguren mit großer Intimität ein und nähert sich nach und nach dem lesbischen Begehren einer jungen Frau an, die im Polen der Gegenwart bis dahin in gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen gefangen war. Für ihr subtil politisches Regiedebüt wurde Chajdas u.a. mit dem renommierten Big Screen Award auf dem Internationalen Filmfestival Rotterdam. Alexandra Seitz über einen Film der Blicke und Gesten, der subtilen Andeutungen, Auslassungen und Ambivalenzen.
Konsequenzen

Konsequenzen

Im April in der queerfilmnacht: Weil er sich nicht an Regeln halten kann, landet Andrej erst vor Gericht und dann in einer Besserungsanstalt für Jugendliche. Unter den Teenagern dreht sich alles um Drogen, Sex und Gewalt. Und es herrscht eine klare Hackordnung, an deren Spitze der brutale und unberechenbare Gangleader Željko steht. Andrej und Željko geraten sofort aneinander, doch aus der Rivalität wird bald eine Kameradschaft, in der sich Andrej klar unterordnet. Doch je länger die beiden Zeit zusammen totschlagen, desto mehr fühlt sich Andrej auch körperlich zu Željko hingezogen... Fesselnd und authentisch erzählt "Konsequenzen" von unterdrücktem sexuellem Begehren und Teenage Angst, von den rohen Impulsen des Heranwachsens und den Unsicherheiten, die darunter liegen. Für seinen schonungslosen Debütfilm konnte Regisseur Darko Štante auf eigene Erfahrungen als Lehrer in einem slowenischen Jugendgefängnis zurückgreifen. Philipp Stadelmaier schreibt für uns über einen rauen und vor homosexueller Potenz strotzenden Coming-of-Age-Film, in dessen Zentrum ein jungen Mann steht, der versucht, ein guter Hetero zu sein, obwohl es vielleicht nichts gibt, was ihm weniger liegt.
Just Friends

Just Friends

Jetzt als DVD und VoD: Yad hat gerade sein Medizinstudium in Amsterdam geschmissen und kommt für ein paar Monate in die Kleinstadt, in der seine syrisch-stämmigen Eltern leben. Weil er in seinem alten Job als Surflehrer nicht mehr unterkommt, verdient er sich als Haushaltskraft bei der rüstigen alten Dame Ans etwas Geld dazu. Eines Nachmittags sitzt Ans attraktiver Enkel Joris am Tisch. Nach ersten Startschwierigkeiten lassen die beiden zusammen Drohnen steigen, daten stilecht im American Diner und versuchen zu surfen, ohne zu nass zu werden. Doch als sich der Sommer dem Ende zuneigt, müssen sie entscheiden, ob aus dem Flirt mehr werden kann oder ob sie doch nur Freunde bleiben. Ellen Smit und Henk Burger lassen in ihrer rasant geschriebenen Romantic Comedy nicht nur ein hinreißendes Paar zueinanderkommen, sondern auch eine ganze Reihe herrlich skurriler Nebenfiguren auftreten. In "Just Friends" geht es um die große Liebe und ganz nebenbei auch um richtige und falsche Zukunftspläne, überbesorgte und unbekümmerte Mütter, kulturelle Vorurteile, unverarbeitete Trauer und den Abschied von der Kindheit. Andreas Köhnemann über einen umwerfend charmanten schwulen Sommerfilm, der glücklich macht.
Sauvage

Sauvage

Ab jetzt im Kino: In seinem ersten Langfilm erzählt Camille Vidal-Naquet die Geschichte des 22-jährigen Léo, der in Straßburg lebt und als Stricher arbeitet. Nachts lässt sich Léo durch die Stadt treiben, tagsüber schläft er irgendwo für ein paar Stunden. Wenn es Ärger mit Freiern gibt, hilft ihm sein bester Freund Ahd. Aber der Partner, nach dem Léo sich sehnt, kann Ahd nicht für ihn sein. Für seine kompromisslose Darstellung eines jungen Mannes zwischen körperlicher Selbstausbeutung und einer unstillbarer Sehnsucht nach menschlicher Nähe wurde Félix Maritaud in Cannes mit dem Rising Star Award ausgezeichnet und als neue Hoffnung des französischen Kinos gefeiert. Unser Autor Sascha Westphal fühlt sich bei Léos rastloser Suche an die Hauptfiguren in Patrice Chéreaus "Der verführte Mann" (1983) und André Téchinés "Ich küsse nicht" (1991) erinnert – und nähert sich der zarten Rohheit von Vidal-Naquets Porträt deswegen über einen Rekurs auf das stolze Genre des französischen Stricherfilms an.
Helmut Berger, meine Mutter und ich

Helmut Berger, meine Mutter und ich

"Was macht eigentlich Helmut Berger?", fragt sich Bettina Vorndamme, Filmfan in den besten Jahren – und googelt los. Im Netz der Schock: Skandalauftritte, Dschungelcamp, Alkoholsucht! Der Schauspielstar aus "Die Verdammten" und "Ludwig II.", einstmals "schönster Mann der Welt", scheint nur noch ein Schatten seiner Selbst zu sein. Die Finanzcontrollerin aus Niedersachsen beschließt kurzerhand, den Niedergang zu stoppen. Mit Hilfe ihrer Tochter nimmt sie Kontakt nach Salzburg auf. Und kurz darauf sitzt die Schauspielikone tatsächlich auf dem Sofa ihres Bauernhauses und trinkt Kaffee aus Omas Sammeltassen. Filmemacherin Valesca Peters begleitet das Kennenlernen zwischen ihrer Mutter und dem eigenwilligen Schauspieler mit der Kamera – und nähert sich dem Menschen Helmut Berger dabei selbst immer mehr an. Entlang von Peters' Film und Bergers über 50 Jahre umspannenden Karriere spinnt unser Autor Sascha Westphal ein Geflecht aus Filmbildern, Gedanken und Figuren, in dessen Zentrum ein Schauspieler steht, der ein Geschöpf seiner eigenen Erinnerungen geworden ist. Ab morgen ist "Helmut Berger, meine Mutter und ich" im Kino zu sehen.
Freak Show

Freak Show

Billy Bloom will nur eins in seinem Leben: fabelhaft sein! Für den frühreifen Teenager heißt das, größten Wert auf die richtige Kleidung, auf Haare und Make-up zu legen, perfekten Sinn für den besonderen Auftritt zu haben und vor allem nie langweilig zu sein. In der konservativen US-Kleinstadtschule, in die ihn sein steinreicher Vater gesteckt hat, stößt Billy mit seinem Charisma auf breites Unverständnis und offenes Mobbing. Nachdem ihn eine Gruppe homophober Mitschüler krankenhausreif geprügelt hat, holt Billy zum Gegenschlag aus – und erklärt seine Kandidatur zur Homecoming Queen. Als High-School-Film getarnt, erzählt "Freak Show" mit campem Humor, skurrilen Nebenfiguren und viel Herz die Außenseitergeschichte eines sonderbaren Jungen als nicht-heterosexuelles Selbstermächtigungs-Märchen. In Trudie Stylers Regiedebüt glänzen neben dem britischen Nachwuchsstar Alex Lawther ("Departure") auch Abigail Breslin ("Little Miss Sunshine") als biestige Chef-Cheerleaderin und Schauspielikone Bette Midler als Billys exzentrische, aber weitgehend abwesende Mutter Muv. Anja Kümmel über einen extravaganten Coming-of-Age-Film, der eine Lanze für die Magie des schillernden Andersseins bricht – und im März in der queerfilmnacht zu sehen ist.
Princess Cyd

Princess Cyd

Neu als DVD und VoD: Die 16-jährige Cyd besucht in den Sommerferien ihre Tante Miranda, eine bekannte Schriftstellerin, in Chicago. Während Cyd den ganzen Tag Fußball spielen und sich im Garten sonnen möchte, sitzt Miranda am liebsten hinterm Schreibtisch und arbeitet an ihren Texten. Auch beim Thema Liebe gehen die beiden andere Wege: Cyd erkundet gerade ihr sexuelles Begehren und verliebt sich in die smarte Kellnerin Katie; Miranda hingegen ist Langzeit-Single und hat scheinbar kein Bedürfnis, daran etwas zu ändern. Als Cyd ihre Tante aus der Liebesreserve locken will, erklärt Miranda ihr ein paar Dinge über das Glücklichsein. Mit feinem Gespür für kleine Gesten, Blicke und Zwischentöne porträtiert Regisseur Stephen Cone („Einen Freund zum Geburtstag“, 2015) zwei unterschiedliche Frauenfiguren, die nicht nur einen Schmerz, sondern auch eine Sehnsucht teilen. Nátalia Wiedmann über einen bemerkenswert schwerelosen Film über weibliche Sensibilität, Sexualität und Befreiung.
Rafiki

Rafiki

Ab heute im Kino: "Gute kenianische Mädchen werden gute kenianische Ehefrauen" – Kena lernt schon früh, was von Mädchen und Frauen in ihrem Heimatland erwartet wird: artig sein und sich dem Willen der Männer fügen. Doch die selbstbewusste Kena lässt sich nicht vorschreiben, wie sie zu leben hat. So freundet sie sich auch mit der hübschen Ziki an, obwohl ihre Väter politische Konkurrenten sind. Das Gerede im Viertel ist den Mädchen zunächst ziemlich egal. Doch als sich Kena und Ziki ineinander verlieben, müssen sie sich entscheiden: zwischen der vermeintlichen Sicherheit, ihre Liebe zu verbergen, und der Chance auf ihr gemeinsamen Glück. "Rafiki" – der Titel bedeutet auf Suaheli „Freund(in)“ – ist der erste kenianische Film, der bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt wurde. In Kenia selbst, wo Homosexualität noch immer unter Strafe steht, wurde der Film zunächst mit einem Aufführungsverbot belegt, das erst nach einer Klage der Regisseurin gelockert wurde. Beatrice Behn geht in ihrer Besprechung den Ursprüngen der homophoben Ordnungen auf den Grund, die noch immer in weiten Teilen Afrikas herrschen – und feiert den lesbischen Liebesfilm als mitreißende Utopie, die tief in afrikanischen Traditionen verwurzelt ist.
The Pass

The Pass

Neu als DVD und VoD: Zwei gut gebaute junge Männer, nur mit Unterhosen bekleidet, zusammen in einem Hotelzimmer. Das Szenario, das auf den ersten Blick stark homoerotisch wirkt, bleibt zunächst heterosexuell geprägt. Schließlich sind die beiden Freunde seit kurzem Profifußballer, am nächsten Tag steht ihr erstes Spiel in der Champions League an. Schwulsein ist in diesem Beruf keine Option. Ben A. Williams hat für sein Langfilmdebüt "The Pass" das gleichnamige Theaterstück von John Donnelly verfilmt, das im Jahr 2014, kurz nach dem medienwirksamen Coming-out des ehemaligen Premier-League-Players Thomas Hitzelsberger, in London über Monate vor ausverkauften Rängen gespielt wurde. Russell Tovey ("Looking") spielt wie zuvor am Royal Court Theatre die Hauptrolle. Ein intensives Psychogramm in drei Akten über Geheimnisse, Lügen und Heucheleien – und eines der letzten homosexuellen Tabuthemen.
Sorry Angel

Sorry Angel

Neu als DVD und VoD: Christophe Honoré zählt seit seinen Kritikerlieblingen "Meine Mutter" (2004) und "Chanson der Liebe" (2007) zu den aufregendsten queeren Regisseuren Europas. Sein neuer Film, der im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde, erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem HIV-positiven Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps, "Der Fremde am See") und dem jungen Filmstudenten Arthur (Vincent Lacoste, "Eden") im Frankreich der frühen 90er Jahre. "Sorry Angel" ist ein generationenübergreifendes Zeitstück über schwules Leben in der Pariser Bohème in der Hochphase der Aids-Krise. Ein zärtlicher und zutiefst berührender Film. Und Honorés bislang persönlichster. Sascha Westphal erkundet ihn entlang der Verlust- und Erinnerungslinien im vielseitigen Gesamtwerk des Regisseurs, das sich als ein fortwährender Dialog mit den Toten und der Vergangenheit präsentiert.