Literatur

Dämmer und Aufruhr

Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff gehört zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Den Deutschen Buchpreis, den er 2016 erhielt, hatte er mehr als verdient (wenn auch vielleicht für ein anderes Buch). In seinem Werk spielen Variationen von Männlichkeit immer wieder eine große Rolle, auch das durchaus sexuelle Abarbeiten an kulturellen Rollenmustern, weshalb er in seinem Roman "Eros und Asche" (2007) schwule Buchläden als Orte bezeichnete, "deren Dialekt ihm lag", weil hier keine verlogene Prüderie herrschte. Mit seinem im Frühjahr 2018 erschienenen Roman "Dämmer und Aufruhr" geht Kirchhoff einen deutlichen Schritt weiter: Er erzählt die Geschichte des sexuellen Missbrauchs eines Internatsschülers durch seinen Lehrer als Liebesgeschichte, eines Schülers, in dem unschwer der Autor in jungen Jahren zu erkennen ist. Tilman Krause hat das Buch gelesen.
Davit Gabunia: Farben der Nacht

Davit Gabunia: Farben der Nacht

Auch wenn sich in den vergangenen Jahren viele Staaten des ehemaligen Ostblocks in gesellschaftlichen Fragen zum Westen hin geöffnet haben, ist in den meisten von ihnen Homophobie in einem erschreckenden Ausmaß verbreitet. Und wo Schwulsein nur im Verborgenen ausgelebt werden kann, profitieren Stricher und Erpresser. Von diesem Schattenspiel erzählt der georgische Autor Davit Gabunia und stellt dabei die Perspektive eines arbeitslosen Mannes, der unbeabsichtigt Zeuge eines Verbrechens wird, ins erzählerische Zentrum. Detlef Grumbach über "Die Farben der Nacht", einem schonungslosen Sittenbild der Kaukasusrepublik.
Dennis Cooper: Mein loser Faden

Dennis Cooper: Mein loser Faden

Der US-Schriftsteller Dennis Cooper wurde in den 90er Jahren durch seinen Roman-Zyklus "George Miles" ("Ran", "Sprung", "Dreier", "Fort", "Punkt") berühmt. Heute lebt der Outlaw-Autor in Paris, wo er sich auch als transgressiver Filmemacher ("Like Cattle Towards Glow") betätigt und einen berüchtigten Blog schreibt. Im Luftschacht Verlag ist nun in deutscher Übersetzung ein Roman aus dem Jahr 2002 erschienen: "Mein loser Faden", entstanden kurz nach dem Amoklauf von Columbine, wirkt auf den europäischen Leser wie eine Art Gebrauchsanweisung für Amerika. Jenseits aller vermeintlicher Gemeinsamkeiten des "Westens" erkundet er – wie viele andere Werke des Autors – die Einsamkeit und Ratlosigkeit der Menschen in einer Welt, die vom Recht des Stärkeren regiert wird und deren Waffengesetze es erlauben, dass jeder "für 15 Minuten" der vermeintlich Stärkste sein kann. Für uns schreibt Michael Sollorz, der selbst schon Cooper ins Deutsche übersetzte hat, über ein abseitiges Jugendporträt, dem man sich als Leser*in nur schwer entziehen kann.
Rabih Alameddine: Der Engel der Geschichte

Rabih Alameddine: Der Engel der Geschichte

"Der Engel der Geschichte" erzählt von einem außergewöhnlichen Leben: Jakob wird im Jemen unehelich geboren, die Mutter und ihr kleiner Sohn werden mit Schimpf und Schande aus dem Haus des Kindsvaters getrieben. Auch die Verwandtschaft der Mutter will keine ledige Frau mit Kind aufnehmen, also beibt nur das Bordell. Hier hat der kleine Junge eine glückliche Kindheit, vielleicht ist es die schönste Zeit seines Lebens. Dann holt ihn der Vater auf ein katholisches Internat, dessen erzieherische Leistung im Vergleich zum Bordell ziemlich schlecht abschneidet. Als Jakob es endlich geschafft hat, der Enge der arabischen Welt zu entfliehen und in San Francisco ein neues Leben zu beginnen, sterben alle seine Freunde Schlag auf Schlag an Aids. Er steckt den Kopf in den Sand, er will nur noch vergessen. Erst 20 Jahre später rüttelt ihn das massenhafte Sterben in seiner Heimat Jemen wieder wach. Rabih Alameddine bedient sich vieler Kunstgriffe der orientalischen Fabulierkunst, um Jakobs erschütternde Geschichte mal lustvoll, mal witzig und dann auch hochdramatisch zu erzählen. Michael Sollorz hat den vielstimmigen Roman, der 2016 in den USA mit dem renommierten Lambda Literary Award ausgezeichnet wurde, für uns gelesen.
David Sedaris: Calypso

David Sedaris: Calypso

Seit dem Welterfolg seines ersten Erzählbands "Nackt" (1997) liefert der New Yorker Autor David Sedaris mit schöner Regelmäßigkeit mal komische, mal erschütternde Einblicke in den Alltag der amerikanischen Mittelschicht. Unser Rezensent Matthias Frings ist treuer Leser der ersten Stunde und kommt bei den 21 biografisch gefärbten Geschichten, aus denen der neue Band "Calypso" besteht, sofort ins alte Sedaris-Feeling.
Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Das Markenzeichen des französischen Autors Philippe Besson ist ein sachlicher, aber einfühlsamer Tonfall und eine kluge, nie überhebliche Weltsicht. Damit hat er sich seit seinem ersten Roman "Zeit der Abwesenheit" (2001) eine treue Leserschaft erschrieben, auch in Deutschland, wo fast alle seiner Bücher übersetzt wurden. Sein zweiter Roman "Sein Bruder" (2001) wurde von Patrice Chéreau verfilmt. Mit "Hör auf zu lügen" wechselt er erstmals von Fiktion zu Autobiografie. Bessons neues Buch dürfte vor allem für seine Fans von besonderem Interesse sein, erlaubt der Autor hier doch gewissermaßen einen Blick in seine Werkstatt, auf das Material, aus dem er seine Geschichten erschaffen hat. Prägendes Motiv seines Lebens ist eine unglückliche Jugendliebe, die er nicht vergessen konnte – und deren Geschichte er hier erzählt. Eine Besprechung von Rolf G. Klaiber und Joachim Bartholomae.
Detlef Grumbach (Hg.): Große Oper

Detlef Grumbach (Hg.): Große Oper

Andreas Meyer-Hanno alias Hannchen Mehrzweck war eine der bedeutenden Gestalten der Neuen Schwulenbewegung. 1932 geboren, erlebte er Kindheit und Jugend im Krieg und den bleiernen Jahren des Adenauer-Deutschlands. Erst Opernregisseur in verschiedenen Stadttheatern, dann Musikprofessor in Frankfurt/M, wurde er zur treibenden Kraft in vielen schwulen Projekten Frankfurts. Als Mitbegründer des Vereins "Homosexuelle Selbsthilfe e.V." und Namensgeber der "Hannchen-Mehrzweck-Stiftung" schuf er wichtige Teile der schwulen Infrastruktur Deutschlands. Detlef Grumbach würdigt die Person Meyer-Hannos nun durch eine biografische Skizze und eine Auswahl seiner künstlerischen und politischen Texte. Tilman Krause kannte Meyer-Hanno, der 2006 verstarb, seit den frühen 90ern und verknüpft seine Besprechung von Grumbachs vielstimmiger Anthologie mit seinen persönlichen Erinnerungen an eine entwaffnende Bewegungsschwester.
Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Freiheit ist keine Metapher

Vojin Saša Vukadinović (Hg.): Freiheit ist keine Metapher

Die Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen hat einmal bemerkt, dass vermutlich jede Bewegung irgendwann ihre eigene Karikatur hervorbringt. Ein neuer Sammelband aus der berüchtigten "Kreischreihe" des Querverlags, in der bereits "Beißreflexe" (2017) der Berliner Polit-Tunte Patsy l’Amour laLove erschienen ist, ordnet diese Beobachtung dem Genderfeminismus, dem Antirassismus und dem Queerfeminismus zu – indem er sie als Karikaturen geschlechter-, migrations- und sexualpolitischer Emanzipationsregungen versteht. Ausgehend von dieser Bestandsaufnahme denken die 37 Beiträge, die der Historiker und Geschlechterforscher Vojin Saša Vukadinović in "Freiheit ist keine Metapher" versammelt hat, über queere Sprachregelungen und Umgangsformen, Kollektivdenken und Gruppenidentitäten, echte und falsche Schutzräume, vermeintliche Verbündete und verlorene Mündigkeit nach. Kevin Clarke hat den Band, der sich als Kartografie eines Ideologiekrieges mit verhärteten Fronten begreift, für uns gelesen – und freut sich über einen angriffslustigen Debattenbeitrag.
Daniel Zomparelli: Die Welt ist schlecht und du bist echt unausstehlich

Daniel Zomparelli: Die Welt ist schlecht und du bist echt unausstehlich

Der kanadische Schriftsteller Daniel Zomparelli lässt in seinen originell miteinander verwobenen Short Stories schwule Männer Büromaterial klauen, sich über Grindr verabreden, Obstkuchen backen und Dreier mit Geistern haben. Was seine neurotischen Großstädter am Rande des Nervenzusammenbruchs eint, ist die Angst vor dem Glück. Der nun in deutscher Sprache erschienene Band mit dem taktgebenden Titel "Die Welt ist schlecht und du bist echt unausstehlich" ist sarkastisch, komisch, zutiefst traurig und ein schlicht umwerfend gut komponiertes Prosadebüt über flüchtigen Sex und dysfunktionale Beziehungen im Zeitalter der Dating-Apps, findet unser Rezensent Axel Schock.