Literatur

Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Stephan Phin Spielhoff: Der Himmel ist für Verräter

Heinrich Heine schrieb über die Liebe: "Es ist eine alte Geschichte, und ist doch immer neu". Und die Literaturgeschichte beweist seitdem, wie recht er hatte. Die allerneuste "alte Geschichte" stammt von Stephan Phin Spielhoff. Menschen mit Berufen, die es vor 20 Jahren noch nicht gab, erfinden sich ihre eigene Welt, ein irres Mosaik aus ganz Neuem und ziemlich Altem, und mitten drin, quasi als Kontrastmittel, die Freude und der Schmerz der Liebe. Spielhoff, Jahrgang 1983, lässt sich sprachlich auf die Welt ein, von der er erzählt, in einem bunten Mix aus Deutsch, Englisch und Internetsprech. Michael Sollorz, Jahrgang 1962, hat sich dem Text in einem Selbstversuch ausgesetzt und ist beeindruckt. Tipp für alle Berliner*innen: Am Donnerstagabend stellt Spielhoff seinen Roman persönlich in der Buchhandlung Hundt Hammer Stein (Alte Schönhauser Straße 23-24) vor.
Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

Édouard Louis: Wer hat meinen Vater umgebracht

"Literatur muss kämpfen", sagt Édouard Louis, "für all jene, die selbst nicht kämpfen können". Sein erster, autobiographischer Roman "Das Ende von Eddy" (2014), der in Frankreich und Deutschland zum Bestseller wurde, ist nicht nur das mitreißende Dokument der Selbstbefreiung eines jungen schwulen Mannes aus prekären Verhältnissen; es ist, ähnlich wie Louis' zweites Buch "Im Herzen der Gewalt" (2016), ein energischer Text gegen eine homo- und xenophobe französische Gesellschaft, die von kaum überbrückbaren sozialen Barrieren durchsetzt ist. In seinem neuen, gerade mal 80 Seiten dicken Buch geht Louis nicht mehr nur im eigenen Leben, sondern auch in dem des Vaters auf Spurensuche: Woher kam die Gewalt, die diesen erfüllte; wieso wählte der Vater die letzten Jahrzehnte stramm den Front National; inwieweit haben die sozialen Verhältnisse gar zu seinem allzu raschen körperlichen Verfall beigetragen? In der Nachfolge seiner intellektuellen Leitfigur Didier Eribon ("Rückkehr nach Reims") entdeckt Louis in seiner soziologischen Analyse den eigenen Vater noch einmal neu – und entwickelt so für sich die Möglichkeit, um ihn zu trauern. Andreas Wilink über eine wütende und höchst persönliche Protestnote.
Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Andrew Sean Greer: Mister Weniger

Die titelgebende Hauptfigur in "Mister Weniger" ist ein Enkel all der großen Schelmengestalten der Weltliteratur, seien es Simplicius Simplicissimus, Don Quixote, Peer Gynt oder Wyatt und Billy in "Easy Rider". Andrew Sean Greer, der für den Roman im vergangenes Jahr mit dem Pulitzer Prize ausgezeichnet wurde, hat sich aber nicht einfach nur ein paar moderne Episoden ausgedacht, sondern lässt die Erzählweise selbstreflexiv werden und unterläuft so gängige Genre-Erwartungen. Wie er das tut und warum das so komisch und unbedingt preiswürdig ist, erklärt Tobias Völker.
Marko Martin: Das Haus in Habana

Marko Martin: Das Haus in Habana

Marko Martin ist Reiseschriftsteller: In den Fußstapfen seines Vorbilds Hans Christoph Buch erweitert er mit der Beschreibung seiner Erlebnisse in entlegenen Weltgegenden unser Wissen um die menschlichen Möglichkeiten. Meist sind es Angehörige der aufstiegsorientierten Mittelschicht, denen er auf seinen Reisen begegnet und an denen er mal um mal eine Nachahmung westlicher Standards erkennt – so zuletzt in "Umsteigen in Babylon" (2016). Nun wagt sich der in der DDR aufgewachsene Autor erstmals in einen der letzten "realsozialistischen" Staaten, nach Kuba. Und selbst hier stößt er auf eine unverblümt materielle Orientierung der Menschen. Von Christian Lütjens.
Peter Ackroyd: Queer London

Peter Ackroyd: Queer London

Für Peter Ackroyd ist die Vergangenheit nicht vergangen. Überall in unserer Gegenwart ist sie zu spüren, und diesen Zusammenhängen spürt der arrivierte englische Autor, Jahrgang 1949, in seinen Büchern nach – ob mit literarischen Mitteln wie in "Der Fall des Baumeisters" (1988) und "Chatterton" (1990), oder faktengestützt wie in seiner Biografie der Stadt London aus dem Jahr 2000. Dieses große, breit rezipierte Buch hat nun einen kleinen Ableger bekommen: die Geschichte des queeren Lebens in London von der Antike bis heute. Marko Martin, der schwule Reiseschriftsteller dieser Tage ("Das Haus in Habana", 2019), hat Ackroyds Buch für uns gelesen und auf seine Qualitäten als Reiseführer für queere Europäer geprüft.
Angela Steidele: Zeitreisen

Angela Steidele: Zeitreisen

1840 reist die englische Tagebuchautorin Anne Lister mit ihrer Partnerin Ann Walker im Pferdeschlitten auf der zugefrorenen Wolga bis zum Kaspischen Meer und weiter über den Großen Kaukasus nach Tbilissi und Baku. Lister stirbt völlig unerwartet auf einer Bergtour in Georgien, ihre Gefährtin Walker benötigt daraufhin sieben Monate, um den Sarg mit der Leiche zurück nach Halifax zu bringen. Im Zuge ihrer Arbeit an einer Biografie über Anne Lister beschließt die deutsche Autorin Angela Steidele knapp 180 Jahre später, dem verwegenen Liebespaar nachzureisen. Begleitet von ihrer Lebensgefährtin begibt sie sich auf die Spuren von Anne und Ann. Was erzählen die Orte, Landschaften und Menschen heute von fernen Zeiten? Kann man überhaupt in die Vergangenheit reisen? Und was bedeutet das eigentlich: Vergangenheit? "Zeitreisen" erlaubt einen faszinierenden Blick in die Werkstatt einer Biografin und bildet den zweiten Teil einer Trilogie, die Steidele mit "Anne Lister. Eine erotische Biographie" (2017) begonnen hat und mit einer Poetik der Biographie im Laufe dieses Jahres beschließen wird. Anja Kümmel hat Steideles bereits veröffentlichte Lister-Bücher gelesen – und begibt sich mit ihnen selbst auf eine abenteuerliche Zeitreise.
Christopher Isherwood: Das Denkmal

Christopher Isherwood: Das Denkmal

Christopher Isherwood (1904-1986) ist ein Autor mit vielen Themen und Gesichtern. Deutschen Leser*innen ist der englische Schriftsteller, der ab 1929 in Berlin lebte, wohl vor allem durch die Verfilmung seiner Romane „Mr. Norris steigt um“ (1935) und „Leb wohl, Berlin“ (1939) bekannt: Das Musical „Cabaret“ (1972) von Bob Fosse erzählt vom freiheitlichen Leben der jungen amerikanischen Schauspielerin und Nachtclubsängerin Sally Bowles (Liza Minnelli) und ihrer Freunde aus der Berliner Bohème kurz vor der Machtergreifung der Nazis. 1934 kehrte Isherwood nach London zurück. 1939 emigrierte er in die USA, wo er bis zu seinem Tod lebte. Sein Aufbegehren gegen das amerikanische Spießertum und den Alptraum der Suburbia schildert sein auch hierzulande populärer Roman „Der Einzelgänger“ (1964), den Tom Ford in seiner Verfilmung „A Single Man“ (2009) mit großem Stilwillen gegen den Strich bürstete. In seinem Roman „Das Denkmal“ (1932), der jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen ist, verarbeitet der damals 28-Jährige Isherwood seine ersten Gehversuche in Berlin. Und er schreibt über die Traumatisierungen, die der Erste Weltkrieg in seiner Generation angerichtet hat. Tilman Krause über ein Jugendwerk mit viel Charme und großer Ernsthaftigkeit.
Angela Chadwick: XX – Was wäre wenn

Angela Chadwick: XX – Was wäre wenn

Was wäre, wenn zwei Frauen ein leibliches Kind miteinander bekommen könnten? Mit dieser brisanten philosophischen und moralischen Frage setzt sich die englische Autorin Angela Chadwick in ihrem Debütroman auseinander. "XX – Was wäre wenn" erzählt die Geschichte von Jules und Rosie, die ein Kind haben wollen. Als die zwei Frauen davon hören, dass es Forschern gelungen ist, eine weibliche Eizelle mit der DNA einer anderen Eizelle zu befruchten, ergreifen sie ihre Chance und lassen sich mit der neuen Methode befruchten. Doch mit Rosies Schwangerschaft gerät das Leben des Paars völlig aus den Fugen. Neben den gewöhnlichen Herausforderungen werdender Eltern stehen sie plötzlich im Zentrum einer weltweiten Diskussion um die Zukunft der Menschheit – denn bei der neuen Form der künstlichen Befruchtung können nur Mädchen gezeugt werden… Chadwick beschreibt ein interessantes Gedankenexperiment, findet unsere Autorin Tania Witte. Doch ihren Figuren mangelt es an Authentizität und emotionaler Tiefe.
Jane Ward: Nicht schwul

Jane Ward: Nicht schwul

Wer kennt das nicht: Nach einigen Bieren werden heterosexuelle Männer plötzlich untereinander zutraulich, was von schwuler Seite gern mit der Bemerkung quittiert wird, darin komme das Ausmaß verkappter, uneingestandener Homosexualität zum Ausdruck. Die lesbische amerikanische Soziologin Jane Ward sieht das anders: Ihrer Meinung nach haben schwule Männer den mann-männlichen Sex nicht gepachtet, zumindest sei er aus der amerikanischen weißen Heteromännlichkeit nicht wegzudenken. Ist Sex vielleicht gar nicht das entscheidende Kriterium, um Homos von Heteros zu unterscheiden? Entdecken Heteros das wilde Sexualleben, während Queers heiraten und Kinder adoptieren wollen? Peter Rehberg, der als Kulturwissenschaftler und Autor selbst zu queerer Männlichkeit forscht und veröffentlicht (wie etwa jüngst zum Thema "Hipster Porn"), hat Wards kontroverses Buch für uns gelesen.
Julian Mars: Lass uns von hier verschwinden

Julian Mars: Lass uns von hier verschwinden

Erwachsensein ist auch eines dieser Dinge, die sich Felix einfacher vorgestellt hatte. Nicht, dass er sich keine Mühe geben würde, im Gegenteil: Es gibt in seinem Leben schon lange nichts mehr, das nicht das Prädikat "vernünftig" verdient hätte. Sogar mit seinem Ex-Freund Martin trifft er sich wieder ab und zu und tut dabei tapfer so, als wäre er längst über alles hinweg. Alles furchtbar erwachsen eben, und alles furchtbar langweilig – wäre da nicht sein neuer Mitbewohner, der nicht nur Felix’ festgefahrene Routine, sondern auch seine Gefühle heftig durcheinanderbringt. Und dann ist da noch Emilie, Felix' beste Freundin, die mit einer einzigen Frage seine ganze Welt aus den Angeln hebt. Nach seinem viel beachteten Debütroman "Jetzt sind wir jung" erzählt Julian Mars in seinem neuen Buch die Geschichte seines Protagonisten Felix weiter. Es geht um die großen Fragen und das kleine Glück, um falschen Hoffnungen, echte Freundschaft – und die Schwierigkeiten, endlich einen Platz im Leben zu finden. Kevin Clarke hat den neuen Roman für uns gelesen, den Julian Mars in den nächsten Tagen auch auf eine Leserreise quer durch Deutschland und in Österreich vorstellen wird.