Lebensbilder

Making Montgomery Clift

Making Montgomery Clift

Am 17. Oktober 2020 wäre Montgomery Clift 100 Jahre alt geworden. Bildhübsch, sensibel und sexuell ambig verkörperte er in den 1950ern und frühen 60ern vor allem die tragischen Antihelden des Hollywood-Kinos – und gilt mit James Dean und Marlon Brando als einer der drei großen „rebel males“. Doch spätestens seit Clifts frühem Tod mit 46 Jahren dominierte in den Medien das Bild des „sad young man“, der sich nie offen zu seiner vermeintlichen Homosexualität bekannt habe und der dem Starsystem zum Opfer gefallen sei. In einem neuen Dokumentarfilm zeichnen Robert Clift, jüngster Neffe des Filmstars, und Hillary Demmon ein anderes Bild – von einem lebensfrohen, lustvollen und ambitionierten Schauspieler. Unser Autor Matthias Frings über den Versuch eines Gegennarrativs.
Als wir tanzten

Als wir tanzten

Levan Akins großartiges Liebes- und Tanzdrama "Als wir tanzten" erzählt die Geschichte des Nachwuchstänzers Merab, der an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis studiert. Als Irakli neu in die Klasse kommt, sieht Merab in ihm zunächst einen Rivalen. Aus der Konkurrenz wird bald ein immer stärkeres Begehren. Doch im homophoben Umfeld der Schule wird von den beiden erwartet, dass sie ihre Liebe geheim halten. Akins vielfach ausgezeichneten Film gibt es nun auf DVD und Blu-ray. Der in Georgien erschreckend weit verbreiteten Queer-Feindlichkeit, die sich auch in homophoben Protesten bei der Landespremiere zeigte, hält Akin eine entschiedene Feier von nicht-heterosexueller Liebe entgegen. Und sissy feiert gleich doppelt mit: Sascha Westphal spürt der sexuellen und tänzerischen Befreiungsbewegung nach, die Merab den Repressionen in seiner Heimat energisch entgegensetzt. Und Stefan Hochgesand musste aufpassen, nicht gleich wie Honig dahinzuschmelzen.
Die Starken

Die Starken

Ab sofort im Salzgeber Club: Lucas weiß noch nicht so recht, wo er im Leben hinwill. Als er seine Schwester in einem abgelegenen Fischerdorf im Süden Chiles besucht, verliebt er sich ausgerechnet hier im Nirgendwo in den attraktiven Hafenarbeiter Antonio. Damit die Beziehung der beiden introvertierten jungen Männer eine Chance hat, müssen sie über sich hinauswachsen. Mit wahrhaftigen Dialogen, einer authentischen Darstellung des Dorfalltags und zwei beeindruckenden Hauptdarstellern entwickelt Drehbuchautor und Regisseur Omar Zúñiga in "Die Starken" aus der melancholischen Grundstimmung nach und nach ein wild loderndes Liebesdrama. Für unseren Autor Christian Lütjens war der Film nicht weniger als ein Geschenk.
Im Stillen laut

Im Stillen laut

Erika und Tine sind beide 81 und seit über 40 Jahren ein Paar. Zusammen leben und arbeiten sie auf dem Kunsthof Lietzen in Brandenburg – und blicken auf ein bewegtes Stück gemeinsame Geschichte zurück. Mit ihrer Neugier und Offenheit stellen Erika und Tine alles in Frage, das Vergangene und das Bestehende. Therese Koppes vielschichtiges dokumentarisches Porträt "Im Stillen laut", das jetzt im Kino startet, ist ein Film über das Leben, die Kunst und selbst geschaffene Freiräume in der DDR, über Liebe im Alter und die Frage, wie man sich und seinen Idealen treu bleiben kann. Unsere Autorin Anja Kümmel genoss den Einblick in den Alltag von Erika und Tine und in eine Liebe, die ohne große Worte spürbar wird.
Enfant Terrible

Enfant Terrible

Ein Biopic über Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), das sagenumwobene und höchst produktive Genie des Neuen Deutschen Films, das heute in einer Reihe mit Orson Welles, Jean-Luc Godard und Douglas Sirk steht – das muss man sich als zeitgenössischer Regisseur erst mal zutrauen. Oskar Roehler traut sich bekanntermaßen einiges zu und hat dabei in der Vergangenheit durchaus auch schon mal queer-affine Filme gedreht wie "Agnes und seine Brüder" (2004, mit Fassbinder-Star Margit Carstensen), denen man ansieht, dass RWF ein starkes filmisches Vorbild ist. Wie nahe Roehler dem Meister und dessen wilder künstlerischer Wahlfamilie in seinem leicht aktifiziellem und teils originell besetztem Spielfilmporträt kommt, hat Fassbinder-Kenner Andreas Wilink für uns erkundet.
Futur Drei

Futur Drei

Jetzt im Kino: Parvis wächst als Kind der Millennial-Generation im komfortablen Wohlstand seiner iranischen Einwanderereltern auf. Dem Provinzleben in Hildesheim versucht er durch Popkultur und Grindr-Dates zu entfliehen. Als er in einer Unterkunft für Geflüchtete das Geschwisterpaar Banafshe und Amon kennenlernt, beginnt eine fragile Dreierbeziehung. Faraz Shariats autobiografisches Regiedebüt, das im Künstler*innen-Kollektiv Jünglinge entstanden ist, war der queere Film der Berlinale und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Teddy und dem First Steps Award. Dennis Vetter spürt Shariats aktivistischem Gegenentwurf zum konventionellen deutschen Kino nach und plädiert selbst für mehr diverse Realität auf der Leinwand.
Herz aus Dynamit

Herz aus Dynamit

Claudia und María rasen auf einem Motorrad durch Guatemala City. Nach einem Abend auf dem Rummel werden die beiden von drei Männern brutal angegriffen. Claudia will weit weg, die große Stadt hinter sich lassen. María hat einen anderen Plan: Sie will Vergeltung. In ihrem Spielfilmdebüt "Herz aus Dynamit", der jetzt im Salzgeber Club läuft, wirft Regisseurin Camila Urrutia einen schonungslosen Blick auf sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und soziale Ungerechtigkeit, die in ihrer Heimat Guatemala weit verbreitet sind. Anja Kümmel über das queerfeministisches Rachedrama, das zugleich ein leidenschaftlicher lesbischer Liebesfilm ist.
Kiss Me Kosher

Kiss Me Kosher

"Shalom Shabbat": Bereits bei der Begrüßung in Tel Aviv läuft so einiges durcheinander. Und es soll noch komplizierter werden für ein lesbisches Paar, das eigentlich nur zusammen in die Zukunft blicken will, dabei aber mit familiärem Widerstand und der eigenen Geschichte konfrontiert wird. Autorin und Regisseurin Shirel Peleg verhandelt in ihrem Spielfilmdebüt "Kiss Me Kosher", das jetzt im Kino läuft, auf offene, unterhaltsame Weise die deutsch-israelischen Beziehungen und macht dabei mit viel Witz auch Platz für kulturelle Annäherungen und Neuanfänge, findet unsere Autorin Elisabeth Hergt.
Kopfplatzen

Kopfplatzen

Jetzt im Kino: In dem bewegenden Drama "Kopfplatzen" von Savaş Ceviz spielt Max Riemelt ("Freier Fall") einen Pädosexuellen, der gegen die immer lauter werdenden Rufe in seinem Kopf ankämpft. Unser Autor Philipp Stadelmaier ist nicht nur von Riemelts mutiger Rollenwahl und aufwühlender Darstellung beeindruckt, sondern hat in "Kopfplatzen" auch interessante Antworten auf die Frage gefunden, wie man filmisch ein Begehren zeigen kann, das permanent unterbrochen werden muss.
Monika Treut: Female Misbehavior!

Monika Treut: Female Misbehavior!

Aktuell gibt es eine tolle Gelegenheit, das Werk von Monika Treut und Elfi Mikesch wiederzuentdecken: Die Anthology Film Archives, das Goethe-Institut New York und Salzgeber präsentieren international auf Vimeo die Retrospektive "Female Misbehavior: The Films of Monika Treut & Elfi Mikesch", die sich den lustvoll-subversiven Filmen der zwei unerschrockenen Avantgardistinnen widmet. Seit dem in Co-Regie entstandenen sadomasochistischen Liebesdrama "Verführung: Die grausame Frau" (1985) verbindet die beiden eine lange und fruchtbare professionelle Partnerschaft, die auch zur gemeinsamen Gründung der unabhängigen Produktionsfirma Hyena Films führte. Vor zwei Jahren sprach Jan Künemund zur Veröffentlichung der DVD-Box "Monika Treut: Female Misbehavior!" mit Treut über drei Jahrzehnte weibliche Kino-Lust, Gender-Science-Fiction und queere Pionierarbeit – und natürlich auch über ihre Freundin und Kollegin Elfi Mikesch.