Das Mädchen und die Spinne

Das Mädchen und die Spinne

Lisa zieht aus, Mara bleibt zurück. Während Kisten geschleppt, Wände gestrichen und Schränke aufgebaut werden, tun sich Abgründe auf, und ein Begehrenskarussell nimmt immer mehr Fahrt auf. Auch in ihrem neuen Film komponieren die Schweizer Zwillingsbrüder Ramon und Silvan Zürcher ("Das merkwürdige Kätzchen") ein poetisches Panoptikum menschlicher Beziehungsformen. Ab jetzt gibt es den tragikomischen Katastrophenfilm "Das Mädchen und die Spinne" als DVD und VoD; parallel zum Kinostart ist ein Buch zum Film erschienen, bestehend aus Drehbuch, Essays, Making-of-Fotos, Filmstills und Zeichnungen. Cosima Lutz hat einen Text zum Band beigesteuert. Ihre Reflexion über Doppelgänger, komplizierte Liebe und Trennungsschmerz gibt es auch hier zu lesen.
David M. Halperin: Was ist schwule Kultur?

David M. Halperin: Was ist schwule Kultur?

Für Susan Sontag entsteht Kultur, „sooft Sprache, Bewegung, Verhalten oder Gegenstände eine gewisse Abweichung von der direktesten, nützlichsten, unengagiertesten Weise des Ausdrucks und des In-der-Welt-Seins zeigen“. Homosexuelle, denen in einer heterosexuellen Umwelt ein solcher „direkter“ Ausdruck verwehrt bleibt, sind deshalb darauf angewiesen, Kultur zu erschaffen, und sei es in Form der subkulturellen Umdeutung der heterosexuellen Mehrheitskultur. Ob Trash, Divenkult oder ernsthafte Identitätskunst: Schwule sind die Kulturschaffenden schlechthin. Doch der Sexualwissenschaftler David M. Halperin schreibt, Homosexualität ist an die Schwulen verschwendet, weil die ihr Heil vielmehr in einer farblosen Homonormativität suchen. In seinem Essay „Was ist schwule Kultur?“, der jetzt in deutscher Übersetzung bei Männerschwarm erschienen ist, analysiert er Entwicklungslinien und hält ein Plädoyer für offen gelebte Diversität. Egbert Hörmann hat sich mit den Zündstoffen in Halperins Gepäck befasst.
Paragraph 175

Paragraph 175

Zwei Filme, ein Thema: Anlässlich des Kinostarts von „Große Freiheit“ kommt im Salzgeber Club der preisgekrönte Dokumentarfilm „Paragraph 175“ von Rob Epstein und Jeffrey Friedman („The Celluloid Closet“) neu als VoD heraus. Das Regie-Duo zeichnet darin das Schicksal der Homosexuellen im Dritten Reich nach – einer lange Zeit vergessenen Opfergruppe. Für Christian Lütjens funktioniert der Film sowohl als Ergänzungs- wie als Gegenprogramm zum Kinobesuch.
Große Freiheit

Große Freiheit

Hans Hoffmann liebt Männer, doch das ist im Deutschland der Nachkriegszeit, in dem noch immer der Paragraph 175 in Kraft ist, verboten. Immer wieder landet Hans im Gefängnis – und trifft dort regelmäßig auf Viktor, einen verurteilten Mörder. Aus der anfänglichen Abneigung wird über die Jahre gegenseitiger Respekt. Oder ist es sogar mehr? „Große Freiheit“ des österreichischen Regisseurs Sebastian Meise wurde in Cannes mit dem Jurypreis der Sektion Un Certain Regard ausgezeichnet, zahlreiche weitere Preise und Nominierungen (unter anderem für vier Europäische Filmpreise) folgten. Für Matthias Frings ist das historische Gefängnisdrama großes Kino, insbesondere dank seiner beiden famosen Hauptdarsteller Franz Rogowski und Georg Friedrich.
Wolfram Setz (Hg.): Edel-Uranier erzählen

Wolfram Setz (Hg.): Edel-Uranier erzählen

Der Band „Edel-Uranier erzählen“ aus der Bibliothek rosa Winkel versammelt drei Texte aus der Frühzeit der Homosexuellen-Emanzipationsbewegung. Hans Waldau schildert die Geschichte der gemeinsamen Reise zweier junger Männer, die dann aus der Ferne Freunde bleiben, Konradin die eines Studenten, der im jungen Grafensohn Lorenzo „glühende Liebe“ weckt, mit der er nicht umzugehen weiß, und Tempesta erzählt vom Seelenkampf eines „edelgearteten Uraniers, der seiner Neigung nicht nachgeben will“ und aufs Land flieht, um vor jeder Versuchung sicher zu sein. Die wahre Identität der Autoren ist nicht bekannt. Tilman Krause über eine „sehr deutsche Weise“, schwul zu sein.
Bare

Bare

Für sein neues Stück sucht der belgische Star-Choreograf Thierry Smits elf nackte Tänzer. Nach einem intensiven Casting ist die Besetzung gefunden. Mit präzisem, aber nie voyeuristischem Blick beobachtet Regisseur Aleksandr M. Vinogradov den leidenschaftlichen Probenprozess. Atemberaubende Tanzsequenzen wechseln sich mit persönlichen Momenten jenseits der Bühne ab, in denen die Tänzer offen über sich erzählen. Axel Schock über einen intimen Film, der den nackten Körper als letzte Bastion der Freiheit bloßlegt – und den es jetzt im Salzgeber Club zu sehen gibt.
Ammonite

Ammonite

Nachdem der Kinostart mehrfach verschoben werden musste, hat das Warten nun ein Ende: Ab 4. November ist das historische Liebesdrama „Ammonite“ mit Kate Winslet und Saoirse Ronan regulär auf der großen Leinwand zu sehen. Im Nachfolger seines rauen schwulen Liebesfilms „God’s Own Country“ erzählt Francis Lee von einer leidenschaftlichen lesbischen Beziehung im England Mitte des 19. Jahrhunderts: zwischen der Fossiliensammlerin Mary (Winslet) und der jungen Ehefrau Charlotte (Ronan). Der Film wirft damit ein neues Licht auf die bekannte britische Paläontologin Mary Anning und lässt sie ein Begehren ausleben, das ihr die offizielle Geschichtsschreibung nie zugestand. Beatrice Behn über das spannende Unterfangen, sich aus einer historischen Versteinerung zu lösen.
Firebird

Firebird

Estland in den 1970ern, auf dem Höhepunkt des Kalten Kriegs. Der junge Soldat Sergey und seine Jugendfreundin Luisa dienen auf einem Luftwaffenstützpunkt der UdSSR. Als Roman auf die Basis versetzt wird, verfallen beide dem Charme des kühnen Kampfpiloten. Doch die aufkeimende Liebe zwischen den Männern muss um jeden Preis geheim bleiben – Roman steht bereits auf der Überwachungsliste des KGB. Peeter Rebanes mitreißender Liebesthriller mit Tom Prior und Oleg Zagorodnii basiert auf einer wahren Geschichte und ist zu einer Zeit, in der in Russland queere Menschen immer noch schwersten Repressionen ausgesetzt sind, von beklemmender Aktualität. Axel Schock über ein romantisch-schönes Liebesporträt, das jetzt in der queerfilmnacht zu sehen ist.
Svealena Kutschke: Gewittertiere

Svealena Kutschke: Gewittertiere

Als nach dem Mauerfall die Angst vor Zuwanderung aus dem Osten geschürt wird, beginnt der Vater von Colin und Hannes damit, einen Bunker im Garten zu graben. Fortan suchen die Geschwister in einem Land, in dem rechte Gewalt zum Alltag gehört, ihren Platz jenseits privater und gesellschaftlicher Machgefüge. Colin geht es in ihrer Liebe zu Eda auch um eine Art Erlösung und Hannes erhält in seinem Beruf als Gerichtsvollzieher eine Macht, der er sich kaum entziehen kann. In ihrem neuen Roman „Gewittertiere“ erzählt Svealena Kutschke vom Aufwachsen in einer norddeutschen Reihenhaussiedlung und dessen Folgen. Anja Kümmel über eine komplexe Geschichte voller guter Unebenheiten.
Tiny Tim

Tiny Tim

Genie, Freak, Superstar. Tiny Tim (1932–1996) ist eine der skurrilsten Figuren der Musikgeschichte. Mit Ukulele und Falsetto-Gesang erobert er die Konzertbühnen der USA. Seine schräge Cover-Version von „Tip Toe Through the Tulips“ wird ein Megahit – und doch von vielen nur verlacht. Er spielt in der Royal Albert Hall, seine Hochzeit sehen über 45 Millionen Zuschauer:innen im Fernsehen, unter Musikern wird Tiny Tim verehrt, er arbeitet mit Jimi Hendrix und den Beatles – und Bob Dylan ist bis heute Fan. Liebevoll zeichnet Regisseur Johan von Sydow in „Tiny Tim“ das Leben eines wunderbar-campen Künstlers nach, der Frauen und Männer liebte und mit seiner queeren Persona zwischen allen Polen changierte. Christian Horn über ein faszinierendes Porträt voller Melancholie, das es jetzt im Salzgeber Club und auf DVD zu sehen gibt.