The Pass

The Pass

Neu als DVD und VoD: Zwei gut gebaute junge Männer, nur mit Unterhosen bekleidet, zusammen in einem Hotelzimmer. Das Szenario, das auf den ersten Blick stark homoerotisch wirkt, bleibt zunächst heterosexuell geprägt. Schließlich sind die beiden Freunde seit kurzem Profifußballer, am nächsten Tag steht ihr erstes Spiel in der Champions League an. Schwulsein ist in diesem Beruf keine Option. Ben A. Williams hat für sein Langfilmdebüt "The Pass" das gleichnamige Theaterstück von John Donnelly verfilmt, das im Jahr 2014, kurz nach dem medienwirksamen Coming-out des ehemaligen Premier-League-Players Thomas Hitzelsberger, in London über Monate vor ausverkauften Rängen gespielt wurde. Russell Tovey ("Looking") spielt wie zuvor am Royal Court Theatre die Hauptrolle. Ein intensives Psychogramm in drei Akten über Geheimnisse, Lügen und Heucheleien – und eines der letzten homosexuellen Tabuthemen.
Rudolf Hanslian: Stephan

Rudolf Hanslian: Stephan

Noch immer gibt es neue literarische Facetten aus der Zeit des Nationalsozialismus zu entdecken. Durch einen Zufallsfund wurde ein Manuskript bekannt, in dem sich der deutsche Kampfgas- und Luftschutzexperte Rudolf Hanslian als griechisch empfindender Jünglingsliebhaber "outet". Dabei gelingt es ihm, Debatten über die Zukunft des Nationalsozialismus, pädagogischen Eros und erschütternde Fakten über die stattfindende Schwulenverfolgung in einem Roman zusammenzubringen – das Amalgam von Wunschtraum und Wirklichkeit, eingerahmt von einer Bergtour durch die Alpen. Starker Tobak, findet auch unser Autor Elmar Kraushaar.
Sorry Angel

Sorry Angel

Neu als DVD und VoD: Christophe Honoré zählt seit seinen Kritikerlieblingen "Meine Mutter" (2004) und "Chanson der Liebe" (2007) zu den aufregendsten queeren Regisseuren Europas. Sein neuer Film, der im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde, erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem HIV-positiven Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps, "Der Fremde am See") und dem jungen Filmstudenten Arthur (Vincent Lacoste, "Eden") im Frankreich der frühen 90er Jahre. "Sorry Angel" ist ein generationenübergreifendes Zeitstück über schwules Leben in der Pariser Bohème in der Hochphase der Aids-Krise. Ein zärtlicher und zutiefst berührender Film. Und Honorés bislang persönlichster. Sascha Westphal erkundet ihn entlang der Verlust- und Erinnerungslinien im vielseitigen Gesamtwerk des Regisseurs, das sich als ein fortwährender Dialog mit den Toten und der Vergangenheit präsentiert.
The Favourite

The Favourite

England im frühen 18. Jahrhundert. Es herrscht Krieg mit Frankreich. Der Hofstaat der gebrechlichen Königin Anne ist von Neid, Intrigen und Verrat zerfressen. De facto wird das Land von Annes enger Vertrauten und heimlichen Geliebten Lady Sarah regiert. Als Abigail als neues Dienstmädchen an den Hof kommt, nimmt Sarah sie unter ihre Fittiche. Doch Abigail verfolgt schon bald den ehrgeizigen Plan, die neuen Favoritin der Königin zu werden. Der neue Film des griechischen Regie-Stars Giorgos Lanthimos ("Doogtooth", "The Lobster", "The Killing of the Sacred Dear") ist mit großartigen Darstellerinnen (Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz) gespickt, wurde bereits mit Preisen überhäuft und soeben für zehn Oscars nominiert. Philipp Stadelmaier unterzieht Lanthimos' feministischem Ränkespiel einer sexuellen Strukturanalyse und erkennt "Macht" als abstrakte Ordnung, der alle Figuren unterworfen sind. Einblicke in ein queeres Kabinett aus Körpern, die gekrümmte Räume mit offenen Rändern bevölkern.
Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff gehört zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Den Deutschen Buchpreis, den er 2016 erhielt, hatte er mehr als verdient (wenn auch vielleicht für ein anderes Buch). In seinem Werk spielen Variationen von Männlichkeit immer wieder eine große Rolle, auch das durchaus sexuelle Abarbeiten an kulturellen Rollenmustern, weshalb er in seinem Roman "Eros und Asche" (2007) schwule Buchläden als Orte bezeichnete, "deren Dialekt ihm lag", weil hier keine verlogene Prüderie herrschte. Mit seinem im Frühjahr 2018 erschienenen Roman "Dämmer und Aufruhr" geht Kirchhoff einen deutlichen Schritt weiter: Er erzählt die Geschichte des sexuellen Missbrauchs eines Internatsschülers durch seinen Lehrer als Liebesgeschichte, eines Schülers, in dem unschwer der Autor in jungen Jahren zu erkennen ist. Tilman Krause hat das Buch gelesen.
Postcards from London

Postcards from London

Neu auf DVD und als VoD: Regisseur Steve McLean hat sich nach seinem hochgelobten Erstling "Postcards from America" (1994) lange Zeit für seinen zweiten Film gelassen. Das Warten hat sich gelohnt! Diesmal schickt er uns "Postcards from London", eine selbstironische Ode an die Kunst der käuflichen Liebe, in der Escorts als die einzig wahren Träger schwuler Kulturgeschichte gelten. Die lustvolle Erweckungsgeschichte des jungen Jim aus der englischen Provinz in einem zum Neonlicht-Viertel hochstilisierten Soho der Gegenwart ist filmisch eng verwoben mit Fassbinders "Querelle" (1982) und Van Sants "My Own Private Idaho" (1991), mit den Bilderwelten Caravaggios und Derek Jarmans. In der Hauptrolle glänzt Harris Dickinson, der seit dem preisgekröntem Jugenddrama "Beach Rats" (2017) zu einem der aufregendsten Darsteller seiner Generation zählt. Andreas Köhnemann hat sich auf Expedition durch McLeans lustvoll-artifiziellen Referenzen-Dschungel begeben.
Davit Gabunia: Farben der Nacht

Davit Gabunia: Farben der Nacht

Auch wenn sich in den vergangenen Jahren viele Staaten des ehemaligen Ostblocks in gesellschaftlichen Fragen zum Westen hin geöffnet haben, ist in den meisten von ihnen Homophobie in einem erschreckenden Ausmaß verbreitet. Und wo Schwulsein nur im Verborgenen ausgelebt werden kann, profitieren Stricher und Erpresser. Von diesem Schattenspiel erzählt der georgische Autor Davit Gabunia und stellt dabei die Perspektive eines arbeitslosen Mannes, der unbeabsichtigt Zeuge eines Verbrechens wird, ins erzählerische Zentrum. Detlef Grumbach über "Die Farben der Nacht", einem schonungslosen Sittenbild der Kaukasusrepublik.
The Crying Game

The Crying Game

IRA-Kämpfer locken den britischen Soldaten Jody in eine Falle und nehmen ihn als Geisel, um ihn als Druckmittel für die Freilassung eines ihrer Soldaten zu benutzen. Doch Jody freundet sich mit seinem Bewacher Fergus an. Als die britische Armee nicht auf den Erpressungsversuch der IRA eingeht, soll Fergus den Gefangenen exekutieren. Jody kann fliehen, kommt aber auf der Flucht ums Leben. Der treue Fergus macht sich auf die Suche nach Jodys Freundin, die schöne Dil, um ihr persönlich die Todesnachricht zu überbringen – doch seine Reise verläuft anders als geplant... Neil Jordans smarter Neo-Noir-Thriller über politische und sexuelle Identitäten war einer der einflussreichsten Independent-Filme der 90er Jahre und wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Oscar für das Beste Drehbuch. Zum DVD- und Blu-ray-Start der digital restaurierten Fassung von "The Crying Game" hat sich Fritz Göttler Jordans Meisterwerk noch einmal angesehen und einen Film wiederentdeckt, der nichts von seiner faszinierenden Unnahbarkeit verloren hat. Und das hat maßgeblich mit der mysteriösen Femme fatale zu tun, die das diverse Zentrum der amourösen Dreiecksgeschichte bildet.
Dennis Cooper: Mein loser Faden

Dennis Cooper: Mein loser Faden

Der US-Schriftsteller Dennis Cooper wurde in den 90er Jahren durch seinen Roman-Zyklus "George Miles" ("Ran", "Sprung", "Dreier", "Fort", "Punkt") berühmt. Heute lebt der Outlaw-Autor in Paris, wo er sich auch als transgressiver Filmemacher ("Like Cattle Towards Glow") betätigt und einen berüchtigten Blog schreibt. Im Luftschacht Verlag ist nun in deutscher Übersetzung ein Roman aus dem Jahr 2002 erschienen: "Mein loser Faden", entstanden kurz nach dem Amoklauf von Columbine, wirkt auf den europäischen Leser wie eine Art Gebrauchsanweisung für Amerika. Jenseits aller vermeintlicher Gemeinsamkeiten des "Westens" erkundet er – wie viele andere Werke des Autors – die Einsamkeit und Ratlosigkeit der Menschen in einer Welt, die vom Recht des Stärkeren regiert wird und deren Waffengesetze es erlauben, dass jeder "für 15 Minuten" der vermeintlich Stärkste sein kann. Für uns schreibt Michael Sollorz, der selbst schon Cooper ins Deutsche übersetzte hat, über ein abseitiges Jugendporträt, dem man sich als Leser*in nur schwer entziehen kann.
Acht Filme des Jahres

Acht Filme des Jahres

Das nicht-heterosexuelle Kinojahr 2018 war so vielfältig wie kaum ein Jahr zuvor – vor allem was die Perspektiven und Lebensentwürfe seiner filmischen Figuren betrifft. Wir haben für Euch unsere acht Highlights der vergangenen Monate zusammengetragen und stellen Sie mit kurzen Spotlights in den Worten unserer Autor*innen noch einmal vor. Eine Rückschau auf ein schwules Arbeiterkind, das aus der französischen Provinz nach Paris flüchtet, um dort eine neue Entfremdung zu erleben. Auf eine schüchterne Studentin in Oslo, die sich mit übernatürlichen Kräften aus der Hetero-Hölle ihrer Kindheit befreit. Auf einen Schriftsteller, der im Paris der frühen 90er nicht mehr lange zu leben hat und sich trotzdem ein letztes Mal verliebt. Auf eine Ballettschülerin in Gent, die einen Penis zu viel hat. Auf einen altklugen Professorensohn, der während eines Sommers in der Lombardei erfährt, was er alles noch nicht weiß. Auf einen US-amerikanischen Teenager, der an seiner High School zwangsgeoutet wird und erst so in ein großes Liebesmärchen schliddert. Auf zwei Frauen, die sich in São Paulo die Mutterschaft für ein Werwolfkind teilen. Und auf einen Stricher, der so frei und so einsam durch Straßburg zieht wie ein wildes Tier.