Rachilde: Monsieur Vénus

Rachilde: Monsieur Vénus

Die französische Fin-de-siècle-Schriftstellerin Rachilde (1860-1953) schrieb den Roman "Monsieur Vénus" mit Anfang 20. Sie verstieß darin so vehement gegen die damaligen gesellschaftlichen und sexuellen Konventionen, dass das Werk ihr eine Geld- und Haftstrafe einbrachte und nur in einer zensierten Version erscheinen durfte. Rachilde erzählt von einer jungen Adeligen, die sich in einen Künstler aus einfachen Verhältnissen verliebt und diesen nicht etwa zum Liebhaber macht, sondern zur Geliebten umerzieht. Erstmals erscheint das Buch, das jüngst in den Fokus der Gender Studies gerückt ist, jetzt auf Deutsch in vollständiger Originalfassung; unser Autor Dino Heicker hat es mit Begeisterung gelesen – und Lust auf mehr bekommen.
Benedikt Wolf: Mit Deutschland leben! Felix Rexhausens Literatur zwischen Zersetzung und Formspiel

Benedikt Wolf: Mit Deutschland leben! Felix Rexhausens Literatur zwischen Zersetzung und Formspiel

Felix Rexhausen (1932-1992) war als Schriftsteller, Journalist und Satiriker einer der wenigen Störenfriede, die schon zu Beginn der 1960er Jahre dem Mief der Adenauer-Ära den Kampf ansagten. Seine undogmatische Vernunft war der Ideologie der Zeit in vielem voraus. Neben Hubert Fichte und Guido Bachmann zählte er damals zu den wenigen offen schwul auftretenden Autoren deutscher Sprache. Der Germanist Benedikt Wolf hat nun die erste Monografie zu Rexhausens Werk geschrieben. Unser Autor Dino Heicker hat sie gelesen.
Enfant Terrible

Enfant Terrible

Ein Biopic über Rainer Werner Fassbinder (1945-1982), das sagenumwobene und höchst produktive Genie des Neuen Deutschen Films, das heute in einer Reihe mit Orson Welles, Jean-Luc Godard und Douglas Sirk steht – das muss man sich als zeitgenössischer Regisseur erst mal zutrauen. Oskar Roehler traut sich bekanntermaßen einiges zu und hat dabei in der Vergangenheit durchaus auch schon mal queer-affine Filme gedreht wie "Agnes und seine Brüder" (2004, mit Fassbinder-Star Margit Carstensen), denen man ansieht, dass RWF ein starkes filmisches Vorbild ist. Wie nahe Roehler dem Meister und dessen wilder künstlerischer Wahlfamilie in seinem leicht aktifiziellem und teils originell besetztem Spielfilmporträt kommt, hat Fassbinder-Kenner Andreas Wilink für uns erkundet.
Futur Drei

Futur Drei

Jetzt im Kino: Parvis wächst als Kind der Millennial-Generation im komfortablen Wohlstand seiner iranischen Einwanderereltern auf. Dem Provinzleben in Hildesheim versucht er durch Popkultur und Grindr-Dates zu entfliehen. Als er in einer Unterkunft für Geflüchtete das Geschwisterpaar Banafshe und Amon kennenlernt, beginnt eine fragile Dreierbeziehung. Faraz Shariats autobiografisches Regiedebüt, das im Künstler*innen-Kollektiv Jünglinge entstanden ist, war der queere Film der Berlinale und wurde bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Teddy und dem First Steps Award. Dennis Vetter spürt Shariats aktivistischem Gegenentwurf zum konventionellen deutschen Kino nach und plädiert selbst für mehr diverse Realität auf der Leinwand.
Herz aus Dynamit

Herz aus Dynamit

Claudia und María rasen auf einem Motorrad durch Guatemala City. Nach einem Abend auf dem Rummel werden die beiden von drei Männern brutal angegriffen. Claudia will weit weg, die große Stadt hinter sich lassen. María hat einen anderen Plan: Sie will Vergeltung. In ihrem Spielfilmdebüt "Herz aus Dynamit", der jetzt im Salzgeber Club läuft, wirft Regisseurin Camila Urrutia einen schonungslosen Blick auf sexualisierte Gewalt, Diskriminierung und soziale Ungerechtigkeit, die in ihrer Heimat Guatemala weit verbreitet sind. Anja Kümmel über das queerfeministisches Rachedrama, das zugleich ein leidenschaftlicher lesbischer Liebesfilm ist.
Khaled Alesmael: Selamlik

Khaled Alesmael: Selamlik

In seinem autobiografisch gefärbten Debütroman "Selamlik" erzählt der syrische Autor Khaled Alesmael von Furat, der in einer gutbürgerlichen Familie aufwächst. Während seiner Studienzeit in Damaskus erkundet Furat das heimliche Leben schwuler Männer in Parks, Saunen und Pornokinos. Während des Bürgerkriegs werden die Schwulen des Landes von islamistischen Rebellen gezielt gejagt. Als das Haus von Furats Familie von Kampftruppen attackiert wird, flieht der junge Mann nach Schweden und wird dort im Asylantenheim erneut mit der Homophobie seiner Landsleute konfrontiert. Unser Autor Matthias Frings über eine wuchtige Geschichte zwischen Sex und drohendem Tod.
Kiss Me Kosher

Kiss Me Kosher

"Shalom Shabbat": Bereits bei der Begrüßung in Tel Aviv läuft so einiges durcheinander. Und es soll noch komplizierter werden für ein lesbisches Paar, das eigentlich nur zusammen in die Zukunft blicken will, dabei aber mit familiärem Widerstand und der eigenen Geschichte konfrontiert wird. Autorin und Regisseurin Shirel Peleg verhandelt in ihrem Spielfilmdebüt "Kiss Me Kosher", das jetzt im Kino läuft, auf offene, unterhaltsame Weise die deutsch-israelischen Beziehungen und macht dabei mit viel Witz auch Platz für kulturelle Annäherungen und Neuanfänge, findet unsere Autorin Elisabeth Hergt.
Five Dances

Five Dances

Ein junger Tänzer kommt in die große, kalte Stadt und alles, was er hat, ist sein Körper. Alan Browns ("Private Romeo") neuer Spielfilm "Five Dances", der ab heute als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung steht, ist ein Probenraum-Kammerspiel, in dem Bewegungen Geschichten erzählen, Positionen Beziehungen und ein Tanz das ganze Leben. Unser Autor Gunther Geltinger über Schmerz, Poesie und das Schöne in der Gebrochenheit.
Simon Raven: Almosen fürs Vergessen – Fielding Gray

Simon Raven: Almosen fürs Vergessen – Fielding Gray

Die Romanreihe „Almosen fürs Vergessen“ von Simon Raven erscheint erstmals in deutscher Übersetzung. Die zehn Bände umspannen die Jahre 1945 bis 1973. Miteinander verwoben sind sie durch die Mitglieder einer Gruppe privilegierter Internatsschüler, die im ersten Band „Fielding Gray“ in  Schaltstellen der britischen Gesellschaft aufzurücken versuchen. Der strebsame Titelheld Fielding Gray verliebt sich vor Antritt seines letzten Schuljahres in den unschuldigen blonden Christopher. Eine Tragödie bahnt sich an – und Fieldings strahlende Zukunft gerät ins Wanken. Unser Autor Tilman Krause empfand die elegant-lakonische Erzählweise Ravens als very british.
Der Samurai

Der Samurai

Der Kurzfilm „Cowboy“ von Till Kleinert war bereits ein Vorgeschmack darauf, wie originell es der dffb-Absolvent hinbekommt, deutsche Provinztristesse in exzessives, großspuriges und queeres Horrorkino umschlagen zu lassen. Sein erster Langspielfilm „Der Samurai“, der ab Donnerstag als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung steht, lässt ein Fantasy-affines Publikum mit großen Augen zurück. Splatter und Explosionen mag man gewohnt sein – einen schwertschwingenden Serienkiller im Kleid bekommt man indes nicht alle Tage zu Gesicht, stellt unser Autor Thomas Groh fest.