Kritiken (Literatur)

Nell Zink: Virginia

Nell Zink: Virginia

Lesbisch, schwul oder hetero, weiß oder schwarz: Nell Zink jongliert in ihrem zweiten Buch "Virginia" mit Selbstbezeichnungen und Fremdzuschreibungen – und tritt dabei bewusst in jedes nur denkbare Fettnäpfchen. Ein sehr amerikanischer Roman, der in den Sechzigerjahren spielt, in die die Autorin (Jahrgang 1964) hineingeboren wurde. Michael Sollorz über Zinks fantasievolle und leicht verrückte Versuchsanordnung.
Brontez Purnell: Alabama

Brontez Purnell: Alabama

Eine Rückkehr von Kalifornien nach Alabama – das muss ähnlich gespenstisch sein wie eine Rückkehr von Köln nach Oberammergau. Was nicht heißen soll, dass man nicht auch in der Provinz so einiges erleben kann. DeShawn, die Hauptfigur in Brontez Purnells "Alabama", nutzt den Familienbesuch in der Heimat, um seine Jugend vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Und begreift, dass er sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen muss. Christian Lütjens über einen stark autobiografisch gefärbten Roman von beeindruckender Tiefe.
Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Prostitution, ob hetero- oder nicht-heterosexuell, ist weitverbreitet, aber kaum jemand redet oder schreibt darüber. Der literarische Realismus der vorigen Jahrhundertwende hatte da weniger Berührungsängste: Der Dirnenroman "Nana" (1880) ist eins der bekanntesten Werke des französischen Klassikers Zola. Dem schwulen Strich in Berlin hat John Henry Mackay mit "Der Puppenjunge" (1926) ein literarischen Denkmal gesetzt. Und nun hat die Bibliothek rosa Winkel mit Alec Scouffis "Hotel zum Goldfisch" (1929) die tragische Geschichte des Pariser Strichers Peter alias Chouchou neu aufgelegt. Dino Heicker stellt das Buch vor.
Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst ist es gelungen, sich mit durchweg schwulen Themen in der britischen Literatur einen großen Namen zu machen. Sein Roman "Die Schönheitslinie" wurde 2004 mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet, was jedoch nicht dazu führte, dass er plötzlich "brav" geworden wäre. Hollinghursts Stärke liegt im Erzählen ganz alltäglicher Geschichten, mit denen er den Geist einer Epoche oder einer Gesellschaftsschicht meisterhaft einzufangen weiß. So auch in seinem neuesten Roman, "Die Sparsholt-Affäre", der schlaglichtartig den Zeitraum von 72 Jahren überspannt, vom Oxford der 1940er Jahre bis ins moderne London.
Mark Merlis: Halbstark

Mark Merlis: Halbstark

Das schwule Bewegungsgedächtnis reicht bei den meisten von uns mit Ach und Krach bis zu den Stonewall Riots vor 50 Jahren zurück. Mark Merlis geht in seinem neuen Roman „Halbstark“ weiter zurück: in die frühen Sechzigerjahre, als New York noch ein chaotischer Moloch war, mit Stadtvierteln, um die selbst die Polizei einen weiten Bogen machte. Im Mittelpunkt seines Buchs steht der jüdische Intellektuelle Jonathan Ascher, der dem spießigen Alltag seine revolutionären Ideen entgegenstellt und für kurze Zeit zur landesweiten Berühmtheit wird. Gabriel Wolkenfeld, Jahrgang 1985, hat das Buch gelesen.
Jan Stressenreuter: Weil wir hier sind

Jan Stressenreuter: Weil wir hier sind

20 Jahre lang war Jan Stressenreuter ein literarischer Seismograf der schwulen Szene in Deutschland. Seine Bücher näherten sich dem Lebensgefühl seiner Generation aus immer wieder neuen, verblüffenden Richtungen an und hatten doch alle eins gemeinsam: Man merkte, hier schreibt jemand über Themen, die ihn selbst angehen, nicht abgehoben oder besserwisserisch, sondern bodenständig und im besten rheinischen Ton. Wenige Monate nach seinem plötzlichen Tod ist sein letzter, dystopischer Roman erschienen. Christian Lütjens hat ihn gelesen und verknüpft seine Besprechung mit einem persönlichen Nachruf.
OJ & ER: #ichwillihnberühren

OJ & ER: #ichwillihnberühren

Die Sozialen Medien haben die Suche nach Sex und Liebe bekanntermaßen radikal verändert. In dem Buch "#ichwillihnberühren" des anonymen Autorenduos OJ und ER lässt sich nun ein besonders skuriller Fall nachlesen, in dem das Netz mobiler Appnutzer selbst noch auf der Bettkante gegenwärtig ist und ins Liebesgeschehen miteingreift. Axel Schock geht dem Dokument einer ungewöhnlichen und zu Herzen gehenden Romanze auf die Spur.
Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Der Autor und Wortkünstler Jayrôme C. Robinet, Jahrgang 1977, hat früher als weiße Frau in Frankreich gelebt. Dann zieht er nach Berlin, beginnt Testosteron zu nehmen und erlebt eine zweite Pubertät. Ihm wächst ein dunkler Bart, und plötzlich wird er auf der Straße auf Arabisch angesprochen. Ob im Café, in der Umkleide oder bei der Passkontrolle, er merkt, dass sich mit seiner äußeren Erscheiung auch das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber radikal ändert. Er kann vergleichen: Wie werde ich als Mann, wie als Frau behandelt? Und was bedeutet es, wenn sich nicht nur das Geschlecht ändert, sondern im Blick von außen auch die Herkunft? In "Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund" erzählt er von seinem queeren Alltag und deckt auf, wie irrsinnig gesellschaftliche Wahrnehmungen und Zuordnungen oft sind. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Die Entschärfung des §175 im Jahr 1969 hob den Deckel von einem viel zu lange geschlossenen Topf. Schwule Männer, deren Sexualität bis dahin mit Gefängnis bestraft wurde, meldeten sich in der Öffentlichkeit zu Wort und die "Zweite deutsche Schwulenbewegung" begann, in deren Verlauf die meisten Infrastruktureinrichtungen des heutigen queeren Lebens geschaffen wurden. Die umtriebige Berliner Polittunte und Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove, Herausgeberin der heiß diskutierten Sammelbände "Beißreflexe" (2017) und "Selbsthass & Emanzipation" (2016), hat über die bewegten Siebzigerjahre promoviert und die Dissertation nun unter ihrem bürgerlichen Namen Patrick Henze veröffentlicht. Der Untertitel "Zur westdeutschen Schwulenbewegung" führt allerdings etwas in die Irre, denn im Grunde ist fast ausschließlich von Berlin die Rede, und in den Siebzigerjahren war "Westdeutschland" von Berlin aus gesehen ungefähr so weit weg wie der Mond. Matthias Frings hat das Buch für uns gelesen.
Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Autor*innen lieben genau wie Leser*innen die Zeit des Erwachsenwerdens, das Coming-of-Age, denn die Protagonist*innen befinden sich dabei in einem Moment des Übergangs, das Leben hat sie noch nicht abgebrüht. Ihre Empfindlichkeit macht sie so besonders, doch zugleich ist es diese Empfindlichkeit, unter der sie so schrecklich zu leiden haben. Adam Silvera mutet seinem Helden Griffin eine der schlimmsten überhaupt denkbaren Prüfungen zu: Sein Freund Theo stirbt. Fabian Hischmann, der selbst Schriftsteller ist – 2017 erschien sein zweiter Roman "Das Umgehen der Orte" bei Piper, im Sommer folgt der Erzählunsgband "Alle wollen was erleben" – hat Silveras "Was mir von Dir bleibt" für uns gelesen und bespricht das Buch explizit persönlich.