Kritiken (Literatur)

Mario Cruz: Der Prinz

Mario Cruz: Der Prinz

Chile, Anfang der 1970er Jahre. Am Ende einer durchzechten Nacht ersticht der junge Jaime seinen heimlich begehrten besten Freund. Im Gefängnis wird der gefürchtete El Potro zu Jaimes Beschützer, fordert hierfür jedoch Loyalität und sexuelle Unterordnung. Mit seinem Roman "Der Prinz" führt uns Mario Cruz in eine Welt der Hierarchien und Machtproben, deren Doppelbödigkeit er in knapper, schnörkelloser Sprache offenlegt. Der 1972 im Selbstverlag gedruckte Roman avancierte in Chile zunächst zum Underground-Hit, geriet nach der Machtergreifung Pinochets aber in Vergessenheit und wird nun zum ersten Mal wieder veröffentlicht. Michael Sollorz über ein Buch, das erstaunt und direkt in die Vollen geht.
Rachilde: Monsieur Vénus

Rachilde: Monsieur Vénus

Die französische Fin-de-siècle-Schriftstellerin Rachilde (1860-1953) schrieb den Roman "Monsieur Vénus" mit Anfang 20. Sie verstieß darin so vehement gegen die damaligen gesellschaftlichen und sexuellen Konventionen, dass das Werk ihr eine Geld- und Haftstrafe einbrachte und nur in einer zensierten Version erscheinen durfte. Rachilde erzählt von einer jungen Adeligen, die sich in einen Künstler aus einfachen Verhältnissen verliebt und diesen nicht etwa zum Liebhaber macht, sondern zur Geliebten umerzieht. Erstmals erscheint das Buch, das jüngst in den Fokus der Gender Studies gerückt ist, jetzt auf Deutsch in vollständiger Originalfassung; unser Autor Dino Heicker hat es mit Begeisterung gelesen – und Lust auf mehr bekommen.
Benedikt Wolf: Mit Deutschland leben! Felix Rexhausens Literatur zwischen Zersetzung und Formspiel

Benedikt Wolf: Mit Deutschland leben! Felix Rexhausens Literatur zwischen Zersetzung und Formspiel

Felix Rexhausen (1932-1992) war als Schriftsteller, Journalist und Satiriker einer der wenigen Störenfriede, die schon zu Beginn der 1960er Jahre dem Mief der Adenauer-Ära den Kampf ansagten. Seine undogmatische Vernunft war der Ideologie der Zeit in vielem voraus. Neben Hubert Fichte und Guido Bachmann zählte er damals zu den wenigen offen schwul auftretenden Autoren deutscher Sprache. Der Germanist Benedikt Wolf hat nun die erste Monografie zu Rexhausens Werk geschrieben. Unser Autor Dino Heicker hat sie gelesen.
Khaled Alesmael: Selamlik

Khaled Alesmael: Selamlik

In seinem autobiografisch gefärbten Debütroman "Selamlik" erzählt der syrische Autor Khaled Alesmael von Furat, der in einer gutbürgerlichen Familie aufwächst. Während seiner Studienzeit in Damaskus erkundet Furat das heimliche Leben schwuler Männer in Parks, Saunen und Pornokinos. Während des Bürgerkriegs werden die Schwulen des Landes von islamistischen Rebellen gezielt gejagt. Als das Haus von Furats Familie von Kampftruppen attackiert wird, flieht der junge Mann nach Schweden und wird dort im Asylantenheim erneut mit der Homophobie seiner Landsleute konfrontiert. Unser Autor Matthias Frings über eine wuchtige Geschichte zwischen Sex und drohendem Tod.
Simon Raven: Almosen fürs Vergessen – Fielding Gray

Simon Raven: Almosen fürs Vergessen – Fielding Gray

Die Romanreihe „Almosen fürs Vergessen“ von Simon Raven erscheint erstmals in deutscher Übersetzung. Die zehn Bände umspannen die Jahre 1945 bis 1973. Miteinander verwoben sind sie durch die Mitglieder einer Gruppe privilegierter Internatsschüler, die im ersten Band „Fielding Gray“ in  Schaltstellen der britischen Gesellschaft aufzurücken versuchen. Der strebsame Titelheld Fielding Gray verliebt sich vor Antritt seines letzten Schuljahres in den unschuldigen blonden Christopher. Eine Tragödie bahnt sich an – und Fieldings strahlende Zukunft gerät ins Wanken. Unser Autor Tilman Krause empfand die elegant-lakonische Erzählweise Ravens als very british.
Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Mary MacLane: Ich erwarte die Ankunft des Teufels

Als Mary MacLane 1902 ihr erstes, im Tagebuchstil verfasstes Buch veröffentlichte, wurde ihr Name zum Inbegriff der rebellischen jungen Frau. Die 19-jährige Ich-Erzählerin wünscht sich Napoleon oder am besten gleich den Teufel als Liebhaber und sehnt eine Revolution herbei. Sie hasst ihr Umfeld im provinziellen Montana, ebenso wie ihre Haushaltspflichten. Trotz ihrer Einsamkeit ist sie voller Kraft. Über 100 Jahre später erscheint „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“ zum ersten Mal in deutscher Übersetzung – und fasziniert noch immer, wie unser Autor Joachim Bartholomae aufzeigt.
Joris Bas Backer: Küsse für Jet

Joris Bas Backer: Küsse für Jet

Joris Bas Backer erzählt in seiner Graphic Novel "Küsse für Jet" eine besondere Coming-of-Gender-Geschichte, angesiedelt zwischen dem Tod von Kurt Cobain im Jahr 1994 und der Jahrtausendwende. Jet ist 14 und lebt in einem Kaff in den Niederlanden. Auf dem Internat begreift sie ganz langsam, dass sie vielleicht mehr ein Junge als ein Mädchen ist. Backer erzählt die von eigenen Erfahrungen inspirierte Geschichte einfühlsam und zugleich mit viel Humor. Am meisten hat unsere Autorin Anja Kümmel aber die ungeheure visuelle Kraft des Buchs beeindruckt.
Jörg Rehmann: Herr Wunderwelt

Jörg Rehmann: Herr Wunderwelt

Jörg Rehmann erzählt in seinem Roman "Herr Wunderwelt" vom Heranwachsen in der DDR und der Schwulenszene im Berlin zur Wendezeit. Der Protagonist Dirk schummelt sich in alternativen Identitäten und erfundenen Biografien durchs Leben. Er träumt davon, Schriftsteller zu sein – landet jedoch als Pfleger in der Residenz am Grunewald, ohne eine Ausbildung zu haben. Unser Autor Marko Martin empfand den Roman als eine Wundertüte voller despektierlicher Schnurren – und gerade deshalb als das richtige Buch zu dreißig Jahren "deutscher Einheit".
Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus – Chroniken eines Übergangs

Paul B. Preciado: Ein Apartment auf dem Uranus – Chroniken eines Übergangs

In seiner Aufsatzsammlung "Ein Apartment auf dem Uranus" kombiniert Paul Beatriz Preciado autobiografisches Erzählen mit queertheoretischem Denken. Dabei illustriert er nicht nur die Thesen seiner Queer-Theory-Publikation "Testo Junkie" um die Frage, welchen Einfluss Pharmaindustrie und Pornografie auf unser Leben haben, sondern widmet sich auch vielen weiteren politischen und privaten Themen, etwa der Migration und dem Ende einer großen Liebe. Unser Autor Peter Rehberg ist Preciado auf dessen essayistisch-literarischem Weg gefolgt.
Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Eine namenlose queere Ich-Erzählerin schaut mit Wut und Leidenschaft auf unsere sich rasch verändernde Zeit und erzählt zugleich die Geschichte ihrer Familie: von ihrer Kindheit in den späten 1980er und 90er Jahren in einer ostdeutschen Kleinstadt, mit einer jungen Punkerin als Mutter, einem angolanischen Vater und einer Großmutter, die zu DDR-Zeiten treue SED-Anhängerin war. In ihrem autofiktionalen Debütroman regt Olivia Wenzel ihre Leser_innen dazu an, das Narrativ stets kritisch zu hinterfragen und die Identitäten ihrer Figuren als fluide anzusehen. Anja Kümmel erkennt in Wenzels Art, von Angst- und Diskriminierungserfahrungen zu erzählen, eine literarisch eigenwillige Stimme.