Kritiken (Literatur)

Thomas Savage: Die Gewalt der Hunde

Thomas Savage: Die Gewalt der Hunde

Das queere Westerndrama „The Power of the Dog“ von Jane Campion ist aktuell für zwölf Oscars nominiert. Bevor am Sonntag die Preisträger:innen bekannt gegeben werden, blicken wir auf die die Buchvorlage „Die Gewalt der Hunde“ von Thomas Savage aus dem Jahr 1967, die im Dezember erstmals auf Deutsch erschienen ist. In der Welt des alten Wilden Westens erzählt Savage von unterdrückter Homosexualität, Selbsthass und Rache. Tilman Krause ist begeistert von der erzählerischen Wucht des Romans und seiner meisterhaft gezeichneten Figuren.
Kaśka Bryla: Die Eistaucher

Kaśka Bryla: Die Eistaucher

Iga, Jess und Ras sind Außenseiter:innen in ihrer Klasse, doch gemeinsam bilden sie eine verschworene Truppe: die Eistaucher. Als die Jugendlichen eines Nachts einen polizeilichen Übergriff beobachten und die Tat folgenlos bleibt, nehmen sie das Recht in die eigenen Hände. Zwanzig Jahre später taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der von dem damaligen Racheakt zu wissen scheint ... Kaśka Bryla („Roter Affe“) geht in ihrem zweiten Roman „Die Eistaucher“ den Ursachen von Radikalisierung nach und verbindet ihre Suche mit einem Plädoyer für Solidarität und Liebe. Gabriel Wolkenfeld über eine queere Geschichte, die sogar einen Gegenentwurf zu klassischen Jugendromanen in sich trägt.
Dennis Cooper: Die Schlampen

Dennis Cooper: Die Schlampen

Der gänzlich aus fiktiven Web-Einträgen, E-Mails und protokollierten Telefonaten bestehende Roman „Die Schlampen“ von Dennis Cooper aus dem Jahr 2004 ist erstmals in deutscher Sprache erschienen. Der kalifornische Autor entwirft darin ein Gedankenspiel um Fantasien und Identitäten, um Wahrheit und Lüge, um Abhängigkeiten und extreme Formen von Liebe und Sexualität. Anja Kümmel hat sich in dessen düstere Gedankenwelt vorgewagt – und genoss die virtuose Verschachtelung und die ironischen Spitzen.
Carmen Maria Machado: Das Archiv der Träume

Carmen Maria Machado: Das Archiv der Träume

In „Das Archiv der Träume“ erzählt Carmen Maria Machado die Geschichte eines Heranwachsens im ländlichen, religiös geprägten Amerika – und die Geschichte einer toxischen lesbischen Beziehung. Dem oft tabuisierten Thema des emotionalen und psychischen Missbrauchs in einer Paarbeziehung nähert sie sich mit zahlreichen popkulturellen Bezügen. Anja Kümmel über eine mutige, intime und zugleich sehr aufschlussreiche Collage queerer Erfahrung.
Michael Roes: Der Traum vom Fremden

Michael Roes: Der Traum vom Fremden

Ostafrika 1883: Arthur Rimbaud, der große Poet der Dritten Französischen Republik, hat dem Dichterleben abgeschworen und arbeitet als Kaffee- und Waffenhändler in der legendären Stadt Harar. Als sein Geschäftspartner Sotiro von einer Erkundungsreise im Ogaden nicht mehr zurückkehrt, startet Rimbaud eine Rettungsmission – und dringt in die noch unerforschte Wildnis vor, wo ihn unerwartet die Poesie einholt. Als Grundlage für seinen neuen Roman „Der Traum vom Fremden“ diente Michael Roes ein authentischer Bericht, den Rimbaud 1883 über den Ogaden verfasste. Reflexionen über das Reisen, das Dasein und das Schreiben wechseln sich ab mit Erinnerungen an die Amour fou mit Paul Verlaine, Rimbauds Zeit bei der Fremdenlegion und seinen Neuanfang in Afrika. Gabriel Wolkenfeld über ein fiebertraumartiges Buch voller Geistesblitze.
Hervé Guibert: Verrückt nach Vincent / Reise nach Marokko

Hervé Guibert: Verrückt nach Vincent / Reise nach Marokko

Hervé Guibert (1955-1991) wurde in Deutschland durch das Protokoll seiner Aids-Erkrankung „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ berühmt. Seine schriftstellerische Karriere hatte jedoch schon zehn Jahre zuvor mit kleinen, intensiven Erzählungen begonnen. In zwei davon verarbeitet Guibert seine Beziehung zu Vincent, einem jungen Mann, den er 1981 auf einer Reise durch Marokko kennenlernte und dem er bis kurz vor seinem Tod in einer Art Hassliebe verbunden blieb. Zu Guiberts 30. Todestag erscheinen beide Erzählungen nun erstmals zusammengefasst in einem Band. Michael Sollorz über ein Multitalent und dessen literarische Befreiungsschläge.
Babylonisches Repertoire

Babylonisches Repertoire

In seinem neuen Roman „Babylonisches Repertoire“ erzählt Gabriel Wolkenfeld von einer jüdischen Familie über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Der erfolglose DJ Yair fürchtet, sein Großvater Avigdor könnte sich allmählich im Nebel der Demenz verlieren. Deshalb erzählt er ihm all jene Geschichten, die der Senior einst ihm erzählte. Da er sich nicht immer genau erinnert, erfindet er einiges hinzu, übertreibt, wandelt ab – in der Hoffnung, den Großvater aus der Reserve zu locken und sich selbst dabei vom eigenen Lebenschaos im heutigen Tel Aviv abzulenken, samt seiner schwulen Liebesabenteuer. Matthias Frings über einen Reigen origineller Figuren und eine berührende Familiengeschichte.
Brontez Purnell: 100 Boyfriends

Brontez Purnell: 100 Boyfriends

In „100 Boyfriends“ erzählt Brontez Purnell vom keineswegs perfekten Leben junger Männer in einer Welt, die von ihnen nichts wissen will, weil sie arm, schwarz und schwul sind. Hin- und hergerissen zwischen One-Night-Stands und alten Liebschaften, verführen seine Figuren die Ehemänner ihrer Arbeitskollegen, verschrecken rassistische Nachbarn, bandeln mit Satanisten an und stürzen sich kopfüber in den Rausch, um am nächsten Morgen den Kampf wieder aufzunehmen – für ein freies, selbstbestimmtes Leben. Daniel Plettenberg über eine herrlich obszöne queere Liebeshymne und ihre witzigen Erzählperspektiven.
Bryan Washington: Dinge, an die wir nicht glauben

Bryan Washington: Dinge, an die wir nicht glauben

Ben und Mike sind seit vier Jahren ein Paar und leben in Houston. Als Mikes Mutter Mitsuko aus Japan zu Besuch kommt, reist ihr Sohn überstürzt ab und in die andere Richtung, um seinen kranken Vater zu pflegen. Ben bleibt allein mit der fremden Frau zurück, die ihn zuvor mit den Worten „Du bist also schwarz“ begrüßt hat. In seinem Debütroman erzählt Bryan Washington von Liebe, die Grenzen überwindet. Axel Schock war von der Lektüre so begeistert, dass er sich einzelne Stellen immer wieder anstreichen musste.
David M. Halperin: Was ist schwule Kultur?

David M. Halperin: Was ist schwule Kultur?

Für Susan Sontag entsteht Kultur, „sooft Sprache, Bewegung, Verhalten oder Gegenstände eine gewisse Abweichung von der direktesten, nützlichsten, unengagiertesten Weise des Ausdrucks und des In-der-Welt-Seins zeigen“. Homosexuelle, denen in einer heterosexuellen Umwelt ein solcher „direkter“ Ausdruck verwehrt bleibt, sind deshalb darauf angewiesen, Kultur zu erschaffen, und sei es in Form der subkulturellen Umdeutung der heterosexuellen Mehrheitskultur. Ob Trash, Divenkult oder ernsthafte Identitätskunst: Schwule sind die Kulturschaffenden schlechthin. Doch der Sexualwissenschaftler David M. Halperin schreibt, Homosexualität ist an die Schwulen verschwendet, weil die ihr Heil vielmehr in einer farblosen Homonormativität suchen. In seinem Essay „Was ist schwule Kultur?“, der jetzt in deutscher Übersetzung bei Männerschwarm erschienen ist, analysiert er Entwicklungslinien und hält ein Plädoyer für offen gelebte Diversität. Egbert Hörmann hat sich mit den Zündstoffen in Halperins Gepäck befasst.