Kritiken (Literatur)

Holger Brüns: Vierzehn Tage

Holger Brüns: Vierzehn Tage

Im Kontext der Queer Theory wird neuerdings viel über „weiße, alte, schwule cis-Männer“ geschrieben; in Holger Brüns Sommernovelle „Vierzehn Tage“ meldet sich ein Vertreter dieser Spezies selbst zu Wort – nicht etwa auf Krawall gebürstet, sondern ganz entspannt und unaufgeregt. Während eines kurzen Urlaubs, in dem er eigentlich seine Wohnung renovieren will, schaut er sich in seiner Heimatstadt Berlin und in seinem Leben um und kommt sich wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten vor. Und er stellt sich die Frage: War’s das jetzt, oder lässt sich das noch ändern? Axel Schock hat die Novelle für uns gelesen.
Odd Klippenvåg: Ein liebenswerter Mensch

Odd Klippenvåg: Ein liebenswerter Mensch

Norwegen ist 2019 Gastland der Frankfurter Buchmesse, und so erscheint endlich ein weiterer Roman von Odd Klippenvåg auf Deutsch. Unser Rezensent Tilman Krause erklärt, weshalb es tatsächlich Sinn macht, Literatur nach regionalen Zusammenhängen zu betrachten: Norweger erzählen oft anders als Deutsche, Franzosen oder Amerikaner. Odd Klippenvåg zum Beispiel spricht nicht gern über Gefühle; stattdessen dringt er mit seiner entschleunigten Schreibweise tief ins Innenleben seiner Figuren und die Strukturen ihrer Beziehungen ein und lässt die Fakten sprechen.
Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Heiner Möllers: Die Affäre Kießling

Noch anfang der Achtzigerjahre reichte allein der Verdacht, nicht-heterosexuell zu sein, um als Träger gewisser Ämter und Würden in Verruf zu geraten. Von Günter Kießling, dem hochdekorierten Viersterne-General der Bundeswehr und stellvertretenden Oberkommandierenden der NATO, hieß es irgendwann, er sei schwul. Es blieb bei Gerüchten, der General wurde dennoch entlassen. Die "Affäre Kießling" erregte die Bundesrepublik wie kaum ein zweiter Skandal in der Amtszeit Helmut Kohls, und das allein will einiges heißen. Nach 35 Jahren hat nun ein Offizier der Bundeswehr die offizielle Chronik der Ereignisse geschrieben. Detlef Grumbach, der die Affäre einst journalistisch begleitete, hat das Buch mit dürftigem Erkenntnisgewinn gelesen – und sieht alte Denkfiguren noch immer am Werke.
Michael Roes: Herida Duro

Michael Roes: Herida Duro

Nach "Der Coup des Berdache" (1999) kehrt der deutsche Schriftsteller Michael Roes zum Thema kulturell regulierter geschlechtlicher Ambivalenz zurück: Die Albanerin Herida Duro wird von ihrem Vater zum Mann erklärt, da ihre Eltern keinen männlichen Erben haben. Herida verlässt das karge Bergdorf ihrer Jugend und macht als Filmemacherin Karriere, zunächst im totalitären Regime des maoistischen Revolutionsführers Enver Hoxha, später in Rom. Vom eigenen Lebensglück abgeschnitten, vertieft sie sich in das Schicksal eines anderen fremdbestimmten Ausnahmemenschen – und dreht einen Film über die Jugend des Jesus von Nazareth.
Rupert Thomson: Never anyone but you

Rupert Thomson: Never anyone but you

Die 17-jährige Suzanne freundet sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit der etwas jüngeren Lucy an, Tochter eines jüdischen Zeitungsverlegers. Zunächst noch im Verborgenen entwickelt sich aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung, die das Leben der beiden prägen wird. Sie legen sich die geschlechtlich uneindeutigen Künstlernamen Claude Cahun und Marcel Moore zu, gehen nach Paris und erregen dort in den Zwanzigerjahre mit ihren radikal modernen Texten, Collagen und Fotografien erstes Aufsehen. Ihr Salon wird zum Treffpunkt für Surrealisten und Literaten, Dalí, Breton und Hemingway geben sich die Klinke in die Hand. Mit dem Dichter Robert Desnos tauscht sich Cahun über das damals revolutionäre Konzept aus, "dass Geschlecht zufällig ist und austauschbar" – und Identität wandelbar. Doch der um sich greifende Antisemitismus treibt sie aus der Metropole und auf der Kanalinsel Jersey, die sie auch noch verteidigen, als die Wehrmacht sie 1940 besetzt. Rupert Thomson zeichnet in seiner meisterhaften Romanbiografie das wechselvolle Leben der der beiden Frauen nach, die in ihrer Lebens- und Denkweise der Queer Theory um Jahrzehnte vorgriffen. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Nell Zink: Virginia

Nell Zink: Virginia

Lesbisch, schwul oder hetero, weiß oder schwarz: Nell Zink jongliert in ihrem zweiten Buch "Virginia" mit Selbstbezeichnungen und Fremdzuschreibungen – und tritt dabei bewusst in jedes nur denkbare Fettnäpfchen. Ein sehr amerikanischer Roman, der in den Sechzigerjahren spielt, in die die Autorin (Jahrgang 1964) hineingeboren wurde. Michael Sollorz über Zinks fantasievolle und leicht verrückte Versuchsanordnung.
Brontez Purnell: Alabama

Brontez Purnell: Alabama

Eine Rückkehr von Kalifornien nach Alabama – das muss ähnlich gespenstisch sein wie eine Rückkehr von Köln nach Oberammergau. Was nicht heißen soll, dass man nicht auch in der Provinz so einiges erleben kann. DeShawn, die Hauptfigur in Brontez Purnells "Alabama", nutzt den Familienbesuch in der Heimat, um seine Jugend vor dem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen. Und begreift, dass er sein Leben endlich selbst in die Hand nehmen muss. Christian Lütjens über einen stark autobiografisch gefärbten Roman von beeindruckender Tiefe.
Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Alec Scouffi: Hotel zum Goldfisch

Prostitution, ob hetero- oder nicht-heterosexuell, ist weitverbreitet, aber kaum jemand redet oder schreibt darüber. Der literarische Realismus der vorigen Jahrhundertwende hatte da weniger Berührungsängste: Der Dirnenroman "Nana" (1880) ist eins der bekanntesten Werke des französischen Klassikers Zola. Dem schwulen Strich in Berlin hat John Henry Mackay mit "Der Puppenjunge" (1926) ein literarischen Denkmal gesetzt. Und nun hat die Bibliothek rosa Winkel mit Alec Scouffis "Hotel zum Goldfisch" (1929) die tragische Geschichte des Pariser Strichers Peter alias Chouchou neu aufgelegt. Dino Heicker stellt das Buch vor.
Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst: Die Sparsholt-Affäre

Alan Hollinghurst ist es gelungen, sich mit durchweg schwulen Themen in der britischen Literatur einen großen Namen zu machen. Sein Roman "Die Schönheitslinie" wurde 2004 mit dem renommierten Man Booker Prize ausgezeichnet, was jedoch nicht dazu führte, dass er plötzlich "brav" geworden wäre. Hollinghursts Stärke liegt im Erzählen ganz alltäglicher Geschichten, mit denen er den Geist einer Epoche oder einer Gesellschaftsschicht meisterhaft einzufangen weiß. So auch in seinem neuesten Roman, "Die Sparsholt-Affäre", der schlaglichtartig den Zeitraum von 72 Jahren überspannt, vom Oxford der 1940er Jahre bis ins moderne London.
Mark Merlis: Halbstark

Mark Merlis: Halbstark

Das schwule Bewegungsgedächtnis reicht bei den meisten von uns mit Ach und Krach bis zu den Stonewall Riots vor 50 Jahren zurück. Mark Merlis geht in seinem neuen Roman „Halbstark“ weiter zurück: in die frühen Sechzigerjahre, als New York noch ein chaotischer Moloch war, mit Stadtvierteln, um die selbst die Polizei einen weiten Bogen machte. Im Mittelpunkt seines Buchs steht der jüdische Intellektuelle Jonathan Ascher, der dem spießigen Alltag seine revolutionären Ideen entgegenstellt und für kurze Zeit zur landesweiten Berühmtheit wird. Gabriel Wolkenfeld, Jahrgang 1985, hat das Buch gelesen.