Kritiken (Literatur)

James Baldwin: Giovannis Zimmer

James Baldwin: Giovannis Zimmer

Der US-Schriftsteller James Baldwin (1924-1987) ist nicht nur eine Ikone für die Bürgerrechtsbewegung, wovon jüngst etwa Raoul Pecks vielschichtiger Dokumentarfilm "I Am Not Your Negro" Zeugnis trug, sondern auch für das Gay Liberation Movement. Anfang 2018 startete der Deutsche Taschenbuch Verlag (dtv) eine Werkausgabe in neuen Übersetzungen, in der nun einer der berühmtesten "schwulen Romane" überhaupt erschienen ist: "Giovannis Zimmer" aus dem Jahr 1956. Darin lernt der weiße Amerikaner David in Paris den Kellner Giovanni kennen, und die beiden erleben eine kurze, qualvolle amour fou in der klaustrophoben Enge von Giovannis Zimmer. Unser Autor Fabian Hischmann, Jahrgang 1983, schreibt über ein zeitloses Meisterwerk, das Leser*innen in seiner schonungslosen Beschreibung einer toxischen Beziehung noch heute bis ins Mark erschüttert.
Alexander Chee: Wie man einen autobiografischen Roman schreibt

Alexander Chee: Wie man einen autobiografischen Roman schreibt

Gleichzeitig mit Alexander Chees berührendem Debütroman "Edinburgh" erscheint in Deutschland ein Essay-Band des US-amerikanischen Autors mit dem selbstreferenziellen Titel "Wie man einen autobiografischen Roman schreibt". Von der Gattungsbezeichnung "Essay" sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen, meint unser Autor Christian Lütjens: Im Grunde handelt es sich um autobiografische Schlaglichter und Reflexionen eines Schriftstellers, der als Buchhändler, Dragqueen und Aids-Aktivist eine Menge zu erzählen hat. Und dann gibt es da ja auch noch dieses allgemeine Lebensgefühl in "Trump-Country"...
Alexander Chee: Edinburgh

Alexander Chee: Edinburgh

Der US-amerikanische Autor Alexander Chee wird dem deutschen Publikum in diesem Frühjahr gleich mit zwei Übersetzungen vorgestellt: neben dem jüngeren Essayband "Wie man einen autobiografischen Roman schreibt" erscheint auch endlich Chees berührender Debütroman "Edinburgh" aus dem Jahr 2001 in deutscher Sprache. Darin erzählt der Autor von den sexuellen Übergriffen eines Chorleiters aus der Perspektive eines unbeteiligten Schülers, der sich gerade seiner schwulen Sehnsüchte bewusst wird. Der Junge begreift, was um ihn herum geschieht, ist aber nicht in der Lage, etwas dagegen zu unternehmen. Eine Erfahrung, die ihn für sein ganzes Leben prägt. Tilman Krause hat "Edinburgh" für uns gelesen.
Invertito: Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit

Invertito: Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit

Die historische Erforschung des Schicksals der Homosexuellen in der NS-Zeit fördert weiterhin wichtige Erkenntnisse zu Tage. Zunächst über Jahrzehnte ignoriert, dann zögerlich erforscht, wird diese Geschichte erst heute umfassend aufgearbeitet. Inzwischen wird neben den Rosa-Winkel-Häftlingen in den Konzentrationslagern auch die Verfolgung von Lesben und trans Personen thematisiert. Was Erinnerungskultur bedeutet und wie sie zu gestalten ist, hat nicht zuletzt wegen des rechtsextremen Terrors der letzten Jahre an Gewicht gewonnen. Der neue Band des queeren Geschichtsjahrbuchs "Invertito", das bereits im 21. Jahrgang erscheint, hat sich der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gewidmet. Anja Kümmel hat ihn für uns gelesen.
Philipp Stadelmaier: Queen July

Philipp Stadelmaier: Queen July

Bereits in seinen Theaterstücken „Black Square“ und „Vanishing Points“ hat sich Filmkritiker und sissy-Autor Philipp Stadelmaier mit dem Aufeinanderprallen von bürgerlicher Wohlständigkeit und politischer Wirklichkeit auseinandergesetzt. Auch sein Debütroman „Queen July“ zielt auf den Clash zwischen Erster und Dritter Welt. Aziza hat ihre Jugendliebe Strehler nie vergessen, auch nicht in Dschibuti, wo sie seit ein paar Jahren lebt. Als Strehler plötzlich wieder in ihr Leben kracht, verwickelt sich Aziza in Schwärmereien, die nur ihre neue Pariser Bekannte July zu entwirren vermag, bei der sie den Sommer verbringt. Christian Lütjens hat „Queen July“ für uns gelesen.
Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Nach einem Unwetter nimmt die Farmerswitwe Agnes die Identität des katholischen Missionars Father Damien an und leitet bis ins hohe Alter eine kleine Gemeinde im Indianerreservat. Der bereits vor 20 Jahren verfasste Roman "Die Wunder von Little No Horse" der amerikanischen Autorin Louise Erdrich dringt tief in die Persönlichkeit seiner Heldin ein, die ihr wahres Geschlecht verleugnet, um Gott zu dienen. Der Vergleich zu Michael Roes' Roman "Herida Duro" (2019) drängt sich auf und zeigt große Unterschiede. Michael Sollorz ist Louise Erdrich in die Trostlosigkeit des Indianerreservats gefolgt.
Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Miku Sophie Kühmel: Kintsugi

Es ist noch immer eine Ausnahme, dass heterosexuelle Autoren und Autorinnen sich ihre Hauptfiguren in der queeren Vielfalt suchen. „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel ist eine solche Ausnahme und verdient deshalb Beachtung, zumal der Roman von der Jury des Deutschen Buchpreises in Betracht gezogen wurde. Tilman Krause über die hochgelobte Liebes- und Familiengeschichte der 1992 geborenen Schriftstellerin.
Joe Brainard: Ich erinnere mich

Joe Brainard: Ich erinnere mich

Seit Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" (1913-1927) gilt vielen Schriftsteller*innen die eigene Erinnerung als besonders legitime Quelle von Literatur, und Proust war der Geruch von Urin in der Spargelzeit ebenso "literaturwürdig" wie der Duft der Madeleine zum Lindenblütentee. Fünfzig Jahre nach Prousts Tod veröffentlichte der 1941 in Arkansas geborene und 1994 an einer durch Aids verursachten Lungenentzündung verstorbene Künstler und Autor Joe Brainard seine ganz persönlichen Erinnerungen an vergangene Empfindungen: "Ich erinnere mich" erzählt keine Geschichte, sondern präsentiert Erinnerungen pur, die jedoch, folgt man Rezensent Axel Schock, in ihrer Gesamtheit das faszinierende Porträt einer aufwühlenden Epoche ergeben.
Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis

Joachim Bartholomae: Aschenbachs Vermächtnis

"Mit einer Novelle solchen Inhalts wäre man heute entweder unten durch oder feierte seinen Durchbruch als Skandalautor", schrieb die FAZ vor ein paar Jahren über Thomas Manns berühmt-berüchtigtes Prosawerk "Tod in Venedig", in dem sich ein altender Schriftsteller unsterblich in einen polnischen Jüngling verliebt. In einem neuen Essay, der jetzt als Buch erschienen ist, hat Joachim Bartholomae Manns Klassiker einer genauen Analyse unterzogen. Er zeigt, dass Autoren aus aller Welt sich von der eigentümlichen Themenstruktur inspirieren ließen und eigene Variationen über das von Thomas Mann vorgegebene Thema verfassten. Elmar Kraushaar stellt "Aschenbachs Vermächtnis" vor.
Peter Rehberg: Hipster Porn

Peter Rehberg: Hipster Porn

Queertheoretische Denker gehen über die Frage, ob Pornografie zu verdammen sei oder nicht, hinaus und fragen stattdessen nach dem subversiven Potenzial pornografischer Inszenierungen. Im Interview mit Verlegerin Claudia Gehrke haben wir bereits die Möglichkeiten nicht-exploitativer Erotik und Pornografie am Beispiel des Jahrbuchs „Mein heimliches Auge“ erörtert. In „Hipster Porn“ unterzieht nun Peter Rehberg das Porno-Fanzine „Butt“ einer hochabstrakten queertheoretischen Analyse. Mike Laufenberg gibt einen Überblick über diese komplexe Studie.