Anja Kümmel (Autorin)

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden

Ein Roman, der den intersektionalen Feminismus einem Alltagstest unterzieht, verortet sich sofort als Stimme der Millennial-Generation: Sally Rooney wurde 1991 in Irland geboren und weiß, wovon sie schreibt. Ihr Roman „Gespräche mit Freunden“ erkundet ein modernes Lebensgefühl und unterscheidet sich damit höchst erfreulich von all den Familien-, Liebes- und Krankengeschichten, die die Gegenwartsliteratur derzeit dominieren. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Bonnie & Bonnie

Bonnie & Bonnie

Yara lebt mit ihrem albanischen Vater und den drei Geschwistern in Hamburg-Wilhelmsburg. Neben ihrem Job im Supermarkt schmeißt sie den Familienhaushalt und vertreibt sich die Freizeit mit ihrer Clique. Als sie auf der Straße der toughen Kiki begegnet, ist plötzlich nichts mehr wie zuvor: Während Yara eine neue, bislang ungekannte Freiheit entdeckt, erlebt Heimkind Kiki das erste Mal das Gefühl von Geborgenheit. Aber niemand darf von der Beziehung wissen, vor allem nicht Yaras konservativer Vater, der schon einen Ehemann für sie ausgesucht hat… Regisseur Ali Hakim erzählt die berührende Geschichte von zwei jungen Frauen, die wie ihre filmhistorischen Vorbilder Bonnie und Clyde ins Weite aufbrechen müssen, damit ihre Liebe eine Chance hat. Anja Kümmel über eine mitreißende lesbische Romanze, die im Oktober in der queerfilmnacht zu sehen ist und am 24. Oktober auch regulär im Kino startet.
Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios

Im vermeintlichen „Schmelztiegel“ Amerika unterliegen Außenseiter einem starken Anpassungsdruck; oft scheint es die beste Strategie zu sein, sich unsichtbar zu machen. Das gelingt dem jungen Vietnamesen Little Dog recht gut, doch schließlich ist es der weiße „Redneck“ Trevor, ein Arbeitskollege auf einer Tabaksplantage, von dem er sich als Mensch wahrgenommen fühlt. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong nähert sich dem amerikanischen Traum vom Rand der Gesellschaft, und man spürt sofort, dass es Zuwanderer wie die Familie von Little Dog sind, die diesen Traum am Leben erhalten. Unsere Autorin Anja Kümmel hat den Roman als große Trauma-Erzählung voller Wucht erlebt.
Rupert Thomson: Never anyone but you

Rupert Thomson: Never anyone but you

Die 17-jährige Suzanne freundet sich kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs mit der etwas jüngeren Lucy an, Tochter eines jüdischen Zeitungsverlegers. Zunächst noch im Verborgenen entwickelt sich aus der Freundschaft eine Liebesbeziehung, die das Leben der beiden prägen wird. Sie legen sich die geschlechtlich uneindeutigen Künstlernamen Claude Cahun und Marcel Moore zu, gehen nach Paris und erregen dort in den Zwanzigerjahre mit ihren radikal modernen Texten, Collagen und Fotografien erstes Aufsehen. Ihr Salon wird zum Treffpunkt für Surrealisten und Literaten, Dalí, Breton und Hemingway geben sich die Klinke in die Hand. Mit dem Dichter Robert Desnos tauscht sich Cahun über das damals revolutionäre Konzept aus, "dass Geschlecht zufällig ist und austauschbar" – und Identität wandelbar. Doch der um sich greifende Antisemitismus treibt sie aus der Metropole und auf der Kanalinsel Jersey, die sie auch noch verteidigen, als die Wehrmacht sie 1940 besetzt. Rupert Thomson zeichnet in seiner meisterhaften Romanbiografie das wechselvolle Leben der der beiden Frauen nach, die in ihrer Lebens- und Denkweise der Queer Theory um Jahrzehnte vorgriffen. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Der Autor und Wortkünstler Jayrôme C. Robinet, Jahrgang 1977, hat früher als weiße Frau in Frankreich gelebt. Dann zieht er nach Berlin, beginnt Testosteron zu nehmen und erlebt eine zweite Pubertät. Ihm wächst ein dunkler Bart, und plötzlich wird er auf der Straße auf Arabisch angesprochen. Ob im Café, in der Umkleide oder bei der Passkontrolle, er merkt, dass sich mit seiner äußeren Erscheiung auch das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber radikal ändert. Er kann vergleichen: Wie werde ich als Mann, wie als Frau behandelt? Und was bedeutet es, wenn sich nicht nur das Geschlecht ändert, sondern im Blick von außen auch die Herkunft? In "Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund" erzählt er von seinem queeren Alltag und deckt auf, wie irrsinnig gesellschaftliche Wahrnehmungen und Zuordnungen oft sind. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
Freak Show

Freak Show

Jetzt als DVD und VoD: Billy Bloom will nur eins in seinem Leben: fabelhaft sein! Für den frühreifen Teenager heißt das, größten Wert auf die richtige Kleidung, auf Haare und Make-up zu legen, perfekten Sinn für den besonderen Auftritt zu haben und vor allem nie langweilig zu sein. In der konservativen US-Kleinstadtschule, in die ihn sein steinreicher Vater gesteckt hat, stößt Billy mit seinem Charisma auf breites Unverständnis und offenes Mobbing. Nachdem ihn eine Gruppe homophober Mitschüler krankenhausreif geprügelt hat, holt Billy zum Gegenschlag aus – und erklärt seine Kandidatur zur Homecoming Queen. Als High-School-Film getarnt, erzählt "Freak Show" mit campem Humor, skurrilen Nebenfiguren und viel Herz die Außenseitergeschichte eines sonderbaren Jungen als nicht-heterosexuelles Selbstermächtigungs-Märchen. In Trudie Stylers Regiedebüt glänzen neben dem britischen Nachwuchsstar Alex Lawther ("Departure") auch Abigail Breslin ("Little Miss Sunshine") als biestige Chef-Cheerleaderin und Schauspielikone Bette Midler als Billys exzentrische, aber weitgehend abwesende Mutter Muv. Anja Kümmel über einen extravaganten Coming-of-Age-Film, der eine Lanze für die Magie des schillernden Andersseins bricht.
Angela Steidele: Zeitreisen

Angela Steidele: Zeitreisen

1840 reist die englische Tagebuchautorin Anne Lister mit ihrer Partnerin Ann Walker im Pferdeschlitten auf der zugefrorenen Wolga bis zum Kaspischen Meer und weiter über den Großen Kaukasus nach Tbilissi und Baku. Lister stirbt völlig unerwartet auf einer Bergtour in Georgien, ihre Gefährtin Walker benötigt daraufhin sieben Monate, um den Sarg mit der Leiche zurück nach Halifax zu bringen. Im Zuge ihrer Arbeit an einer Biografie über Anne Lister beschließt die deutsche Autorin Angela Steidele knapp 180 Jahre später, dem verwegenen Liebespaar nachzureisen. Begleitet von ihrer Lebensgefährtin begibt sie sich auf die Spuren von Anne und Ann. Was erzählen die Orte, Landschaften und Menschen heute von fernen Zeiten? Kann man überhaupt in die Vergangenheit reisen? Und was bedeutet das eigentlich: Vergangenheit? "Zeitreisen" erlaubt einen faszinierenden Blick in die Werkstatt einer Biografin und bildet den zweiten Teil einer Trilogie, die Steidele mit "Anne Lister. Eine erotische Biographie" (2017) begonnen hat und mit einer Poetik der Biographie im Laufe dieses Jahres beschließen wird. Anja Kümmel hat Steideles bereits veröffentlichte Lister-Bücher gelesen – und begibt sich mit ihnen selbst auf eine abenteuerliche Zeitreise.
Marie Luise Lehner: Im Blick

Marie Luise Lehner: Im Blick

Zwei Mädchen werden gemeinsam erwachsen. Sie lernen, sich zu schminken, ziehen Stöckelschuhe an und vergleichen ihre Brüste. Sie entdecken Alkohol und Drogen, gehen mit fremden Männern nach Hause, feiern Partys und haben Sex. Die jungen Frauen wollen sich nicht einschränken lassen, unternehmen Reisen in ferne Länder und erfahren am eigenen Körper, dass Freiheit nicht für beide Geschlechter das Gleiche bedeutet. Anhand einer Freundschaft und einer Liebesbeziehung erzählt die österreichische Autorin Marie Luise Lehner, Jahrgang 1995, vom Schauen und vom Angeschautwerden, von Rollen, in die Frauen gedrängt werden, und von alltäglicher sexueller Gewalt. Selten wurde vom Aufwachsen eines queeren Millennials so offen, ehrlich und mit derart radikaler Verletzlichkeit erzählt, findet unsere Rezensentin Anja Kümmel.