Der Boden unter den Füßen

Trailer Kino

Ab morgen im Kino: Mit Ende 20 glaubt Lola ihr Privatleben ebenso fest im Griff zu haben wie ihren Job als Unternehmensberaterin. Niemand weiß von ihrer schizophrenen Schwester Conny und der Geschichte psychischer Krankheit, die sich durch ihre Familie zieht. Und auch die Affäre zu ihrer Teamleiterin Elise hält sie erfolgreich geheim. Doch als Lola die Nachricht bekommt, dass Conny einen Suizidversuch nur knapp überlebt hat, drohen all ihre Geheimnisse ans Licht zu kommen… In ihrem neuen Film erzählt die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer („Die Vaterlosen“, „Was hat uns bloß so ruiniert“) die Geschichte einer jungen Frau, der nach und nach die Kontrolle über ihr allzu streng strukturiertes Leben entgleitet. Neben Lola-Darstellerin Valerie Pachner, die in Kürze auch in der weiblichen Hauptrolle des neuen Films von Terrence Malick („Ein verborgenes Leben“) zu sehen sein wird, glänzen Pia Hierzegger („Wilde Maus“) und Mavie Hörbinger („Sommerhäuser“). Cosima Lutz hat Kreutzers präzisen Entfremdungs-Thriller gesehen – und entdeckt darin ein abgründiges Spiegelkabinett weiblicher Selbstbilder.

Foto: Edition Salzgeber

Nicht einmal mehr mit sich selbst verwandt

von Cosima Lutz

Wenn in Marie Kreutzers Spielfilm „Der Boden unter den Füßen“ zwei Frauen aufeinander treffen, auf welche Weise auch immer, werden sie einander zu Spiegelbildern wie in einem Kabinett von David Lynch. Einmal fordert eine namenlose Schnorrerin von Lola (Valerie Pachner), einer jungen, blonden Unternehmensberaterin auf hohen Hacken, 50 Cent. Und kriegt nichts. „So eine reiche Frau wie du“, schreit die Obdachlose ihr nach, sie betont also den Unterschied zwischen ihnen, nur um ihn dann zu vernichten: „Deine Scheiße stinkt wohl nicht?“ Lola wickelt sich fester in ihr tailliertes Kostüm, stöckelt weiter und lässt sich von der anderen als Nutte beschimpfen, die ihre „Seele verkauft“. Es ist Valerie Pachners müdes, erloschenes, dabei grundgütiges Gesicht, das die Klischees sanft anraut, die hier lauern: Es lässt offen, ob Lola der Pennerin nicht insgeheim Recht gibt, ob sie einander nicht vielleicht doch gleichen in ihrer Einsamkeit und zornigen Bedürftigkeit.

Die wichtigsten Spiegelachsen verlaufen aber zwischen Lola und ihrer älteren Schwester Conny (Pia Hierzegger), die unter paranoider Schizophrenie leidet; und zwischen Lola und ihrer Chefin Elise (Mavie Hörbiger), mit der sie eine heimliche Affäre hat. Lola und Elise sehen einander mit ihrem oft streng zurückgekämmten blonden Haar und ihren mager gestählten Businesskörpern zumindest von hinten und im Profil so ähnlich, dass die Kussszenen von den vielen Solo-Szenen vor spiegelnden Fensterscheiben in ihrer Komposition manchmal kaum zu unterscheiden sind. Diese Affäre, das zeigt Leena Koppes Kamera in eleganten Einstellungen, hilft dem Ich weder dabei, sich zu überwinden noch zu vervollständigen und taugt auch nicht als Gegengewicht zu der institutionalisierten Einsamkeit eines komplett von der Arbeit aufgesogenen Lebens.

Dass dieses lesbische Paar letztlich nichts anderes tut, als die heteronormativen Machtverhältnisse zu nutzen und fortzuschreiben, betont auch die enge Kopplung von beruflichem Erfolg und Sex: Monatelang stellt Elise ihrer Gespielin eine Beförderung in Aussicht, so, wie das auch immer wieder männliche Vorgesetzte mit ihren Hospitantinnen machen, erwartend, dass man damit jemanden zu Gefälligkeiten animiert. Einmal begründet Elise die Zusammenstellung eines rein männlichen Teams mit einem „Vertrauensvorschuss“ gegenüber dem Kunden, „wenn wir hier verstärkt männlich auftreten“. Letztlich besteht in dieser Branche, in der angeblich „Stillstand nichts und Veränderung alles“ ist, der einzige relevante Unterschied zwischen einem „guten und einem schlechten Berater“ in jenem Körperteil, den der von Lola zur Rede gestellte intrigante Kollege ihr auf dem Männerklo zeigt.

Lola ist keine Gender-Rebellin, aber auch keine kaltherzige Karrieristin, sie brennt für ihren Job, lässt sexistische Anzüglichkeiten von Kunden ebenso über sich ergehen wie sie gegen die Zuschreibungen ihrer Chefin machtlos ist. Zumal sich Lola nach einem Suizidversuch ihrer Schwester Conny nicht mehr auf ihren Job konzentrieren kann und Schwäche zeigt. Immer häufiger ruft Conny aus der Klinik an, doch eigentlich ist das gar nicht möglich, schon wegen des Handyverbots in der geschlossenen Psychiatrie. Bald hält Lola diese Anrufe selbst für Halluzinationen, und wenn die Kamera in schleichenden Schwenks vom Licht ins Schattenhafte gleitet, hinter Baumstämmen, Türen und Wänden alles und nichts sein kann, wenn das Psychiatriegelände und die urbanen Bürolandschaften einander immer ähnlicher werden, wandert das Paranoide von Conny über Lola ganz sachte zum Publikum selbst.

Foto: Edition Salzgeber

Zwar beteuert Lola: „Wir haben null Ähnlichkeit“, als sie Elise erstmals von der verheimlichten Psycho-Schwester erzählt. Doch da hat Elise ihrer Geliebten schon längst den Ähnlichkeits-Stempel aufgedrückt. Ist paranoide Schizophrenie nicht auch erblich? Ist so eine schadhafte Mitarbeiterin noch tragbar?

Mavie Hörbigers präzises undurchsichtiges Spiel zwischen Zerbrechlichkeit und Härte gleicht dem fiesen Geräusch, das Spiegel machen, wenn man beim Putzen etwas zu fest aufdrückt: Subtil unterstellt sie ihrer Gespielin ein zweifaches Versagen, nämlich die Schwester im Stich zu lassen („Mir ist Familie so wichtig“) und gleichzeitig im Job nicht tausendprozentig präsent zu sein. „Burnout ist in unserer Branche wie Lepra“, sagt Elise knapp. Wer will sich da schon anstecken?

Kreutzer legt das Durchgeknallte und Zwanghafte auch dort frei, wo es nicht unbedingt zu erwarten ist, und spielt in beiden Sphären – Job und Psychiatrie – Varianten der Kontrolle des Unkontrollierbaren und der Rettung des Unrettbaren durch. Sowohl eine Kranke wie eine Unternehmensberaterin können da Dinge genau beziffern: „630 Kalorien“, sagt die Kollegin, die im Büro Kuchenstücke verteilt; Conny weiß auf den Tag genau, wie lange sie ihre Schwester in der Kindheit nicht gesehen hat. Lola treibt wie besessen Sport, Elise Gehirn-Doping. Connys Selbstrettungsversuch besteht im Verfassen von Gedichten (geschrieben von Doris Kreutzer), in denen das Ich einmal sagt, es sei „nicht einmal mehr mit mir selbst verwandt“.

Foto: Edition Salzgeber

Trotz der Ähnlichkeit der Grundidee – junge Unternehmensberaterin mit dysfunktionaler Familie befindet sich am Rande des Nervenzusammenbruchs – sollte man nicht vorschnell an Maren Ades „Toni Erdmann“ denken. Denn das Satirische bis Groteske liegt Kreutzer eher fern, trotz einer sehr lustigen Szene mit einem vermeintlichen Arzt. Sie verwebt die Motive auf leise, nur leicht mysteriöse Weise zu einer Erzähltextur des Wahns, weich und unwirklich und doch zugleich so real und banal wie der Teppich im Flur des Hotels, über den Lola auf Seidenstrümpfen nachts zurück in ihr eigenes Zimmer schleicht.

Visuell und schauspielerisch stark, viele Themen anreißend und dabei selbst ein wenig schwankend, erzählt „Der Boden unter den Füßen“ von jenem über das persönlich Krisenhafte hinausgehende Balanceverlust, der auch ganze Gesellschaften erfasst, wenn Geizen und Verschwenden, Einsparen und Investieren von Gefühlen, Geld und Arbeitskraft in eine Schieflage geraten sind. Der Schnorrerin, die am Ende noch einmal ins Bild kommt, lässt Lola schließlich einen 50-Euro-Schein vor die Füße fallen, für den kurzen Moment eines schalen Triumphs, als wäre dadurch etwas wieder im Gleichgewicht.




Der Boden unter den Füßen
von Marie Kreutzer
AT 2019, 108 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Ab 16. Mai hier im Kino.

 

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