Heute oder morgen

Trailer queerfilmnacht

Sommer in Berlin. Maria und Niels lieben sich, das Leben und die Freiheiten, die sie sich gegenseitig geben. Was morgen ist, interessiert nicht, es zählt nur der Moment. Dann treffen sie auf Chloe. Maria wagt den ersten Schritt, aus einem Flirt entwickelt sich schnell eine intensive Romanze zwischen den beiden Frauen. Niels wird Teil davon – und verfällt Chloe ebenso. Eine Ménage-à-trois, in der alles lustvoll ist. Doch dann stellt eine unerwartete Nachricht die Gefühle der drei Liebenden auf eine harte Probe. In seinem Debütfilm erzählt Thomas Moritz Helm ein modernes Berliner Sommermärchen fernab von konservativen Moralvorstellungen. Im Zentrum stehen drei junge Menschen, die nach einer neuen Definition von Liebe und Beziehung suchen. Nach seiner Weltpremiere auf der diesjährigen Berlinale startet der Film am 19. September im Kino und ist im August bereits in der queerfilmnacht zu sehen. Andreas Köhnemann hat ein Buch über sexuell ambivalente Dreiecksbeziehungen im Film geschrieben („Liebe in alle Richtungen“, 2016) – und sich „Heute oder morgen“ angesehen.

Foto: Edition Salzgeber

Hand in Hand in Hand

von Andreas Köhnemann

Ein Typ auf einer öffentlichen Veranstaltung. Eine junge Frau, die sich zu ihm setzt und ein paar lockere Anmachsprüche von sich gibt: „Hi … Was trinkst du? … Darf ich mal probieren?“ Das Langfilmdebüt „Heute oder morgen“ des Drehbuchautors und Regisseurs Thomas Moritz Helm beginnt mit einer Situation, die im Kino immer wieder zu sehen ist: Boy meets girl. Während die Handkamera zwischen Maria und Ben hin und her schwenkt und schließlich einen spontanen Kuss zwischen den beiden einfängt, glaubt man als Zuschauer*in womöglich schon ganz genau zu wissen, was jetzt kommen wird: Auf das Kennenlernen werden vermutlich weitere szenische Bausteine folgen, aus denen sich Liebesgeschichten auf der Leinwand üblicherweise zusammensetzen.

Allerdings wird das altbekannte Flirt-Match hier schnell um einen zusätzlichen Spieler erweitert: „Der da ist mein Freund“, meint Maria – und holt Niels dazu. Die Bewegungen der Kamera werden dynamischer, die verbalen Bälle fliegen rasanter. Niels legt seine Hand nonchalant auf den Oberschenkel von Ben, der die Mitte des Figurendreiecks bildet, und rückt näher heran. Aber Ben, das Objekt der doppelten Begierde, entzieht sich dem in Aussicht gestellten Abenteuer zu dritt: Ihm sei heute Nacht nicht nach etwas Abgefahrenem, und er stehe einfach nicht auf Penisse. Und so ist „Heute oder morgen“ zunächst noch die Geschichte eines Paares statt eines entstehenden Liebestrios.

Die Berliner Twens Maria (Paula Knüpling) und Niels (Maximilian Hildebrandt), die seit mehr als zwei Jahren zusammen sind, werden von Niels’ wohlhabendem Onkel eingeladen, über den Sommer in dessen leer stehende Dachwohnung samt Hausbar und Sauna zu ziehen – mietfrei und ohne Verpflichtungen. Ein „Palast“, wie Maria begeistert feststellt; und die zwei vergnügen sich alsbald königlich. Wie sich das Paar nach dem Sex über Masturbationsfantasien unterhält, noch bevor sich Maria Niels’ Sperma mit Toilettenpapier von der Brust wischt, wie sich die beiden mit den Öffis durch die flirrende Stadt bewegen, auf einer Party ausgelassen mit Bekannten quatschen und in der Morgendämmerung wild auf einer Parkbank rumknutschen und -fummeln – das zeigt Helm in Bildern, die von Nähe, Freiheit, Energie, Genuss und Übermut zeugen.

Und stets aufs Neue öffnet sich das Begehren der beiden, überschreiten die Blicke und Dialoge die Grenzen der Heteronorm. „Geh doch mal hin und sprich die an“, fordert Niels seine Freundin in der S-Bahn mit breitem Grinsen auf. Beim Rummachen im Park bringt Niels Maria mit einer detailreichen Geschichte zum Höhepunkt, in der sie gemeinsam mit einem Dritten Sex unter der Dusche haben. Doch spätestens als Maria der Zufallsbekanntschaft Chloë (Tala Gouveia) wiederbegegnet, wird aus diesen spaßigen Ausbrüchen aus dem heteronormativen Modell dann mehr als ein verführerisches Spiel.

Foto: Edition Salzgeber

Von der polyamorösen Beziehung, die sich daraufhin zwischen Maria, Niels und Chloë entwickelt, erzählt Helm weder auf verklärende Weise, wie man es zur Genüge von Paar-Geschichten kennt, noch in Form eines verhängnisvollen Dramas, wie Liebesdreiecke im Film zumeist behandelt werden. Stattdessen erkennt „Heute oder morgen“ einerseits die Spitzen eines Dreiecks, an denen sich alle drei Figuren kleine und größere Wunden schlagen – und entdeckt andererseits die Möglichkeiten und die Schönheit einer Liebe zu dritt. Zunächst droht die unmittelbare Anziehung, die Maria und Chloë zueinander spüren, einen Keil zwischen Maria und Niels zu treiben. „Bist du verknallt in die?“, fragt Niels in einer Mischung aus Spott und Entsetzen. Und zunächst scheint es für alle Beteiligten völlig undenkbar, mehr als einen Menschen gleichzeitig nicht nur zu begehren, sondern auch lieben zu können. Doch rasch funkt es auch zwischen Niels und Chloë.

Foto: Edition Salzgeber

Die Doktorandin aus London ist dabei mehr als eine Projektionsfläche für das Paar – sie wird zu einer ebenbürtigen Figur. Maria, Niels und Chloë müssen erst einmal nach passenden Gesten für eine Liebe zu dritt suchen. „Ich wollte es halt irgendwie für mich haben“, erklärt Maria Niels den Umstand, dass sie ihm nicht sofort erzählt hat, was zwischen ihr und Chloë passiert ist. Helm lässt seine Figuren in Eifersuchtsfallen tappen, lässt sie das Gefühl des Ausgeschlossenseins erleben und erleiden, um sie allmählich zu drei amourösen Gesetzesbrecher*innen zu machen. Eifersüchtig sein bedeute konformistisch sein, die Eifersucht ablehnen heiße ein Gesetz übertreten, schreibt Roland Barthes in „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (1977).

Foto: Edition Salzgeber

Anfangs sind insbesondere Maria und Niels zu einem solchen Übertritt nicht imstande – was die Kamera von Stefan Neuberger mit Präzision erfasst. Wenn etwa Niels der amüsierten Chloë eine Anekdote schildert, entfernt sich Maria betont desinteressiert in den (Bild-)Hintergrund. Sie kennt die Pointe schon, sie kann nicht mitlachen, nichts (Neues) zu diesem Moment des Sich-Näherkommens beitragen, wodurch sie zur Ausgeschlossenen wird beziehungsweise sich selbst dazu macht. Erst als das Trio später in der Dunkelheit in eine geschlossene Badeanstalt eindringt, kommt es zu einer Harmonie zu dritt – sinnlich, experimentierfreudig, frei von Eifersucht. Die gängige Konkurrenzsituation innerhalb eines Dreiecks wird fortan ins Spielerische übertragen („Ich will aber in die Mitte!“), der „Gesetzesbruch“ wird öffentlich ausagiert, wenn die drei Hand in Hand in Hand über einen Markt flanieren.

Zu einem zuckersüßen Märchen, in dem alles auf ein Glück hinausläuft, das sämtliche Hindernisse zu überwinden vermag, wird „Heute oder morgen“ indes nicht. Helm lässt seinen Film mit einem Blick enden, der das Gegenteil von Eifersucht noch einmal perfekt auf den Punkt bringt. Zwar ist es ein Abschiedsblick – jedoch ohne Wut, ohne Reue, ohne Traurigkeit, und stattdessen erfüllt von dem Gefühl, zwei Menschen zu lieben, die diese Liebe beide erwidern und die einander ebenfalls lieben. Wer sollte da ernsthaft von einem Unhappy End sprechen?




Heute oder morgen
von Thomas Moritz Helm
DE 2019, 94 Minuten, FSK 16,
deutsch-englische OF, teilweise mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

 

Im August in der queerfilmnacht und ab 19. September im Kino.

 

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