Christian Weber (Autor)

Acht Filme des Jahres

Acht Filme des Jahres

Das nicht-heterosexuelle Kinojahr 2018 war so vielfältig wie kaum ein Jahr zuvor – vor allem was die Perspektiven und Lebensentwürfe seiner filmischen Figuren betrifft. Wir haben für Euch unsere acht Highlights der vergangenen Monate zusammengetragen und stellen Sie mit kurzen Spotlights in den Worten unserer Autor*innen noch einmal vor. Eine Rückschau auf ein schwules Arbeiterkind, das aus der französischen Provinz nach Paris flüchtet, um dort eine neue Entfremdung zu erleben. Auf eine schüchterne Studentin in Oslo, die sich mit übernatürlichen Kräften aus der Hetero-Hölle ihrer Kindheit befreit. Auf einen Schriftsteller, der im Paris der frühen 90er nicht mehr lange zu leben hat und sich trotzdem ein letztes Mal verliebt. Auf eine Ballettschülerin in Gent, die einen Penis zu viel hat. Auf einen altklugen Professorensohn, der während eines Sommers in der Lombardei erfährt, was er alles noch nicht weiß. Auf einen US-amerikanischen Teenager, der an seiner High School zwangsgeoutet wird und erst so in ein großes Liebesmärchen schliddert. Auf zwei Frauen, die sich in São Paulo die Mutterschaft für ein Werwolfkind teilen. Und auf einen Stricher, der so frei und so einsam durch Straßburg zieht wie ein wildes Tier.
Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

Don’t worry, weglaufen geht nicht: Interview mit Gus Van Sant

An dem Biopic über den querschnittsgelähmten Cartoonisten John Callahan (1951-2010), der im Nordwesten der USA als politisch höchst unkorrekter Outsider Artist eine Legende ist, hat Gus Van Sant seit Mitte der 90er Jahre gearbeitet. Ursprünglich sollte Robin Williams Callahan spielen. In "Don't worry, weglaufen geht nicht" schlüpft nun Joaquin Phoenix in die Rolle des Zeichners und schweren Trinkers – und spielt ihn überragend! Van Sants neuer Film erzählt vom Meistern des eigenen Lebens mit den Kräften der Kunst und – wie alle seine anderen Filme zuvor – von einer Gemeinschaft von Außenseitern, die hier als illustre Co-Mitglieder einer Alkoholikertherapie-Gruppe auftreten. Wir haben uns im Februar zur Premiere des Films auf der Berlinale mit Van Sant getroffen und mit ihm über seinen Einstieg in die Welt des queeren Kinos vor über 30 Jahren, die deutschen Einflüsse in seinem Meisterwerk „My Own Private Idaho“, seine Wahlheimat Portland und die Frage gesprochen, warum er „Brokeback Mountain“ eigentlich nicht selbst gedreht hat.
Porträt: Gus Van Sant

Porträt: Gus Van Sant

Gus Van Sant, Jahrgang 1952, gilt als einer der wichtigsten Filmemacher seiner Generation – und war Mitte der 80er Jahre einer der ersten offen schwulen US-Regisseure überhaupt. Sein kühner Debütfilm "Mala Noche" (1985) gilt als Wegbereiter, sein dritter Film "My Own Private Idaho" (1991) als Schlüsselfilm des New Queer Cinema. Seitdem wechselt Van Sant zwischen gefeierten Studio-Produktionen wie "Good Will Hunting" (1996) und "Milk" (2008) und Arthouse-Filmen wie "Elephant" (2001) und "Paranoid Park" (2006) hin und her. So unterschiedlich seine Filme auf den ersten Blick auch sein mögen – queere Perspektiven lassen sich in ihnen allen entdecken. Anlässlich des Kinostarts von Van Sants neuem Film "Don’t Worry, weglaufen geht nicht" wagen wir einen Rückblick auf das vielschichtige und verführerisch offene Filmwerk des Regisseurs. Ein Porträt von Christian Weber aus dem Jahr 2011.
Call Me by Your Name

Call Me by Your Name

Luca Guadagninos Verfilmung von André Acimans gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2007 erzählt vielschichtig, handwerklich makellos und tief berührend die Geschichte einer ersten Liebe im Italien Anfang der 80er. Seit „Brokeback Mountain“ (2005) war keine schwule Romanze mehr so anschlussfähig für Heteros, wie die vielen Auszeichnungen für den Film, vier Oscar-Nominierungen und die riesige internationale PR-Kampagne von Sony Pictures belegen. „Call Me by Your Name“ ist aber auch ein explizit queeres Erweckungsdrama, das unsere ganz eigenen Erfahrungen von Begehren und Angst, Erinnerung und Verleugnung, Lust und Trauer filmisch durchdekliniert. Heute startet der Film endlich auch in den deutschen Kinos. Von Christian Weber.
Der Ornithologe: Video-Interview mit João Pedro Rodrigues & João Rui Guerra da Mata

Der Ornithologe: Video-Interview mit João Pedro Rodrigues & João Rui Guerra da Mata

Seit über 20 Jahren arbeiten die beiden portugiesischen Filmemacher João Pedro Rodrigues und João Rui Guerra da Mata zusammen. Ihr Filme gehören zum Aufregensten, Mutigsten und Schönsten, was das queere Kino in Europa in dieser Zeit hervorgebracht hat. Schon in João Pedros erstem Kurzfilm "Parabéns!" (1997) spielte sein Lebensgefährte João Rui die Hauptrolle. Bei João Pedros ersten beiden Spielfilmen, "O Fantasma" (2000) und "Odete" (2005), war João Rui Art Director, bei "To Die Like a Man" (2009) schrieb er auch am Drehbuch mit. 2012 führten die beiden bei dem Essayfilm "The Last Time I Saw Macao" gemeinsam Regie. "Der Ornithologe" ist ihr vierter gemeinsamer Spielfilm, João Pedro führte Regie, João Rui schrieb wieder am Buch mit und war für Set und Kostüme zuständig. Wir haben mit den beiden über die vielfältigen Verwandlungen ihres traumhaften neuen Films gesprochen, über alte und neue Heiligenbilder und die Kraft queeren Begehrens.
Whitney – Can I Be Me

Whitney – Can I Be Me

Am 11. Februar 2012 wird Whitney Houston leblos in der Badewanne ihres Hotelzimmer in Beverly Hills aufgefunden, als Todesursache wird Ertrinken festgestellt. In ihrem Körper werden zudem große Mengen Kokain und weiterer Drogen gefunden – Zeugen eines chronischen Missbrauchs. Spätestens seit Houstons frühem Tod im Alter von nur 48 Jahren ranken sich zahlreiche Mythen um die Diva. Im ersten postum erscheinenden Dokumentarfilm erzählt der britische Regisseur Nick Broomfield den Niedergang der Sängerin nun als Folge einer Geschichte der Verleugnung – ihrer afro-amerikanischen Wurzeln und ihrer Bisexualität. Von Christian Weber.
Lichtes Meer: Interview mit Stefan Butzmühlen

Lichtes Meer: Interview mit Stefan Butzmühlen

Stefan Butzmühlen hat seine Hochseeromanze „Lichtes Meer“ auf einem echten Containerschiff gedreht. sissy hatte dazu ein paar Fragen - und nutzte gleich zwei Gelegenheiten, mit dem Regisseur über seinen zweiten Langfilm zu sprechen. Er erzählte uns von wilden Matrosenträumen, schwärmt von mutigen Laiendarstellern, klärt die Frage, wie man Freddy Quinn ersetzt - und gibt in einem Video-Interview mit seinem Co-Autoren Jan Künemund preis, wie man das Drehbuch für einen Film schreibt, in dem Improvisation und erzählerische Offenheit als Stilprinzipien gelten.
Théo & Hugo: Video-Interview mit Geoffrey Couët & François Nambot

Théo & Hugo: Video-Interview mit Geoffrey Couët & François Nambot

Seit der Weltpremiere von "Théo und Hugo" im Februar auf der Berlinale sind die beiden Hauptdarsteller Geoffrey Couët und François Nambot mit dem Film auf großer Festival-Tour. Für Ihr kühnes Hauptrollendebüt wurden die beiden, die bisher vor allem fürs Theater gespielt haben und sogar ihre eigenen Bühnen-Companys gegründet haben, von Sydney bis Tel Aviv, von Tokio bis San Diego gefeiert. Doch nirgends bekamen sie einen schöneren Preis als im nordfranzösischen Cabourg, wo sie mit dem "Prix Premiers Rendez-vous" geehrt wurden. Im Interview mit sissy erzählen Sie von ihrer wirklichen ersten Begegnung, großen Vorbildern und wie es ist, den eigenen Schwanz plötzlich auf der ganz großen Leinwand zu sehen.
Théo & Hugo: Video-Interview mit Olivier Ducastel & Jacques Martineau

Théo & Hugo: Video-Interview mit Olivier Ducastel & Jacques Martineau

Die französischen Regisseure Olivier Ducastel und Jacques Martineau, die lange auch privat ein Paar waren, drehen seit fast 20 Jahren zusammen Filme. Zu den Ergebnissen ihrer höchst produktiven Kollaboration gehören die schwulen Coming-of-Age-Klassiker "Felix" (2000) und "Mein wahres Leben in der Provinz" (2003) sowie die Liebeskomödie "Meeresfrüchte" (2005). Mit ihrem neuen Film "Théo & Hugo" landeten die beiden nicht nur einen der Berlinale-Publikumshits. Der magische Liebesfilm konnte auch ihren Ruf als zentrale Stimmen des französischen Queer Cinema wiederbeleben. Das honorierte auch das Filmfestival von Cannes und machte sie im Mai zu den Vorsitzenden der Queer Palm, des französischen Teddy-Pendants. sissy erzählten die beiden von den wilden Entstehungsbedingungen von "Théo & Hugo", ihrem Selbstverständnis als schwule Filmemacher und dem Geheimnis ihrer Zusammenarbeit.
Holding the Man

Holding the Man

Endlich hat auch Australien ein großes Period-Piece, das von den Folgen von HIV/AIDS in seinen ersten, verheerendsten Jahren erzählt. „Holding the Man“ basiert auf der gleichnamigen Autobiografie des Schauspielers, Autors und Aktivisten Timothy Conigrave, der 1994 im Alter von nur 34 Jahren an AIDS starb – zwei Jahre nach dem Tod seines langjährigen Partners John Caleo. Neil Armfields Adaption des Buchs ist nicht nur ein Zeitstück, sondern auch ein zeitloses Liebesdrama. Die persönliche Tragödie eines Paares wird darin zu einer politischen Geste, die zu Tränen rührt. Von Christian Weber.