1985

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Drei Jahre hat Adrian seine Familie nicht mehr gesehen, nun kehrt er zum Weihnachtsfest zurück in seine Heimatstadt in Texas ­– wissend, dass dies höchstwahrscheinlich sein letzter Besuch sein wird und die vielleicht letzte Gelegenheit, das Schweigen zu brechen: über sein Schwulsein und seine Aids-Erkrankung. In seinem Familiendrama „1985“ erkundet Yen Tan exemplarisch und feinfühlig die Ängste, die Sprachlosigkeit und die Ausnahmesituation zu Beginn der Aids-Krise. Ein historischer Film, wenn man so möchte, der im gleichen Jahr spielt, in dem „Buddies“ gedreht wurde, der erste Spielfilm über die Aids-Epidemie. Doch was „1985“ darüber hinaus über die Einsamkeit schwuler Männer in Kleinstädten, die Schwierigkeiten des Coming-outs oder den sozialen Druck in konservativ-religiösen Familien erzählt, ist leider zeitlos, wie unser Autor Axel Schock feststellt.

Foto: Edition Salzgeber

Frostige Aha-Effekte

von Axel Schock

Dies werden alles andere als unbeschwerte Festtage. Wie Fremde begegnen sich die beiden am Flughafen, und während sie auf die Koffer warten, versandet die Kommunikation zwischen Adrian und seinem bulligen Vater immer wieder in unangenehmes Schweigen. Der Vater, die Hände in den Hosentaschen und sichtlich angespannt, weicht dem Blick seines Sohnes aus und schaut stattdessen lieber aufs Gepäckband. Wann hat Adrian eigentlich zuletzt Thanksgiving mit der Familie gefeiert? Der Vater kennt die Antwort ganz sicher selbst. Es geht vielmehr um den unterschwelligen Vorwurf, der in seiner Frage steckt: Du hast dich von uns abgewandt. Mehr noch: Wir erkennen dich nicht wieder, du bist nicht mehr der Sohn, den wir aufgezogen haben.

Wie fremd und unbehaglich sich dieser Mittzwanziger in seiner texanischen Heimatstadt tatsächlich fühlt, das lässt uns Yen Tan beinahe jeden Moment spüren: durch die immer wieder stockenden Gespräche, die scheinbar beiläufig eingestreuten Erkundungen nach Adrians beiden Mitbewohnern oder die von der Mutter alles andere als subtile Überleitung zu seiner ehemaligen Schulfreundin Charly. Vorsorglich hat sie deren Telefonnummer besorgt. „Du kannst sie ja mal anrufen.“

Schon mit wenigen Szenen hat Yen Tan eine beklemmende Atmosphäre geschaffen, die dem Zuschauer geradezu physisch miterleben lässt, warum Adrian dieser Welt seiner christlich-fundamentalistischen Eltern nach New York entflohen ist und bisher kaum das Bedürfnis hatte, an den Ort seiner Kindheit und Jugend zurückzukehren.

Doch Adrian ist sich sicher, dass dies nun die letzte Möglichkeit sein wird, um sich mit seinen Eltern auszusprechen. Es könnte so einfach und vor allem so befreiend sein, diese elementareren Wahrheiten über das eigene Leben, die eigene Existenz zu formulieren und sich seiner Familie gegenüber zu offenbaren: dass er schwul und an Aids erkrankt ist, und dass sein Mitbewohner in Wahrheit sein Lebenspartner und bereits infolge der Immunschwäche verstorben ist. Adrian wird das nicht gelingen. Stattdessen sehen wir ihn, wie er alte Notlügen mit neuen untermauert.

Foto: Edition Salzgeber

Nein, Yen Tan erzählt mit „1985“ keineswegs eine überraschend neue Geschichte. Die Verzweiflung und die psychische Ausnahmesituation, in der sich schwule Männer in dieser ersten, fatalen Phase der Aidskrise befanden, wurde schon in einigen Filmen thematisiert. Und zwei der bedeutsamsten wurden in jenem Jahr gedreht, in dem Yen Tans seinen Film zeitlich verortet und das er als Titel wählte. In „Früher Frost“ befindet sich die Hauptfigur, ein von Aidan Quinn gespielter schwuler Anwalt, bereits in der finalen Phase der Erkrankung. Seine Familie wird nicht nur damit konfrontiert, dass der Sohn und Bruder schwul ist und an Aids leidet, sondern sie muss sich auch mit seinem Sterben auseinandersetzen.

„Früher Frost“ des Fernsehregisseurs John Erman („M*A*S*H“, 1972; „Roots“, 1977) war der erste TV-Film, der Aids zum Thema machte. Die Dramaturgie folgte zwar dem klassischen Schema, doch Erman reduzierte den Blick erstaunlicherweise nicht auf ein trauriges Einzelschicksal, sondern leuchtete im Rahmen der Möglichkeiten bereits die gesellschaftspolitischen Dimensionen der Krankheit aus. Der US-Sender NBC, der den Film in Auftrag gegeben hatte, wurde für dieses engagierte Stück Fernsehgeschichte mit einer enormen Aufmerksamkeit, zahlreichen Preisen und allein in den USA mit 34 Millionen Zuschauern belohnt. Finanziell aber war die Ausstrahlung ein Verlustgeschäft. Weil soviele Werbekunden ihre Spots nicht im Umfeld eines solchen Films gezeigt wissen wollten, gingen dem Sender rund 500.000 Dollar an Werbeeinnahmen verloren.

Foto: Edition Salzgeber

Arthur J. Bressan Jr. stand für „Buddies“ (1985) lediglich ein Bruchteil dieser Summe als Produktionsbudget zur Verfügung. Dennoch ist ihm mit seinem Kammerspiel um einen schwulenbewegten Aidskranken und einen jüngeren ehrenamtlichen Helfer ein Kinofilm gelungen, der sich auch heute noch anzuschauen lohnt. Denn auf 81 Minuten verdichtet, verhandelt Bressan Jr. die zentralen und bis heute relevanten Aspekte der gesellschaftlichen wie persönlichen Auseinandersetzung mit der Epidemie: Schuld und Scham, die Wut angesichts der Ignoranz der Verantwortlichen in Pharmaindustrie und Politik wie auch den Kampf gegen die Stigmatisierung.

Wo Bressan in „Buddies“ die Auswirkungen der Aidskrise aus der Warte der Gay Community in den Blick nimmt, wirbt „Früher Frost“ gezielt um das Verständnis einer breiten, nicht-schwulen Öffentlichkeit und nimmt dazu die Perspektive einer betroffenen Familie ein. Yen Tans „1985“, die Weiterentwicklung seines bereits 2016 gedrehten Kurzfilms gleichen Titels, erscheint auf den ersten Blick wie eine Variation von „Früher Frost“; gerade auch, was das soziale Setting angeht. Der 1975 geborene malaysisch-stämmige US-Regisseur allerdings kann auf dieses cineastische wie auch auf historisches Wissen aufbauen.

Foto: Edition Salzgeber

1985 ist das Jahr, in dem in den USA der erste HIV-Test zugelassen wird und mit AZT erstmals ein vielsprechendes HIV-Medikament in einer Studie erprobt wird. Und es ist das Jahr, in dem mit Rock Hudson nicht nur ein Hollywoodstar starb, sondern eine nationale Ikone der USA. Es ist das Jahr, in dem Präsident Ronald Reagan erstmals in einer Rede das Wort Aids ausspricht und allein in den USA 13.000 Aidstote zu beklagen sind. All das wird in Yen Tans Film nicht benannt, nicht einmal die Worte Aids, Seuche oder Epidemie werden ausgesprochen.

Anders als Adrians Familie kennen wir Zuschauer diesen Hintergrund und vermögen deshalb auch die Wahrheit hinter seinen Lügen zu deuten: warum er Gewicht verloren hat, sich um den Hund seines „Mitbewohners“ kümmert und nicht mehr bis zum nächsten Weihnachtsfest plant. Einzig gegenüber seiner Freundin Carly (Jamie Chung) wagt er schließlich, von seinem wirklichen Leben in New York und von den vielen toten Freunden zu erzählen, und auch seine eigene Erkrankung zu offenbaren. Dafür genügt es, für einen kurzen Moment den Blick auf das Karposi-Sarkom freizugeben. Das Krankheitssymptom ist in dieser ersten Phase der Epidemie die geradezu perfekte Metapher, gleichermaßen Kainsmal und Todesurteil.

Foto: Edition Salzgeber

Mag Kameramann Hutch mit seinen markanten Schwarz-Weiß-Bildern das Retrofeeling auf kunstvolle Weise auch verstärken – Yen Tan schildert diese dramatische Phase der US-Homosexuellen-und Aidsgeschichte, heruntergebrochen auf ein individuelles Schicksal, in einer Weise, wie es 1985 noch nicht denkbar gewesen wäre. Allein schon, weil die Katastrophe damals noch andauerte, ja täglich größer wurden und dementsprechend der notwendige Abstand zum Geschehen zwangsläufig fehlte.

Yen Tan und Hutch hingegen haben sich sicht- und spürbar die Zeit genommen, nicht nur kraftvolle, sehr exakt kadrierte 16-mm-Bilder zu finden. Die gleiche Sorgfalt wurde auch auf die Führung der Schauspieler*innen gelegt. Insbesondere Cory Michael Smith als Adrian und Virginia Madsen als dessen Mutter legen selbst in die beiläufigsten Regungen und zartesten Gesten soviel Ausdruck, dass tatsächlich ein Gesichtsausdruck mehr zu erzählen vermag, als es Worte jemals könnten. Die Integrität, die das Ensemble in der Darstellung dieser Charaktere an den Tag legt, die Glaubwürdigkeit der Beziehungen zueinander und die Authentizität der Milieus schützen den Film vor klischeehaften und stereotypen Mustern.

Foto: Edition Salzgeber

Zudem baut sich so über die eineinhalb Stunden eine melancholische und zugleich zunehmend angespannte Atmosphäre auf, in der man sich in jeder Filmminute endlich den erlösenden Befreiungsschlag, die Konfrontation mit der so lange verschwiegenen und verdrängten Realität erhofft. Yen Tan braucht für seine Geschichte keine dramatische Wendung. Er nähert sich seinen Figuren, und zwar ausnahmslos allen, mit großer Einfühlsamkeit an. Ob Adrians Vater (Michael Chiklis), der Vietnam-Veteran mit seinem rückständigen Bild von Männlichkeit, die stets den Ausgleich suchende Mutter oder Adrians Jugendfreundin Carly – ihnen allen widmet Yen Tan jeweils eine Szene, in der sie tatsächlich aussprechen können, was sie umtreibt. Denn auch sie haben Geheimnisse voreinander: Wenn sich Adrians Mutter zu ihrem Sohn an die Badewanne setzt und im Vertrauten beichtet, bei der Präsidentschaftswahl zum ersten Mal nicht die Republikaner gewählt zu haben, ist dies mehr als nur eine amüsante Anekdote. Es ist ihr Weg zu zeigen, dass sie die Gesellschaft, wie sie in Texas als gottgegeben bewahrt wird, nicht mehr unwidersprochen hinnehmen will. Es ist ihr Weg, ihrem Sohn zu zeigen: Ich stehe zu dir.

Hätte Adrians Mutter Ronald Reagan nicht explizit beim Namen genannt, diese Szene hätte genauso gut in der Trump-Ära irgendwo im Bible Belt von heute spielen können. Solche – traurige – Aha-Effekte erzielt Yen Tan immer wieder. Ob Stigmatisierung von HIV-Erkrankten und Schwulen, oder die reaktionäre homophobe Haltung von Evangelikalen im Mittleren Westen der USA oder im Süden der Bundesrepublik (man denke da nur an Hedwig Beverfoerdes „Demo für Alle“-Bewegung und die „Genderwahn“-Debatten im Umfeld der AfD) – vieles scheint seit 1985 nicht wirklich besser geworden und manches bereits wieder im Rückschritt begriffen zu sein.

Foto: Edition Salzgeber

Dass Yen Tan bei seinem in der jüngsten Vergangenheit angesiedelten Drama tatsächlich auch die Gegenwart im Blick hatte, zeigt sich insbesondere in der Figur von Adrian weitaus jüngerem Bruder Andrew (Aidan Langford). Dass sich Adrian damals einfach so aus dem Staub gemacht hat, hat ihn verletzt und tief enttäuscht. Es braucht lange, bis das Vertrauen wiederhergestellt wird, und das gelingt durch Musik. Dass Adrian in New York Madonna live in Concert erlebt hat, kann Andrew kaum fassen. Seine eigenen Madonna-Kassetten wurden längst konfisziert und vernichtet. In einem Elternhaus wie diesem, in dem im Radio unentwegt Prediger in christlichen Talkshows brabbeln, weiß man die Kinder vor solch sündhaften Einflüssen zu schützen. Dass der Junge mittlerweile aus der Football-Mannschaft ausgetreten und stattdessen dem Theaterclub beigetreten ist, kommentiert der Vater dementsprechend mit Unverständnis und als Sorge kaschierter Verachtung.

Adrian und auch wir Zuschauer aber ahnen bereits, dass dieser Junge eines Tages seinen Eltern und seiner Heimatstadt den Rücken zudrehen müssen wird, um letztlich der sein zu können, der er wirklich ist. Adrian wird seinen kleinen Bruder erneut verlassen, wieder ohne sich zu verabschieden. Aber er wird ihm ein Vermächtnis hinterlassen, dass der Junge wohl erst einige Jahre später wirklich wird verstehen können. Ein paar Sätze nur für die schwierigen Zeiten, die auf ihn zukommen werden. Eine Ermutigung, die die 2010 gestartete Kampagne „It Gets Better“ vorwegnimmt oder besser: in die Vergangenheit des Jahres 1985 bringt.




1985
von Yen Tan
US 2018, 85 Minuten, FSK o.A.,
englische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD (OmU): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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