Matthias Frings (Autor)

Before Stonewall

Before Stonewall

New York, Christopher Street, in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969: Eine Gruppe Homo- und Transsexueller widersetzt sich in der Bar Stonewall-Inn entschlossen der Polizei, die das Lokal eigentlich räumen will. Ihr Aufstand und die sich anschließenden Unruhen und Demonstationen in den folgenden Tagen gelten als Urknall lesbisch-schwulen Selbstbewusstseins – und als Wendepunkt im Kampf um Anerkennung und Gleichstellung, an den seitdem jährlich bei den Christopher-Street-Day-Paraden erinnert wird. Greta Schiller und Robert Rosenberg erzählen in ihrem preisgekrönten Dokumentarfilm "Before Stonewall" (1984) vom Leben und Alltag der US-amerikanischen Schwulen und Lesben vor jener Nacht in New York. Ihr Film ist reich an seltenem Archivmaterial und enthält neben Interviews mit bekannten Persönlichkeiten wie Allen Ginsberg und Audre Lorde vor allem Berichte und Annekdoten von Schwulen und Lesben aus der breiten Bevölkerung. Zum 50. Jahrestag der Stonewall Riots kehrt Schillers und Rosenbergs tief bewegender "Kochbuchfilm zu unserer Geschichte" (Manfred Salzgeber) in neu restaurierter Fassung auf die große Leinwand zurück. Matthias Frings hat sich "Before Stonewall" noch einmal angesehen und erinnert an dessen eigene, historische Bedeutung.
Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Die Entschärfung des §175 im Jahr 1969 hob den Deckel von einem viel zu lange geschlossenen Topf. Schwule Männer, deren Sexualität bis dahin mit Gefängnis bestraft wurde, meldeten sich in der Öffentlichkeit zu Wort und die "Zweite deutsche Schwulenbewegung" begann, in deren Verlauf die meisten Infrastruktureinrichtungen des heutigen queeren Lebens geschaffen wurden. Die umtriebige Berliner Polittunte und Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove, Herausgeberin der heiß diskutierten Sammelbände "Beißreflexe" (2017) und "Selbsthass & Emanzipation" (2016), hat über die bewegten Siebzigerjahre promoviert und die Dissertation nun unter ihrem bürgerlichen Namen Patrick Henze veröffentlicht. Der Untertitel "Zur westdeutschen Schwulenbewegung" führt allerdings etwas in die Irre, denn im Grunde ist fast ausschließlich von Berlin die Rede, und in den Siebzigerjahren war "Westdeutschland" von Berlin aus gesehen ungefähr so weit weg wie der Mond. Matthias Frings hat das Buch für uns gelesen.
Acht Filme des Jahres

Acht Filme des Jahres

Das nicht-heterosexuelle Kinojahr 2018 war so vielfältig wie kaum ein Jahr zuvor – vor allem was die Perspektiven und Lebensentwürfe seiner filmischen Figuren betrifft. Wir haben für Euch unsere acht Highlights der vergangenen Monate zusammengetragen und stellen Sie mit kurzen Spotlights in den Worten unserer Autor*innen noch einmal vor. Eine Rückschau auf ein schwules Arbeiterkind, das aus der französischen Provinz nach Paris flüchtet, um dort eine neue Entfremdung zu erleben. Auf eine schüchterne Studentin in Oslo, die sich mit übernatürlichen Kräften aus der Hetero-Hölle ihrer Kindheit befreit. Auf einen Schriftsteller, der im Paris der frühen 90er nicht mehr lange zu leben hat und sich trotzdem ein letztes Mal verliebt. Auf eine Ballettschülerin in Gent, die einen Penis zu viel hat. Auf einen altklugen Professorensohn, der während eines Sommers in der Lombardei erfährt, was er alles noch nicht weiß. Auf einen US-amerikanischen Teenager, der an seiner High School zwangsgeoutet wird und erst so in ein großes Liebesmärchen schliddert. Auf zwei Frauen, die sich in São Paulo die Mutterschaft für ein Werwolfkind teilen. Und auf einen Stricher, der so frei und so einsam durch Straßburg zieht wie ein wildes Tier.
David Sedaris: Calypso

David Sedaris: Calypso

Seit dem Welterfolg seines ersten Erzählbands "Nackt" (1997) liefert der New Yorker Autor David Sedaris mit schöner Regelmäßigkeit mal komische, mal erschütternde Einblicke in den Alltag der amerikanischen Mittelschicht. Unser Rezensent Matthias Frings ist treuer Leser der ersten Stunde und kommt bei den 21 biografisch gefärbten Geschichten, aus denen der neue Band "Calypso" besteht, sofort ins alte Sedaris-Feeling.
Marvin

Marvin

Martin Clement, geboren als Marvin Bijou, ist entkommen: dem Dorf seiner Kindheit, der Tyrannei seiner Eltern, den Schikanen seiner Mitschüler. In Paris, dem Ort seiner Zuflucht, bereitet er mit der Schauspielerin Isabelle Huppert die Uraufführung seines autobiographischen Debütdramas vor. Die Geschichte von Marvins schwuler und intellektueller Befreiung aus den Untiefen der französischen Provinz erinnert nicht zufällig an Édouard Louis' bahnbrechenden queeren Bildungsroman "Das Ende von Eddy" (2014). Inspiriert von der Biografie des Autors entwickelt Regisseurin Anne Fontaine in "Marvin" eine eigene, künstlerisch-humanistische Perspektive auf das Thema. Den berührenden Coming-of-Age-Film, der im vergangenen Jahr in Venedig mit dem Queer Lion ausgezeichnet wurde, gibt es jetzt auf DVD und VoD. Von Matthias Frings.
God’s Own Country

God’s Own Country

rbb is coming out! Unter dem Titel rbb QUEER präsentiert der TV-Sender erstmals eine eigene Filmreihe jenseits der Hetero-Norm. Vom 19. Juli bis 13. September laufen immer donnerstags kurz vor Mitternacht neun queere Filme, sieben davon als TV-Erstausstrahlung. Einen passenderen Auftaktfilm als das schwule Liebesdrama "God's Own Country" (heute, 23:30 im rbb) hätte sich der rbb für seine mustergültige Intiative kaum aussuchen können. Matthias Frings über einen Film, "der nicht fragt, was fehlt, sondern was geht".
Love, Cecil

Love, Cecil

Brando, Garbo, Churchill, Monroe, Queen Elizabeth II – der britische Fotograf Cecil Beaton (1904-1980) hatte sie alle vor der Kamera und schuf serienweise Ikonen der Porträtfotografie. Beaton war aber auch ein höchst erfolgreicher Kostümbildner und Innenarchitekt, der für die Kleider und Setdecors für „Gigi“ (1959) und „My Fair Lady“ (1965) drei Oscars erhielt. Regisseurin Lisa Immordino Vreeland („Peggy Guggenheim“) hat über das Multitalent nun einen vielstimmigen Dokumentarfilm gedreht. Darin beleuchtet sie nicht nur die bahnbrechende visuelle Kunst des ewigen Ästheten, sondern auch das schillernde Privatleben des schwulen Dandys und Netzwerkers. Matthias Frings über ein Leben im hellen Glanz – und mit tiefen Schatten.
Walter Pfeiffer – Chasing Beauty

Walter Pfeiffer – Chasing Beauty

Mit 71 Jahren steht der Schweizer Fotograf und Zeichner Walter Pfeiffer im Zenit seines Schaffens. Fast 30 Jahre lang erschienen seine sinnlich-verspielten Bilder von hübschen jungen Männern, mit denen er für nicht wenige Schwule in den 80ern und 90ern zu einem persönlichen Helden wurde, nur in Underground-Magazinen, bis ihm in den 2000ern der Durchbruch als international gefragter Modefotograf gelang. Heute gilt er als Wegbereiter von Fotografie-Stars wie Wolfgang Tillmans und Jürgen Teller, er arbeitet mit Supermodels, seine Bilder erscheinen in Zeitschriften wie Vogue und i-D. Der Regisseur Iwan Schumacher hat über Pfeiffer nun einen hinreißenden Porträtfilm voller Esprit und hintergründigem Humor gedreht, in dem der Meister von seinem Leben zwischen Zürcher Schaufenster-Dekors und Pariser Glamour-Shootings erzählt, aber auch viele seiner Ex-Modelle und Weggefährten zu Wort kommen. Unser Autor und Fotokunst-Experte Matthias Frings hat sich den Film angesehen und begibt sich mit Pfeiffer auf die ewige Suche nach der wahren Schönheit.
Der Moment: My Private Idaho

Der Moment: My Private Idaho

In knapp vier Wochen startet die Berlinale, und mit besonderer Spannung wird der neue Film von Gus Van Sant erwartet: "Don’t Worry, He Won’t Get Far on Foot", ein Biopic über den Portlander Cartoon-Künstler John Callahan, der von Oscar-Preisträger Joaquin Phoenix gespielt wird. Van Sants Geschichte mit dem Festival geht bis ins Jahr 1987 zurück, in dem er seinen bahnbrechenden Debütfilm "Mala Noche" erstmals einem großen internationalen Publikum vorstellte und seine Weltkarriere als Regisseur so richtig begann. Vier Jahre später zeigte er in Berlin seinen dritten Film, "My Private Idaho", der für viele Schwule zum Schlüsselfilm für die eigene Identitätsfindung wurde und heute als Meilenstein des New Queer Cinema gilt. Auch als wir den Schriftsteller und Journalisten Matthias Frings – der nicht nur regelmäßig für die sissy Filme bespricht, sondern auch Autor von Büchern wie der Schernikau-Biografie „Der letzte Kommunist“ (2009) und dem Roman „Manchmal ist das Leben“ (2014) ist – nach seinem filmischen Lieblingsmoment fragten, erinnerte er sich an diese eine Szene am Lagerfeuer, irgendwo in Idaho.
Sieben Filme des Jahres

Sieben Filme des Jahres

2017 war ein großartiges Jahr für das nicht-heterosexuelle Kino! Nachdem im Februar mit Barry Jenkins' Meisterwerk "Moonlight" erstmals – und trotz einiger Bühnenunruhen – ein offen schwuler Film mit dem Oscar für den besten Film ausgezeichnet worden war, liefen fast im Monatsrhythmus mitreißende queere Filme in den deutschen Kinos an: von Sebastián Lelios mit dem Teddy ausgezeichnetem Porträtfilm "Eine fantastische Frau" über die transsexuelle Marina und Francis Lees rauhem Liebesfilm "God's Own Country" bis zu Robin Campillos in Cannes gefeiertem Aids-Aktivismus-Drama "120 BPM". Wir haben für Euch unsere sieben Lieblingsfilme zusammengetragen und stellen Sie in Schlüsselmomenten und den Worten unserer Autor_innen noch einmal vor. Die Reise durch das queere Filmjahr führt uns in ein Dinner in Miami und in die Hochmoore Schottlands, auf eine Polizeistation in Santiago de Chile und die Untiefen der Wälder Nordportugals, in die Wildnis Montanas, ins gentrifizierte Brooklyn und in ein Schlafzimmer in Paris.