Babylonisches Repertoire

Buch

In seinem neuen Roman „Babylonisches Repertoire“ erzählt Gabriel Wolkenfeld von einer jüdischen Familie über Generationen und Ländergrenzen hinweg. Der erfolglose DJ Yair fürchtet, sein Großvater Avigdor könnte sich allmählich im Nebel der Demenz verlieren. Deshalb erzählt er ihm all jene Geschichten, die der Senior einst ihm erzählte. Da er sich nicht immer genau erinnert, erfindet er einiges hinzu, übertreibt, wandelt ab – in der Hoffnung, den Großvater aus der Reserve zu locken und sich selbst dabei vom eigenen Lebenschaos im heutigen Tel Aviv abzulenken, samt seiner schwulen Liebesabenteuer. Matthias Frings über einen Reigen origineller Figuren und eine berührende Familiengeschichte.

Zwischen Schtetl und Großstadtmoloch

von Matthias Frings

Weiß der Himmel, warum eine gewisse urbane Spezies sich ausgerechnet die Existenz zwischen Buchdeckeln als bevorzugtes Biotop ausgesucht hat und sich dort – fast ausschließlich dort – kräftig vermehrt. Die Rede ist von Romanpersonal vorzugsweise männlichen Geschlechts um die 30, gut ausgebildet, nicht arm, aber schon reich an Lebensüberdruss. Sie haben ihr noch recht junges Leben satt, wissen nicht recht wohin mit sich in der Welt und warum. Diese Klientel ist vorzugsweise in Metropolen anzutreffen – in Gera oder Herne ergibt elegisches Vor-sich-hin-Schlumpfen schließlich wenig Sinn.

Ein Prachtexemplar dieser Gattung begegnet uns in Gabriel Wolkenfelds Roman „Babylonisches Repertoire“ in der Person von Yair, einem nicht mehr ganz so jungen Israeli, gebildet, schwul, sympathisch, hübsch obendrein, kein Grund für Frust eigentlich. Doch auch diese Großstadtpflanze aus Tel Aviv hängt im Limbo zwischen Wollen und Tun fest. Obwohl: Yair würde schon gerne etwas wollen, schafft es nur nicht recht, den Turbo anzuwerfen, um sich seinen Traum zu erfüllen. Als DJ möchte er erfolgreich sein und eine Platte herausbringen. Max Richter, Philipp Glass und Yann Tiersen sind seine Hausheiligen. Er träumt davon, „den Regen in einem Track auftreten zu lassen“, er will „den Rausch vertonen“.

Gabriel Wolkenfeld – Foto: Hassan Taheri

Noch so ein Slacker-Roman Marke Tel Aviv könnte das werden, ein Müßiggänger auf Schaulaufen, wäre da nicht seine hochinteressante Familie. Da ist seine lebensverschlingende Schwester Avital, die weder Sex noch Drogen widerstehen kann und an jedem Abgrund ein kleines Tänzchen hinzulegen weiß. Eine wortgewaltige jüdische Mamme darf natürlich nicht fehlen, doch es ist vor allem Großvater Avigdor, der Yair am Herzen liegt. Ein eigensinniger Charakterkopf ist der, freiheitsliebend, unkonventionell, belesen, ein Mann mit kosmopolitisch schillernder Vergangenheit, der für seine Lieblingsenkel, die Wilde und den Homo, eine besondere Vorliebe hegt.

Das beruht auf Gegenseitigkeit. Yair liebt seinen schrullig-toleranten Großvater, der selbst seinen erfolglosen Musikbasteleien am Computer etwas Positives abgewinnen kann. „Du bist ein Ingenieur der Musik“, stellt er anerkennend fest. Weil Avigdor Seliger jedoch immer sonderlicher wird und nicht mehr sprechen mag, steckt Tochter Hannah ihn ins Altersheim. Die Ärzte vermuten eine beginnende Demenz, Yair hingegen fürchtet, dass er sich auf Dauer im Schweigen einrichten will. Also versucht er den keineswegs weggetreten wirkenden alten Herrn aus der Reserve zu locken: In einer hübschen Umkehrung des Scheherezade-Motivs erzählt nun er dem Großvater sein Leben, kratzt alles zusammen, was dieser ihm in zahlreichen Sommerferien am See Genezareth von seinem Leben berichtet hatte. Dabei bleibt es nicht aus, dass sich Unschärfen einschleichen, Übertreibungen und Vermutungen, die die ohnehin schon farbige Geschichte noch mehr schillern lassen. Bewegt in jeder Hinsicht nämlich war Avigdors Leben – notgedrungen.

In einem jüdischen Schtetl im litauischen Kaunas lebt die Familie Seliger und ist dort den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts ausgeliefert. Manche Familien warten hoffnungsvoll auf die Deutschen, andere fürchten sie und wieder andere sehen mit äußerst gemischten Gefühlen der Ankunft der Russen entgegen. Als sich ein schmächtiger deutscher Offizier zur Wohnung der Seligers Zutritt verschafft, „nicht indem er die Klinke drückte, sondern der unverschlossenen Tür einen ordentlichen Tritt versetzte“, wird das Abwarten lebensbedrohlich, und die Seligers beschließen „weiter ins Innere des Landes zu ziehen, das ihr Land annektiert hatte“. Sie flüchten in Stalins Sowjetunion nach Taschkent. Anfang der 1980er Jahre geht es erneut auf große Reise, diesmal zur Repatriation nach Israel.

Yair beginnt die Familiengeschichte bei seinem attraktiven Urgroßvater Isidor, dem größten Hallodri und Herzensdieb von Kaunas, und zieht eine Linie bis hin zu seinen eigenen (schwulen) Abenteuern in Tel Aviv. Dazwischen liegen jede Menge Not, Bedrängnis und Gefahr, Chuzpe und glückliche Zufälle, Befreundungen und Entfremdungen. Bestückt ist dieses Panorama mit einem ausgesprochen temperamentvollen Figurenensemble.

Der großen Erzählung, die fast ein ganzes Jahrhundert umfasst, setzt Wolkenfeld Yairs Sinn- und Liebessuche im modernen Tel Aviv gegenüber und vermisst so den Abstand zwischen Schtetl und Großstadtmoloch, archaischer Dorfwelt und technisierter Moderne. Zwei Erzählstränge also, fein säuberlich getrennt, die für Klarheit und Abwechslung sorgen. Ganz ohne Tücken ist diese Konstruktion nicht, erlaubt sie doch lediglich Blick und Interpretation des Enkels. Was der schweigende Großvater selbst dachte, sah und fühlte bleibt notgedrungen außen vor. Wünschen würde man sich hin und wieder einen etwas genaueren Blick darauf, wie es ist, einer allerorten geächteten Minderheit anzugehören, sich überall als Migrant zu fühlen. Das gilt auch für die Affäre von Yair mit dem Deutschen Wolfgang, die sich merklich vor einer expliziten Auseinandersetzung mit dem historischen Hintergrund scheut. Allerdings gibt die in Bruchstücken erzählte Geschichte von Wolfgangs deutscher Familie eine Art Kommentar ab, skizziert eine Familie, die im Gegensatz zur erzwungenen Beweglichkeit der Seligers ein stationäres Leben führt.

Eine große jüdische Klage will der Roman spürbar nicht anstimmen. Die Beiläufigkeit, mit der Fragen von Religion und Zugehörigkeit angerissen werden, kann man befreiend oder bedauerlich finden. Gründeln ist nicht Sache dieses Romans, er steht dem Erzählen nahe, der Fantasie, der charmanten Ausschmückung. Er verwöhnt mit einem Reigen origineller Figuren wie etwa Olympiada, die selbst nach der Scheidung von Avigdor und dessen Wiederverheiratung stur an seiner Seite bleibt, indem sie sich einfach zur „Muse“ erklärt. Sie ist in jeder Hinsicht eine pralle Figur, die es mit sinnenfroher Körperlichkeit schafft, nicht nur KGB-Männer zu domestizieren, sondern auch Avigdor seiner wahren Lust zuzuführen: seiner Leidenschaft für die Literatur. Von der ungewöhnlichen Schönheit der männlichen Linie in der Familie Seliger wird berichtet, von Bella, die sich während ihrer Schwangerschaft nur von Obst ernährt, weil sie ein ganz besonderes Wesen gebären will. Wir treffen auf die dünne, ewig hungrige Danuta, die schlicht aus unstillbarem Appetit zur Meisterdiebin wird. Und wir sind dabei, wie der junge Avigdor einmal fast ausreißt, um sich einer anderen diskriminierten Minderheit anzuschließen, seinen geliebten „Zigeunern“ (wie sie sich selbst nennen) mit ihrer Musik, ihrem Lebensmut und ihren zupackenden Frauen.

Das staunende Publikum lässt sich so gern bei der Hand nehmen und durch Städte, Länder, Landschaften und Kulturen führen, dass es sich am Ende, während Yair seine sieben Sachen packt und nach Deutschland zieht, wünscht, irgendwann ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten. Wäre doch interessant zu erfahren, wie es ihm in Berlin ergangen ist.




Babylonisches Repertoire
von Gabriel Wolkenfeld
Gebunden mit Schutzumlag, 512 Seiten, 29,00 €,
Müry Salzmann Verlag

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