Kritiken (Film)

Sweetheart

Sweetheart

Die introvertierte 17-Jährige AJ interessiert sich für die wirklich wichtigen Dinge. Zum Beispiel wie man Pullis für Elefanten strickt oder wie das Methan der Kühe unseren Planeten zerstört. Weniger begeistern kann sie sich für den anstehenden Familienurlaub: eine ganze Woche in einer stinklangweiligen Feieranlage an der Küste von Dorset – der blanke Horror! Doch dann begegnet sie der Rettungsschwimmerin Isla, die betörend nach Chlor riecht. Barbara Schweizerhof hat sich Marley Morrisons skurrile Coming-of-Age-Komödie angesehen und ein fein gesponnenes Drama um das schwierige Zu-sich-selbst-Finden einer lesbischen Teenagerin entdeckt.
Bros

Bros

In „Bros“ schliddert der New Yorker Dauer-Single und Queer-Podcaster Bobby fast zufällig in eine ernsthafte Beziehung – und manövriert sich mit Humor und Augenzwinkern durch die klassisch komplizierten Stationen einer Romanze bis hin zum anfangs ziemlich unwahrscheinlichen Liebesglück. Als „die erste RomCom eines großen Studios über eine schwule Beziehung“ preist der Verleih „Bros“ an, der jetzt mit großem Marketing-Getöse auch in Deutschland anläuft. Andreas Köhnemann über einen Film, der Spaß macht und die Formeln und Konventionen des Genres in entscheidenden Punkten variiert, aber vielleicht doch weniger revolutionär ist, als er verspricht.
Anima – Die Kleider meines Vaters

Anima – Die Kleider meines Vaters

Nach dem Tod ihres Vaters bekommt die Regisseurin Uli Decker von der Mutter seine „geheime Kiste“ als Erbe ausgehändigt. Der Inhalt – hochhackige Schuhe, künstliche Fingernägel, Schminke und eine Echthaarperücke – verändert ihren Blick auf den Vater, ihre Familie und die Gesellschaft, in der sie aufwuchs. In „Anima – Die Kleider meines Vaters“ erzählt sie die berührende Lebensgeschichte ihres Vaters als tragisch-komische Achterbahnfahrt durch animierte und dokumentarische Bilderwelten. Verena Schmoeller hat den Film, der dieses Jahr mit dem Max-Ophüls-Preis für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde, für uns gesehen – und ist von der posthumen Begegnung zwischen Vater und Tochter sehr berührt.
The Schoolmaster Games

The Schoolmaster Games

An der St.-Sebastian-Akademie sind alle Studenten schwul, jedes Seminar dreht sich um Homosexualität und der Campus vibriert nur so vor erotischen Ränkespielen. Machtzentrum ist der strenge Schuldirektor, der mit seinem Lieblings-Zögling Charles die Schoolmaster Games veranstaltet, ein Sexspiel mit klarer Rollenverteilung. Bis eine mysteriöse Nachricht alles durcheinander bringt... In ihrem vor originellen Ideen und skurrilen Figuren nur so sprühenden Langfilmdebüt erzählt die schwedische Regisseurin Ylva Forner auf Basis des gleichnamigen Romans von Kristofer Folkhammar von einem sagenhaften Ort zwischen schwulem Safe Space, musikalischem SM-Keller und sexueller Verbesserungsanstalt. Matthias Frings über einen schwer zu fassenden Genre-Hybrid, der seinen Stil in der lustvollen Aneignung findet – und im Oktober in der Queerfilmnacht zu sehen ist.
Vorurteil und Stolz

Vorurteil und Stolz

Der schwedische Stummfilm „Ikarus“ (1916) von Mauritz Stiller erzählt andeutungsreich von der Liebe zwischen einem schwulen Bildhauer und seinem Model – und gilt als eines der ersten Zeug-nisse des queeren Kinos überhaupt. Eva Beling hat sich in den schwedischen Filmarchiven auf die Suche nach dieser und anderen queeren Geschichten, Figuren und Momenten gemacht – und eine ganze Schatztruhe geborgen, mit der sie die Entwicklung von den Anfängen bis zu Filmen wie „Something Must Break“ (2014) und „Als wir tanzten“ (2019) nachzeichnet. Jochen Werner fühlt sich von Belings rebellischer Neulektüre einer ganzen nationalen Kinematographie zu vielen neuen Filmsichtungen inspiriert – und wünscht sich, dass irgendwer einen vergleichbaren Film auch einmal dem deutschen Kino widmen möge.
Rex Gildo – Der letzte Tanz

Rex Gildo – Der letzte Tanz

Er sah blendend aus, konnte singen und tanzen, verkaufte 40 Millionen Schallplatten, wirkte in über 30 Filmen mit, und „Fiesta Mexicana“ konnte jedes Kind mitsingen. Rex Gildo war ein deutscher Star, doch dass er und sein Entdecker und Ziehvater Fred Miekley über Jahrzehnte ein Liebespaar waren, wussten nur enge Vertraute. Halb fiktional, halb dokumentarisch erzählt Rosa von Praunheim in seinem neuen Film das Leben der Schlagerlegende als die tragische Geschichte eines Unterhaltungskünstlers, der sich in der repressiven 1950er und 60er Jahren zu einem Doppelleben gezwungen glaubte und auch später nie den Ausbruch aus seinem Versteck wagte. Andreas Wilink fühlt sich bei dem Sujet an Douglas Sirk erinnert, spürt aber auch den unverwechselbaren Rosa-Touch.
Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?

Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?

Der ägyptische Regisseur und Autor Mohammad Shawky Hassan erzählt in seinem sinnlichen Debütfilm „Soll ich dich einem Sommertag vergleichen?“ eine vielstimmige, nicht-heteronormative Variante von „Tausendundeine Nacht“ – und entwirft darin einen überzeitlichen Safe Space, in dem persönliche und kollektive Erinnerungen mit ganz gegenwärtigen Hoffnungen und Träumen zusammenklingen. Andreas Wilink reiht für sissy die vielen amourösen Referenzperlen auf, die in dem metareflexivem Liebesreigen nebeneinander glänzen.
Peter von Kant

Peter von Kant

Mit „Tropfen auf heiße Steine“ (2000) hat François Ozon schon einmal ein Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder kongenial verfilmt. Sein neues Kammerspiel ist eine Art Remake von Fassbinders Meisterwerk „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ (1972). Statt drei Frauen umschwirren sich in der intimen Enge einer eleganten Künstlerwohnung hier aber drei Männer, und die titelgebende, vom Koks-Konsum gezeichnete Hauptfigur sieht Fassbinder selbst zum Verwechseln ähnlich. Philipp Stadelmaier empfiehlt, „Peter von Kant“ gleich zweimal zu sehen, und findet, dass sich Ozons Film zu Fassbinders wie eine eigenwillige Phantasie zu einem früheren Ereignis verhält, das durch Umformung und Umschreibung bewahrt werden soll.
Der Schwimmer

Der Schwimmer

Erez will das Ticket für Olympia! Aber dafür muss sich der ehrgeizige Nachwuchsstar erst noch beim Vorentscheid durchsetzen, der vom israelischen Schwimmverband in einem abgelegenen Trainingscamp veranstaltet wird. Die Konkurrenz in hautengen Speedos ist hart. Doch die schwerste Prüfung stellt sein bildhübscher Mitbewerber Nevo dar. „Der Schwimmer“ geizt nicht mit halbnackten Tatsachen und einer reizvollen Spannungskurve, stellt im Kern aber die Frage, was im Leben mehr zählt: professioneller Erfolg oder die große Liebe. Stefan Hochgesand taucht mit Kopfsprung in Adam Kalderons hochsommerliches Sportdrama ein, das eins der Highlights des Queerfilmfestivals (8. bis 14. September) ist und im September in der Queerfilmnacht läuft.
Petite Maman – Als wir Kinder waren

Petite Maman – Als wir Kinder waren

Die 8-jährige Nelly fährt mit ihren Eltern in das Haus der gerade verstorbenen Großmutter, um es auszuräumen. Sie stöbert in den alten Spielsachen und Büchern ihrer Mutter Marion, neugierig auf deren Kindheit. Doch Marion will sich der Vergangenheit nicht stellen, sie reist ab und lässt Mann und Tochter allein zurück. Während ihr Vater am Haus arbeitet, streift Nelly durch die Wälder. Dort trifft sie auf ein Mädchen, das ihr zum Verwechseln ähnlich sieht – und auch Marion heißt! Pünktlich zum DVD-Start von Céline Sciammas jüngstem Film „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ hat der Verleih Alamode außerdem eine BluRay-Box mit Sciammas bisherigen Langfilmen herausgebracht. Cosima Lutz entdeckt in „Petite Maman“ auch Themen und Motive aus diesen früheren Arbeiten – und eine fantastische Zeitreise im Gewand eines Trauerbewältigungsdramas, in der die weiblichen Generationen nicht bloß aufeinander folgen, sondern meisterhaft miteinander verflochten sind.