Dark Room

Night Stage

Night Stage

Am Tag spielen sie ihre Rolle, bei Nacht sind sie ganz sie selbst: Der Schauspieler Matias und der Politiker Rafael aus Porto Alegre möchten ihre Affäre geheim halten, doch sie teilen eine Leidenschaft für nächtlichen Sex in der Öffentlichkeit. Damit bringen beide ihre Karriere in Gefahr – und bald ihr Leben. „Night Stage“ von Marcio Reolon und Filipe Matzembacher ist ein wilder, queerer Psychothriller, irgendwo zwischen De Palma, Verhoeven und Almodóvar. Janick Nolting über einen Film, der im sexuellen Akt immer das Erhabene und das Rebellische sucht.
North of Vortex (1991) & Caught Looking (1992)

North of Vortex (1991) & Caught Looking (1992)

Ein schwuler Dichter reist mit seinem Cabrio von New York nach Westen. Auf dem Weg nimmt er einen muskelbepackten Matrosen mit, später steigt eine Kellnerin zu. Der Dichter ist scharf auf den Matrosen, der Matrose auf die Kellnerin, die Kellnerin auf den Dichter. Constantine Giannaris’ Road Movie „North of Vortex“ aus dem Jahr 1991 fasziniert mit traumhaften Schwarz-Weiß-Bildern und queerer Beatnik-Romantik – am besten im Doppelpack zu genießen mit Giannaris’ kurzem, futuristischem Nachfolgefilm „Caught Looking“. Michael Kienzl über zwei wiederentdeckte queere Klassiker voller rauer Poesie und unerfüllter Sehnsucht.
Taxi zum Klo (1980)

Taxi zum Klo (1980)

Bei seiner Erstveröffentlichung vor 45 Jahren löste Frank Ripplohs „Taxi zum Klo“ einen Skandal aus: Für einen Film über einen offen schwulen Lehrer aus West-Berlin und dessen sexuelle Abenteuer waren viele in der braven Bundesrepublik nicht bereit. Doch kurz darauf wurde Ripploh sensationell mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Philipp Stadelmaier über einen Film, der heute zurecht als Meilenstein des nicht-heteronormativen Kinos aus Deutschland gilt, weil er in seiner Darstellung einer souveränen schwulen Hauptfigur der Zeit weit voraus war. Und dabei seine wunderbare Zweideutigkeit nie versteckt. 
Shortbus (2006)

Shortbus (2006)

In „Shortbus“ (2006) schickt Regisseur John Cameron Mitchell eine Gruppe von New Yorker:innen auf die Suche nach Sinn, Intimität und sich selbst – in einem queeren Hipster-Club in Brooklyn. Hier soll Sexualität ein Medium für Sehnsüchte, Unsicherheiten und emotionale Bedürfnisse sein. Und vor allem: authentisch. Viel wurde einst über die expliziten Sexszenen geredet. Aus heutiger Sicht ist „Shortbus“ für unseren Autoren Peter Rehberg „vielleicht der letzte queere Film, der das Thema Subkultur in einem sexuellen und politischen Sinne verhandelt.“
Cruising (1980)

Cruising (1980)

New York Ende der 70er Jahre: Eine brutale Mordserie erschüttert die schwule Leder- und SM-Szene, und der Täter kommt scheinbar aus den eigenen Reihen. Um die Verbrechen aufzuklären, wird der heterosexuelle Polizist Steve Burns als Lockvogel eingeschleust, da er optisch dem Typus der bisherigen Mordopfer entspricht. Ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel beginnt. Zurecht wurde William Friedkins berüchtigtem Crimethriller „Cruising“ Homophobie vorgeworfen – hassen sich darin die Schwulen doch so sehr, dass sie sich auf sadistische Weise gleich selbst umbringen. Doch für Peter Rehberg ist diese homofeindliche Botschaft so offensichtlich und lächerlich, dass eine Distanzierung nicht schwerfällt. Absolut sehenswert ist „Cruising“ noch heute, weil er ein faszinierendes Porträt der schwulen New Yorker Subkultur um 1980 zeichnet und mit einer Story voller Uneindeutigkeiten verwirrt. Über einen ambivalenten Klassiker des queeren Kinos.
O Fantasma (2000)

O Fantasma (2000)

Sérgio gehört zu den Unsichtbaren, die nachts in Lissabon den Müll aufsammeln. Tagsüber lebt er vor allem in seinen erotischen Fantasien. Er hat schnellen Sex mit Fremden, von Dominanz und Auslieferungsspielen geprägt. Er lebt wie ein Hund, redet nicht, handelt instinktiv und nimmt sich, was er will. Eines Nachts trifft er auf einen jungen Motorradfahrer – und richtet all seine Fantasien und Begierden auf ihn. Es folgt Sérgios vollständige Verwandlung in ein Fantom: asozial, gefährlich, tierhaft. Die innere Veränderung geht mit dem Äußeren einher: ein von schwarzem Latex umhüllter, durch und durch sexualisierter Körper geht auf Streifzüge durch die Stadt. Der Debütfilm von João Pedro Rodrigues („Der Ornithologe“, „Irrlicht“) folgt konsequent dem fiebrigen Trip seiner Hauptfigur durch die Randgebiete der menschlichen Existenz und kümmert sich dabei wenig um Psychologie oder Erklärungen: Die Welt des Fantoms ist durch und durch physisch, unmoralisch und wild. Janick Nolting über ein filmisches Meisterwerk, das einen Einblick in die grenzenlosen Möglichkeiten des queeren Kinos bietet. und wild. Yannick Nolting über ein filmisches Meisterwerk, das einen Einblick in die beinah grenzenlosen Möglichkeiten des queeren Kinos bietet.
Sebastian

Sebastian

Tagsüber arbeitet Max bei einem Literaturmagazin, nachts lässt er sich unter dem Pseudonym „Sebastian“ als Escort buchen. Seine Erfahrungen als Sexworker in London fließen in seine Kurzgeschichten ein, die immer mehr Leser:innen erfreuen. Während Max versucht, sein Doppelleben geheim zu halten, muss er sich langsam eingestehen, dass sich die Rolle des Escort nicht ganz falsch anfühlt. „Sebastian“ von Mikko Mäkelä ist ein bemerkenswert sexpositiver Film, der in Transgression und Kinkyness Momente der Befreiung findet, ohne die komplexen Mechanismen und Gefahren von Sexarbeit außer Acht zu lassen. Christian Horn über ein Selbstfindungsdrama zwischen Fiktion und Wirklichkeit, das im Dezember in der Queerfilmnacht zu sehen ist.
The Visitor

The Visitor

Ein nackter Geflüchteter wird in einem Koffer an das Ufer der Themse gespült. Er streift durch London und klopft an die Tür einer wohlsituierten Familie, erhält Einlass und darf als Angestellter bleiben. In den nächsten Tagen verführt der Besucher alle Mitglieder der Familie. So plötzlich wie er gekommen ist, verschwindet er auch wieder – und lässt eine sexuell befreite, aber in ihrer kapitalistisch-bürgerlichen Identität grob verstörte Familie zurück. Der neue Film von Kultregisseur Bruce LaBruce ist eine radikale Neuinterpretation von Pier Paolo Pasolinis Meisterwerk „Teorema“ (1968). Während bei Pasolini ein mysteriöser Fremder ohne akzentuierten sozialen Hintergrund als erotisch-spiritueller Aufrührer in eine Mailänder Industriellenfamilie eindringt, schickt LaBruce einen Schwarzen Geflüchteten in die Londoner Upper Class von heute. Lukas Foerster arbeitet heraus, dass LaBruce im Gegensatz zum marxistischen Pessimisten Pasolini nicht nur weiß, wovon er weg möchte, sondern auch wo er hin will. Über eine queer-feministische Befreiungsfantasie.
Baldiga – Entsichertes Herz

Baldiga – Entsichertes Herz

West-Berlin 1979. Jürgen Baldiga, Sohn eines Essener Bergmanns, ist gerade in die Stadt gezogen und beschließt, Künstler zu werden. Mit seiner HIV-Infektion entdeckt er 1984 die Fotografie. Seine Bilder zeigen seine Freunde und Lover, wilden Sex und das Leben auf der Straße und immer wieder die lustvollen Tunten des Schwulenclubs SchwuZ, die zu seiner Wahlfamilie werden. Zwischen Verzweiflung und Begehren, Auflehnung und unbändigem Überlebenswillen wird Baldiga im Angesicht des nahen eigenen Todes zum Chronisten der West-Berliner Subkultur. Als er 1993 im Alter von 34 Jahren stirbt, hinterlässt er ein einzigartiges künstlerisches Vermächtnis. Entlang von Baldigas poetischen Tagebüchern und schonungslosen Bildern sowie über die Erinnerungen von Wegbegleiter:innen zeigt „Baldiga – Entsichertes Herz“ den Künstler nicht nur als bahnbrechenden Fotografen, sondern auch als Aids-Aktivisten und engagierten Kämpfer gegen die Stigmatisierung schwuler Lebensentwürfe. Peter Rehberg, der unter anderem vier Jahre lang das Archiv des Schwulen Museums geleitet hat, wo Baldigas Nachlass lagert, schreibt über einen Film, der Baldigas radikales Leben und seine kompromisslose Kunst in prägnante Kinobilder überträgt.
Hustler White (1996)

Hustler White (1996)

Inspiriert von „Sunset Boulevard“, „Tod in Venedig“ und den Sexfilmen Andy Warhols erzählt „Hustler White“ selbstreflexiv und verspielt von einem blasierten Schriftsteller, der sich auf „Recherchereise“ in die Stricherszene von Los Angeles begibt und sich on location prompt verliebt. Mit festem Blick auf Authentizität haben Bruce LaBruce und Rick Castro ihre romantisch Sex-Komödie an Originalschauplätzen auf dem Santa Monica Boulevard gedreht. Philipp Stadelmaier über einen Klassiker des schwulen Stricherkinos, dessen queerer Referenzenreigen auch knapp 30 Jahren nach seiner Uraufführung noch herrlich explizit funkelt.