Film

Zehn Filme des Jahres

Zehn Filme des Jahres

Eine verbotene Liebe in Kenia. Fünf wilde Jungs auf einer verwunschenen Insel. Zwei fremde Schwestern, die sich gleichen. Französisches Wortgewichse in neuer Haut. Emily Dickinsons Ehrenrettung. Erinnerungen an das Begehren früherer Tage. Phantome aus Blut und Sperma. Die Befreiung des weiblichen Blicks. Genderrevolten in Genf. Und eine sagenhafte Grenzüberschreitung. Zu Silvester wagt sissy wieder einen Blick zurück – und freut sich über ein großartiges, vielgestaltiges queeres Kino-Jahr, das uns vor allem mit vielen starken weiblichen Perspektiven begeistert hat. Eine kleine Passage entlang zehn nicht-heterosexueller Filmhighlights der letzten zwölf Monate – wie gewohnt in Form kurzer Auszügen aus den Originalrezensionen unserer Autor*innen.
1985

1985

Drei Jahre hat Adrian seine Familie nicht mehr gesehen, nun kehrt er zum Weihnachtsfest zurück in seine Heimatstadt in Texas ­– wissend, dass dies höchstwahrscheinlich sein letzter Besuch sein wird und die vielleicht letzte Gelegenheit, das Schweigen zu brechen: über sein Schwulsein und seine Aids-Erkrankung. In seinem Familiendrama "1985" erkundet Yen Tan exemplarisch und feinfühlig die Ängste, die Sprachlosigkeit und die Ausnahmesituation zu Beginn der Aids-Krise. Ein historischer Film, wenn man so möchte, der im gleichen Jahr spielt, in dem "Buddies" gedreht wurde, der erste Spielfilm über die Aids-Epidemie. Doch was "1985" darüber hinaus über die Einsamkeit schwuler Männer in Kleinstädten, die Schwierigkeiten des Coming-outs oder den sozialen Druck in konservativ-religiösen Familien erzählt, ist leider zeitlos, wie unser Autor Axel Schock feststellt.
Cats

Cats

Nächste Woche startet endlich "Cats", Tom Hoopers heiß ersehnte Verfilmung von Andrew Lloyd Webbers Erfolgsmusical – und die internationale Filmkritik zerreißt sie bereits seit Tagen in der Luft. Insbesondere die tricktechnisch gestützten, den Menschen allzu ähnlich wirkenden Katzenfiguren irritieren. Eine beispiellose "Monstrosität" sei der Film, ja "das Schlimmste, das Katzen seit Hunden passiert ist". Aus queerer Perspektive kann man das aber auch alles ganz anders sehen. Beatrice Behn hat sich in Hoopers pelziges und bemerkenswert sexualiertes Gruselkabinett gewagt und einen Film entdeckt, der größtes Unbehagen verursacht und zugleich queere Schaulust befriedigt wie kaum ein zweiter der letzten Jahre. "Cats" ist der jüngste Beweis dafür, dass Camp immer seinen Weg findet, vor allem in den Händen von nichts ahnenden Heteros.
Cunningham

Cunningham

Der US-amerikanische Tänzer und Choreograf Merce Cunningham (1919-2009) gilt dank seiner wagemutigen Tanz-Experimente als einer der visionärsten und einflussreichsten Bewegungskünstler der Welt. Im 3D-Dokumentarfilm "Cunningham" verbindet die Regisseurin Alla Kovgan die Biografie des Künstlers, der eine enge Arbeits- und Liebesbeziehung mit dem Komponisten John Cage führte, mit Darbietungen seiner Choreografien. Andreas Köhnemann hat sich von der kreativen Bilderfülle und der inszenatorischen Dynamik mitreißen lassen.
Hamam – Das türkische Bad

Hamam – Das türkische Bad

Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1997 wurde "Hamam - Das türkische Bad" als Meisterwerk gefeiert und ist längst zu einem Klassiker des queeren Kinos avanciert. Regisseur Ferzan Özpetek ("Die Ahnungslosen") nutzt die homoerotische und höchst sinnliche Atmosphäre türkischer Bäder und den Zauber der Metropole am Bosporus, um in verführerischen Bildern von einem sexuellen und kulturellen Erwachen zu erzählen – und vom Eintauchen in eine einzigartige, faszinierende Welt. Jetzt erscheint der Kultfilm in digital restaurierter Fassung. Unser Autor Christian Lütjens hat ihn als zeitloses Märchen über das Suchen und Finden der (Selbst-)Liebe erlebt.
Mapplethorpe

Mapplethorpe

Die Celebrity-Porträts, Blumen-Kompositionen und insbesondere die Milieustudien der New Yorker S/M-Underground-Szene von Robert Mapplethorpe (1946-1989) zählen heute zu den Meilensteinen der Fotografie des 20. Jahrhunderts. In ihrem Biopic "Mapplethorpe" spürt Ondi Timoner dem Seelenleben des queeren Künstlers nach, der sich selbst als "modernen Michelangelo" verstand. Unser Autor Peter Rehberg sah eine überzeugende Darstellung des "Doctor Who"-Stars Matt Smith in der Titelrolle – aber auch ein weiteres Biopic, das das Transgressive bagatellisiert.
Die glitzernden Garnelen: Video-Interview mit Cédric Le Gallo

Die glitzernden Garnelen: Video-Interview mit Cédric Le Gallo

In Frankreich lockten "Die glitzernden Garnelen" über eine halbe Million Zuschauer*innen ins Kino. Seit Donnerstag ist die turbulente Komödie des Regie-Duos Cédric Le Gallo und Maxime Govare über ein queeres Pariser Wasserball-Team und seine Reise zu den Gay Games in Kroatien auch in den deutschen Kinos zu sehen. Im Interview hat uns Cédric verraten, wie seine persönliche Geschichte den Film inspiriert hat, wieso eine queere Sportmannschaft immer auch eine Art Ersatzfamilie ist und was man bei der Genre-gemäßen Arbeit mit Stereotypen beachten sollte.
Schönheit und Vergänglichkeit

Schönheit und Vergänglichkeit

In ihrem neuen Film „Schönheit und Vergänglichkeit“ porträtiert Annekatrin Hendel den Fotokünstler Sven Marquardt sowie dessen Modelle Dominique Hollenstein und Robert Paris. Alle drei waren im Ost-Berlin der 1980er Jahre ein zentraler Teil der Subkultur und „ineinander verschossen.“ Hendel beobachtet und begleitet das Trio und lässt es über das Gestern und Heute reflektieren. Unsere Autorin Cosima Lutz hat den Dokumentarfilm als barockes Vanitas-Gemälde erlebt, in dem unterschiedliche Welten hart aneinandergrenzen.
Der Blonde

Der Blonde

Ein Vorort in Buenos Aires. Der blonde Gabriel ist gerade bei seinem Arbeitskollegen Juan eingezogen. Offiziell sind beide hetero: Der stille Gabriel hat eine kleine Tochter, Draufgänger Juan bringt eine weibliche Eroberung nach der anderen nach Hause. Trotzdem gibt es zwischen ihnen eine intensive körperliche Anziehung. Irgendwann folgen auf Blicke Berührungen und ein loses sexuelles Arrangement. Als aus den „flatmates with benefits“ ein richtiges Liebespaar werden könnte, gerät Juan in einen Identitätskonflikt. Mit gewohnt voyeuristischem Blick schaltet der argentinische Regisseur Marco Berger die homoerotische Stimmung schrittweise nach oben. „Der Blonde“ ist bereits der sechste Film von Teddy-Gewinner Berger („Plan B“). Unser Autor Christian Lütjens hat sich angesehen, wie er abermals die Grenzen der Intimsphäre gesprengt hat.
Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Mishima – Ein Leben in vier Kapiteln

Das Biopic „Mishima - Ein Leben in vier Kapiteln“ widmet sich in stark fiktionalisierter Form dem gefeierten japanischen Autor Yukio Mishima (*1925), der 1970 den traditionellen Selbstmord, Seppuku, beging. Die Geschichte des queeren, widersprüchlichen Künstlers wird erzählt, indem sie mit drei Erzählungen seiner Bücher parallelisiert wird. Im Jahr 1985 feierte der Film der New-Hollywood-Ikone Paul Schrader seine Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes. Der restaurierte Director’s Cut wurde beim diesjährigen San Sebastian Film Festival gezeigt und läuft jetzt im Kino an. Unser Autor Fritz Göttler hat ihn gesehen - und spürt den Zusammenhängen zwischen Mishimas (zu) großem Traum und dessen Werk, Körper und Queerness nach.