Taxi zum Klo

Trailer queerfilmnacht

Bei seiner Erstveröffentlichung im Jahr 1980 löste „Taxi zum Klo“ in den Kinos der braven Bundesrepublik einen Skandal aus – und wurde kurz darauf spektakulär mit dem Max Ophüls Preis ausgezeichnet. Heute gilt der authentische und schamlose schwule Liebesfilm als einer der großen Klassiker des queeren Kinos aus Deutschland. Der Regisseur und Hauptdarsteller Frank Ripploh, der als Lehrer an einer Schule in West-Berlin arbeitete, bis sein offener Umgang mit der eigenen Homosexualität ihn seinen Posten kostete, erzählt darin seine eigene Lebensgeschichte. Philipp Stadelmaier über einen Film, der in seiner Darstellung einer souveränen schwulen Hauptfigur der Zeit weit voraus war – und selbst heute noch progressiv wirkt.

Foto: Edition Salzgeber

Ein individueller Körper

von Philipp Stadelmaier

„Sie wollen mich auf meinen Streifzügen begleiten?“, neckt die süffisante Stimme aus dem Off. „Keine Angst, wenn ich Sie auf öffentliche Toiletten mitnehme oder in die Herrensauna. Ich mag Männer, bin 30 Jahre alt, von Beruf Lehrer.“ Und dann, im gleichen Tonfall: „Ansonsten bin ich genauso normal, alltagsmüde, polymorph pervers wie meine Kollegen. Ich gehe regelmäßig zum Lehrerkegelabend und fiebere, wie alle anderen, der Freizeit entgegen.“

„Taxi zum Klo“, Frank Ripplohs Kultfilm von 1980, der anlässlich seines 40. Jubiläums in einer restaurierten Fassung in der queerfilmnacht laufen wird und auf DVD erscheint, versteckt von Anfang an nicht seine wunderbare Zweideutigkeit. Ripploh, gespielt von Ripploh in einem Film von Ripploh, lebt Ende der 1970er Jahre in Westberlin und ist schwul. Und an diesem Leben als schwuler Mann wird er die Zuschauer*innen teilhaben lassen: Er zeigt und er kommentiert. Aber er macht keinen Hehl daraus, dass für ihn damit nicht besonders viel gesagt ist. Erwartet man einen Film über die Besonderheiten und Befindlichkeiten schwulen Lebens in der Vor-Aids-Ära aus der Feder eines Pädagogen (wie im Film war Ripploh Lehrer), mit dem Ziel, ein heterosexuelles Normalo-Publikum aufzuklären, läuft man ins Leere.

Wenn wir ihn das erste Mal sehen, kehrt uns Ripploh seinen Rücken zu, genauer: seinen Arsch. Denn er wird hier niemand anderem sein Gesicht leihen als sich selbst. Er ist kein soziologischer Typ, kein Repräsentant einer marginalisierten Gruppe, mit anderen Worten: niemand, der auch nur im Entferntesten als „anormal“ im Gegensatz zu einer „sozialen Norm“ wahrgenommen werden möchte. Dann wischt er sich bei der Morgentoilette den Arsch mit einem Handtuch ab, das er ans „Gäste“-Häkchen hängt. Ihr, liebe Zuschauer*innen = Gäste in meinem Leben, wollt, dass ich „die Schwulen“ repräsentiere? Ihr könnt mich mal! Das Einzige, was ihr hier zu sehen kriegt, ist Frank Ripploh und wie er lebt. Kommt klar damit!

Apropos Film und Pädagogik: Später wird tatsächlich in Ripplohs Wohnung ein Aufklärungsfilm gezeigt, in dem ein Sexualtäter ein Kind belästigt, Pädophilie und Homosexualität in eins gekehrt werden. Während Ripplohs Freunde den Film im Nebenzimmer anschauen, und dabei wechselweise amüsiert, angeturnt und angewidert sind, gibt ein gelangweilter Ripploh in der Küche einem Jungen Nachhilfeunterricht. Jeder hat zur Pädagogik seine eigene, singuläre Distanz, ist von ihr abgelenkt, mit anderem beschäftigt. Zum Beispiel mit Leben.

Und Ripploh lebt. Er fährt mit dem Auto umher, flirtet mit einem Mann an der Tankstelle, dessen Telefonnummer er aus Versehen ins Diktatheft einer Schülerin schreibt. Er lernt im Kino den sanften und anhänglichen Bernd (Bernd Broaderup) kennen und geht mit ihm eine Beziehung ein, schläft mit einem Typen im Leder-Look, der ihm auf der Straße nachstellt, wirft sich Acid ein und frequentiert Berliner Klappen, die er im Winter mit dem Taxi abfährt; daher der Titel.

Foto: Edition Salzgeber

„Taxi zum Klo“ schlug 1980 ein wie eine Bombe. Ripploh hatte schon davor für Rosa von Praunheim und für Ulrike Ottinger vor der Kamera gestanden und sich öffentlich geoutet (1978 auf dem Cover des „Stern“), woraufhin dem Lehrer die Beförderung in den Beamtenstatus verwehrt wurde (angeblich wegen erhöhter Leberwerte). „Taxi zum Klo“ dreht Ripploh, nach eigenem Bekunden, dann weniger aus politischen denn aus persönlichen Gründen – um sich zu rächen. Der Film entstand, ohne Förderung, mit einem Budget von hunderttausend Mark und wurde auf den Hofer Filmtagen uraufgeführt. 1981 gewann Ripploh den Max Ophüls Preis in Saarbrücken.

Der Film wurde zum enormen Publikumserfolg in Deutschland und in den Vereinigten Staaten. In New York wurde er von über zweihunderttausend Menschen gesehen, in Boston 1982 mit einem Filmkritiker-Preis ausgezeichnet – und in Österreich wegen gleichgeschlechtlicher Pornographie beschlagnahmt.

Denn Ripploh wird in der Schilderung seines Alltags stellenweise durchaus auch explizit pornographisch. Das Hinterteil, das den Film eröffnet, lässt er sich später von einem Arzt auf Analfisteln hin untersuchen, der ihm ein Spekulum in den Darmtrakt einführt. In einer der Klappen, die er frequentiert, schiebt sich ein erregierter Penis durch ein Glory Hole, während er in einer Kabine sitzt und Schulhefte korrigiert. Außerdem zeigt er eine explizite Fellatio, und dabei seinen eigenen Penis beim Ejakulieren im Mund eines Liebhabers; einen anderen verwöhnt er später mit einer Golden Shower.

Aber diese Szenen haben nichts Spektakuläres an sich. Ihr Sinn besteht nicht darin, schwules Leben und Lieben in einem (pseudo)skandalträchtigen Modus darzustellen. Sie sind, im Gegenteil, hochgradig trivial. Ripplohs bevorzugtes Mittel, um diese Trivialität herzustellen, ist die Parallelmontage. Er lässt sich von seiner Tankstellenbekanntschaft mit einem Gürtel den Arsch versohlen und zieht eine dicke Line Koks; gleichzeitig zeigt er sich bei „Irmchen“, seiner besten Freundin, im spießig eingerichteten Wohnzimmer und diskutiert über Liebeskummer. Und während Bernd im Reisebüro einen gemeinsamen Urlaub buchen will (Caprivi, Capri oder doch lieber irgendwo in unserem schönen Deutschland?), macht Frank seine Taxiodyssee.

So wird der Film bestimmt vom Grenzgang zwischen einem extrovertiertem Sexleben und dem Bedürfnis nach bürgerlicher Heimeligkeit. Bernd träumt von einem ruhigen Leben auf dem Lande, einem Bauernhof, dem friedlichen Lebensabend eines alten Schwulenpaars. Franks Promiskuität macht er diesem zunehmend zum Vorwurf. Der wiederum wirft Bernd vor, den „(Hetero)Ottonormalverbraucher“ kopieren zu wollen und ein Treuekonzept aus dem Mittelalter zu haben. Und wenn er ihn das nächste Mal mit einem anderen Typen im Bett erwische, solle er einfach mitmachen, kapiert?

Zwischen diesen Extremen – und „Sackgassen“, wie Ripploh selbst einmal über seinen Film gesagt hat – bleibt Frank einfach nur Frank. Ein individueller Körper. Der mit Intimität und Identität nicht zurückhält und sie wie nebenher einfließen lässt – lakonisch, anti-dramatisch, und höchst vergnügt.




Taxi zum Klo
von Frank Ripploh
BRD 1980, 95 Minuten, FSK 16,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Im Januar in der queerfilmnacht.

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