Das melancholische Mädchen

Trailer Kino

Auf der Suche nach einem Schlafplatz streift das melancholische Mädchen durch die Großstadt. Unterwegs begegnet sie jungen Müttern, die ihre Mutterschaft als religiöses Erweckungserlebnis feiern, findet Unterschlupf bei einem abstinenten Existentialisten, für den Sex „auch nur noch ein Markt“ ist, und wartet in einer Drag Bar „auf das Ende des Kapitalismus“. Statt sich zu bemühen hineinzupassen, fängt das Mädchen an, ihre Depression als Politikum zu betrachten. In 15 komischen Begegnungen erforscht Susanne Heinrich in ihrem gefeierten Debütfilm die postmoderne, neoliberale Gesellschaft zwischen Prekarisierung und Self Marketing, Ernüchterung und Glückszwang. „Das melancholische Mädchen“ verbindet Pop und Theorie und ist voll von Zitaten, die man in Neonbuchstaben auf Werbetafeln leuchten sehen will. Beatrice Behn über eine feministiche Komödie, die sich nicht nur der Kino-üblichen männlich-normativen Blickführung verweigert, sondern auch den Ordnungen der konventionellen Filmkritik.

Foto: Edition Salzgeber

Egale Augen, die auf Pimmel blicken

von Beatrice Behn

Entschuldigung, aber hier stimmt doch was nicht. Wie soll man denn so ganz marktüblich eine Filmkritik über einen Film schreiben, der ja direkt selber sagt, dass er gar nicht so richtig ein Film ist! Zumindest nicht im üblichen Sinne des Erzählkinos, für das meine Funktion als Kritikerin ja vor allem die ist, das marktwirtschaftlich erfolgreiche, aber inhaltlich blöde Filmprodukt von der marktwirtschaftlich sinnlosen, dafür aber intellektuellen, kurzzeitig stimulierenden Filmkunst zu trennen und beide im Sinne einer Sehentscheidung in gut oder schlecht einzuteilen.

Jetzt bin ich deprimiert, denn Susanne Heinrichs Nicht-Film „Das melancholische Mädchen“ hat mich nun ebenfalls melancholisch gemacht, auch wenn ich kein Mädchen mehr bin, sondern aus patriarchaler Sicht nur eine depressive Frau, die einem sinnlosen Gewerk nachgeht, in dem sie versucht eine Meinung zu haben, anstatt sich in ihre Rolle als Gebärende und Ehemann-betreuende Gattin zu begeben, wo ich doch wenigstens Sinnvolles leisten könnte. Und noch dazu habe ich gerade den Kardinalsfehler des Infotainment-Journalismus begangen und furchtbar lange Sätze mit vielen Kommata geschrieben, weshalb im Sinne der einfachen Verdaulichkeit, die inzwischen jedem Kunst- und Kulturprodukt innezuwohnen hat, die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass Sie, liebe Leser*innen, jetzt schon ausgestiegen sind.

Wer noch mitliest: Mit euch stimmt was nicht. Und: Euch könnte „Das melancholische Mädchen“ durchaus gefallen.

Und nun, nachdem ich es doch geschafft habe, wenigstens rudimentär meiner marktlogischen Empfehlungsarbeit nachzukommen, verlangt das System der filmjournalistischen Textarbeit zuerst einmal eine Synopsis, auch wenn die für die Google-Algorithmen jetzt schon zu spät kommt. Heinrich macht es einem auch ganz schön schwer, aber ich will mich nicht beschweren. So oft werde ich schließlich nicht herausgefordert. Zumindest nicht von Synopsen.

„Melancholischen Mädchen passiert nichts. Sie verbringen Zeit an verschiedenen Orten und dann ist der Film vorbei.“

Zuerst eine Prelude: Das melancholische Mädchen (erstaunlich melancholisch: Maria Rathscheck) steht melancholisch vor einer Fototapete und raucht, nackt im Pelz (aber nicht nach Sacher-Masoch), wie melancholische Mädchen es eben so tun. Sie sinniert über ihre Funktion, ihr Dasein als abstrakte Figur und darüber, dass sie als Nicht-Mensch mit ihrer kommenden Nicht-Entwicklung in all den 14 Nicht-Räumen, die sie gleich besuchen wird, nichts weiter sein wird, als eben ein melancholisches Mädchen. Wer das schon doof oder prätentiös findet, hat Glück. In einigen Kinos kriegt man bis zu zehn Minuten nach Beginn sein Geld noch zurück. Allen anderen sei gesagt: Dies ist der wohl ehrlichste Filmanfang seit langem. Das melancholische Mädchen stromert von da an herrenlos durch die Stadt auf der Suche nach einem Schlafplatz und trifft, stets zufällig und passiv, wie es bei melancholischen Mädchen ja immer der Fall ist, auf Menschen. Oder Männer. Es folgen 14 Vignetten höchster Abstraktion in rosa, hellblau und fleischfarben. Doch dieses Nichts in all seiner Abstraktheit, ist nicht leer. Ganz im Gegenteil.

Foto: Edition Salzgeber

Applaus für mich und diesen hochgradig konventionellen Cliffhanger, der euch hoffentlich zum nächsten Absatz gebracht hat, in dem es nun Zeit wird, das Werk interpretativ klein zu kauen und in gelungen und nicht gelungen einzuordnen. Aber ich will nicht, und Susanne Heinrich versagt einem ohnehin jeglichen Verdaulichkeitsdienst. Zu groß, zu tief, zu viel, zu meta, zu abstrakt, zu melancholisch sind ihre Brocken und ich habe doch nur 6.000 Zeichen.

„Die Langeweile der Abstraktion fließt in den Fick.“

Die Leseliste, aus der sich Heinrichs Nicht-Film speist, ist lang: Butler, Illouz, Haraway, Bartes, Lacan, Deleuze, Baudrillard, Flusser… Psychoanalyse, feministische Theorie, Kapitalismuskritik – von allem Relevanten ist was dabei. Klingt nach Thesenkino und Popfeminismus. Ist aber vor allem strukturelles Überlegen, Spiegeln und Bearbeite – nicht von Thesen, sondern vom Leben im Neoliberalismus, und gemacht von einer, die die Schnauze voll hat. Zu Recht.

Foto: Edition Salzgeber

Heinrich arbeitet mit einer klassischen Frauenfigur: dem Melancholic Pixie Dream Girl, das nicht manisch – wie noch vor 10 Jahren im Kino üblich –, sondern depressiv ist, weil sie leider nicht dumm genug ist. Die Melancholische, sie ist feinste Oberfläche, eine kollektive Frau, und jeder darf mal was in sie reininterpretieren, vielleicht auch reinstecken, denn wo ist da noch der Unterschied zwischen konsumieren und ficken, zwischen Marktlogik und Körper, Kunst und Seele? Kann man ja alles kaufen, simulieren, kolonialisieren. „Ich bin unglücklich, damit Leute wie du glücklich sein können“, erklärt die Hauptfigur das Frausein im Neoliberalismus mit ihrem weichen Mund und den großen, egalen Augen. Was sie will, ist ein bisschen Liebe und ein Bett. Was sie bekommt, sind eine Reihe Männer, die aus ihr Muse, Mutter, Hure und Produkt machen. Heinrich geht es um alles oder nichts. Wie geht das mit der Begierde, dem Feminismus, der Kunst, der Freiheit im Neoliberalismus, der alles für sich nutzt und zersetzt, käuflich oder simulierbar macht?

Foto: Edition Salzgeber

Humor, konkret: feinste Ironie, scheint die Antwort darauf zu sein. Ironie, die sticht und bewegt, nicht starr vor sich hin spöttelt, sondern mit klugem Spott die Konventionen missachtet und sie zu analysieren und zu ändern sucht. So dreht Heinrich eines der ärgsten Mittel des Films einfach einmal um: Aus dem von Laura Mulvey analysierten male gaze des Kinos wird ein female gaze, ein gay gaze, ein objektifizierender Blick auf die Maskulinität in all ihrer herrlich fleischigen Pimmeligkeit. Die Artifizialität von Raum und Figuren, von Sprache und Gestus entrücken und mokieren sich über den Status quo und machen ihn selbst zum Anschauungsobjekt. Kurzum: im Simulakrum steckt die Kraft zur Analyse, aber auch zum Widerstand. Gegen die Gesellschaft, die Konventionen, aber auch gegen das Kino als Kunst, die zum Produkt mit Wettbewerbsfähigkeit verkommen ist.

Und so wundert es nicht, dass „Das melancholische Mädchen“ auch als Reaktion auf die Managerpolitik der Deutschen Film- und Fernsehakademie (dffb) entstand, in der Heinrich studiert hat und in der „Wettbewerbsfähigkeit“ wichtiger ist, als Kunst und Haltung. Haltung haben der Nicht-Film und seine Erschafferin auf jeden Fall, und Chuzpe noch dazu, hat sie sich das Budget zum Film von der dffb doch einfach besorgt hat, ohne deren Regeln einzuhalten. Das macht nicht nur Spaß und lässt nachdenken, das steckt auch an. Kein Wunder also, dass dieser Text schon aus Prinzip mehr als 6.000 Zeichen hat.




Das melancholische Mädchen
von Susanne Heinrich
DE 2019, 80 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,

Edition Salzgeber

Homepage zum Film

Ab 27. Juni hier im Kino

 

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