Narziss und Goldmund

Narziss und Goldmund

In seiner Adaption der berühmten Erzählung von Hermann Hesse bietet der österreichische Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky ("Die Fälscher") nicht nur Bildgewalt und Star-Besetzung (Sabin Tambrea, Jannis Niewöhner), sondern setzt zugleich die homoerotischen Untertöne der Vorlage deutlich nach oben. Im mittelalterlichen Kloster Mariabronn werden der tiefreligiöse Narziss und der ungestüme Goldmund zu engen Freunden. Während Narziss im Kloster bleibt, zieht es Goldmund in die Welt, die zahlreiche Liebschaften, aber auch Elend und Tod für ihn bereithält. Andreas Köhnemann hat nach dem emotionalen Herzstück der bemerkenswert schwulen Großproduktion gegraben.
Wild Nights with Emily

Wild Nights with Emily

Jetzt als DVD und VoD: Emily Dickinson (1830-1886) gilt als eine der wichtigsten Dichterinnen der Weltliteratur – und als „Einsiedlerin“. Dass sie über Jahrzehnte eine leidenschaftliche Liebesbeziehung mit ihrer Jugendfreundin und späteren Schwägerin Susan Gilbert führte, wussten zu ihrer Lebzeit nur wenige. Auch nach Emilys Tod wurde die Beziehung streng geheim gehalten – u.a. von Emilys Verlegerin Mabel, die sogar die postum veröffentlichen Gedichte manipulierte und Emilys feurige Liebesbriefe an Susan an Männer umadressierte. Madeleine Olneks lustvolle Komödie „Wild Nights with Emily“ zeigt die leidenschaftliche lesbische Liebe einer quicklebendigen Dichterin und schildert beispielhaft, wie eine dezidiert weibliche, queere Lebensgeschichte bewusst manipuliert wurde, um in ein heteronormatives Narrativ zu passen. Unsere Autorin Anja Kümmel hat sich auf die willkommene Abzweigung von tradierten Bildern und Vorstellungen begeben.
Invertito: Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit

Invertito: Verfolgung homosexueller Männer und Frauen in der NS-Zeit

Die historische Erforschung des Schicksals der Homosexuellen in der NS-Zeit fördert weiterhin wichtige Erkenntnisse zu Tage. Zunächst über Jahrzehnte ignoriert, dann zögerlich erforscht, wird diese Geschichte erst heute umfassend aufgearbeitet. Inzwischen wird neben den Rosa-Winkel-Häftlingen in den Konzentrationslagern auch die Verfolgung von Lesben und trans Personen thematisiert. Was Erinnerungskultur bedeutet und wie sie zu gestalten ist, hat nicht zuletzt wegen des rechtsextremen Terrors der letzten Jahre an Gewicht gewonnen. Der neue Band des queeren Geschichtsjahrbuchs "Invertito", das bereits im 21. Jahrgang erscheint, hat sich der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit gewidmet. Anja Kümmel hat ihn für uns gelesen.
Cousins

Cousins

Neu als DVD und VoD: Teenager Lucas lebt mit seiner strenggläubigen Tante Lourdes in einem Städtchen irgendwo in Brasilien. Als braver Neffe hilft er ihr im Garten und bei der Organisation der Bibelkreise. Doch ihre fromme Zweisamkeit wird durcheinandergebracht, als Lourdes einen weiteren Neffen im Haus aufnimmt: Mario kommt gerade aus dem Gefängnis und kann sich nur schwer an Regeln halten. Zunächst ist Lucas vom Verhalten seines wilden Cousins irritiert, aber in Lourdes' Abwesenheit kommen sich die zwei Jungs rasch näher... In ihrer verspielten Coming-of-Age-Komödie setzen Thiago Cazado und Mauro Carvalho dem religiösen Konservatismus in der brasilianischen Provinz die positive Geschichte einer emotionalen und sexuellen schwulen Erweckung entgegen. Unser Autor Andreas Köhnemann hat sich von der Leidenschaft und dem Humor des Films mitreißen lassen.
Infam

Infam

Die Freundinnen Karen und Martha leiten gemeinsam ein Mädcheninternat. Als sie eine aufsässige Schülerin zurechtweisen, nutzt das Mädchen einen heimlich beobachteten Moment, um seine Lehrerinnen zu verleumden. Bald kreisen Gerüchte um die Schule, die weitreichende, tragische Konsequenzen für die beiden Frauen haben. Der dreifache Oscar-Preisträger William Wyler setzt in seiner Theaterstück-Verfilmung "Infam" die Hollywood-Superstars Audrey Hepburn und Shirley MacLaine in Szene – und erzählt auf sensible Weise von unterdrückter Liebe. Unsere Autorin Anja Kümmel hat sich den Filmklassiker des lesbischen Kinos, der erstmals auf Blu-ray erscheint, angesehen – und eine erstaunliche Öffnung des Raums für die Möglichkeiten queeren Begehrens entdeckt.
Jonathan Agassi Saved My Life

Jonathan Agassi Saved My Life

Jetzt auf DVD und VoD: Yonatan aus Tel Aviv war einst einer der bekanntesten Pornodarsteller der Welt: Unter dem Künstlernamen Jonathan Agassi war er Star Dutzender schwuler Hardcore-Filme, er trat in Live-Sex-Shows auf und arbeitete als Escort. Der israelische Regisseur Tomer Heymann ("Paper Dolls") hat Agassi über einen Zeitraum von acht Jahren mit der Kamera begleitet, zu Pornosets, Familientreffen und zum berüchtigten HustlaBall. Sein Film, der im Januar in der queerfilmnacht auf der großen Leinwand zu sehen ist, bietet nicht nur einen ungewohnt tiefen Einblick in die Welt schwuler Pornos und Escorts, sondern ist auch ein berührend aufrichtiger Film über einen getriebenen jungen Mann, der mit seiner Vergangenheit und den komplexen Beziehungen zu seiner Mutter und seinem Vater ringt. Rajko Burchardt über ein abgründigen Porträt.
In memoriam: Hans Stempel und Martin Ripkens

In memoriam: Hans Stempel und Martin Ripkens

Hans Stempel und Martin Ripkens waren über 55 Jahre ein Paar. Sie lebten und arbeiteten zusammen, haben sich als Filmkritiker und -scouts leidenschaftlich für das internationale Autorenkino und gegen die homophoben Strukturen innerhalb der deutschen Filmbranche engagiert – und  eigene Filme über schwules Leben und homosexuelle Geschichte gemacht. Martin starb 2012 im Alter von 78. Hans folgte ihm vor wenigen Tagen, am 11. Februar dieses Jahres, er wurde 94 Jahre alt. Wir erinnern an die zwei Vorreiter der schwulen, politisch bewussten Filmkultur mit einem Text, den die beiden im Jahr 2008 für das Programmheft der Teddy-Awards verfasst haben, wo sie für ihr breites Engagement mit einem Spezialpreis geehrt wurden.
Philipp Stadelmaier: Queen July

Philipp Stadelmaier: Queen July

Bereits in seinen Theaterstücken „Black Square“ und „Vanishing Points“ hat sich Filmkritiker und sissy-Autor Philipp Stadelmaier mit dem Aufeinanderprallen von bürgerlicher Wohlständigkeit und politischer Wirklichkeit auseinandergesetzt. Auch sein Debütroman „Queen July“ zielt auf den Clash zwischen Erster und Dritter Welt. Aziza hat ihre Jugendliebe Strehler nie vergessen, auch nicht in Dschibuti, wo sie seit ein paar Jahren lebt. Als Strehler plötzlich wieder in ihr Leben kracht, verwickelt sich Aziza in Schwärmereien, die nur ihre neue Pariser Bekannte July zu entwirren vermag, bei der sie den Sommer verbringt. Christian Lütjens hat „Queen July“ für uns gelesen.
Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Louise Erdrich: Die Wunder von Little No Horse

Nach einem Unwetter nimmt die Farmerswitwe Agnes die Identität des katholischen Missionars Father Damien an und leitet bis ins hohe Alter eine kleine Gemeinde im Indianerreservat. Der bereits vor 20 Jahren verfasste Roman "Die Wunder von Little No Horse" der amerikanischen Autorin Louise Erdrich dringt tief in die Persönlichkeit seiner Heldin ein, die ihr wahres Geschlecht verleugnet, um Gott zu dienen. Der Vergleich zu Michael Roes' Roman "Herida Duro" (2019) drängt sich auf und zeigt große Unterschiede. Michael Sollorz ist Louise Erdrich in die Trostlosigkeit des Indianerreservats gefolgt.
Casta Diva: Interview mit Rainer Falk und Sven Limbeck

Casta Diva: Interview mit Rainer Falk und Sven Limbeck

Große Gefühle, wuchtige Kostüme, Gesten voller Leidenschaft. Viele Schwule lieben die Welt der Oper. Nun ist endlich der erste „schwule Opernführer“ erschienen, in jeder Hinsicht ein Gemeinschaftsprojekt der Gay Community: 30 Opernfans haben die Herausgeber Rainer Falk und Sven Limbeck beim Verfassen der Analysen von 157 Opern von zirka 100 Komponisten tatkräftig unterstützt, die Finanzierung des edel ausgestatteten Buchs wurde durch Crowdfunding ermöglicht. Wir sprachen mit Rainer Falk und Sven Limbeck über dieses Großereignis.