Wer oder was eine Sissy ist – das mit der österreichischen Kaiserin lassen wir jetzt mal weg – dürfte bei FilmfreundInnen kein Geheimnis sein. Diese in Hollywood erfundene Nebenfigur versinnbildlicht seit Stummfilmzeiten, dass die Personnage eines guten Films im besten Fall aus mehr als nur einem romantischen Hetero-Liebespaar bestehen muss. Sie ist eine glamouröse, sich verschleudernde Alternative. Oder wie es die glbtq-Enzyklopädie ausdrückt: „Die Sissy steht für eine begehrenswerte Welt aus Raffinesse und purem Vergnügen, weit entfernt vom langweiligen Status Quo.“

sissy dreizehn


KINO

UNSER PARADIES
von Gaël Morel

GAËL MOREL
über seinen Film

SHARAYET — EINE LIEBE IN TEHERAN
von Maryam Keshavarz

NOORDZEE, TEXAS
von Bavo Defurne

TOMBOY
von Céline Sciamma

LONGHORNS
von David Lewis

JAMIE UND JESSIE SIND NICHT ZUSAMMEN
von Wendy Jo Carlton

UNTER MÄNNERN
von Ringo Rösener und Markus Stein

BEAUTY
von Oliver Hermanus

MOMMY IS COMING
von Cheryl Dunye

KÖNIG DES COMICS
von Rosa von Praunheim

DIE LIEBENDEN
von Christophe Honoré



DVD


JAGDSZENEN AUS NIEDERBAYERN
von Peter Fleischmann

PETER KERN
auf DVD

und die Neuerscheinungen der letzten Zeit


PLUS

DER MOMENT:
Wolfgang Müller küsst in West-Berlin

BERLINALE: Queer und erwachsen

PROFIL: Das KINO IM DACH in Dresden


EDITION SALZGEBER

Es war mal wieder Berlinale, im Panorama gab’s mal wieder einen Queer-Schwerpunkt, Queer-Film-Festival-Kuratoren haben als Jurymitglieder Teddys verteilt. Das gibt es auf keinem anderen großen internationalen Filmfestival. Bestürzend und schade (wie immer) aber war, was und wie darüber geredet wurde. Von einer „Timeline“ ist da von den Veranstaltern die Rede, auf der „der Westen“ top Ergebnisse im Bekämpfen der Queer-Diskriminierung erzielt und alle anderen Kulturen zwischen 10 und 30 Jahre hinterher seien. Da wird, wenn überhaupt das Wort „Film“ fällt, das audiovisuelle Medium allenfalls als Gefäß für wichtige Themen angesehen, nämlich, um bedrohte queere Menschen und Szenen vor allem der ‚rückständigen‘ Orte dieser Welt zu zeigen, ganz egal wie. Als „Geschenk“ wird ein serbischer Mainstream-Film vorgestellt und empfohlen, der serbischen Homophoben erklärt, dass Schwule tatsächlich Menschen sind, was dort (Parada war ein Kassenhit) gut funktioniert hat. Schön für die Serben – problematisch für alle anderen, die sich mit flachen Klischees, leidenden und am Ende sterbenden schwulen Figuren und verschämter Körperlichkeit (kein Kuss, kein Sex, um die homophoben Serben nicht zu verprellen, bevor sie was lernen) auseinandersetzen müssen. Diese Denke ist überheblich und unqueer – denn sie übersieht, dass Queer-Sein kein globales essentialistisches Phänomen ist, sondern in jeder Kultur und Szene, bei jedem Menschen anders ist und einen anderen (auch filmischen) Ausdruck findet, den zu entdecken ja gerade das Spannende am Queer Cinema ist.

Davon unbeeindruckt hat die Teddy-Jury wie üblich gute Arbeit geleistet und u.a. einen Film prämiert, der eine private Beziehung in einem Land schildert, in dem queere Menschen nicht mit der Todesstrafe bedroht sind: Keep The Lights On tastet sich sensibel an das Bild einer schwulen Beziehung in New York heran, mit flimmernden Bildern, ätherischen Songs, einer taktilen Kamera, durch die das Thema der Berührbarkeit auch auf filmischer Ebene erkundet wird. Dass er überhaupt im Programm war (zuletzt wurden z.B. Weekend oder das Spielfilmdebüt von Travis Matthews abgelehnt), könnte daran gelegen haben, dass in dem Film eine Figur selbst einen Teddy gewinnt (so viel Schmeichelei muss belohnt werden).

Natürlich haben auch wir dieses Jahr wieder viele tolle Entdeckungen gemacht (S. 37). Was das Queer-Cinema-Konzept der Berlinale angeht (eigentlich nur des Panoramas, denn Festivalchef Kosslick geht nach eigenen Worten „diese Trans-Kiste“ sowieso grundsätzlich an der eigenen vorbei), darüber sollte in einer der nächsten SISSYs mal offen gesprochen werden.

 

 


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