Wer oder was eine Sissy ist – das mit der österreichischen Kaiserin lassen wir jetzt mal weg – dürfte bei FilmfreundInnen kein Geheimnis sein. Diese in Hollywood erfundene Nebenfigur versinnbildlicht seit Stummfilmzeiten, dass die Personnage eines guten Films im besten Fall aus mehr als nur einem romantischen Hetero-Liebespaar bestehen muss. Sie ist eine glamouröse, sich verschleudernde Alternative. Oder wie es die glbtq-Enzyklopädie ausdrückt: „Die Sissy steht für eine begehrenswerte Welt aus Raffinesse und purem Vergnügen, weit entfernt vom langweiligen Status Quo.“

sissy zwölf


KINO

OFF BEAT
von Jan Gassmann

DAS TRAURIGE LEBEN
DER GLORIA S.
von Ute Schall und Christine Groß

JITTERS
von Baldvin Z

DIE GEHEIMEN TAGEBÜCHER
DER MISS ANNE LISTER
von James Kent

GAY-KURZFILMNACHT

HERBSTGEFÜHLE
von Jon Garaño und José María Goenaga

AUSENTE
von Marco Berger



DVD

WEEKEND
von Andrew Haigh

IN THEIR ROOM SAN FRANCISCO · BERLIN
von Travis Mathews

TRAVIS MATHEWS
im Gespräch

ICH WILL DOCH NUR, DASS IHR MICH LIEBT
und DESPAIR – REISE INS LICHT
von Rainer Werner Fassbinder

und die Neuerscheinungen der letzten Zeit


PLUS

DER MOMENT:
Antje Wagner flirtet mit
DIE UNERTRÄGLICHE LEICHTIGKEIT DES SEINS
von Philip Kaufman

PROFIL (1): Paul Schulz ist immer noch
verknallt in STÉPHANE RIDEAU


NACHRUF:
Ulrich Ziemons erinnert sich an
GEORGE KUCHAR

PROFIL (2): Axel Neustädter kauft Unterwäsche bei Bruno’s


QUINNFORD AND SCOUT / GLENDALE PICTURE COMPANY/ GM-FILMS

In seiner – äußerst wohlwollenden – Besprechung des Films Weekend war es dem Filmjournalisten Peter Claus kürzlich wichtig, auf Folgendes hinzuweisen: „Schnell ist klar: das Etikett ‚Schwulenfilm‘ passt nicht. Die Geschichte von Russell und Glen ist auf jede Zweisamkeit, egal welcher Konstellation, übertragbar, die daraus resultierenden Fragen sind es erst recht.“
Glück gehabt! Weekend kann als universelle Liebesgeschichte gesehen werden! Aber was ist hier eigentlich mit dem besagten Etikett gemeint? Was, um alles in der Welt, ist ein „Schwulenfilm“ und welche Gefahr bringt es mit sich, Weekend als solchen zu sehen?

Offensichtlich ist ein Film ein „Schwulenfilm“, wenn die dort erzählte Zweisamkeit nicht auf andere Konstellationen übertragbar ist außer auf jene zweier Männer. Und offensichtlich denkt Claus, dass sich Nicht-Schwule nicht für Filme interessieren, bei denen das so ist. Vielleicht denkt er sogar, dass das eine eigene Kategorie ist, die von vorneherein gar nicht anstrebt, ein nicht-schwules Publikum anzusprechen. Da möchte man doch mal die Frage stellen, warum sich Nicht-Schwule nicht für spezifisch schwule Biografien, Erfahrungen oder Liebesgeschichten interessieren sollten?

Im Queer-Diskurs würde man jetzt sagen: weil es das (also etwas spezifisch Schwules) nicht gibt. Andrew Haigh, der Regisseur von Weekend, betont aber bei jeder Gelegenheit, dass es in seinem Film um die „gay experience“ geht, um zwei Männer, die einen unterschiedlichen Umgang mit dem eigenen Schwulsein haben und die deshalb in eine komplizierte Liebesbeziehung eintauchen (in der fast ausschließlich genau darüber geredet wird). Auch in dem Werk von Travis Mathews, von dem in dieser SISSY ausgiebig die Rede ist, geht es um spezifisch schwule Geschichten und schwule Sehnsüchte.

Wie viele „Schwulenfilme“ gibt es eigentlich, die Geschichten nach dem Coming-Out erzählen, in denen es nicht um das Ausrufen der sexuellen Identität geht, sondern um die Frage, wie man als Nicht-Heterosexueller lebt, liebt, Beziehungen eingeht? Müssen sich also nicht eher jene eine kritische Nachfrage gefallen lassen, die erst die Existenz von „Schwulenfilmen“ ausrufen, um später nach Filmen zu suchen, die keine sind? (Dass es keine Kategorie der „Heterofilme“ gibt, muss man hier ja gar nicht erst erwähnen.) Dass es in den auf den kommenden Seiten vorgestellten Filmen um nicht-heterosexuelle Geschichten geht, darf behauptet werden. Um so mehr sollte, wenn schon nicht Herrn Claus, wenigstens uns interessieren, wie sie erzählt sind!

 


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