Brüder der Nacht

Brüder der Nacht

Mit großem Einfühlungsvermögen zeigt der österreichische Regisseur Patric Chiha in „Brüder der Nacht“ die harte Lebenswirklichkeit einer Gruppe bulgarischer Roma-Jungs in Wien, die sich als Stricher verdingen müssen, um zu überleben. Chiha durchbricht seinen dokumentarischen Ansatz dabei immer wieder mit Mitteln der künstlerischen Verfremdung, die nicht nur an die träumerischen Bilderwelten von Genet, Anger, Bidgood und Fassbinder erinnern, sondern den Figuren auch eine Bühne geben, auf der sie sich sicher fühlen und sie selbst sein können. Ein grell leuchtender und tief berührender Porträtfilm. Von Lukas Foerster.
King Cobra

King Cobra

Der neue Film von Justin Kelly („I Am Michael“) basiert auf der unfassbaren Geschichte des heute 30-jährigen Sean Paul Lockhart, a.k.a. Brent Corrigan, dem ersten schwulen Porno-Megastar des Online-Zeitalters, und seines Entdeckers Bryan Kocis, Chef von Cobra Video, der 2007 unter abstrusen Umständen ermordet wurde. Bei einem derart abseitigen und vor allem queer-relevanten Stoff darf in Hollywood James Franco nicht mehr fehlen, der „King Cobra“ produziert hat und darin zudem in der Rolle eines tobsüchtigen Ex-Escorts glänzt. Mit Christian Slater, Molly Ringwald, Alicia Silverstone und Garrett Clayton ist Kellys kühne Mischung aus trashigem Erotikthriller und entlarvender Porno-Satire aber auch ansonsten hochkarätig besetzt. Ein Film, der nicht nur Corrigan- und Franco-Fans in Erregung versetzen dürfte. Von Patrick Heidmann.
Die Taschendiebin

Die Taschendiebin

Die Bereitschaft zu schockieren hat den koreanischen Regisseur Park Chan-wook („Sympathy for Mr. Vengeance“, 2002; „Oldboy“, 2003; „Lady Vengeance“, 2005) zur Kultfigur unter den Fans blutiger Spektakel aufsteigen lassen, seinen Filmen aber auch den Ruf eingebracht, nur etwas für den „eingeübten Geschmack“ zu sein, mithin für die, die ein gewisses Maß an Blut und Gewalt mit blasierter Macho-Geste wegstecken. Wer in dieser Hinsicht schon von „Stoker“ (2013), Parks „gezähmtem“ Ausflug ins amerikanische Kino, enttäuscht war, wird sich über „Die Taschendiebin“ erneut wundern. Hier zeigt sich Park nämlich von einer bislang eher unbekannten Seite: als Meister in der Kunst der Zurückhaltung. Und als Meister darin, zu zeigen, was unter der Oberfläche von Zurückhaltung alles schwelen kann. Von Barbara Schweizerhof.
Einfach das Ende der Welt

Einfach das Ende der Welt

Xavier Dolan, das viel gepriesene queere Kino-Wunderkind, hat einen neuen Film gemacht – und dafür dieses Jahr in Cannes zwar erneut den Großen Preis der Jury bekommen, aber auch so viel ungewohnten Gegenwind von der Festivalpresse, dass er nun gar in Erwägung zieht, seinen nächsten Film nicht mehr an die Croisette zu bringen. Götterdämmerung im Auteur-Olymp? Keineswegs! „Einfach das Ende der Welt“, die Verfilmung des gleichnamigen, semio-autobiografischen Theaterstücks des 1995 im Alter von 38 Jahren an AIDS verstorbenen französischen Autors Jean-Luc Lagarce, ist abermals brillant: ein zugleich überaus aggressives und ungemein zärtliches Kammerspiel in der biologischen Kernfamilie, das sich zur schmerzvollen Reflektion über queere Heimatlosigkeit verdichtet und mit dem Dolan einige Erwartungen an sein höchst selbstreferentielles Werk nur unterwandert um noch furiosere zu befeuern. Von Sascha Westphal.
Alle Farben des Lebens

Alle Farben des Lebens

„Alle Farben des Lebens“ von Gaby Dellal ist Drama und Komödie. Er verspricht, ein Coming-Of-Age-Film über den Transjungen Ray zu sein (der englische Originaltitel lautet „About Ray“), will aber gleichzeitig – so verrät es wiederum der Arbeitstitel „Three Generations“ – eine Familienchronik über drei Generationen erzählen. Am Ende geht es immer weniger um Ray und immer mehr um eine erzählerisch nicht aufgelöste Idee von Zweigeschlechtlichkeit. Von Noemi Yoko Molitor.
Departure

Departure

Andrew Steggall erzählt in seinem Regiedebüt "Departure", das im Dezember in der queerfilmnacht läuft, von einem Spätsommer in Südfrankreich, in dem eine Kindheit zu Ende geht und die Illusion der heilen bürgerlichen Familie zerbricht. Der britische Nachwuchsstar Alex Lawther, der bereits als junger Alan Turing in „The Imitation Game“ glänzte, spielt darin den Teenager Elliot: einen schriftstellerisch begabten Träumer, der beherzt nach einer Sehnsucht greift, die schon lange zuvor in der Luft lag. Ein märchenhaft melancholischer Film im Zeichen jugendlichen Aufbruchs. En garde! Von Matthias Frings.
The Blue Hour

The Blue Hour

Der eben auf DVD erschienene Film "The Blue Hour" der thailändischen Regisseurin Anucha Boonyawatana hält einige Überraschungen parat – nicht nur weil er ein (schwules) Thailand zeigt, das selbst der neugierige Tourist nur selten zu Gesicht bekommt, sondern vor allem weil das anfängliche Schmunzeln auf den Lippen über die süße Coming-out- und Liebesgeschichte bald einem vor Entsetzen weit geöffneten Mund weicht. Ein Cruising-, Liebes- und Coming-out-Film, die sich langsam aber sicher zu einem Geister- und Horrorfilm wandelt. Von Micha Schulze.
Kater

Kater

Szenen einer Beziehung zeichnet Händl Klaus in seinem zweiten Spielfilm nach, der sich zunächst wie eine Satire auf bürgerliche schwule (weiße, westliche, ...) Lebensmodelle anfühlt, so behaglich ist das gemeinsame Glück der musisch veranlagten Männer mit ihrer Hauskatze Moses ausbuchstabiert. Doch weder macht sich der neugierige Blick des Regisseurs über seine Figuren lustig, noch erscheint diese schwule Idylle ungefährdet. Die internationale Jury des Teddy-Awards, die „Kater“ als besten queeren Spielfilm des diesjährigen Berlinale-Programms auszeichnete, betonte sein „packendes“ und „verwirrendes“ Potential, das unser Autor zum einen auf seine großdimensionierte Symbolebene zurückführt, andererseits auf die Genauigkeit und Lässigkeit, die „Kater“ in Anlehnung an das „New Wave Queer Cinema“ findet. Ein faszinierender, schillernder Beziehungsfilm. Von Sebastian Markt.
Die Mitte der Welt

Die Mitte der Welt

Als Andreas Steinhöfels Jugendbuch "Die Mitte der Welt" 1998 in Deutschland herauskam, war es bahnbrechend: Endlich gab es da eine queere Hauptfigur, die nicht mehr mit dem eigenen Schwulsein haderte, kein angstbesetztes Coming-out durchleben musste und sich so richtig toll in einen anderen Typen verknallen durfte – natürlich nicht ohne dabei frei von Dämonen zu sein, aber die hatten eben nichts mehr mit der sexuellen Identität zu tun. Der Österreicher Jakob M. Erwa hat "Die Mitte der Welt" nun kongenial verfilmt und für Steinhöfels kunstvoll verschachteltes Familien- und Erweckungsdrama um Phil, seine introvertierte Zwillingsschwester Dianne und ihre herrlich durchgeknalle Mutter Glass wunderbare Darsteller*innen und traumhaft schöne Bilder gefunden. sissy nimmt den Filmstart zum Anlass für eine kleine Bestandsaufnahme von queeren Jugendbuchbestsellern und deren Verfilmungen. Denn unsere Welt hat unendlich viele Mitten. Von Natália Wiedmann.
Barash

Barash

Der israelische Coming-of-Age-Film „Barash“, der im November in der queerfilmnacht läuft, wurde von der Filmkritik mit Abdellatif Kechiches Cannes-Gewinner „Blau ist eine warme Farbe“ verglichen: ähnlich authentisch, genauso hip! Das Besondere an Michal Viniks Regiedebüt ist sein politischer Subtext: „Barash“ erzählt nicht nur davon, wie es für ein Mädchen ist, sich das erste Mal in anderes Mädchen zu verblieben, sondern stellt auch die Frage, wie frei man als junge Frau im heutigen Israel leben kann. Von Tania Witte.