Die Mitte der Welt

Trailer • Kino

Als Andreas Steinhöfels Jugendbuch „Die Mitte der Welt“ 1998 in Deutschland herauskam, war es bahnbrechend: Endlich gab es da eine queere Hauptfigur, die nicht mehr mit dem eigenen Schwulsein haderte, kein angstbesetztes Coming-out durchleben musste und sich so richtig toll in einen anderen Typen verknallen durfte – natürlich nicht ohne dabei frei von Dämonen zu sein, aber die hatten eben nichts mehr mit der sexuellen Identität zu tun. Der Österreicher Jakob M. Erwa hat „Die Mitte der Welt“ nun kongenial verfilmt und für Steinhöfels kunstvoll verschachteltes Familien- und Erweckungsdrama um Phil, seine introvertierte Zwillingsschwester Dianne und ihre herrlich durchgeknalle Mutter Glass wunderbare Darsteller*innen und traumhaft schöne Bilder gefunden. sissy nimmt den Filmstart zum Anlass für eine kleine Bestandsaufnahme von queeren Jugendbuchbestsellern und deren Verfilmungen. Denn unsere Welt hat unendlich viele Mitten.

„Die Mitte der Welt“ – Foto: Universum

Mein Herz für Deines

von Natália Wiedmann


„We wish we could have been there for you. We didn’t have many role models of our own – we latched on to the foolish love of Oscar Wilde and the well-versed longing of Walt Whitman because nobody else was there to show us an untortured path. We were going to be your role models. We were going to give you art and music and confidence and shelter and a much better world. Those who survived, lived to do this. But we haven’t been there for you. We’ve been here. Watching as you become the role models.“                                              

(David Levithan: “Two Boys Kissing”)

 

Es ist ein Stimmenchor an Aids Verstorbener, der hier spricht und die verschiedenen Handlungsstränge in „Two Boys Kissing“ (2013) erzählt und kommentiert – einem Jugendbuch, das die Siegessäule 2015 zum „wahrscheinlich besten Homobuch des Jahres“ erklärt hat, ganz ohne ein „Jugend-“ davorzusetzen. David Levithan ist sowas wie der John Green der queeren Jugendliteratur, einer der bekanntesten Stimmen einer wachsenden Riege an Autor*innen, die ihren Leser*innen „art and music and confidence and shelter“ bietet – und manchmal eine bessere Welt.

Aus Levithans Feder stammt auch „Every Day“ (dt. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“, 2012), das so wunderbar queer ist, wie mensch es sich nur wünschen kann, und von Person ‚A‘ erzählt (genauer vielleicht: ‚Bewusstsein A‘), die jeden Tag im Körper eines anderen Menschen erwacht. Wenn sogenannten Jugendgeschichten an sich schon ein queeres Moment innewohnt, weil Identität hier oft nichts abgeschlossenes ist, sondern sich in permanentem Wandel befindet, dann treibt „Every Day“ dieses Moment noch auf die Spitze. Trotz einer linear erzählten Liebesgeschichte geht es weniger um eine Bewegung von A nach B, von einem Suchen am Anfang hin zu einem Finden am Schluss, als vielmehr um ein Eröffnen von Zugängen zu zig Fragen dazu, was Identität bedeutet, was ein Körper mit uns macht und wir mit einem Körper – und wie Identität in Interaktionen performativ hergestellt und durch Kategorisierungen geprägt wird.

„Every Day“ schaffte es auf die Bestseller-Liste der New York Times und war 2015 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, wo er zwar nicht den Preis der Erwachsenenjury, aber den der Jugendjury einheimste. Nominiert war im gleichen Jahr übrigens auch Benjamin Alire Sáenz’ „Aristoteles and Dante Discover the Secrets of the Universe“ (dt. „Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums“), der so toll ist wie sein Titel schrecklich; im Jahr davor fand sich Joanne Hornimans „About a Girl“ („Über ein Mädchen“) auf der Nominierungsliste – zwei weitere wunderbare Beispiele nicht-heterosexueller Jugendliteratur.

Gerade in den letzten Jahren haben sich die aufregenden Romantitel aus dem englischsprachigen Raum  gehäuft, darunter auch immer mehr Bücher, in denen – wie es Jugendbuchautorin Malinda Lo in einem äußerst lesenswerten Blogeintrag über sogenannte „LGBT-Young-Adult“-Literatur zusammenfasst – „the LGBT aspect is not situated as a problem to be overcome; more LGBT YA is simply about a character who is LGBT“. Um queere Jugendbücher deutscher Autor*innen zu finden – Bücher wie Karen-Susan Fessels „Jenny mit O“ (2005) oder „Im Abseits des Lebens“ (2013), das Autor Nico Schulte im Alter von gerade mal 17 Jahren verfasst hat –, muss mensch hingegen nach wie vor ein bisschen länger suchen.

Eine Handvoll Bestseller mit queeren Nebensträngen bilden hier die Ausnahme, z.B. „Die wilden Hühner und die Liebe“ (2003), der fünfte Band von Cornelia Funkes Mädchenbuchreihe, die sich weit über zwei Millionen Mal verkauft hat. Darin verliebt sich Bandenmitglied Wilma in ein Mädchen ihrer Theatergruppe. Diese Liebe ist schon deswegen bemerkenswert, weil die Bücher um die „Hühnerbande“ im Grenzbereich von Kinder- und Jugendliteratur angesiedelt sind und noch immer kaum ein Kinderbuch nicht-heteronormative Beziehungen thematisiert. Ungetrübt ist die Freude allerdings nicht, denn auch wenn die Mädchen der Bande am Ende zusammenhalten, wird Wilmas sexuelle Orientierung als Riss in der Normalität erzählt, als etwas, woran die Clique fast zu zerbrechen droht. Immerhin aber weiß Wilma souverän zu antworten, als eine ihrer Freundinnen äußert, dass Mädchen sich manchmal eben in Mädchen verliebten, dass das aber auch wieder vorbeiginge: Ich will nicht, dass es vorbeigeht“, kontert Wilma. „Dazu fühlt es sich viel zu gut an.“

„Die Mitte der Welt“ – Foto: Universum

Es ist Vivian Naefes gleichnamiger Roman-Verfilmung, die 2007 rund eine Million Besucher*innen in die Kinos lockte, hoch anzurechnen, dass sie genau diesem Gefühl mehr Raum gibt und die Buchvorlage um zwei, drei schöne Szenen zwischen Wilma und ihrer Freundin ergänzt. Auch lässt sich der Film mehr Zeit dafür, nach den verschiedenen Reaktionen auf Wilmas Coming-out von der Versöhnung zwischen den Mädchen und ihrem erneuten Zusammenhalt am Ende zu erzählen.

Dennoch ist es ein weiter Sprung bis zu der rührenden Szene in Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ (2010), in der Maik seinem Freund Tschick nach dessen ‚Geständnis‘, sich nicht für Mädchen zu interessieren, die Hand in den Nacken legt, sich mit ihm Claydermans „Ballade pour Adeline“ anhört und einen Moment darüber nachdenkt, auch schwul zu werden. Das ist dermaßen schön, dass es einem glatt den Stecker zieht, wie Maik jetzt vielleicht sagen würde.

Die zärtliche Geste fehlt zwar in Fatih Akins kongenialer Adaption, die seit September in den Kinos läuft und mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Dafür fehlt aber auch Tschicks irgendwie entschuldigendes „er könnte ja auch nichts dafür“ , wo es doch nichts zu entschuldigen gibt. Kein Riss, kein Bruch, keine dramatische Aussprache – in der Retrospektive eröffnen sich neue Interpretationsangebote, aber erstmal hat sich das Thema erledigt, und in Film und Buch geht die Fahrt im geklauten Lada einfach weiter, als wolle uns Ich-Erzähler Maik zu verstehen geben: „Mal ehrlich: Das ist nun wirklich nicht das Interessanteste an Tschick. Oder an diesem besten aller Sommer.“

„Tschick“ – Foto: Studio Canal

In Andreas Steinhöfels Bestseller-Roman „Die Mitte der Welt“ (1998) ist es die queere Figur selbst, aus deren Perspektive die kunstvoll verschachtelte Geschichte erzählt wird. Steinhöfel gehört seit Jahren nicht nur zu den besten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautor*innen Deutschlands, sondern spätestens seit der Verfilmung seiner drei „Rico und Oskar“-Kinderbücher auch zu den bekanntesten. Es hat zwar bis zur dritten Verfilmung gedauert, aber in der wurde dann endlich auch mal klargestellt, dass Ricos Nachbar Herr Kiesling mit seinem schicken Auto keine Frauen abschleppt. Und dass es für Rico das Normalste der Welt ist, wenn der Kiesling mit seinem schnuckeligen Freund in den „Knutschurlaub“ fährt, wie Rico es ausdrückt. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit ist auch Steinhöfels Romanheld Phil schwul. „Als Problemthema der Jugendliteratur sollten Schwulsein bzw. Coming-out inzwischen abgehakt sein“, schreibt Steinhöfel in einem Nachwort. „Es gibt ausreichend hervorragende Bücher, die sich damit auseinander setzen. ‚Die Mitte der Welt‘ war auch der Versuch, einen Schritt weiter zu gehen in Richtung eines neuen Selbstverständnisses schwuler jugendlicher Romanfiguren.“ Phil mag zwar keinen „untortured path“ beschreiten – aber das ist nicht seiner sexuellen Orientierung geschuldet, sondern dem Umstand, dass Liebe Narben heilen, aber eben auch tiefe Wunden schlagen kann, wie Phil am Ende des Romans konstatiert. „Jeder von uns trägt ein Messer.“

„Die Mitte der Welt“ – Foto: Universum

Diesem Gestus des Romans bleibt Jakob M. Erwas Filmadaption absolut treu: Es gibt keine Geschichte des Haderns mit der eigenen Sexualität, kein angstbesetztes Coming-out, keine feindlichen Reaktionen des love interest; kein verschämtes Abblenden nach dem ersten Kuss oder der ersten Berührung. Der Film nimmt sich Zeit, Phils erste Liebe zu zeigen, das Aufregende und Schöne und Zärtliche und Ekstatische der Kommunikation zwischen zwei Körpern. Daneben finden aber auch deutliche Akzentverschiebungen gegenüber dem Buch statt, die sich schon allein aus dem Bemühen ergeben, der Fülle des Romans und seiner komplexen Struktur Herr zu werden.

Mit seinem Panoptikum an ungewöhnlichen Figuren und ihrer tragikomischen Geschichten erinnert Steinhöfels Jugendbuch an Romane des magischen Realismus lateinamerikanischer Prägung. Statt einer geradlinigen Erzählung entfaltet „Die Mitte der Welt“ dabei ein Geflecht an Erlebnissen, das die Beziehungen der Figuren zueinander und die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart immer wieder in ein anderes Licht rückt. Der Film verdichtet den Erzählzeitraum, entledigt sich der meisten Nebenfiguren und vieler Rückblenden und arbeitet dafür drei Konfliktlinien deutlicher heraus: Als der 17-jährige Phil von einem dreiwöchigen Französisch-Camp nach Hause zurückkehrt, ist ein Sturm offenbar nicht das einzige, was in seiner Abwesenheit Wunden geschlagen hat. Zwischen seiner unkonventionellen Mutter Glass und seiner Zwillingsschwester Dianne scheint etwas vorgefallen zu sein, wovon ihm niemand erzählen möchte. Zu Phils Besorgnis gesellen sich bald überschwängliche Verliebtheit und wachsende Unsicherheit hinzu: Der bildschöne neue Mitschüler Nicholas scheint zwar Phils Begehren zu erwidern, bleibt ihm gegenüber aber dennoch merkwürdig verschlossen. Und noch eine Sehnsucht lässt Phil nicht los: Sein Wunsch, endlich etwas über den ihm unbekannten Vater zu erfahren und diesen blinden Fleck in seinem Leben zu füllen.

„Die Mitte der Welt“ – Foto: Universum

Trotz der zahlreichen Kürzungen hat der Film zunächst seine liebe Mühe damit, die assoziative Erzählweise des Buches in eine lineare Geschichte zu überführen. Weil sich die Gegenwart auch aus der Vergangenheit erklärt, sind immer wieder Rückblenden notwendig, die hier leider als das wirken, was sie im filmischen Kontext schließlich auch sind: die Vorbereitung einer großen Auflösung. Gerade zu Beginn häuft sich der Wechsel zwischen den Zeitebenen, so dass der Film erst nach dem ersten Drittel zu seinem Erzählfluss findet. Dann aber entwickeln die traumhaft schönen Bilder und der sinnliche Montagerhythmus einen geradezu unwiderstehlichen Sog. Die Figuren sind fast ausnahmslos großartig besetzt und ihre Darstellungen dicht inszeniert; das Überbordende der Ausgangserzählung findet sich in der reichen Tongestaltung, dem wunderbar eklektischen Soundtrack und der verschwenderisch aufwändigen und dabei präzis charakterisierenden Szenographie wieder. Selbst die gegenüber dem Roman verloren geglaubten Nebenhandlungen haben noch ihre Spuren hinterlassen. Details wie die Puppe Paleiko, das Foto der Seefahrer oder Diannes Narbe unterhalb des Schlüsselbeins verweisen darauf – und dokumentieren die detailverliebte Sorgfalt der filmischen Umsetzung. Nicht zuletzt in der Lust am visuellen Exzess findet der Erzählüberschwang der Vorlage ein Äquivalent, etwa wenn Phils euphorische Gefühle nach dem ersten Mal dadurch visualisiert werden, dass goldfarbener Glitter auf ihn herabregnet.

Der Erzählton ist spielerischer und versöhnlicher als jener der Vorlage, ihre Zeit- und Ortlosigkeit sind einer festen Verankerung im Hier und Jetzt gewichen und die Abgründe, in die Phil hineinzublicken wagt, sind nicht mehr ganz so tief. Dass einige Figuren an Komplexität verloren haben, weil der Film manchmal mehr um Verständlichkeit bemüht ist, als es Not tut, ist zwar schade. Lieben darf mensch den Film getrost trotzdem. Ein großes Publikum wünscht man ihm sowieso – und dass ihm noch viele weitere Jugendbuchbestseller (und deren Verfilmungen) nachfolgen, die mit der gleichen Selbstverständlichkeit queere Figuren von der Mitte ihrer Welt erzählen lassen, wo immer diese Mitte auch liegen mag.




Die Mitte der Welt
von Jakob M. Erwa
DE/AU 2016, 115 Minuten, FSK 12,
deutsche OF,

Universum

Aktuell hier im Kino zu sehen.

↑ nach oben