Kritiken (Film)

Indian Summer (1996)

Indian Summer (1996)

London, Mitte der 1990er. Tonio ist der Startänzer in seinem Ballett-Ensemble – und HIV-positiv. Für ihn ist klar, dass er bald im Tänzerhimmel landen wird, doch bis dahin will er seine Zeit auskosten. Keine Frage, dass er im neuen Prestigestück der Gruppe die Hauptrolle übernimmt. Und dann tritt Jack in sein Leben – ein ruhiger Typ mit leichtem Übergewicht und großem Herzen. „Indian Summer“ (1996) von Regisseurin Nancy Meckler und Drehbuchautor Martin Sherman ist ein Klassiker über Lebensfreude und Mut im Umgang mit Aids. Axel Schock über eine klug und genau beobachtete Beziehungsstudie, die Aspekte der Aids-Krise ausleuchtet, die sonst in Filmen meist vernachlässigt werden.
Magick Lantern Cycle (1947–1980)

Magick Lantern Cycle (1947–1980)

Sie sind rätselhaft, provokant, rauschhaft, queer und anarchistisch, mit einem Faible für Mythologie, Okkultismus und Gegenkultur: Mit seinen neun Kurzfilmen des „Magick Lantern Cycle“ (1947 bis 1980) wurde Kenneth Anger zum Monumentalfilm-Regisseur des experimentellen Kinos. Michael Kienzl über einen legendären Filmemacher, der die Lust feierte und gleichzeitig ihre Abgründe erforschte.
Die Jungfrauenmaschine (1988)

Die Jungfrauenmaschine (1988)

„Filme wie der von Monika Treut vernichten das Kino“, schrieb 1988 die ZEIT. Gemeint war „Die Jungfrauenmaschine“, der heute natürlich völlig zu Recht als Klassiker des lesbischen Kinos aus Deutschland gilt – und im April in der Queerfilmnacht auf die große Leinwand zurückkehrt. Der Film erzählt von Dorothee Müller, einer jungen, naiven Hamburger Journalistin, die sich an eine Untersuchung über romantische Liebe macht und für belastbare Antworten bis ins abenteuerliche San Francisco reisen muss. Anne Küper folgt dem Film und seiner Regisseurin auf ihrer lustvollen Entdeckungstour, deren Ursprung auch viel über die engen sexuellen Grenzen im Deutschland der 1980er erzählt, und erkundet Treuts bahnbrechendes queeres Bastel-Prinzip.
Queerpanorama

Queerpanorama

In „Queerpanorama“ von Jun Li lässt sich ein schwuler Mann durch die Apartmentkomplexe Hongkongs treiben, von einem Sex-Date zum nächsten – und immer nimmt er dabei eine neue Identität an. Manchmal entsteht für einen Moment echte Intimität. Andere Male wird es hässlich. Jedes Mal studiert er sein Gegenüber genau und imitiert dessen Persönlichkeit beim nächsten Date. So ist er Schauspieler, Wissenschaftler, Architekt, Lieferant, Lehrer – und immer auf der Suche. Andreas Köhnemann über einen sinnlichen, abgründigen Film, der in faszinierend schönen Bildern über schwule Dating-Kultur philosophiert.
Cabaret (1972)

Cabaret (1972)

Schmierereien an Hauswänden, zunehmende antisemitische Gewalt und Verschwörungstheorien im direkten Umfeld der Hauptfiguren: Gegen all das feiert Sally Bowles in Bob Fosses Verfilmung von Christopher Isherwoods Roman „Cabaret“ an, um die hässliche Wahrheit noch für eine Weile zu verdrängen. Andreas Köhnemann über einen Klassiker, der so lebenslustig wie finster ist – und dessen queeren Geist auch Hollywood nicht austreiben konnte.
Faustrecht der Freiheit  (1975)

Faustrecht der Freiheit (1975)

Mit dem wahrgewordenen Traum eines Lottogewinns beginnt der Niedergang des abgebrannten Schaustellers Fox – ohne Aussicht auf Glück oder gar Hoffnung. Die Liebe stürzt ihn nur noch tiefer ins Verderben. „Faustrecht der Freiheit“ aus dem Jahr 1975 ist Rainer Werner Fassbinders illusionsloser Blick auf die schwule Welt als ein Zweiklassensystem: die Ungebildeten am Stammtisch und die Snobs in ihren teuren Geschäften. Peter Rehberg über einen ganz und gar unversöhnlichen Klassiker des schwulen Kinos.
Der Rosenkönig (1986)

Der Rosenkönig (1986)

Die Filme von Werner Schroeter führen ein Eigenleben zwischen Avantgarde, Experiment und Underground – sie leben von und mit ihren Subtexten, ihren poetischen, cineastischen und kunsthistorischen Verweisen. „Der Rosenkönig“ von 1986 ist das schwule Drama unter Schroeters Filmen: Eine Rosenzüchterin verfällt in Portugal langsam dem Wahnsinn, während ihr Sohn in grausamer Liebe einen jungen Dieb gefangen hält. Andreas Wilink über einen Film, der viele Fragen stellt und keine Antworten braucht.
Edward II (1991)

Edward II (1991)

In „Edward II“ (1991) erzählt Derek Jarman frei nach dem Stück des Shakespeare-Zeitgenossen Christopher Marlowe von einer schwulen Liebe, die eine homophobe Gesellschaft ins Chaos stürzt. Kein Historienschinken, keine langweilige Geschichtsstunde, sondern ein obsessiv-experimentelles Plädoyer für eine Welt, in der die Leidenschaftlichen nicht den Machtspielen und Intrigen zum Opfer fallen und als Verbrecher diskriminiert werden. Andreas Wilink über ein radikal modernes Kunstwerk, das die Anachronismen zelebriert.
Dreamers

Dreamers

„Dreamers“ rückt das Schicksal zweier Frauen in den Fokus, die gemeinsam den entmenschlichenden Prozessen des britischen Einwanderungssystems trotzen. Dabei konzentriert sich Regisseurin Joy Gharoro-Akpojotor „auf die individuellen Schicksale ihrer Figuren, ihre Ängste, Wünsche und Hoffnungen, und nimmt damit der kollektivierenden Sprache der Politik und Medien den Wind aus den Segeln, in der „die ,Migrant:innen‘, ,die Asylbewerber:innen‘ oftmals zu einer amorphen Masse verschwimmen.“ Anja Kümmel über einen Film, der im festen Glauben an die Freiheit und die Liebe enstand.
L.A. Plays Itself – The Fred Halsted Collection (1972–1975)

L.A. Plays Itself – The Fred Halsted Collection (1972–1975)

Der US-amerikanische Pornodarsteller und Regisseur Fred Halsted (1941-89) galt bereits zu Lebzeiten als Legende: Als in Leder gekleideter Sadist wurde er berühmt-berüchtigt – und zu einem der ersten offen schwulen Sexsymbole. Seine transgressiven Filme, die freizügig Hardcore-Sex, SM und andere Fetisch-Praktiken zeigten, schickten Schockwellen durch das junge Gay Liberation Movement. Aber auch das Kunst-Establishment mischte Halsted auf. Michael Kienzl blickt zurück: auf die Cruising-Fantasie „L.A. Plays Itself“ (1972), das Autowerkstatt-Lustspiels „The Sex Garage“ (1972) und den Party-Porno „Sextool“ (1975) – und entdeckt ein für die alternative Filmgeschichtsschreibung unverzichtbares Werk.