Im Kino

Normal

Normal

Jetzt im Kino: In ihrer dokumentarischen Betrachtung „Normal“ befasst sich die italienische Filmemacherin Adele Tulli mit dem Thema Gender - ohne das Gezeigte jemals zu kommentieren. Was mit dem ersten Blick auf das Geschlechtsteil bereits vor der Geburt seinen Anfang nimmt, setzt sich mit Ritualen im Kindes- und schließlich im Erwachsenenalter fort: Wie sich „Mann“ und „Frau“ zu geben haben, muss immer wieder eingeübt werden. Unsere Autorin Beatrice Behn hat „Normal“ für uns gesehen - und darin das Potenzial für eine persönliche Revolution entdeckt.
Nurejew – The White Crow

Nurejew – The White Crow

In seiner dritten Regiearbeit erzählt Schauspielstar Ralph Fiennes eine brisante Episode aus dem Leben der sowjetischen Tanzikone Rudolf Nurejew nach: Während eines Gastspiels in Paris in den 1960er Jahren gerät der junge und höchst talentierte Ballett-Star – eindrucksvoll dargestellt vom ukrainischen Weltklasse-Tänzer Oleg Ivenko – ins Fadenkreuz des sowjetischen Geheimdiensts. Auf zwei anderen Zeitebenen blättert das Drehbuch von David Hare ("The Hours", "Der Vorleser") weitere Teile von Nurejews Biografie auf. Dessen Zuneigung zu Männern fällt dabei weitgehend unter den Tisch. Zum Glück gibt es immerhin diese eine Szene, findet unser Autor Stefan Hochgesand...
Gelobt sei Gott

Gelobt sei Gott

Alexandre lebt mit seiner Familie in Lyon. Eines Tages erfährt er per Zufall, dass der Priester, von dem er in seiner Pfadfinderzeit missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Er beschließt zu handeln und findet Unterstützung bei zwei weiteren Opfern, François und Emmanuel. Zusammen wollen sie das Schweigen brechen, das über ihrem Martyrium liegt – gegen alle Widerstände. François Ozon hat in seinem neuen Film die wahren Ereignisse des Missbrauchsskandals um den Lyoner Priester Preynat verarbeitet. Seine meisterhaft inszenierte Anklage der erschütternden Versäumnisse in der Katholischen Kirche wurde im Februar auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Ab Donnerstag ist "Gelobt sei Gott" bundesweit im Kino zu sehen. Andreas Wilink hat den Film für uns gesehen – und genau hingehört.
Messer im Herz

Messer im Herz

Neu als DVD, Blu-Ray und VoD: Paris 1979. Als die Schwulenporno-Regisseurin Anne von ihrer Partnerin und Cutterin Loïs verlassen wird, beschließt sie, die Geliebte mit einem ambitionierten Filmprojekt zurückzugewinnen. Doch eine brutale Mordserie überschattet den Dreh: Ein mysteriöser Killer dezimiert mit einem Schnappklingen-Dildo Cast und Crew. Als die polizeilichen Ermittlungen nicht vorankommen, will Anne dem Mörder selbst eine Falle stellen. Nach seinem sinnlich-surrealen Debütfilm "Begegnungen nach Mitternacht" (2013) entwirft der französische Regisseur Yann Gonzalez einen höchstreferentiellen Genre-Mix aus Giallo-Schlitzer, Psycho-Thriller und Erotik-Melodram, der zugleich liebevolle Hommage an das französische Undergroundkino der 70er Jahre ist. An der Seite von Superstar Vanessa Paradis spielen einige der aufregendsten jungen Darsteller Frankreichs, u.a. Nicolas Maury und Félix Maritaud ("Sauvage"). Bei seiner Uraufführung in Cannes wurde "Messer im Herz" als radikales Meisterwerk gefeiert. Im Juli läuft er nun in der queerfilmnacht, ab 18. Juli auch regulär im Kino. Sascha Westphal hat sich in Gonzalez‘ cinephiles Labyrinth begeben und die revolutionäre Vision eines Phantomkinos entdeckt, das in ein Reich der Neurosen und Obsessionen führt, aber auch der Sehnsüchte und Freiheiten.
Kim hat einen Penis

Kim hat einen Penis

Kim und ihr Freund Andreas sind irgendwie glücklich. Doch Kim will mehr. Sie will einen Penis. Nicht, weil sie gerne ein Mann wäre, sondern einfach nur, weil sie neugierig ist und das der Beziehung vielleicht einen neuen Kick geben könnte. Im neuen Film von Philipp Eichholtz geht das auch ganz einfach: Ab in die Schweiz, wo die Bestimmungen lockerer sind, ein paar Stunden in der Tagesklinik und mit einem Schwanz retour nach Berlin. Und dann mal sehen, was dieses zusätzliche Körperteil so macht mit einem, dem Alltag und dem Freund. Um eine Geschichte über weibliche Selbstverwirklichung zu erzählen, bedient sich Eichholtz eines aus Gender- und Queer-Perspektive erschreckend naiven Plots. Sein Film ist dabei zwar nicht direkt homo- oder transphob, findet unser Autor Stefan Hochgesand, aber in einer per se transphoben Gesellschaft riskiert Eichholtz mit seiner kaum reflektierten Sex- und Geschlechterkomödie erhebliche Kollateralschäden.
The Artist and the Pervert

The Artist and the Pervert

Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas, der als einer der wichtigsten Vertreter der Spektralmusik gilt, und die afroamerikanische Sexualpädagogin und Autorin Mollena Williams-Haas suchten 40 Jahre lang nach dem richtigen Partner. Nun leben sie glücklich und offen in einer BDSM-Beziehung, in der Mollena 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Georgs "Sklavin" und Muse ist, und er ihr "Meister". Die Filmemacher*innen Beatrice Behn und René Gebhardt haben das Paar ein Jahr lang begleitet. Vielschichtig und berührend unterwandert ihr Film Klischees, Vorurteile und den normativen Blick auf Liebe und SM – und porträtiert zwei Menschen, die erst in der Beziehung zueinander ganz zu sich selbst gefunden haben. Rajko Burchardt hat "The Artist and the Pevert", der morgen in den deutschen Kinos startet, für uns gesehen.
The Wild Boys

The Wild Boys

Eine Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Fünf Jungs aus gutem Hause begehen ein scheußliches Verbrechen. Um sie auf den rechten Pfad zu führen, vertrauen ihre Mütter sie einem alten Kapitän an, der dafür bekannt ist, wilde Herwachsende auf seinem Schiff mit harter Hand zu brechen. Von der Schikane an Bord zermürbt, meutern die Jungs mit letzter Kraft. Sie stranden auf einer Insel voller bizarrer Gewächse, von denen eine geheimnisvolle Kraft ausgehen soll. Bald beginnt der Zauber der Pflanzen zu wirken, die Jungs verändern sich, doch anders, als gedacht... Bertrand Mandicos vor sinnlicher Energie und visueller Kraft beinah berstender Debütfilm ist erzählerisch ungestüm und formal mit gängigen Kategorien nicht zu fassen, er ist schwindelerregend referentiell, seltsam lustvoll und auf transformative Weise queer. Spätestens seit die "Cahiers du Cinéma" das mysteriöse Kinomärchen 2018 zum Film des Jahres gekürt haben, gilt es nicht mehr als Geheimtipp. Jetzt ist "The Wild Boys" endlich auch in deutschen Kinos zu sehen. Sebastian Markt hat sich in Mandicos fantastische Bilderorgie treiben lassen.
Sorry Angel

Sorry Angel

Neu als DVD und VoD: Christophe Honoré zählt seit seinen Kritikerlieblingen "Meine Mutter" (2004) und "Chanson der Liebe" (2007) zu den aufregendsten queeren Regisseuren Europas. Sein neuer Film, der im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde, erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem HIV-positiven Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps, "Der Fremde am See") und dem jungen Filmstudenten Arthur (Vincent Lacoste, "Eden") im Frankreich der frühen 90er Jahre. "Sorry Angel" ist ein generationenübergreifendes Zeitstück über schwules Leben in der Pariser Bohème in der Hochphase der Aids-Krise. Ein zärtlicher und zutiefst berührender Film. Und Honorés bislang persönlichster. Sascha Westphal erkundet ihn entlang der Verlust- und Erinnerungslinien im vielseitigen Gesamtwerk des Regisseurs, das sich als ein fortwährender Dialog mit den Toten und der Vergangenheit präsentiert.
The Favourite

The Favourite

England im frühen 18. Jahrhundert. Es herrscht Krieg mit Frankreich. Der Hofstaat der gebrechlichen Königin Anne ist von Neid, Intrigen und Verrat zerfressen. De facto wird das Land von Annes enger Vertrauten und heimlichen Geliebten Lady Sarah regiert. Als Abigail als neues Dienstmädchen an den Hof kommt, nimmt Sarah sie unter ihre Fittiche. Doch Abigail verfolgt schon bald den ehrgeizigen Plan, die neuen Favoritin der Königin zu werden. Der neue Film des griechischen Regie-Stars Giorgos Lanthimos ("Doogtooth", "The Lobster", "The Killing of the Sacred Dear") ist mit großartigen Darstellerinnen (Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz) gespickt, wurde bereits mit Preisen überhäuft und soeben für zehn Oscars nominiert. Philipp Stadelmaier unterzieht Lanthimos' feministischem Ränkespiel einer sexuellen Strukturanalyse und erkennt "Macht" als abstrakte Ordnung, der alle Figuren unterworfen sind. Einblicke in ein queeres Kabinett aus Körpern, die gekrümmte Räume mit offenen Rändern bevölkern.
Suspiria

Suspiria

Nach seinem heiß geliebten schwulen Erweckungsfilm "Call Me by Your Name" hat sich Regisseur Luca Guadagnino das Remake eines italienischen Horror-Klassikers vorgenommen, Dario Argentos "Suspiria". Wie der berüchtigter Schlitzer-Film aus dem Jahr 1977 erzählt die Wiederverfilmung von einer jungen Amerikanerin, die als neue Schülerin an eine Ballettschule kommt und dort ins Zentrum einer mysteriösen Mordserie und die Fänge von satanischen Kräften gerät. Guadagnino verlegt die Handlung von Freiburg nach West-Berlin, verortet den Film dezidiert im Deutschen Herbst 1977 und macht aus der Balletschule einen lesbischen Hort und eine Welt quasi ohne Männer. Unser Autor und Horrorfilmexperte Jörg Buttgereit freut sich zwar über körperliche Exzesse und Tilda Swinton in einer unheimlichen Doppelrolle, ist von Guadagninos queerem Gegenentwurf aber nicht vollends überzeugt, vor allem weil er einen zwiespältigen Reiz des Originals vermisst.