Sorry Angel

Trailerqueerfilmnacht

Christophe Honoré zählt seit seinen Kritikerlieblingen „Meine Mutter“ (2004) und „Chanson der Liebe“ (2007) zu den aufregendsten queeren Regisseuren Europas. Sein neuer Film, der im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt wurde, erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem HIV-positiven Schriftsteller Jacques (Pierre Deladonchamps, „Der Fremde am See“) und dem jungen Filmstudenten Arthur (Vincent Lacoste, „Eden“) im Frankreich der frühen 90er Jahre. „Sorry Angel“ ist ein generationenübergreifendes Zeitstück über schwules Leben in der Pariser Bohème in der Hochphase der Aids-Krise. Ein zärtlicher und zutiefst berührender Film. Und Honorés bislang persönlichster. Sascha Westphal erkundet ihn entlang der Verlust- und Erinnerungslinien im vielseitigen Gesamtwerk des Regisseurs, das sich als ein fortwährender Dialog mit den Toten und der Vergangenheit präsentiert. Im Oktober ist „Sorry Angel“ in der queerfilmnacht zu sehen, am 25. Oktober startet er regulär in den Kinos.

Foto: Edition Salzgeber

Über den Tod hinaus

von Sascha Westphal

Die Toten werden nie ganz verschwinden. Sie sprechen noch zu uns, aber eben nicht mehr mit uns. Und das macht einen gewaltigen Unterschied. Könnten sie auf unsere Fragen antworten, dann wären die Lücken, die sie in der Welt und auch in uns hinterlassen haben, wohl nicht gar so riesig. Dieser Gedanke mag pathetisch klingen, vielleicht sogar ein wenig närrisch. Aber wer kennt diese Sehnsucht nicht. Arthur, ein Student aus der Bretagne, der davon träumt, Autor und Filmemacher zu werden, ist von ihr erfüllt. Mitte der 90er Jahre zieht es ihn von der Provinz ins Zentrum, von Rennes nach Paris. Bei seinem ersten, nur ein paar Tage währenden Aufenthalt in der Metropole sucht er zu den Klängen des Cardinal-Songs „You’ve Lost Me There“ den Dialog mit all denen, die ihn beeindruckt und geprägt haben, zunächst noch im Museum des Centre national d’art et de culture Georges-Pompidou und dann auf dem Cimetière de Montmartre. Richard Davies’ flehentlicher Gesang und Eric Matthews’ elegisches Arrangement werden zum Soundtrack einer Bewegung hin zu denen, die durch seine Gedanken spuken und die er doch nicht fassen kann. Auf dem Friedhof besucht Arthur die Gräber von Bernard-Marie Koltès und François Truffaut. Das Kino der Nouvelle Vague, das mit seinen Bildern und Geschichten die Wirklichkeit durchdrungen hat und zu einer tieferen Wahrheit vorgestoßen ist, und Koltès’ widerständige Sprache, in der sich Philosophie, Poesie und Politik zu einem düsteren Klagegesang vermischen,treiben Arthur ebenso an wie seinen Schöpfer, den Autoren und Filmemacher Christophe Honoré.

Honorés Kino war von Anfang an ein fortwährender Dialog mit den Toten und der Vergangenheit. Jedes seiner Werke ist fest in der Filmgeschichte verwurzelt. „Meine Mutter“ (2004), sein von Georges Batailles gleichnamigem Roman inspiriertes, transgressives Porträt einer inzestuösen Mutter-Sohn-Beziehung, und „Métamorphoses“ (2014), seine zeitgenössische Anverwandlung Ovids antiker Verwandlungsmythen, wecken Erinnerungen an Pier Paolo Pasolini. Seine ersten Musicals „In Paris“ (2006) und „Chanson der Liebe“ sind dagegen eher von den Heroen der Nouvelle Vague geprägt. In letzterem, einem melancholischen Porträt einer Liebe zu dritt, verbeugt sich Honoré vor allem vor dem 1984 gestorbenen François Truffaut, um ihn im gleichen Zug wenigstens in Gedanken herauszufordern. Das Zwiegespräch der Künstler bleibt aus, der Austausch findet alleine in den Köpfen der Betrachter statt.

Die Geschichte von Julie, Ismaël und Alice, die der Einsamkeit zu Zweit in einer offeneren Dreieckskonstellation entkommen wollen, zeichnet diese ménage à trois mit einer wundervollen Selbstverständlichkeit nach. So löst Honoré ein, was Truffauts Jules und Jim einst nur versprochen hatte. Einmal liegen die drei nebeneinander im Bett und halten alle ein aufgeschlagenes Buch in ihren Händen. Natürlich denkt man in diesem Augenblick sofort an eine berühmte Einstellung aus Truffauts „Antoine-Doinel-Zyklus“ (1958-78), zumal Louis Garrel in der Rolle des rastlosen Ismaël wie ein Widergänger des jungen Jean-Pierre Léaud wirkt. Aber Honoré zitiert nicht nur, er variiert das Vergangene und erweitert es. Aus dem naturgemäß einseitigen Gespräch mit den Toten erwächst eine ganz eigene Freiheit. Sie ähnelt der, die in den 1960er Jahren mit den neuen Wellen Einzug ins Kino gehalten hat, und geht doch über sie hinaus. Honoré verknüpft das Erbe der Nouvelle Vague mit den von Patrice Chéreau und André Téchiné in den 1980er und frühen 1990er Jahren begründeten Traditionen des französischen Queer Cinema.

Christophe Honoré – Foto: Edition Salzgeber / Raphael Nael

Schnitte wie Schläge, Herzschläge. Beats per minute, „One Love“ von Massive Attack, über zwei Städte hinweg: Paris und Rennes. Zwei Männer, die sich noch nicht kennen und doch für einander bestimmt sein könnten: Jacques und Arthur, der eine Mitte 30, der andere Anfang 20. Beide stehen sie hoch über ihren Städten auf den Balkonen ihrer Wohnungen und blicken in die Ferne. Erfüllt von einer Sehnsucht, die sie nachts in die Straßen und die Clubs treibt. Vereint in ihrer Einsamkeit, auch wenn es zunächst vielleicht noch anders wirkt. Jacques fährt alleine auf seinem Moped durch Paris, während Arthur rauchend zwischen seinen Freunden und Bekannten steht. Aber nichts berührt den 22-jährigen Studenten. Er ist allein in der Menge. Nur Jacques, von dem er nichts weiß und nach dem er sich dennoch verzehrt, könnte das ändern. Aber das versteht man erst viel später. Die Titelsequenz von „Sorry Angel“ gleicht einem Versprechen. Zwei Männer, deren Wege sich kreuzen werden, vereint in der „einen Liebe“. Aber dieses Versprechen ist so trügerisch wie die Schwüre des Sängers: „And I know we’ll always be together.“ Am Ende werden Arthur und Jacques für immer zusammen sein, aber nicht so, wie man in diesem Augenblick denkt. „Love Will Tear Us Apart.“ Wer glaubt, die Liebe verknüpft zwei Leben, sieht nur eine Seite.

Ein Porträt des Künstlers als junger Mann. Auch so ließe sich „Sorry Angel“ beschreiben, ein autobiographischer Film, der die Wahrheit in der Fiktion findet. Eine ähnliche Strategie hatte Christophe Honoré schon bei „Mann im Bad“ (2010) angewandt, allerdings mit anderen, weitaus rätselhafteren Implikationen. In dem filmischen Tagebuch einer Trennung überlässt Honoré die Videobilder, die er selbst während eines Aufenthalts in New York aufgenommen hat, seinem fiktiven und deutlich jüngeren Alter Ego, dem Filmemacher Omar. Das dokumentarische Material verwandelt sich in etwas anderes, wird Teil einer erfundenen Geschichte. „What can you say / When a love affair is over?“, singt Nancy Wilson, als Omar seinen Geliebten in Richtung New York verlässt und ihm sieben Tage gibt, aus der gemeinsamen Wohnung zu verschwinden. „Nichts“ wäre eine Antwort, „Unendlich viel“ eine andere. Aber letztlich ist dieses eindrucksvolle Porträt einer Trennung vor allem ein Spiel mit den Möglichkeiten des Kinos. Fast ohne Budget gedreht, testet Honoré in „Mann im Bad“ die Freiheiten aus, die sich ihm durch die Entwicklungen im Bereich der digitalen Kameras bieten. Filmischer Free Jazz. „Sorry Angel“ erinnert dagegen eher an den Chamber Pop der Band Cardinal. Jede noch so kleine Szene ist perfekt arrangiert und orchestriert.

Eine Einblendung direkt nach den Anfangstiteln verkündet „Das Jahr 1993“. Es ist die Zeit von ACT UP, eine Zeit der Trauer und des Zorns. Hervé Guibert ist im Dezember 1991 gestorben, Michel Foucault schon im Juni 1984, Jacques Demy im Oktober 1990, Serge Daney im Juni 1992, Bernard-Marie Koltès im April 1989 und Cyril Collard im März 1993, also etwa zu der Zeit, in der die Handlung von „Sorry Angel“ einsetzt. Etwas von der rauschhaften Wildheit von Collards „Wilde Nächte“ (1992) schwingt auch noch in Honorés Erinnerungen an die 90er Jahre mit. Die wilden Nächte liegen zwar hinter dem HIV-infizierten Schriftsteller Jacques, den Pierre Deladonchamps als introvertierten Außenseiter verkörpert, der ständig mit seiner Angst ringt und sich nur selten aus ihren Fesseln befreien kann. Aber sieben, acht Jahre zuvor hätte er Collards selbstverliebten Protagonisten Jean durchaus begegnet sein können. Wechselnde Partner, kurze Affären, anonymer Sex, all das gehörte für ihn Mitte der 80er Jahre genauso zum Leben wie nun für den von Vincent Lacoste gespielten Arthur, der in einem wüsten, alkoholgeschwängerten Monolog die Prüderie der Schwulen seiner Generation verdammt.

Einmal inszeniert Honoré eine Cruising-Szene in der nächtlichen Altstadt von Rennes als streng choreographiertes Ballett der Begierden, in dem sich schnell auch Machtverhältnisse offenbaren. Es ist ein faszinierender Moment, in dem Arthur sein Aussehen geschickt ausspielt und ganz selbstverständlich zum Zentrum der Aufmerksamkeit wird. Im Rausch dieses Augenblicks, den Honoré in lyrischen, fast schon verzauberten Bildkompositionen einfängt, offenbart sich nicht nur Arthur. Man weiß genau, dass Jacques zehn Jahre zuvor ebenso alle Blicke und alles Begehren auf sich gezogen hat. Die beiden sind nicht tragisch Liebende. Der eine ist auch das jüngere Spiegelbild des anderen. Als sie sich in einem dunklen Kinosaal in Rennes zum ersten Mal begegnen, erkennt jeder im anderen auch sich selbst. Darin liegt für Arthur der Reiz dieser Beziehung. Später wird er erzählen, dass Jacques der erste Mann ist, in den er sich verliebt hat. Alles davor war nur Sex. Aber für den Schriftsteller, der mit seiner Krankheit und mehr noch mit dem Verfall seines Körpers ringt, hat diese Spiegelung auch etwas Bedrohliches. Er glaubt, nicht mehr lieben zu können, und kann die Liebe des anderen auch nicht annehmen. Immer wieder entzieht sich Jacques seinem jüngeren Geliebten, ohne ganz von ihm lassen zu können. So bleibt ihm schließlich nur der radikalste aller Schritte.

Unsichtbare Linien laufen durch Christophe Honorés Werk. Kein Film, den er seit „17 fois Cécile Cassar“, seinem 2001 entstandenen Regiedebüt, gedreht hat, gleicht dem anderen. Honoré wechselt ständig zwischen unterschiedlichen Stilen und Genres hin und her. So folgte auf das cineastische Experiment „Mann im Bad“ mit dem beinahe 45 Jahre umspannenden Musical „Die Liebenden“ (2011), seine bisher aufwendigste Produktion. Aus dem Geist von Jacques Demys subservien Musikfilmen, in denen sich die Grenzen zwischen Musical und Oper, Tanz und Politik verflüssigen, hat er die Geschichte derer, die in den 60er Jahren voller Hoffnung aufgebrochen sind, als Taumel ins Dunkel der Jahre nach dem 11. September 2001 erzählt. Damit ähnelte sein Porträt zweier in die Freiheit verliebter Frauen trotz seiner Besetzung mit Catherine Deneuve und Chiara Mastoianni eher Demys düsterer Polit-Oper „Ein Zimmer in der Stadt“ (1982) als dem melancholischen Musical „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964). Das hat Honoré dann umso ausgiebiger in seinem bisher einzigen Kinder- und Familienfilm „Les mahleurs de Sophie“ (2016) evoziert. Brüche und Kontinuitäten, die auch in „Métamorphoses“, seiner fast ausschließlich mit Laien gedrehten Adaption eines Antikestoffes, zu Tage treten. Auf „Die Liebenden“, diesen Abgesang auf die Sehnsüchte der Neuen Wellen der 60er Jahre, musste mit seiner Hommage an Pasolinis „Trilogie des Lebens“ (1970-74) eine Rückbesinnung auf die freiheitlichen Traditionen und Ideale folgen. Das Band, das Honorés Filme verknüpft, ist eines steter Verwandlungen.

Foto: Edition Salzgeber

So wie die „Métamorphoses“, dieser große Weltentwurf, in dem die Götter noch einmal unter den Menschen wandeln, den Blick weitet, so muss er sich in „Les malheurs de Sophie“ ganz selbstverständlich wieder verengen. Vom großen Ganzen zum Privaten, zur Geschichte eines kleinen aufsässigen Mädchen, das sich in den Fäden des Schicksals und des Weltgeschehens verheddert. Sie wird diesen Fallstricken in einer magischen Wendung der Ereignisse entkommen und schließlich befreit durch den Regen tanzen. Ein zauberhaftes Happy Endfür einen wunderbar leichten und doch zutiefst berührenden Familienfilm. Aber diese kleine, mit einem schelmischen Augenzwinkern in Szene gesetzte Musical-Nummer, die Honorés Adaption zweier Kinderbücher der Comtesse de Ségur krönt, ist noch viel me: Man darf sie ruhig als Bekenntnis und vielleicht sogar als ein Selbstporträt des 1970 in der Bretagne geborenen Filmemachers lesen. Bevor Sophie ihren mitreißenden „Singin’ in the Rain“-Moment erlebt und dabei immer wieder direkt in die Kamera blickt, schwärmt Madame de Fleurville von ihrer „wilden Neugier auf die Welt“. Und eben diese „wilde Neugier“, diese unstillbare Sehnsucht, immer wieder etwas Neues und Anderes auszuprobieren, statt den sicheren, also abgesicherten Weg zu gehen, teilt Christophe Honoré mit seiner Heldin Sophie.

Unter all den persönlichen Filmen Honorés ist „Sorry Angel“ der persönlichste und auch am offensten autobiographische. In Arthur hat Honoré sich einen fiktiven Doppelgänger erschaffen, durch dessen Augen er noch einmal auf die für ihn so prägenden Jahre Mitte der 90er zurückblicken kann. Arthurs Sehnsucht, die ihn immer wieder die Nähe zu dem älteren und kranken Schriftsteller suchen lässt, ist auch Honorés Sehnsucht. Diese Phantasie eröffnet ihm die Chance auf einen Dialog mit den Toten. Die Lücken, die die an den Folgen von Aids verstorbenen Schriftsteller und Filmemacher hinterlassen haben, lassen sich natürlich auch so nicht schließen. Aber Honoré kann uns allen diese Ära noch einmal in Erinnerung rufen und von den Tragödien jener Jahre erzählen. Wie Robin Campillo, der in „120 BPM“ aus einer anderen, kämpferischeren Perspektive auf die frühen 90er Jahre blickt, kämpft auch er gegen das Vergessen an. Die Toten müssen lebendig bleiben.

 




Sorry Angel
von Christophe Honoré
FR 2018, 132 Minuten, FSK 16,
französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln,

Edition Salzgeber

Im Oktober in der queerfilmnacht.

Ab 25. Oktober im Kino.

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