Der Staat gegen Fritz Bauer

Der Staat gegen Fritz Bauer

Nicht versöhnt: Lars Kraumes Politthriller „Der Staat gegen Fritz Bauer“ bedient sich Elementen des Melodrams, um das Bild eines deutschen Helden der Nachkriegsgeschichte, der u.a. den Ausschwitz-Prozess ermöglichte, um das eines Opfers zu erweitern, das durch den in der BRD beibehaltenen Paragraphen 175 erpressbar wird. Von Sascha Westphal. „Monströse Verbrechen haben die Eigenschaft, sagte Fritz Bauer, daß sie, sobald sie in die Welt treten, für ihre Wiederholung sorgen.“
Schau mich nicht so an

Schau mich nicht so an

In ihrem kompromisslosen Spielfilmdebüt lässt die mongolisch-deutsche Regisseurin und Schauspielerin Uisenma Borchu keine Figur das Erwartbare tun oder sagen. Ganz grundsätzlich geht es ihr um das Selbstbstimmungsrecht des erotischen Blicks und Erzählens, welches sich nicht in moralischen Konventionen einpassen mag. Borchus Freiheitserzählung ist darüberhinaus um die Affäre zweier Nachbarinnen gebaut, denen „Lesbischsein“ als Label viel zu eng wäre. Neue queere Perspektiven in einem Abschlussfilm an einer deutschen Filmhochschule; Fernsehsender hatten sich aus dem Projekt zurückgezogen. Von Barbara Schweizerhof.
Dyke Hard

Dyke Hard

Bitte Andersson, Comicautorin und Mitbegründerin eines queerfeministischen Buchladenkollektivs in Stockholm, zelebriert in ihrem mega-campen Uni-Abschlussfilm „Dyke Hard“ genussvoll die bunte MTV-Ästhetik und Mode der 80er Jahre. Ihr wilder Genremix wirft mit schrillen Filmzitaten nur so um sich, demonstriert einen ausgeprägten Sinn für inklusive und queere Repräsentation und beweist in bester B-Movie- und DIY-Tradition, dass es in einem Kollektiv auch ohne Geld möglich ist, einen unterhaltsamen Film zu drehen. Let’s glam rock 'n' dildo! Von Aileen Pinkert.
Mein Bruder, der Held

Mein Bruder, der Held

In dem thailändischen Coming-Age-Drama „Mein Bruder, der Held“ ist Schwul- oder Transsein ganz selbstverständlich – aber auch Standesdenken, Korruption und mafiöse Strukturen. Der Debütfilm des koreanisch-amerikanischen Regisseurs Josh Kim wurde 2015 im Panorama der Berlinale uraufgeführt, vielfach ausgezeichnet und von Thailand ins Oscar-Rennen geschickt. Bei uns ist der Film über zwei Waisenbrüder, deren Schicksal ein Los bestimmt, vor kurzem auf DVD erschienen. Von Micha Schulze.
A Bigger Splash

A Bigger Splash

In Jack Hazans Film „A Bigger Splash“ stellt David Hockney einen Künstler namens David Hockney dar, der versucht, ein Portrait jenes Liebhabers anzufertigen, von dem er eben verlassen worden ist. Weder schlicht Dokument noch bloß Fantasie, ist der Film eine dem Leben abgetrotzte Fiktion, deren Intimität auf den sich selbst Darstellenden Hockney eine solch schockierende Wirkung hatte, dass dieser erst von seinem Umfeld dazu bewogen werden musste, einer Veröffentlichung zuzustimmen. Was heute davon bleibt, ist das Porträt eines Künstlers, einer Zeit und einer Szene, eine melancholische Liebesgeschichte, ein Werk von wunderbarer Hybridität. Von Sebastian Markt.
Hockney

Hockney

David Hockney ist einer der erfolgreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Randall Wright hat eine Filmbiografie über ihn angefertigt, die Hockneys Leben im wahrsten Sinne des Wortes festzuhalten versucht. Für den Maler waren Hollywoodfilme in seiner Jugend Erweiterungen eines zu klein empfundenen Raums – ob er sich „Hockney“ im Kino angesehen hätte? Von Jan Künemund.
Sand Dollars: Interview mit Geraldine Chaplin

Sand Dollars: Interview mit Geraldine Chaplin

Ihr Kinodebüt gab sie mit acht in "Rampenlicht" (1952), dem letzten Hollywood-Film ihres Vaters Charlie. Mit 21 spielte sie die Geliebte des Doktor Schiwago, mit 25 wurde sie in Spanien zur Ikone des antifaschistischsten Revolutionskinos. Sie drehte mit Altman, Resnais, Scorsese, Almodóvar. Doch auf diese Rolle musste sie fast ein Leben lang warten: In dem Liebesdrama "Sand Dollars" spielt die mittlerweile 72-jährige, ewig junge Geraldine Chaplin voller Hingabe eine europäische Sextouristin, die in der Dominikanischen Republik ihr Herz an ein einheimisches Mädchen verliert. Mit Thomas Abeltshauser sprach sie über den besten Film ihrer Karriere, nostalgische Momente und die Heimsuchung durch Fledermäuse.
Eisenstein in Guanajuato

Eisenstein in Guanajuato

Film ist ein Medium, das viel zu reich ist, um es den Geschichtenerzählern zu überlassen, sagt Peter Greenaway. Kein Wunder, dass Sergej Eisenstein als Verbündeter in der kontrollierten Bilderrauschproduktion sein großes Vorbild ist. Greenaways Spielfilm über Eisenstein ist deshalb auch ein Versuch über visuelle Intelligenz, über das wilde Assoziieren und die Lächerlichkeit von selbstauferlegten Grenzen – an die „Eisenstein in Guanajuato“ nicht zuletzt mit dem Novum rüttelt, den Meisterregisseur als praktizierenden Homosexuellen zu zeigen, der sich beim Filmdreh in Mexiko nicht nur der kulturell codierten Sinnlichkeit, sondern auch seinem attraktiven und hilfreichen mexikanischen Führer lustvoll hingibt. Eine Ohrfeige für Putin, freute sich die westliche Filmpresse. Doch ist Greenaways Annäherung an sein Vorbild viel zu intim und viel zu komplizenhaft, um es zur bloßen Skandalnudel zu machen. Von Fritz Göttler.
Dunkler als die tiefste Nacht

Dunkler als die tiefste Nacht

Die italienische Drag Queen Fuxia hat die Geschichte ihrer sizilianischen Kindheit und Jugend erzählt, der Regisseur Sebastiano Risio daraus einen Film gemacht. Er handelt von den entscheidenden Jugend- und Wanderjahren des 14-jährigen Davide, der vor seinem prügelnden Vater in den Rotlichtbezirk Catanias flieht, wo ihn eine wilde Strichertruppe bei sich aufnimmt und ihm Raum zum Durchatmen und zur Selbstfindung gibt. Mit ihrer Wärme, die ganz ohne pittoreske Verschönerungen funktioniert, hat es diese Geschichte bis nach Cannes geschafft, wo "Dunkler als die tiefste Nacht" 2014 in der Semaine de la Critique gefeiert wurde. Von Matthias Frings.
Sand Dollars

Sand Dollars

Geraldine Chaplin, Autorenfilmikone mit strahlendem Lächeln und tieftraurigen Augen, bekommt nur noch selten Gelegenheit, ihre große Kunst zu zeigen. In Spanien, wo die Schauspielerin seit ihrer Zusammenarbeit mit Carlos Saura in 1970ern ein Star ist, sei sie mittlerweile auf die Rolle der gruseligen Alten festgesetzt, erzählte sie kürzlich in einem Interview. In dem karibischen Liebesdrama „Sand Dollars“, ihrer ersten Hauptrolle seit einer gefühlten Ewigkeit, darf sie endlich wieder ganz andere Sachen machen als unheimlich gucken. Von Maike Schultz.