Endstation Sehnsucht

Madame X – Eine absolute Herrscherin (1978)

Madame X – Eine absolute Herrscherin (1978)

Die Handlung von „Madame X – Eine absolute Herrscherin“ beginnt mit einem mythischen, unwiderstehlichen Ruf: Die Piratin Madame X, verkörpert von Tabea Blumenschein, lädt Frauen weltweit ein, ihre bürgerliche Enge gegen ein Leben voller „Gold, Liebe und Abenteuer“ zu tauschen. Wer könnte da nein sagen? Mit ihrem Spielfilmdebüt schuf Ulrike Ottinger 1978 ein radikales Manifest des queeren, feministischen Kinos, dessen anarchischer Geist bis in die Gegenwart wirkt – und sehr wahrscheinlich weit darüber hinaus. Im 100. Teil und Abschluss der Artikelserie „Queer Cinema Classics“ nähert sich Toby Ashraf dem Film, wie es ihm besser kaum gerecht werden könnte: in Form einer fiktiven Podiumsdiskussion, deren Moderatorin kurzfristig abgesagt hat.
A Single Man (2009)

A Single Man (2009)

So glamourös kann Sterben aussehen: In seinem Regiedebüt „A Single Man“ inszeniert die Design-Ikone Tom Ford den letzten Tag im Leben eines trauernden schwulen Literaturprofessors als sehnsüchtigen Bildertraum in ästhetischer Perfektion, weit weniger nüchtern erzählt als in der Romanvorlage von Christopher Isherwood. Andreas Wilink über einen Film, der im Schönen bereits den Schatten seines Schwindens sieht.
Ein einem Jahr mit 13 Monden (1978)

Ein einem Jahr mit 13 Monden (1978)

Ein kleiner, billiger, schmutziger Film und zugleich ein großer Klage- und Trauergesang: Mit „In einem Jahr mit 13 Monden“ über den Passionsweg der glücklosen Elvira Weishaupt hat Rainer Werner Fassbinder 1978 seinen persönlichsten und erschreckendsten Film gedreht – und einen tief verzweifelten. Andreas Wilink über „eine Ballade, die von Brecht so viel weiß wie von Johann Sebastian Bach“.
Cabaret (1972)

Cabaret (1972)

Schmierereien an Hauswänden, zunehmende antisemitische Gewalt und Verschwörungstheorien im direkten Umfeld der Hauptfiguren: Gegen all das feiert Sally Bowles in Bob Fosses Verfilmung von Christopher Isherwoods Roman „Cabaret“ an, um die hässliche Wahrheit noch für eine Weile zu verdrängen. Andreas Köhnemann über einen Klassiker, der so lebenslustig wie finster ist – und dessen queeren Geist auch Hollywood nicht austreiben konnte.
Faustrecht der Freiheit  (1975)

Faustrecht der Freiheit (1975)

Mit dem wahrgewordenen Traum eines Lottogewinns beginnt der Niedergang des abgebrannten Schaustellers Fox – ohne Aussicht auf Glück oder gar Hoffnung. Die Liebe stürzt ihn nur noch tiefer ins Verderben. „Faustrecht der Freiheit“ aus dem Jahr 1975 ist Rainer Werner Fassbinders illusionsloser Blick auf die schwule Welt als ein Zweiklassensystem: die Ungebildeten am Stammtisch und die Snobs in ihren teuren Geschäften. Peter Rehberg über einen ganz und gar unversöhnlichen Klassiker des schwulen Kinos.
Der Rosenkönig (1986)

Der Rosenkönig (1986)

Die Filme von Werner Schroeter führen ein Eigenleben zwischen Avantgarde, Experiment und Underground – sie leben von und mit ihren Subtexten, ihren poetischen, cineastischen und kunsthistorischen Verweisen. „Der Rosenkönig“ von 1986 ist das schwule Drama unter Schroeters Filmen: Eine Rosenzüchterin verfällt in Portugal langsam dem Wahnsinn, während ihr Sohn in grausamer Liebe einen jungen Dieb gefangen hält. Andreas Wilink über einen Film, der viele Fragen stellt und keine Antworten braucht.
Amazing Grace (1992)

Amazing Grace (1992)

Amos Guttmans Klassiker „Amazing Grace“ aus dem Jahr 1992 verwandelt Konflikte des Alltags in eine Vision der Liebe im Angesicht von allgegenwärtigem Leid – so düster wie sensibel, schreibt Janick Nolting. Als erster israelischer Film, der sich mit der Aids-Krise beschäftigt, ist er zudem eng mit der Biografie des Regisseurs verbunden: Guttman starb am 16. Februar 1993 im Alter von 38 Jahren. Sein Gesamtwerk blieb in der Menge überschaubar, doch dessen Einfluss ist unschätzbar – zusammen mit der restaurierten Fassung von „Amazing Grace“ ehrt nun auch der neue Dokumentarfilm „Taboo“ Guttmans Schaffen.
Flesh/Trash/Heat (1968–1972)

Flesh/Trash/Heat (1968–1972)

Mit „Flesh“ (1968), „Trash“ (1970) und „Heat“ (1972) schuf Paul Morrissey für Andy Warhol eine lose Trilogie, die das Panorama der amerikanischen Gegenkultur auf den Punkt brachte: eine rohe, entrückte Welt, bevölkert von Rastlosen und Gestrandeten, die berauscht bis verzweifelt ihren Träumen hinterhertaumeln. Underground-Ikone Joe Dallessandro leiht allen drei Filmen sein Gesicht – „als Sexarbeiter, Junkie, und ikonische Halbweltgestalt zwischen Straße und verruchtem Glamour, Absturz und Erhabenheit“, wie Janick Nolting schreibt. Eine Mischung aus Tragödie und Camp, die bis heute fasziniert, provoziert und ein Stück filmischer Freiheit feiert.
Wer mich liebt, nimmt den Zug (1998)

Wer mich liebt, nimmt den Zug (1998)

In Patrice Chéreaus Klassiker „Wer mich liebt, nimmt den Zug“ reisen nach dem Tod eines berühmten Malers seine Vertrauten, ehemaligen Schüler und früheren Geliebten für die Beerdigung gemeinsam ins abgelegene Limoges. Erinnerungen werden neu sortiert, Konflikte verflechten sich, Gefühle brechen hervor – in einem Film, der die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen in all ihren Brüchen abbildet. Für Christian Weber ist das Drama eines der faszinierendsten Gruppenporträts des queeren Kinos. Eines, das „sich schwer fassen lässt und gerade aus seiner Widerspenstigkeit seine Schönheit gewinnt.“
Das Gesetz der Begierde (1987)

Das Gesetz der Begierde (1987)

„Das Gesetz der Begierde“ war 1987 Pedro Almodóvars erster Film, der in Deutschland gezeigt wurde – und gewann auf der Berlinale damals den ersten Teddy-Award überhaupt. Die Vierecksgeschichte zwischen einem narzisstischen Regisseur, seiner trans Schwester, seinem viel jüngeren Liebhaber und einem besessenen Stalker steht wie kein anderer Film für die wilden Jahre des frühen Almodóvar-Kinos: provokant, queer, enthusiastisch – „und voller libidinöser Energie“, wie sissy-Autor Philipp Stadelmaier schreibt. Die wahre Schönheit des Films liege dabei in den Besonderheiten der Figuren: „in einer Form von Liebe und Sanftmut, die mitten in diesem wilden Leben gedeiht.“