The Favourite

The Favourite

England im frühen 18. Jahrhundert. Es herrscht Krieg mit Frankreich. Der Hofstaat der gebrechlichen Königin Anne ist von Neid, Intrigen und Verrat zerfressen. De facto wird das Land von Annes enger Vertrauten und heimlichen Geliebten Lady Sarah regiert. Als Abigail als neues Dienstmädchen an den Hof kommt, nimmt Sarah sie unter ihre Fittiche. Doch Abigail verfolgt schon bald den ehrgeizigen Plan, die neuen Favoritin der Königin zu werden. Der neue Film des griechischen Regie-Stars Giorgos Lanthimos ("Doogtooth", "The Lobster", "The Killing of the Sacred Dear") ist mit großartigen Darstellerinnen (Olivia Colman, Emma Stone, Rachel Weisz) gespickt, wurde bereits mit Preisen überhäuft und soeben für zehn Oscars nominiert. Philipp Stadelmaier unterzieht Lanthimos' feministischem Ränkespiel einer sexuellen Strukturanalyse und erkennt "Macht" als abstrakte Ordnung, der alle Figuren unterworfen sind. Einblicke in ein queeres Kabinett aus Körpern, die gekrümmte Räume mit offenen Rändern bevölkern.
Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

Bodo Kirchhoff gehört zu den wichtigsten Stimmen der deutschen Gegenwartsliteratur. Den Deutschen Buchpreis, den er 2016 erhielt, hatte er mehr als verdient (wenn auch vielleicht für ein anderes Buch). In seinem Werk spielen Variationen von Männlichkeit immer wieder eine große Rolle, auch das durchaus sexuelle Abarbeiten an kulturellen Rollenmustern, weshalb er in seinem Roman "Eros und Asche" (2007) schwule Buchläden als Orte bezeichnete, "deren Dialekt ihm lag", weil hier keine verlogene Prüderie herrschte. Mit seinem im Frühjahr 2018 erschienenen Roman "Dämmer und Aufruhr" geht Kirchhoff einen deutlichen Schritt weiter: Er erzählt die Geschichte des sexuellen Missbrauchs eines Internatsschülers durch seinen Lehrer als Liebesgeschichte, eines Schülers, in dem unschwer der Autor in jungen Jahren zu erkennen ist. Tilman Krause hat das Buch gelesen.
Davit Gabunia: Farben der Nacht

Davit Gabunia: Farben der Nacht

Auch wenn sich in den vergangenen Jahren viele Staaten des ehemaligen Ostblocks in gesellschaftlichen Fragen zum Westen hin geöffnet haben, ist in den meisten von ihnen Homophobie in einem erschreckenden Ausmaß verbreitet. Und wo Schwulsein nur im Verborgenen ausgelebt werden kann, profitieren Stricher und Erpresser. Von diesem Schattenspiel erzählt der georgische Autor Davit Gabunia und stellt dabei die Perspektive eines arbeitslosen Mannes, der unbeabsichtigt Zeuge eines Verbrechens wird, ins erzählerische Zentrum. Detlef Grumbach über "Die Farben der Nacht", einem schonungslosen Sittenbild der Kaukasusrepublik.
The Crying Game

The Crying Game

IRA-Kämpfer locken den britischen Soldaten Jody in eine Falle und nehmen ihn als Geisel, um ihn als Druckmittel für die Freilassung eines ihrer Soldaten zu benutzen. Doch Jody freundet sich mit seinem Bewacher Fergus an. Als die britische Armee nicht auf den Erpressungsversuch der IRA eingeht, soll Fergus den Gefangenen exekutieren. Jody kann fliehen, kommt aber auf der Flucht ums Leben. Der treue Fergus macht sich auf die Suche nach Jodys Freundin, die schöne Dil, um ihr persönlich die Todesnachricht zu überbringen – doch seine Reise verläuft anders als geplant. Neil Jordans smarter Neo-Noir-Thriller über politische und sexuelle Identitäten war einer der einflussreichsten Independent-Filme der 90er Jahre, wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Oscar für das Beste Drehbuch, und ist zugleich einer der ungewöhnlichsten queeren Filme seiner Dekade. Für Fritz Göttler hat „The Crying Game“ auch nach über 30 Jahren nichts von seiner faszinierenden Unnahbarkeit verloren, und das hat maßgeblich mit der mysteriösen Femme fatale zu tun, die das diverse Zentrum der amourösen Dreiecksgeschichte bildet.
Dennis Cooper: Mein loser Faden

Dennis Cooper: Mein loser Faden

Der US-Schriftsteller Dennis Cooper wurde in den 90er Jahren durch seinen Roman-Zyklus "George Miles" ("Ran", "Sprung", "Dreier", "Fort", "Punkt") berühmt. Heute lebt der Outlaw-Autor in Paris, wo er sich auch als transgressiver Filmemacher ("Like Cattle Towards Glow") betätigt und einen berüchtigten Blog schreibt. Im Luftschacht Verlag ist nun in deutscher Übersetzung ein Roman aus dem Jahr 2002 erschienen: "Mein loser Faden", entstanden kurz nach dem Amoklauf von Columbine, wirkt auf den europäischen Leser wie eine Art Gebrauchsanweisung für Amerika. Jenseits aller vermeintlicher Gemeinsamkeiten des "Westens" erkundet er – wie viele andere Werke des Autors – die Einsamkeit und Ratlosigkeit der Menschen in einer Welt, die vom Recht des Stärkeren regiert wird und deren Waffengesetze es erlauben, dass jeder "für 15 Minuten" der vermeintlich Stärkste sein kann. Für uns schreibt Michael Sollorz, der selbst schon Cooper ins Deutsche übersetzte hat, über ein abseitiges Jugendporträt, dem man sich als Leser*in nur schwer entziehen kann.
Acht Filme des Jahres

Acht Filme des Jahres

Das nicht-heterosexuelle Kinojahr 2018 war so vielfältig wie kaum ein Jahr zuvor – vor allem was die Perspektiven und Lebensentwürfe seiner filmischen Figuren betrifft. Wir haben für Euch unsere acht Highlights der vergangenen Monate zusammengetragen und stellen Sie mit kurzen Spotlights in den Worten unserer Autor*innen noch einmal vor. Eine Rückschau auf ein schwules Arbeiterkind, das aus der französischen Provinz nach Paris flüchtet, um dort eine neue Entfremdung zu erleben. Auf eine schüchterne Studentin in Oslo, die sich mit übernatürlichen Kräften aus der Hetero-Hölle ihrer Kindheit befreit. Auf einen Schriftsteller, der im Paris der frühen 90er nicht mehr lange zu leben hat und sich trotzdem ein letztes Mal verliebt. Auf eine Ballettschülerin in Gent, die einen Penis zu viel hat. Auf einen altklugen Professorensohn, der während eines Sommers in der Lombardei erfährt, was er alles noch nicht weiß. Auf einen US-amerikanischen Teenager, der an seiner High School zwangsgeoutet wird und erst so in ein großes Liebesmärchen schliddert. Auf zwei Frauen, die sich in São Paulo die Mutterschaft für ein Werwolfkind teilen. Und auf einen Stricher, der so frei und so einsam durch Straßburg zieht wie ein wildes Tier.
Rabih Alameddine: Der Engel der Geschichte

Rabih Alameddine: Der Engel der Geschichte

"Der Engel der Geschichte" erzählt von einem außergewöhnlichen Leben: Jakob wird im Jemen unehelich geboren, die Mutter und ihr kleiner Sohn werden mit Schimpf und Schande aus dem Haus des Kindsvaters getrieben. Auch die Verwandtschaft der Mutter will keine ledige Frau mit Kind aufnehmen, also beibt nur das Bordell. Hier hat der kleine Junge eine glückliche Kindheit, vielleicht ist es die schönste Zeit seines Lebens. Dann holt ihn der Vater auf ein katholisches Internat, dessen erzieherische Leistung im Vergleich zum Bordell ziemlich schlecht abschneidet. Als Jakob es endlich geschafft hat, der Enge der arabischen Welt zu entfliehen und in San Francisco ein neues Leben zu beginnen, sterben alle seine Freunde Schlag auf Schlag an Aids. Er steckt den Kopf in den Sand, er will nur noch vergessen. Erst 20 Jahre später rüttelt ihn das massenhafte Sterben in seiner Heimat Jemen wieder wach. Rabih Alameddine bedient sich vieler Kunstgriffe der orientalischen Fabulierkunst, um Jakobs erschütternde Geschichte mal lustvoll, mal witzig und dann auch hochdramatisch zu erzählen. Michael Sollorz hat den vielstimmigen Roman, der 2016 in den USA mit dem renommierten Lambda Literary Award ausgezeichnet wurde, für uns gelesen.
Mein bester Freund

Mein bester Freund

Filmische Darstellungen der sexuellen Selbstfindung und des Coming-outs gibt es in zahlreichen Facetten. „Mein bester Freund“ von Martín Deus handelt von einer eher selten erzählten, aber vielen vertrauten Variante: Statt das erste romantische Verknalltsein stellt er eine liebevolle und intensive Jungsfreundschaft ins Zentrum seines Langfilmdebüts. Lorenzo und Caíto sind zwei Jugendliche, die beide mit ihren Gefühlen hadern und den jeweils anderen für einen kurzen gemeinsamen Abschnitt zum wichtigsten Menschen im Leben machen. Axel Schock über einen sensiblen Coming-of-Age-Film aus Argentinien, den es jetzt als DVD und VoD gibt.
David Sedaris: Calypso

David Sedaris: Calypso

Seit dem Welterfolg seines ersten Erzählbands "Nackt" (1997) liefert der New Yorker Autor David Sedaris mit schöner Regelmäßigkeit mal komische, mal erschütternde Einblicke in den Alltag der amerikanischen Mittelschicht. Unser Rezensent Matthias Frings ist treuer Leser der ersten Stunde und kommt bei den 21 biografisch gefärbten Geschichten, aus denen der neue Band "Calypso" besteht, sofort ins alte Sedaris-Feeling.
Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Philippe Besson: Hör auf zu lügen

Das Markenzeichen des französischen Autors Philippe Besson ist ein sachlicher, aber einfühlsamer Tonfall und eine kluge, nie überhebliche Weltsicht. Damit hat er sich seit seinem ersten Roman "Zeit der Abwesenheit" (2001) eine treue Leserschaft erschrieben, auch in Deutschland, wo fast alle seiner Bücher übersetzt wurden. Sein zweiter Roman "Sein Bruder" (2001) wurde von Patrice Chéreau verfilmt. Mit "Hör auf zu lügen" wechselt er erstmals von Fiktion zu Autobiografie. Bessons neues Buch dürfte vor allem für seine Fans von besonderem Interesse sein, erlaubt der Autor hier doch gewissermaßen einen Blick in seine Werkstatt, auf das Material, aus dem er seine Geschichten erschaffen hat. Prägendes Motiv seines Lebens ist eine unglückliche Jugendliebe, die er nicht vergessen konnte – und deren Geschichte er hier erzählt. Eine Besprechung von Rolf G. Klaiber und Joachim Bartholomae.