Rocketman

Rocketman

In einem berührenden Text für den britischen Guardian hat Elton John vor kurzem beschrieben, wie viel ihm der Film "Rocketman", der seit gestern auch in den deutschen Kinos läuft, bedeutet. Dabei sei es gar nicht so einfach gewesen, ein Hollywood-Studio zu finden, das bereit war, sein an Sex und Drogen nicht gerade armes Leben einigermaßen authentisch zu verfilmen. Wohin ein gehemmter Umgang mit Homosexualität auf Produzentenseite führen kann, konnten wir unlängst im Freddie-Mercury-Biopic "Bohemian Rhapsody" beobachten. Andreas Köhnemann hat sich "Rocketman", der von Elton Johns Ehemann David Furnish co-produziert wurde, angesehen und findet, dass der Film weit aufrichtiger ist als "Bohemian Rhapsody", weil er sich traut, sich auf die Queerness seines Protagonisten voll einzulassen.
The Artist and the Pervert

The Artist and the Pervert

Der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas, der als einer der wichtigsten Vertreter der Spektralmusik gilt, und die afroamerikanische Sexualpädagogin und Autorin Mollena Williams-Haas suchten 40 Jahre lang nach dem richtigen Partner. Nun leben sie glücklich und offen in einer BDSM-Beziehung, in der Mollena 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Georgs "Sklavin" und Muse ist, und er ihr "Meister". Die Filmemacher*innen Beatrice Behn und René Gebhardt haben das Paar ein Jahr lang begleitet. Vielschichtig und berührend unterwandert ihr Film Klischees, Vorurteile und den normativen Blick auf Liebe und SM – und porträtiert zwei Menschen, die erst in der Beziehung zueinander ganz zu sich selbst gefunden haben. Rajko Burchardt hat "The Artist and the Pevert", der morgen in den deutschen Kinos startet, für uns gesehen.
Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Jayrôme C. Robinet: Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Der Autor und Wortkünstler Jayrôme C. Robinet, Jahrgang 1977, hat früher als weiße Frau in Frankreich gelebt. Dann zieht er nach Berlin, beginnt Testosteron zu nehmen und erlebt eine zweite Pubertät. Ihm wächst ein dunkler Bart, und plötzlich wird er auf der Straße auf Arabisch angesprochen. Ob im Café, in der Umkleide oder bei der Passkontrolle, er merkt, dass sich mit seiner äußeren Erscheiung auch das Verhalten seiner Umwelt ihm gegenüber radikal ändert. Er kann vergleichen: Wie werde ich als Mann, wie als Frau behandelt? Und was bedeutet es, wenn sich nicht nur das Geschlecht ändert, sondern im Blick von außen auch die Herkunft? In "Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund" erzählt er von seinem queeren Alltag und deckt auf, wie irrsinnig gesellschaftliche Wahrnehmungen und Zuordnungen oft sind. Anja Kümmel hat das Buch für uns gelesen.
The Wild Boys

The Wild Boys

Eine Zeitreise zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Fünf Jungs aus gutem Hause begehen ein scheußliches Verbrechen. Um sie auf den rechten Pfad zu führen, vertrauen ihre Mütter sie einem alten Kapitän an, der dafür bekannt ist, wilde Herwachsende auf seinem Schiff mit harter Hand zu brechen. Von der Schikane an Bord zermürbt, meutern die Jungs mit letzter Kraft. Sie stranden auf einer Insel voller bizarrer Gewächse, von denen eine geheimnisvolle Kraft ausgehen soll. Bald beginnt der Zauber der Pflanzen zu wirken, die Jungs verändern sich, doch anders, als gedacht... Bertrand Mandicos vor sinnlicher Energie und visueller Kraft beinah berstender Debütfilm ist erzählerisch ungestüm und formal mit gängigen Kategorien nicht zu fassen, er ist schwindelerregend referentiell, seltsam lustvoll und auf transformative Weise queer. Spätestens seit die "Cahiers du Cinéma" das mysteriöse Kinomärchen 2018 zum Film des Jahres gekürt haben, gilt es nicht mehr als Geheimtipp. Jetzt ist "The Wild Boys" endlich auch in deutschen Kinos zu sehen. Sebastian Markt hat sich in Mandicos fantastische Bilderorgie treiben lassen.
In memoriam: Barbara Hammer (1939-2019)

In memoriam: Barbara Hammer (1939-2019)

Barbara Hammer, Jahrgang 1939, gilt als Pionierin des lesbischen Kinos und als eine der renommiertesten Experimentalfilmemacher*innen ihrer Generation. Von Beginn an stellte sie lesbische Körper und Liebe in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit, ihre frühen Kurzfilme, darunter "Dyketactics" und "Menses" (beide 1974), sind heute Klassiker des nicht-heterosexuellen Kinos. Im Laufe ihrer fünf Jahrzehnte umspannenden Karriere machte sich die stets aktivistisch arbeitende und lebende Filmemacherin auch in der Performance- und Medienkunst einen Namen, später war sie Lehrerin, Vermittlerin, Fürsprecherin und Godmother mehrerer Generationen von jungen Filmemacherinnen. Dreimal wurde Hammer mit dem Teddy-Award ausgezeichnet, ihrer Werke wurden in Ausstellungen auf der ganzen Welt gezeigt. Nach ihrer Krebsdiagnose im Jahr 2006 stellte Hammer die eigene Krankheit radikal in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Am 16. März dieses Jahres ist sie in New York gestorben. sissy-Autor Uli Ziemons hat als Mitglied im Kurator*innen-Team des Forum Expanded der Berlinale mehrfach mit Barbara Hammer zusammengearbeitet. Hier erinnert er sich an eine starke, laute und streitbare Stimme in der zeitgenössischen Filmkultur und würdigt Hammers vielstimmiges Werk und dessen Bedeutung für das Queer Cinema der letzten 50 Jahre.
Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Patrick Henze: Schwule Emanzipation und ihre Konflikte

Die Entschärfung des §175 im Jahr 1969 hob den Deckel von einem viel zu lange geschlossenen Topf. Schwule Männer, deren Sexualität bis dahin mit Gefängnis bestraft wurde, meldeten sich in der Öffentlichkeit zu Wort und die "Zweite deutsche Schwulenbewegung" begann, in deren Verlauf die meisten Infrastruktureinrichtungen des heutigen queeren Lebens geschaffen wurden. Die umtriebige Berliner Polittunte und Geschlechterforscherin Patsy l’Amour laLove, Herausgeberin der heiß diskutierten Sammelbände "Beißreflexe" (2017) und "Selbsthass & Emanzipation" (2016), hat über die bewegten Siebzigerjahre promoviert und die Dissertation nun unter ihrem bürgerlichen Namen Patrick Henze veröffentlicht. Der Untertitel "Zur westdeutschen Schwulenbewegung" führt allerdings etwas in die Irre, denn im Grunde ist fast ausschließlich von Berlin die Rede, und in den Siebzigerjahren war "Westdeutschland" von Berlin aus gesehen ungefähr so weit weg wie der Mond. Matthias Frings hat das Buch für uns gelesen.
Helmut Berger, meine Mutter und ich

Helmut Berger, meine Mutter und ich

"Was macht eigentlich Helmut Berger?", fragt sich Bettina Vorndamme, Filmfan in den besten Jahren – und googelt los. Im Netz der Schock: Skandalauftritte, Dschungelcamp, Alkoholsucht! Der Schauspielstar aus "Die Verdammten" und "Ludwig II.", einstmals "schönster Mann der Welt", scheint nur noch ein Schatten seiner Selbst zu sein. Die Finanzcontrollerin aus Niedersachsen beschließt kurzerhand, den Niedergang zu stoppen. Mit Hilfe ihrer Tochter nimmt sie Kontakt nach Salzburg auf. Und kurz darauf sitzt die Schauspielikone tatsächlich auf dem Sofa ihres Bauernhauses und trinkt Kaffee aus Omas Sammeltassen. Filmemacherin Valesca Peters begleitet das Kennenlernen zwischen ihrer Mutter und dem eigenwilligen Schauspieler mit der Kamera – und nähert sich dem Menschen Helmut Berger dabei selbst immer mehr an. Entlang von Peters' Film und Bergers über 50 Jahre umspannenden Karriere spinnt unser Autor Sascha Westphal ein Geflecht aus Filmbildern, Gedanken und Figuren, in dessen Zentrum ein Schauspieler steht, der ein Geschöpf seiner eigenen Erinnerungen geworden ist. Jetzt gibt es "Helmut Berger, meine Mutter und ich" als DVD und VoD.
Freak Show

Freak Show

Jetzt als DVD und VoD: Billy Bloom will nur eins in seinem Leben: fabelhaft sein! Für den frühreifen Teenager heißt das, größten Wert auf die richtige Kleidung, auf Haare und Make-up zu legen, perfekten Sinn für den besonderen Auftritt zu haben und vor allem nie langweilig zu sein. In der konservativen US-Kleinstadtschule, in die ihn sein steinreicher Vater gesteckt hat, stößt Billy mit seinem Charisma auf breites Unverständnis und offenes Mobbing. Nachdem ihn eine Gruppe homophober Mitschüler krankenhausreif geprügelt hat, holt Billy zum Gegenschlag aus – und erklärt seine Kandidatur zur Homecoming Queen. Als High-School-Film getarnt, erzählt "Freak Show" mit campem Humor, skurrilen Nebenfiguren und viel Herz die Außenseitergeschichte eines sonderbaren Jungen als nicht-heterosexuelles Selbstermächtigungs-Märchen. In Trudie Stylers Regiedebüt glänzen neben dem britischen Nachwuchsstar Alex Lawther ("Departure") auch Abigail Breslin ("Little Miss Sunshine") als biestige Chef-Cheerleaderin und Schauspielikone Bette Midler als Billys exzentrische, aber weitgehend abwesende Mutter Muv. Anja Kümmel über einen extravaganten Coming-of-Age-Film, der eine Lanze für die Magie des schillernden Andersseins bricht.
Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Adam Silvera: Was mir von dir bleibt

Autor*innen lieben genau wie Leser*innen die Zeit des Erwachsenwerdens, das Coming-of-Age, denn die Protagonist*innen befinden sich dabei in einem Moment des Übergangs, das Leben hat sie noch nicht abgebrüht. Ihre Empfindlichkeit macht sie so besonders, doch zugleich ist es diese Empfindlichkeit, unter der sie so schrecklich zu leiden haben. Adam Silvera mutet seinem Helden Griffin eine der schlimmsten überhaupt denkbaren Prüfungen zu: Sein Freund Theo stirbt. Fabian Hischmann, der selbst Schriftsteller ist – 2017 erschien sein zweiter Roman "Das Umgehen der Orte" bei Piper, im Sommer folgt der Erzählunsgband "Alle wollen was erleben" – hat Silveras "Was mir von Dir bleibt" für uns gelesen und bespricht das Buch explizit persönlich.
Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Joseph Cassara: Das Haus der unfassbar Schönen

Solidarität, Schönheit und ganz viel Glamour. Das waren die Überlebenskonzepte in der Ballroom Culture im New York der frühen 1980er, samt ihrer in Häuser zusammengeschlossenen Ersatzfamilien aus jungen Drag Queens und Transpersonen, queeren Latinos und Afroamerikanern, die in kein hetero- oder homonormatives Spektrum passten und in der US-Gesellschaft in gleich mehrfacher Hinsicht soziale Außenseiter*innen waren. Bei den regelmäßig stattfindenden, rauschhaften "balls" traten die einzelnen Häuser in "walks" gegeneinander an – Bewertungsgegenstand: "realness" – und konstruierten so zugleich eine gemeinsame subkulturelle Identität. Jennie Livingston hat der sagenumwobenen Szene, die Madonnas "Vogue" und "RuPaul's Drag Race" inspirierte und von der seit vergangenem Jahr auch Ryan Murphys preisgekrönte Serie "Pose" (aktuell auf Netflix zu sehen) erzählt, bereits 1990 mit ihrem Dokumentarfilm "Paris Is Burning" ein Denkmal gesetzt. Der US-Schriftsteller Joseph Cassara, Jahrgang 1989, hat nun die Geschichten der Hauptfiguren aus Livingstons Film recherchiert und erzählt in seinem Debütroman von ihnen und ihrer Ersatzfamilie, dem legendären Haus Xtravaganza. Elmar Kraushaar hat "Das Haus der unfassbar Schönen" für uns gelesen.