Colm Tóibín: Haus der Namen

Colm Tóibín: Haus der Namen

Ein Stoff aus der griechischen Mythologie, neu und queer erzählt: Im titelgebenden "Haus der Namen" findet Orestes Zuflucht vor dem neuen Mann seiner Mutter Klytaimnestra, die nach der Opferung ihrer Tochter Iphigenie den eigenen Ehemann Agamemnon ermordet hat. Orestes und seine Schwester Elektra wollen deshalb Rache nehmen. Der junge Mann gerät immer tiefer in ein blutiges Intrigenspiel – und ist zugleich verliebt in Leandros, mit dem er im "Haus der Namen" das Bett teilt. Der irische Schriftsteller Colm Tóibín ("Die Geschichte der Nacht", "Brooklyn") zeigt, dass sich der Zirkel der Gewalt durchbrechen lässt. Unser Autor Stefan Hochgesand sieht darin eine Hoffnung für das Leben nach der Krise.
Karen-Susan Fessel: In die Welt

Karen-Susan Fessel: In die Welt

In ihrem neuen Roman "In die Welt" erzählt Karen-Susan Fessel (Jahrgang 1964) von der Protagonistin Nell, die nach mehr als drei Jahrzehnten in Berlin in ihr norddeutsches Heimatstädtchen zurückkehrt. Dort trifft sie auf ihre Mutter und zahlreiche eigenwillige Persönlichkeiten. Als sie sich romantisch auf eine frühere Klassenkameradin einlässt, könnte ihr das über das Ende ihrer längjährigen Beziehung mit ihrer großen Liebe Irma hinweghelfen. Unsere Autorin Nancy Schmolt hat sich mit Lust in den Beziehungsreigen geworfen.
Schwarzer Ozean

Schwarzer Ozean

Mit tiefer Betroffenheit haben wir vom Tod Marion Hänsels erfahren. Wir erinnern an die große belgische Regisseurin mit unserem Text zu einem ihrer berührendsten Filme: In "Schwarzer Ozean" leisten drei junge Männer Militärdienst bei der französischen Marine, ihr Einsatzort ist das Mururoa-Atoll. Was man heute über die historischen Atomwaffenexperimente Frankreichs weiß, trifft die Hauptfiguren jäh und unvermittelt. Alexandra Seitz beschreibt, wie der Anblick des Unfassbaren in dem sensitivem und homoerotisch eingefärbtem Spielfilm die Grenze markiert, an der sich jugendliche Empfindsamkeit gegenüber einer kalten und gefühllosen Welt behaupten kann. Und wie Nüchternheit, Kraft und eine Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit Marion Hänsels gesamtes Schaffen auszeichnen.
Greta

Greta

Der alternde Krankenpfleger Pedro führt einen Alltag zwischen überfüllter Klinik, Sauna, Nachtclubs und tristem Wohnblock in der brasilianischen Stadt Fortaleza. Von seinem Gelegenheitslover lässt er sich  Greta Garbo nennen, um der grauen Realität zu entfliehen. Als er den jungen Kleinkriminellen Jean bei sich aufnimmt, dringt plötzlich Licht in Pedros Welt. Unsere Autorin Esther Buss hat Armando Praças feinsinniges Drama gesehen und darin auch eine subtile politische Anklage des homo- und transphoben Klimas in Brasilien unter Bolsonaro erkannt. Jetzt gibt es "Greta" auf DVD und als VoD.
Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils

Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils

"Ich gehöre zu den Frauen, die sich in Frauen verlieben". Mit dieser unmissverständlichen Selbstbeschreibung ihrer Romanfigur hat die taiwanesische Autorin Qiu Miaojin einst ein Tabu in der Literatur ihrer Heimat gebrochen. Mit 25 Jahren Verzögerung ist ihr erster Roman "Aufzeichnungen eines Krokodils" endlich auch in deutscher Übersetzung erschienen. Das Buch über die inneren Kämpfen und den Liebesschmerz der Studentin Lazi gehört heute zu den zentralen Werken der queeren Literatur Asiens. Axel Schock über das Debüt einer früh verstorbenen Ikone der LGBT-Bewegung in Taiwan.
I Am Not Your Negro

I Am Not Your Negro

Raoul Pecks Oscar-nominierter Film basiert auf einem Manuskript von James Baldwin (1924-1987), in dem sich der Autor und Aktivist mit den Biografien dreier enger Freunde beschäftigt: Martin Luther King, Malcolm X und Medgar Evers. Die Erinnerungen an die drei großen Bürgerrechtler, die alle bei Attentaten ermordet wurden, verknüpft Baldwin mit einer Reflektion der eigenen, schmerzhaften Lebenserfahrung als Schwarzer in den USA. Pecks Film schreibt Baldwins Fragment im Geiste des Autors fort und verdichtet es zu einer beißenden Analyse, die den Bogen bis in die Jetztzeit: zur noch immer allgegenwärtigen weißen Polizeigewalt gegen Schwarze und der Black-Lives-Matter-Bewegung. „I Am Not Your Negro“ muss gerade jetzt auch in Deutschland (wieder) gesehen werden! In Solidarität mit George Floyd und allen anderen Opfern rassistisch motivierter Gewalt in den USA steht der Film ab sofort für nur 1 EU als Stream zum Ausleihen im Salzgeber Club zur Verfügung.
In memoriam: Larry Kramer (1935-2020)

In memoriam: Larry Kramer (1935-2020)

Larry Kramer hat es weder seinen Feinden noch Freunden leicht gemacht. Der US-amerikanische Schriftsteller war nicht nur ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Rechte der Gay Community, sondern vor allem einer der entscheidenden Initiatoren des Aids-Aktivismus in den USA. Nun ist Larry Kramer, der Mitbegründer von ACT UP und Autor des legendären Romans "Schwuchteln" (1978) sowie des Theatermeilensteins "The Normal Heart" (1985), im Alter von 84 Jahren gestorben. Axel Schock ruft ihm nach.
In memoriam: Irm Hermann (1942-2020)

In memoriam: Irm Hermann (1942-2020)

Die große deutsche Schauspielerin Irm Hermann ist tot. Ihre frühe Karriere ist aufs Engste mit Rainer Werner Fassbinder verknüpft, mit dem sie 20 Filme drehte, Theater machte und eine Zeit lang ein Paar war. Nach Fassbinders Tod arbeitete sie u.a. mit Ulrike Ottinger, Herbert Achternbusch, Loriot –  und immer wieder mit Christoph Schlingensief. Andreas Wilink erinnert in seinem Nachruf an eine Künstlerin, die sich furchtlos in den Dienst ihrer Regisseur*innen stellte. Und an Hermanns eindrücklichste Rolle: die der stumm liebenden und souverän leidenden Dienerin Marlene in "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" (1972), in der sich ihre ambivalente Beziehung zu Fassbinder spiegelt wie in keiner anderen Figur.
100 Tage, Genosse Soldat

100 Tage, Genosse Soldat

"100 Tage, Genosse Soldat" gilt als einer der wenigen Klassiker des schwulen Kinos aus Russland, wo Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Inspiriert von einer Erzählung des Schriftstellers Kuri Poljakov erzählt Regisseur Hussein Erkenov in poetischen Bildern von fünf jungen Soldaten und den unbarmherzigen Zuständen in der sowjetischen Armee. Ein Film wie ein Traum – visuell gewaltig, aufwühlend, gefühlvoll und radikal. Zum 30. Geburtstag seiner Entstehung erscheint nun die digital restaurierte Fassung von "100 Tage, Genosse Soldat" als VoD im Salzgeber Club. Für unseren Autor Christian Lütjens die Gelegenheit zu einer Würdigung von Erkenovs Meisterwerk.
Joshua Whitehead: Jonny Appleseed

Joshua Whitehead: Jonny Appleseed

Two-Spirit, queer und "NDN Glitzerfee" — das ist "Jonny Appleseed". Der Angehörige des Volkes der Oji-Cree hat das Reservat verlassen und schlägt sich in Winnipeg als Sexarbeiter durch. Viele seiner weißen Kunden sind vom Indianer-Mythos fasziniert. Als er vom Tod seines Stiefvaters erfährt, bleibt Jonny eine Woche, bis er zur Beerdigung ins Reservat zurückkehren muss. In seinem Debüt-Roman erzählt Joshua Whitehead in einer mitreißenden Sprache und in berührenden Traumbildern von Jonnys Leben zwischen den Kulturen. Unser Autor Michael Sollorz ließ sich von Whiteheads sinnlicher Schilderung mitreißen.