100 Tage, Genosse Soldat

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„100 Tage, Genosse Soldat“ gilt als einer der wenigen Klassiker des schwulen Kinos aus Russland, wo Homosexualität noch immer ein Tabu ist. Inspiriert von einer Erzählung des Schriftstellers Kuri Poljakov erzählt Regisseur Hussein Erkenov in poetischen Bildern von fünf jungen Soldaten und den unbarmherzigen Zuständen in der sowjetischen Armee. Ein Film wie ein Traum – visuell gewaltig, aufwühlend, gefühlvoll und radikal. Zum 30. Geburtstag seiner Entstehung erscheint nun die digital restaurierte Fassung von „100 Tage, Genosse Soldat“ als VoD im Salzgeber Club. Für unseren Autor Christian Lütjens die Gelegenheit zu einer Würdigung von Erkenovs Meisterwerk.

Foto: Edition Salzgeber

Gewalt und Verführung

von Christian Lütjens

Es wurde so viel über die „Homoerotik“ in diesem Film geschrieben, dass man meinen könnte, sie sei sein Hauptthema. Was nicht stimmt. Denn das Hauptthema ist Gewalt. Womit sich die Frage aufdrängt, was Homoerotik mit Gewalt zu tun hat. Eine Menge. Logisch. Zumindest, wenn es um männliche Protagonisten geht. Die Verherrlichung maskuliner Stereotypen, die schwuler Erotik in der Regel innewohnt, bringt zwangsläufig die Verherrlichung chauvinistischer Manierismen und Ideale mit sich. Nicht umsonst sind Uniform- und Soldatenfetische fester Bestandteil der schwulen Sex-Szene, von der Dauerkonjunktur der Muskel/Glatzen/Army-Optik ganz zu schweigen.

Die Antwort auf die Frage, wie sich Hussein Erkenovs „100 Tage, Genosse Soldat“ zu diesem Punkt positioniert, ist gleichzeitig die Antwort auf die Frage, warum der Film heute, 30 Jahre nach seiner Entstehung, unverändert aktuell und relevant ist.

Spitz formuliert ist Erkenovs Quintessenz, dass das ungehemmte Ausleben maskuliner Stereotypen nicht möglich ist, ohne Menschen zu zerstören. Im Film bezahlen fünf junge Soldaten mit ihrem Leben, weil sie der Unterdrückungsethik des Macho-Monstrums Rote Armee nicht gewachsen sind. Dass damit Männlichkeitsbilder infrage gestellt werden, die das heutige Putin-Russland nach wie vor kultiviert, ist ein weiterer Indikator für die anhaltende Aktualität des Stoffes.

Letztendlich muss man aber gar nicht auf die politische oder gesellschaftliche Ebene gehen, um zum Schlüssel der Zeitlosigkeit von „100 Tage, Genosse Soldat“ vorzudringen. Es genügt, sich als Zuschauer ganz persönlich die Frage zu stellen, was die Verführungskraft dieses Films ausmacht. Warum seine Bilder so schön sind, obwohl das, wovon sie erzählen, fast ausschließlich mit Unterdrückung, Beklemmung, Tristesse und Ausweglosigkeit zu tun hat. Warum in ihm auch Abgründe betören und Schurken glänzen. Außerdem liegt dem Ganzen die große Was-wäre-wenn-Frage zugrunde: Wie weit würde man selbst gehen, um in den Fängen des Monstrums Militär zu bestehen? Erkenov verhandelt universelle Themen des Mensch- und Mann-Seins. Es ist reichlich kurz gegriffen, seine Arbeit auf ihre homoerotischen Untertöne zu reduzieren.

Foto: Edition Salzgeber

Die restaurierte Fassung zum 30-jährigen Jubiläum von „100 Tage, Genosse Kamerad“ kommt mit digital aufpoliertem Bild und Ton daher, verströmt aber noch immer den rauen Atem der Sowjet-Ära. Der Film basiert auf dem Roman „100 Tage bis zum Befehl“ des russischen Schriftstellers Kuri Poljakov, der auch am Drehbuch mitarbeitete, den fertigen Film aber nicht gemocht haben soll. Das hing wohl damit zusammen, dass Erkenov Poljakovs von eigenen Erfahrungen beim Militär inspirierte Geschichte über die mörderischen Schikanen in der Ausbildung sowjetischer Rekruten einerseits auf eine radikal sinnliche Ebene hob und andererseits stark psychologisierte. Der Film ist wie ein Fiebertraum, der die kurzen Atempausen im Alltag der Soldaten mit langen Panoramakamerafahrten ins Endlose dehnt, während der Drill des Alltags wie Schüsse auf den Zuschauer abgefeuert wird. In fünf Episoden, an denen jeweils der Tod eines Rekruten steht, werden die Grenzen zwischen Disziplin und Wahn, Schönheit und Grauen, Wirklichkeit und Traum immer stärker verwischt. Am Ende stehen ein Abschiedsbrief und bittere Tränen. Und die Musik von Johann Sebastian Bach. Und die Verstörung des Zuschauers. Aber – für alle, die ganz genau hinschauen – auch ein blass schimmernder Regenbogen.

Foto: Edition Salzgeber

Erotik spielt bei alledem in der Tat eine zentrale Rolle. Im Subtext schwingen ständig die Thesen von Wilhelm Reich mit, nach denen die Unterdrückung der Sexualität die Wurzel menschlicher Gewalt und Zerstörungswut ist. Es geht aber nicht nur um verdrängte Homosexualität, sondern um Triebunterdrückung im Allgemeinen. Nicht ohne Grund tritt Jelena Kondulainen in einer denkwürdigen Szene als „Tod“ auf und trägt dabei nichts am Leib außer Stiefeln und ein Holster mit Bajonett – ein Auftritt, der die Schauspielerin in Russland über Nacht zum Sexsymbol machte. Was die Homoerotik angeht: Sie ist von der ersten Szene, die mit einer der erwähnten Panoramafahrten über eine Gruppe halbnackt im Stroh schlafender Soldaten endet, über eine epische Waschsaal-Sequenz bis hin zu langen, vielseitig deutbaren Blicken der Protagonisten immer präsent. Sie illustriert die Zerbrechlichkeit der Figuren und ist in der subtilen Form, in der Erkenov sie inszeniert, immer mit Todesahnungen und Gefahr verbunden – eine Dialektik, deren Symbolik fürs heutige Russland ungebrochene Gültigkeit hat.

Foto: Edition Salzgeber

Optisch fährt der Film von Motiven wie Gemälden, kunstvoller Lichtmalerei, Überblendungen und Farbfiltern in nur 70 Minuten die volle Breitseite filmischer Effekte des Prä-CGI-Zeitalters auf, ohne dabei je beliebig oder gehetzt zu wirken. Trotz seiner komprimierten Spieldauer nimmt „100 Tage, Genosse Soldat“ sich viel Zeit, seine visuellen Kunstgriffe wirken zu lassen. Dadurch entsteht ein atmosphärischer Sog, der das Ganze am Ende weniger als Geschichte denn als Gefühl im Raum stehen lässt. Man hat nicht nur in die Lebenswelt der Soldaten hineingeguckt, man ist dort gewesen. Die stickige Enge im Schlafsaal, die triefende Hitze im Waschraum, die Erschöpfung beim Gewaltmarsch, die Beklemmung im Angesicht der Gruppendynamik, aber auch die Verlorenheit jener Momente, in denen der Schutz der Gemeinschaft auf einmal wegfällt – all das wird nicht nur nachvollziehbar, sondern spürbar.

Foto: Edition Salzgeber

Zur atmosphärischen Dichte trägt eine Sound-Ästhetik bei, die jedem Regentropfen, jedem Windhauch, jedem Keuchen und jedem Stiefeltritt Plastizität verleiht – ein Aspekt, den in der überarbeiteten Fassung der Klang digitaler Klarheit verstärkt. Trotzdem ist es den Restauratoren gelungen, den organischen Gesamteindruck des Originals zu erhalten. So ist zwischendurch immer wieder das Knistern der Originaltonspur zu hören, während der nostalgische Charme auf der visuellen Ebene betont wird, indem das ohnehin fast schon anachronistisch anmutende 4-zu-3-Format durch abgerundete Ecken und ausgefranste Bildränder ergänzt wurde. Im Zusammenspiel mit der hochgedrehten Leuchtkraft der Filmbilder erzeugt all das sogar beim Schauen auf dem Tablet den Eindruck einer analogen Vorstellung mit klassischem Filmprojektor. Die gute alte Magie des Kinos flammt auf. Und damit jene Magie, die diesen Film mindestens ebenso so auszeichnet wie seine homoerotischen Untertöne.




100 Tage, Genosse Soldat
von Hussein Erkenov
RU 1990, 67 Minuten, FSK 16,
russische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen)

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