Kritiken (Film)

Viva

Viva

Jesús hat einen Traum: Travestiekünstler werden. Als 'Viva' macht der schmächtige Jüngling seine ersten wackeligen Stöckelschritte auf der Bühne – und bekommt erstmal eine aufs Maul. Der Schläger: sein Vater. Der ist nach jahrelanger Abwesenheit wieder in Havanna aufgetaucht und macht sich nun im Leben seines Sohns breit. Unserem Autor Malte Göbel begeisterten in Paddy Breathnachs leidenschaftlich gespieltem Coming-of-Age-Drama vor allem die selbstbewussten queeren Figuren, die in glanzvollen Drag-Darbietungen ihre Erfüllung finden.
Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz

Burhan Qurbani verlegt Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" aus dem Jahr 1929 in die Jetztzeit. Aus dem Protagonisten Franz Biberkopf wird Francis, der nach einer illegalen Überfahrt von Afrika nach Europa in der deutschen Hauptstadt landet. Wie schon in der 14-teiligen Miniserien-Adaption von Rainer Werner Fassbinder aus den Achtzigern entsteht zwischen der gebrochenen, naiven Hauptfigur und dem mephistophelischen Reinhold eine enge Bande mit fatalen Folgen. Unser Autor Dennis Vetter hat drei Stunden voller Spannung und Spektakel, Konflikten und Körpern erlebt – und das Resultat als extrem aktuell und erschreckend traditionell zugleich empfunden.
Tru Love

Tru Love

Diven sind Mutterfiguren für queere Herzen. Meistens glänzen sie unter schwuler Regie, doch auch lesbische Erzählungen beschäftigen sich vermehrt mit ihnen. Das zeigt „Tru Love“ von Kate Johnston und Shauna MacDonald, der nun als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung steht. Eine flamboyante tatsächliche Mutter lässt sich darin experimentierfreudig und ziemlich weit auf die beste lesbische Freundin der Tochter ein. Unsere Autorin Noemi Yoko Molitor hat den preisgekrönten kanadischen Film gesehen – und setzt ihn in Kontext zu anderen Geschichten über ungewöhnliche Mutter-Tochter-Beziehungen.
La belle saison – Eine Sommerliebe

La belle saison – Eine Sommerliebe

Stadt und Land, Enge und Weite, Stillstand und Aufbruch – Catherine Corsinis Melodram "La belle saison – Eine Sommerliebe" mit Cécile de France und Izïa Higelin lässt Gegensätze aufeinander prallen, brüchig werden, und ist selbst dabei immer in Bewegung. Sascha Westphal über eine großen Liebesgeschichte, die sich mit dem privaten und gesellschaftlichen Aufbruch auseinandersetzt. Der Film läuft heute Abend um 23h30 bei rbb QUEER.
Beautiful Thing

Beautiful Thing

Mit der kleinen Liebesgeschichte von Jamie und Ste, den Nachbarjungs aus der Hochhaussiedlung, rührte Hettie MacDonalds „Beautiful Thing“ seit 1996 ungezählte Filmfanherzen. Ein Feelgoodmovie aus schwierigen Umständen, Coming-Out-Klassiker und ein kleines Stück Utopia, ohne das man, wie unser Autor Michael Sollorz weiß, nicht menschenwürdig leben kann. Wer „Beautiful Thing“ nicht kennt, hat was verpasst und kann das nachholen: Der Film steht ab 9. Juli in restaurierter Fassung als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung.
Wir beide

Wir beide

Nach außen hin ist Nina nur die nette Nachbarin von gegenüber, aber für Madeleine ist sie die Liebe ihres Lebens. Schon seit Jahren führen die beiden eine geheime Beziehung und träumen davon, gemeinsam ein neues Leben in Rom zu beginnen. Doch Madeleine kann sich nicht überwinden, ihren erwachsenen Kindern die Wahrheit zu sagen. Als ein unerwartetes Ereignis dazu führt, dass die Wohnungstüren zwischen den Partnerinnen geschlossen bleiben, muss Nina alles riskieren, um zu Madeleine durchzudringen. Im Juli ist Filippo Meneghettis großartiges Liebesdrama "Wir beide" in der queerfilmnacht zu sehen; am 6. August startet es dann regulär in den Kinos. Unsere Autorin Alexandra Seitz hat sich von dem bewegenden Spiel Barbara Sukowas und Martine Chevalliers berühren lassen.
Beach Rats

Beach Rats

Sommer auf Coney Island. Tagsüber hängt Frankie mit seinen Hetero-Kumpels am Strand ab, abends datet er Simone, nachts zieht es ihn in schwule Chatrooms – und irgendwann in die Cruising-Bereiche am Flussufer. In "Beach Rats" fängt die US-amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman Frankies Coming-of-Age am äußersten Rand New Yorks, wo Arbeitslosigkeit und Jugendkriminalität zum Alltag gehören, mit poetisch-realistischen Bildern ein. Dafür wurde sie in Sundance mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Die große Entdeckung des Films ist ihr Hauptdarsteller Harris Dickinson, der Frankies Ambivalenzen zwischen lässigem Nichtstun, Verdrängung und homosexueller Erregung derart glaubwürdig verkörpert, dass ihn Teile der US-Presse zum neuen Shooting Star des Independent-Kinos ausgerufen haben. Unser Autor Frédéric Jaeger driftet mit ihm durch Tag und Nacht.
Du sollst nicht lieben

Du sollst nicht lieben

"Kann Gott eine Liebe von solcher Klarheit verurteilen?", fragte die französische Libération in ihrer hymnischen Rezension von "Du sollst nicht lieben". In seinem Debütfilm erzählt Regisseur Haim Tabakman die Liebesgeschichte zwischen zwei orthodoxen Juden, die vor allem einen der beiden, einen verheirateten Familienvater, in eine tiefe Lebenskrise stürzt. Tabakmans aufwühlendes, vielfach preisgekröntes Drama wirft einen vieldeutigen Blick in die Welt des ultra-orthodoxen Judentums und nimmt sowohl das sexuelle Begehren als auch den Glauben als menschliche Bedürfnisse ernst. Der Film steht als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung. Paul Schulz hat sich zum damaligen deutschen Filmstart mit Haim Tabakman zum Gespräch getroffen und "Du sollst nicht lieben" für uns besprochen.
120 BPM

120 BPM

Robin Campillos mitreißendes Meisterwerk "120 BPM" führt uns ins Paris Anfang der 1990er. Seit fast zehn Jahren wütet Aids in Frankreich, doch noch immer wird über die Epidemie in weiten Teilen der Gesellschaft und der Politik geschwiegen. ACT UP, eine Aktivistengruppe von Betroffenen, will auf die Missstände aufmerksam machen und schreckt auch vor spektakulären Protestaktionen nicht zurück. Regisseur Campillo, der sich selbst jahrelang bei ACT UP engagierte, hat dem französischen Aids-Aktivismus mit "120 BPM" ein längst überfälliges filmisches Denkmal gesetzt. Durch die berührende Liebesgeschichte zwischen Nathan und Sean, zwei Mitgliedern der Gruppe, entfaltet sein Drama eine geradezu revolutionäre Kraft: In einem historischen Moment, in dem für HIV-Positive und deren Freunde das Politische von persönlicher, ja existentieller Bedeutung ist, begegnen die beiden der gesellschaftlichen Ignoranz und der Angst vor dem Tod mit rasendem Widerstand und einem unbändigen Willen zu leben. "120 BPM" wurde 2017 im Wettbewerb von Cannes uraufgeführt und u.a. mit dem Großen Preis der Jury und der Queer Palm ausgezeichnet. Sascha Westphal hat sich mitreißen lassen.
Siebzehn

Siebzehn

"Siebzehn" erzählt von der Internatsschülerin Paula, die heimlich in Charlotte verliebt ist. Doch die ist mit Michael zusammen. Und dann bekommt Paula auch noch von Tim den Hof gemacht. Paula muss sich entscheiden, ob sie ihren eigenen Gefühlen folgt oder denen der anderen. Regie-Debütantin Monja Art zeigt in ihrem herrlich unkonventionellen Coming-of-Drama das Teenagersein in der niederösterreichischen Provinz als Achterbahnfahrt der Gefühle und in einer Ansammlung von amourösen Minidramen. Tania Witte spürt der jugendlichen Sehnsucht nach – und entdeckt ein Verlangen von unaufgeregter Gewaltigkeit. Ein Film über all das, was plötzlich geschehen könnte.