Silent Youth

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Diemo Kemmesies stellt in seinem Spielfilm „Silent Youth“ zwei junge Männer ins Zentrum des Berliner Szenetrubels, schneidet sie dann aber so aus, als seien sie allein auf der Welt. Ganz langsam baut sich ihre Beziehung auf, ganz präzise ist das eingefangen. Eine Einladung zum sprachlosen Mitdriften, die unser Autor Toby Ashraf angenommen hat. Der Film steht ab morgen als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung.

Foto: Salzgeber

Bilder, die sprechen, wenn man sie lässt

von Toby Ashraf

Es liegt ein ungemeiner Reiz darin, Menschen beim Schweigen zuzugucken. Das klingt in Worten ausgedrückt nicht sonderlich aufregend, doch glücklicherweise ist Film in erster Hinsicht ein visuelles Medium, dessen Sprache das Bild ist. Da sitzen also zwei junge Männer nebeneinander und schweigen sich an. Manchmal gehen sie nebeneinander her oder stehen irgendwann ziemlich unvermittelt nackt nebeneinander in der Dusche. Irgendwie ist klar, dass ihr Kennenlernen nicht über Sprache funktioniert – ab und zu mal ein paar Worte, ein kurzer verbaler Austausch, eine pragmatische Kommunikation – der Rest sind Blicke und Körpersprache.

Schon die erste Begegnung von Marlo und Kirill deutet an, dass eine flüchtige Berührung und ein kurzer, wortloser Augenblick genügen, um zwei Menschen zu verbinden. So zufällig wie die Hand des einen die des anderen im Vorbeigehen streift ist auch das zweite Wiedersehen am S-Bahnhof, wo Kirill Marlo überraschend fragt, ob er „schon mal was mit Typen hatte“. Viel geredet wird nur am Küchentisch der Berliner WG, in der Marlo, Maschinenbaustudent aus Lübeck, kurzzeitig wohnt, weil er eine Freundin besucht. Da geht es dann um physikalische Brechungsgesetze, um Statistiken und Zahlen und man merkt, dass Marlo in dieser Welt der Naturwissenschaften mehr zu Hause ist als in der Welt des Zwischenmenschlichen.

Die Begegnung mit dem jungen Kirill, der – selbst noch Kind – schon Vater ist, läuft dann auch entgegen aller Gesetze der Wahrscheinlichkeit. Mitten in den Hauptschlagadern der Großstadt, zwischen Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln, steht plötzlich die Zeit still, und ein kurzer Abendspaziergang durch die Straßen Berlins endet im Morgengrauen auf einer fast menschenleeren Warschauer Straße. Auf seine Wunde im Gesicht angesprochen, erzählt Kirill, dass er in Russland zusammengeschlagen wurde. Er ist mit ein paar Männern trinken gegangen und ist dann ohne Hose und blutüberströmt in einem Fahrstuhl aufgewacht. Das ist nicht gerade die Art von Information, die man mal eben mit einem Unbekannten teilt, der einem durch die Nacht gefolgt ist, aber es zeigt, dass da jemand schnell und auf ungewöhnliche Weise Vertrauen aufbauen will.

Kirill ist ein mysteriöser Einzelgänger, der es seiner Umwelt nicht leicht macht, ihn zu durchschauen. In seinem kindlichen Gesicht spiegelt sich eine unerklärte Traurigkeit, die ihn verletzlich, aber auch unnahbar wirken lässt. Sein Körper und sein Wesen entsprechen nicht der Vorstellung von „Mann“, die die Mutter seines Kindes hat, und er selbst entspricht nicht dem, was andere von ihm erwarten. Marlo hingegen, der gar nicht wusste, dass er auf der Suche war, findet in Kirill etwas, das er nicht mehr loslassen möchte.

Foto: Salzgeber

Regisseur Diemo Kemmesies erzählt in seinem Filmarche-Abschlussfilm „Silent Youth“ sehr einfühlsam und außerordentlich stilsicher von einer Ausnahmesituation, in der sich zwei Menschen trotz ihrer Sprachlosigkeit einander annähern. Viele Fragen werden entweder nicht gestellt oder bleiben unbeantwortet, nicht nur zwischen den beiden Protagonisten dieser leisen Liebesgeschichte, sondern auch innerhalb der Geschichte des Films selbst. Biographien sind hier angedeutet, aber nicht ausformuliert, Reaktionen bleiben unvorhersehbar, und an klassischen Figurenmotivationen oder Psychologisierungen hat Diemo Kemmesies dankbarer Weise keinerlei Interesse. Dass Bilder für sich sprechen können, wenn man sie lässt, und Worte oft am schönsten sind, wenn sie verstummen, glauben leider immer noch viel zu wenige FilmemacherInnen. Es gehört viel Genauigkeit und noch mehr Mut dazu, mit wenig Sprache viel zu erzählen und sich dabei zudem einer bekannten Grundidee zu bedienen, die sich auf zwei Figuren und ein eventuelles Coming-Out beschränkt.

Das Thema ist nicht neu, wird aber in letzter Zeit im deutschen Film mit außergewöhnlichem Gespür für Milieus und untypischen Figuren erfrischend neu und einfühlsam erzählt. In „Stadt Land Fluss“ (2011) von Benjamin Cantu sind es zwei junge Lehrlinge auf einem Landwirtschaftsbetrieb in Brandenburg, die zaghaft zueinander finden. In Tim Staffels „Westerland“ (2012) begegnen sich mit Cem und Jésus zwei ungleiche junge Männer zwischen den glanzlosen Hochhäusern auf dem winterlichen Sylt. „Silent Youth“ hingegen spielt in den sogenannten Szenebezirken Berlins, lässt dabei aber jede Form von Hype und touristischer Faszination außen vor. Hier geht es nicht um die tausendfach wiederholten Bilder einer schrecklich angesagten Metropole, sondern um die filmische Neuentdeckung von Orten, die Marlo und Kirill sich fernab der Menschenströme erschließen. Wenn die beiden im Gras des Tempelhofer Flugfelds liegen, glaubt man, sie wären weit weg, machten etwa Pause auf einer abgelegenen Bergwiese, nicht jedoch auf dem Rollfeld des stillgelegten Stadtflughafens. Der Fernsehturm, an dessen Darstellung in der Regel lediglich FilmemacherInnen Interesse haben, die Berlin als Kulisse, nicht aber als Lebensraum begreifen, kommt in Silent Youth nur in einer morbiden Anekdote Marlos vor. Die Schauplätze des Films sind fast ausschließlich Transiträume. Es sind S- und U-Bahnhöfe, Hauptverkehrsstraßen und Brücken, also Orte des Reisens, des Weiterkommens und des Umsteigens. Marlo und Kirill bewegen sich zwar ständig im öffentlichen Raum, ihre Fahrten und Gänge wirken aber wenig zielgerichtet und sind eher von einer inneren Suche als von einem klaren Bestimmungsort geprägt.

Foto: Salzgeber

Überhaupt wirkte Berlin selten geheimnisvoller und entkoppelter als in den Einstellungen von Kameramann Albrecht von Grünhagen. Seine Bilder arbeiten mit geringer Schärfentiefe und legen den Fokus dabei immer auf die Figuren, während die Stadt im Hintergrund verschwimmt. Oft erinnert diese Fotografie in ihrer Schönheit an die Arbeit Reinhold Vorschneiders, der es schon in Angela Schanelecs „Mein langsames Leben“ schaffte, unmagischen Orten wie der Friedrichstraße eine Poesie zu verleihen, die sie hier zurückbekommt. Mit einer erhöhten Totalen sehen wir in „Silent Youth“ vom S-Bahnhof auf die Friedrichstraße hinab und wundern uns über die Länge der Sequenz, bis wir in diesem Suchbild schließlich Marlo und Kirill entdecken, die langsam und beinahe ungeachtet des Verkehrs über die Straße schlendern. Ganz zum Schluss befinden wir uns im Inneren des Bahnhofs und sehen ein verschleiertes Bild, dessen bewegte Punkte wir gerade noch als Passanten erahnen können. Langsam zieht die Schärfe an und die reisenden Großstädter werden genauso deutlich sichtbar wie die skeletthaften Strukturen der Bahnhofsüberdachung. Das Spiel mit der Unschärfe lässt sich im Film auf seine beiden Hauptfiguren übertragen, deren Konzentration trotz der konstanten Flut an Reizen und neuen Impulsen nur aufeinander zu liegen scheint. Alles um sie herum verschwimmt, ihre Hintergründe bleiben unscharf.

Foto: Salzgeber

„Silent Youth“ eröffnet durch seine Bildsprache Seh- und Denkräume, die keiner Worte mehr bedürfen. Dass die Beziehung zwischen Marlo und Kirill dabei glaubwürdig bleibt, ist den wunderbaren Schauspielern Martin Bruchmann und Josef Mattes zu verdanken. Beide schaffen es allein durch kurze Blicke und subtile Gesten, die Unsicherheiten und Zweifel, Fragen und Probleme ihrer Figuren durch den Film zu transportieren.

Durch das vorsichtige Spiel der beiden und die zurückgenommene Inszenierung baut sich langsam eine Spannung auf, die sich dann besonders effektiv entlädt, wenn Marlo und Kirill ihre Schutzpanzer ablegen und Gefühle zulassen.

Auch diese Momente sind dann Momente des Schweigens, auch hier wird nichts ausgesprochen oder erklärt, analysiert oder diskutiert. Stattdessen bewegen sich zwei junge Männer aufeinander zu, umkreisen sich und laufen nebeneinander her. Sie driften durch eine Stadt, deren Reize sie nicht wahrnehmen und machen sich dabei auf die Suche nach sich selbst. Ob sie dabei erfolgreich sind, können wir nur erkennen, wenn wir am Ende ganz genau hingucken.




Silent Youth
von Diemo Kemmesies
DE 2013, 73 Minuten, FSK 12,

deutsche OF,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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