Ich, Tomek

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Robert Glinski erzählt in „Ich, Tomek“ von einem Jungen, der an der deutsch-polnischen Grenze lebt und durch einen Freund zur Prostitution gezwungen wird. Das aufwühlende Drama steht ab morgen als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung. Unser Autor André Wendler fragt sich, wie man einen Spielfilm über ein solches Thema sehen kann. Das Protokoll einer Ratlosigkeit.

Foto: Salzgeber

Am Grenzübergang Zittau-Chopinstraße

von André Wendler

Das Problem, mit dem dieser Film seine Zuschauerinnen und Zuschauer konfrontiert, ist in einer kurzen Einstellung gleich zu Beginn des Films verdichtet. Nachdem Tomek sich wieder einmal mit seinem Draufgängervater über Fußball gestritten hat, geht er aus dem Haus und über die deutsch-polnische Grenze nach Deutschland in seinen Astronomiekurs. In einer Totalen sieht man die Filmfigur Tomek hinter einem blau-grünen Audi 100 entlanggehen. Ein älterer Mann steigt mit einer Wasserflasche in der Hand in diesen Wagen mit dem Kennzeichen ZI–ZM 59 ein. Tomek läuft weiter, die Kamera schwenkt ihm nach und verliert dabei den Audi fast aus dem Bild. Wer diesen Film sieht, der sich bis hierher ostentativ gewöhnlich und farblos gegeben hat, weiß, was kommen wird: Es soll um Kinderprostitution an der polnischen Grenze gehen und auch wenn man es noch nicht glauben kann oder will, dass die 16-jährige Filmfigur Tomek damit zu tun bekommt: Man weiß, dass es geschehen wird.

Über Tomek wissen wir schon fast alles, noch bevor es auf der Leinwand zu sehen gewesen sein wird. Über den Fahrer von ZI–ZM 59 lässt sich praktisch nichts wissen. Aber es lässt sich vermuten, dass er nicht auf der Liste der Schauspieler für diesen Film steht und dass sein Audi wirklich in Zittau zugelassen ist und dass er am Tag des Drehs dieser Einstellung zufällig dort in Polen unterwegs war. Um was zu tun? Um sich ein paar billige Kleider auf dem Markt hinter der Grenze zu kaufen, den der Film noch eine Einstellung vorher gezeigt hat? Um billige Zigaretten zu kaufen oder Hundebabys, die sich offenbar so profitabel an deutsche Kunden verkaufen lassen? Oder um mal zu schauen, wo die hübschesten Jungs herumstehen, von denen man einen schnellen Blowjob im Auto bekommen kann? Vielleicht organisiert er ja auch eine dieser perversen Sexpartys in Deutschland, auf die minderjährige Jungs von überall her angekarrt werden, um für erwachsene Männern mal so richtig hinzuhalten?

Die Begegnung Film-Tomeks und ZI–ZM 59 jedenfalls schlüsselt den Film auf, jenseits aller Spekulation. Die Adresse des einen ließe sich über das Kennzeichen entschlüsseln, die des anderen kann nur über den Film, seine Erzählung, seine Bilder, seine Montage erschlossen werden. Das Film-Polen Tomeks ist eine grau-grün-gelbliche Ansammlung ruinierter Wohngebäude. Kinder, die in Hinterhöfen mit geringem Tonwert auf Kunststoffkisten einprügeln. Von Deutschen überrannte Billig-Märkte, auf denen sich geschmackloser Schrott zu günstigen Preisen erwerben lässt. Erwachsene, die entweder wegsehen wollen: der Vater; oder wegsehen müssen, weil sie es sonst nicht ertragen können: die Mutter; oder genau hinsehen und erkennen, wo sie Geld machen können: der Zuhälter. Diskos, in denen Minderjährigen geschmacklos dekorierte Drinks verkauft werden und wo sich die Deutschen auf dem Klo von den selben Minderjährigen einen blasen lassen.

Die Film-Deutschen in diesem Film-Polen fahren alle gehobene Mittelklasse mit Stern oder fünf Ringen. Sie haben gegeltes Haar und passable Anzüge und hören klassische Musik, wenn sie einem 16-Jährigen die Hand aufs Knie legen und noch mal fünfzig Euro drauflegen, damit die Hand noch ein bisschen höher rutschen kann. Dieses Film-Polen lässt sich offenbar bevorzugt aus dem Hinterhalt beobachten mit langen Brennweiten und einer Kamera, die sich immer ein klein wenig bewegt, so als sei sie bereit, jederzeit die Flucht zu ergreifen. Das Leben der Film-Polen dreht sich ausschließlich und ohne jede Ausnahme um Geld: In seiner Beziehung zu Marta tauscht Tomek Zärtlichkeiten in Form von Euros, goldenen Schuhen und weißen Zähnen aus. Seine Schwester lässt sich zum Lernen für ihr Abitur nur mit Geld motivieren und der Mutter drückt Tomek seine Zuneigung aus, indem er ihr einen Teil des erhaltenen Geldes als Kompensation für ein teures Missgeschick des Vaters zukommen lässt. Das Verhältnis zu Tomeks Deutschlehrer bekommt nur deshalb einen Knacks, weil dieser nicht in der Lage ist, dreitausend Euro für ein Schulteleskop aufzutreiben.

Foto: Salzgeber

Was ist das für eine seltsame polnische Welt, die mir hier vorgeführt wird? Zunächst ist es natürlich eine Kino-Welt. Sie erinnert mich an Matthias Glasners ausgeblichene Videofarben in „Der freie Wille“. Sie erinnert mich an Filme wie die der Brüder Dardenne. Sie erinnert mich an all die Filme, deren Ästhetik in einem betont uninszeniert-inszenierten Realismus liegt. Filme, bei denen die Kamera nur dann nicht wackelt, wenn sie in langen Einstellungen den leeren Blicken ihrer geschundenen Figuren Raum gibt. Wir haben uns daran gewöhnt, diese dokumentarische Ästhetik als die Wirklichkeit selbst zu sehen und vergessen dabei, dass es sich doch „nur“ um eine Ästhetik handelt, die anders aussehen könnte, die historisch gewachsen ist und die eines Tages verschwunden sein wird. In seinem Beharren auf dieser Form des Realismus stellt der Film zugleich deren Künstlichkeit wie deren unbedingten Realitätsanspruch aus und wird nicht nur ein Film über Polen, sondern auch ein Film über Film.

Für mich bleibt aber die Frage: Wie soll man mit der Vorstellung umgehen, dass es tatsächlich Menschen gibt, die wie im Film-Polen ins tatsächliche Polen fahren und sich dort Kinder für Sex kaufen? Wie soll man schauen angesichts der Möglichkeit, das alles triebe ein Kind dazu, einen Mord zu begehen? Wie soll man schließlich noch selbst in den Spiegel schauen, wenn man in einem Land wohnt, das wohl vom Film-Deutschland Tomeks gemeint ist? Und wie soll ich als Schwuler, für den ein selbstbestimmter Umgang mit dem eigenen Sex lebensnotwendig ist, mich zu dem verhalten, was ich dort sehe? Was ich in diesem Film sehe, will ich nicht glauben, kann ich nicht glauben und muss ich ein Stück weit auch nicht glauben, denn schließlich ist es nur ein Film. Ich kann es aber gleichzeitig auch nicht nicht glauben, weil die Bilder da sind, weil der Grenzübergang Zittau-Chopinstraße da ist, weil ZI–ZM 59 da draußen rumfährt und jeder selbst schon erfahren hat, wie Sex und Geld gemeinsam oder allein unser Begehren (de)formieren.

Foto: Salzgeber

Es gibt Dinge, die kann man nicht wirklich in den Blick bekommen, auch wenn es Bilder davon gibt. Wenn man am Grenzübergang Zittau-Chopinstraße Richtung Polen fährt und weiter nach Bogatynia/Reichenau will, landet man schnell in einer Mondlandschaft, die der Braunkohlentagebau hier seit knapp einhundert Jahren hinterlassen hat. Wikipedia sagt, dass der Krater im Moment über 225 m tief ist und eine Fläche von mehr als 45 Quadratkilometern aufgefressen hat, auf der früher etliche kleinere Ortschaften standen. Schaut man sich das Ganze auf Satelliten-Aufnahmen an, glotzt einen eine gleißend-grau-weiße Fläche an, die weder hoch noch tief ist und die nichts als ihre eigene Undarstellbarkeit darstellt. „Ich, Tomek“ spielt, wenn wir für einen Moment noch einmal Film-Polen und Nicht-Film-Polen zusammentreten lassen, genau in diesem gigantischen Bild-Loch. Der Film zeigt etwas, das unglaublich, im strengen Sinn undarstellbar, monströs und schrecklich ist und doch unsere Blicke fesselt, so wie diese unglaubliche Grube gleich hinter Zittau.

In Frage gestellt wird damit vor allem unser, im Wortsinn, spektakuläres Verhältnis zur Welt: unser Drang, nur dem Wirklichkeit oder Realität zuzusprechen, was wir auch sehen. Manchmal sind aber die Dinge am wirklichsten, die sich nicht sehen lassen. „Ich, Tomek“ ist ein Versuch, das Kino als Werkzeug zur Erforschung dieser Dinge zu gebrauchen. Am Ende tippt Tomek paralysiert auf seinem Handy herum, um dem Unfassbaren ein Geräusch zu verleihen. Ich tippe auf meinem Rechner herum, um diesem Kino und der von ihm gemeinten Welt die Worte zu geben, die ich brauche, um damit umzugehen. Was „Ich, Tomek“ zeigt, ist nur durch die Leinwand hindurch zu ertragen, weshalb ich dankbar bin, dass es ihn gibt, weil ich sonst die Augen vor dem verschließen müsste, was gleich hinter der deutsch-polnischen Grenze stattfindet.




Ich, Tomek
von Robert Glinski
PL/DE 2009, 94 Minuten, FSK 16,

deutsche SF,
Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

vimeo on demand

VoD: € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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