Beautiful Thing

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Mit der kleinen Liebesgeschichte von Jamie und Ste, den Nachbarjungs aus der Hochhaussiedlung, rührte Hettie MacDonalds „Beautiful Thing“ seit 1996 ungezählte Filmfanherzen. Ein Feelgoodmovie aus schwierigen Umständen, Coming-Out-Klassiker und ein kleines Stück Utopia, ohne das man, wie unser Autor Michael Sollorz weiß, nicht menschenwürdig leben kann. Wer „Beautiful Thing“ nicht kennt, hat was verpasst und kann das nachholen: Der Film steht ab 9. Juli in restaurierter Fassung als Stream zum Ausleihen und Kaufen im Salzgeber Club zur Verfügung.

Foto: Salzgeber

Starkes Stück

von Michael Sollorz

„Was glotzt du so, du Weichei?“ – So fängt das Drama schon an. Die Jungs in seiner Klasse mobben Jamie. Gemessen an dem Terror, dem er in der Schule jeden Tag ausgesetzt ist, macht der Sechzehnjährige noch einen erstaunlich unversehrten Eindruck. Seine Gegend ist nichts für Schwache; lerne, dich zu wehren, sonst gehst du kaputt. Und Jamie hat eine grandiose Lehrmeisterin – seine Mutter Sandra. Die ist, natürlich neben der Liebe, in dem kleinen, starken Kinostück der Star, die Seele; ihre energische Präsenz macht es unverwechselbar. Sie jobbt im Pub, ein strammes Weibsbild, fünfunddreißig, die Kippe zwischen den Lippen. Manchmal werden ihre Augen eng, dann sieht sie aus wie ein misstrauisches Tier, das man nicht zum Feind haben möchte. Sie hat Haare auf den Zähnen und würde sich gewiss auch kloppen. Selbst noch fast ein Kind, als sie ihren Jamie bekam, liebt sie den Jungen heute über alles. Doch er überfordert sie auch, zumal sie große Pläne hat, raus will aus dem Dreck, eine eigene Kneipe betreiben, umziehen in eine bessere Gegend. Diesem Ehrgeiz opfert sie sogar ihren Lover; eine bittere Szene, als sie ihm sagt, dass er nicht mehr kommen soll. Dabei war er doch immer gut zu ihr und sie hatten Spaß, und nun steht er da mit seiner traurigen Blume und seinen langen Haaren, eigentlich ein guter Fang, aber eben nicht gut genug.

Nur einmal ist kurz von Jamies Vater die Rede. „Bin ich wie mein Dad?“, fragt Jamie, und Mutter Sandra antwortet: „Nein, du bist wie ich.“ Ansonsten spielt der Alte keine Rolle; sie verdrücken sich eben. Auch die anderen Wohnungen im Block beherbergen nicht gerade Musterfamilien. Der Ton ist rau und keineswegs nur herzlich. „Verpiss dich, du Fotze!“, knurrt der trunksüchtige Nachbar hinter seiner Wohnungstür, als ihn Mutter Sandra durch den Briefschlitz zur Rede stellen will, weil er seinen Sohn wieder geschlagen hat, den stillen Steven, der in Jamies Klasse geht – und in den sich Jamie verliebt. Um dem Nachbarjungen zu helfen, holt ihn Mutter Sandra für die Nacht rüber zu sich. „Ich fürchte, du musst das Bett mit Jamie teilen.“ Jamie kann sein Glück kaum fassen, so nimmt das Schicksal seinen schönen Lauf. Wem legt schon seine Mutter den ersten Geliebten ins Bett?

Der schwule Mann und Mutti – ein Thema von Format. Wo lägen Schrecken und Gelächter dichter beieinander? Denn sie sind ja nicht immer gute Freundinnen, denkt man bloß an die greise Anne Bancroft in „Torch Song Trilogy“, wie sie in der Küche Harvey Fierstein zur Schnecke macht, oder, noch eine Liga monströser, Katherine Hepburn in „Suddenly, Last Summer“ aus dem Jahre 1959, zu dem Gore Vidal und Tennessee Williams das Drehbuch schrieben.

„Beautiful Thing“ geht ebenfalls auf ein Theaterstück zurück. Es erlebte seine Uraufführung 1993 in London unter der Regie von Hettie MacDonald, die drei Jahre später den Film realisieren konnte. Neben dem erfrischenden Soundtrack und den schnellen, deftigen Dialogen bezieht er seine mitreißende Energie auch aus der genauen Kenntnis des Milieus und seiner Akteure. Bevor der 1968 in Liverpool geborene Autor Jonathan Harvey vom Schreiben leben konnte, war er Grundschullehrer in Thamesmead, eben jener Hochhaussiedlung in Londons Südosten, wo auch „Beautiful Thing“ entstand und schon Stanley Kubrick Teile von „A Clockwork Orange“ drehte. Thamesmead steht für durchmischte Ethnien, Sozialhilfe und Suff. Noch nirgends sind die tristen Tableaus einfühlsamer ausgebreitet worden als im New British Cinema, in den Arbeiten von Mike Leigh, Stephen Frears oder Ken Loach. Bei schwächeren Regisseuren, darunter manchem deutschen Nachahmer, scheint soziales Elend oft nur die Kulisse abzugeben, und nicht immer erkennt man hinterher – abgesehen vom Unterhaltungsanspruch – weiterführende künstlerische Absichten.

Foto: Salzgeber

„Beautiful Thing“ ist in der Hinsicht vollkommen unzweideutig. Hier geht es um eine klare Botschaft, einen Auftrag. Der Film will seinen Zuschauern Bilder geben, die Zuversicht stiften und ermutigen. Nimm den Kopf hoch und geh deinen Weg, auch bei hartem Gegenwind. Denn selbst im milderen Klima spürbarer Liberalisierung bleibt das Coming-Out individuell meistens ein harter Brocken. Nicht zufällig fällt einem der gleichnamige DDR-Spielfilm ein. Für Regisseur Heiner Carow war der provokante Schlachtruf des Dramatikers Friedrich Wolf, „Kunst ist Waffe“, keineswegs nur ideologische Phrase, sondern er sah sich mit seiner Arbeit an der Seite der Menschen in ihrem Ringen um ein besseres Leben. Über seine Zuschauer zu sozialistischen Zeiten hat er einmal gesagt: „Sie waren nicht viel reicher und nicht viel ärmer, sie mussten ihre Kohlen rein tragen und sorgten sich um ihre Kinder und saßen manchmal weinend zu Hause, weil sie nicht wussten, wie sie das alles schaffen sollten. Ich war immer sicher, die Leute zu kennen, zu denen ich rede.“ In diesem Sinne sind „Beautiful Thing“ und „Coming Out“ auch darin spürbar wesensverwandt: Sie entstanden in einem Gefühl der Verbundenheit und Verantwortung.

„Es wird nach einem happy end / Im Film jewöhnlich abjeblendt“, schrieb Kurt Tucholsky in der Weltbühne über ein ehernes Gesetz des Kintopps. Achtzig Jahre ist das her – und gilt noch immer. Wie gerne man Jamie und Steven zuschaut in ihrer arglosen Unschuld, dem behutsamen Vortasten aufs verminte Feld erster Zärtlichkeit. Noch ist alles drin. Man wünscht ihnen den Hauptgewinn. Und hat man nicht das große Glück, „Beautiful Thing“ mit heißen Ohren im Sozialkundeunterricht anschauen zu dürfen, sondern erst reiferen Alters im Lichtspielhaus oder Heimkino, fragt man sich natürlich bange, was den kleinen Helden noch bevorsteht. Werden sie alles richtig machen? Wie lange wird es mit ihnen halten? Müssen sie raus aus der Hochhaussiedlung, und wie werden sie zwanzig Jahre später leben in ihrer kleinen Wohnung, mit dem Theaterabonnement und zwei Perserkatzen? Nein, wir fragen lieber nicht. „Und darum wird beim happy end / Im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Foto: Salzgeber

Zuvor aber noch dieses unvergessliche Schlussbild, mit dem sich „Beautiful Thing“ in die Filmgeschichte einschreibt. „Komm, tanz mit mir“, sagt Jamie nach all dem durchlittenen Kummer mit der Selbstannahme, und als sein Liebster im Hof vor aller Augen der Aufforderung folgt, betreten wir das Reich Utopia, ohne das niemand wirklich menschenwürdig leben kann. Dieses Schlussbild ist ein großes Gleichnis. Wer davon nicht berührt wird, dem hat sein Leben noch keinen Mut abverlangt, zum Beispiel den Mut, draußen die Hand des anderen nicht loszulassen, oder den Mut, sich zu küssen, auf einer belebten Straße und bitte nicht bloß zu Karneval.

Selbst wer die Verfolgung des Andersartigen für überwunden erklärt, weil ihm das Opfer-Gebarme unsexy scheint, wird still für sich einsehen, wie zielsicher diese einfache Szene der beiden eng umarmt tanzenden Jungs in das Herz unserer gemeinsamen Erfahrung vordringt. Denn die Kinder sind, noch immer, in Gefahr. Deswegen nimmt Mutter Sandra die Hand der verdrehten schwarzen Nachbarstochter. Die Frauen ergreifen wortlos Partei, solidarisieren sich, indem sie gleichfalls zu tanzen beginnen, langsam und umschlungen. „Dream A Little Dream Of Me“, erklingt dazu, und die Nachbarn glotzen. Die Kamera fährt die Parade ab. Da ist nicht viel Freude zu entdecken, bestenfalls Erstaunen, Belustigung, Fassungslosigkeit, aber eben auch Häme, Abscheu, reichlich unverhohlene Missbilligung. Aber so, wie Mutter Sandra trotzig die Versammelten mustert und voller Kampflust ihr Kinn vorstreckt, wird es kein Aas mehr wagen, den ersten Stein zu werfen. Ungefähr auf diesem „Zivilisationsstand“ befinden sich ein paar westeuropäische Gesellschaften, in denen es sich aushalten lässt. Jedoch schon in Budapest schützt die Polizei zum CSD die tapfere kleine Schar Demonstranten mit hohen Zäunen vor dem schäumenden Volkszorn. Machen wir uns nichts vor. Die Zeit, in der keine Coming-Out-Filme mehr entstehen müssen, und zwar nirgendwo auf unserer Welt – diese Zeit liegt noch in weiter Ferne.




Beautiful Thing
von Hettie MacDonald
UK 1996, 87 Minuten, FSK 12,

deutsche SF,
Edition Salzgeber

vimeo on demand

VoD (deutsche SF): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)


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