Film

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Porträt einer jungen Frau in Flammen

Eine einsame Insel vor der Küste der Bretagne im Jahr 1770. Die Pariser Malerin Marianne soll ein Porträt der jungen Adelstochter Héloïse anfertigen, um einen Edelmann im fernen Mailand von seiner zukünftigen Frau zu überzeugen. Weil sich Héloïse weigert, Modell zu sitzen, arbeitet Marianne inkognito: Sie beobachtet Héloïse während ihrer gemeinsamen Spaziergänge an der Küste und malt abends aus dem Gedächtnis heraus das Bild. Doch je mehr Zeit die beiden miteinander verbringen, desto stärker bricht sich ein tiefes Begehren Bahn. Céline Sciammas atemberaubendes Liebesdrama macht aus Noémie Merlant und Adèle Haenel ein neues ikonisches Filmpaar, wurde im Mai in Cannes von der Kritik gefeiert und mit der Queer Palm sowie dem Preis für das Beste Drehbuch ausgezeichnet. Christian Weber über ein feministisches Meisterwerk, das mit konventionellen Blickhierarchien bricht und ein nicht zu bändigendes Feuer legt.
Westler

Westler

Berlin, Mitte der 1980er Jahre. ‚Westler’ Felix und Thomas aus Ostberlin leben nur wenige Kilometer voneinander entfernt – und doch in zwei unterschiedlichen Welten. Zwischen ihnen liegt die Berliner Mauer, pro Woche können sie sich nur einen Tag sehen und pro Tag nur vier, fünf Stunden. Irgendwann weiß Thomas nur noch einen Ausweg: die Flucht aus der DDR, über Prag in den Westen, zu Felix. Regisseur Wieland Speck und sein Team mussten 1985 im Ostteil Berlins zum Teil mit versteckter Kamera drehen. 34 Jahre nach seiner Entstehung erscheint "Westler", ein Klassiker des Queeren Kinos, jetzt in digital restaurierter Fassung als DVD und VoD. Andreas Wilink hat sich den grenzenüberschreitenden Liebesfilm noch einmal angesehen und fühlt sich zurücktransportiert in die alte Mauerstadt.
Sócrates

Sócrates

Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter ist der 15-jährige Sócrates ganz auf sich allein gestellt. Weil ihn sein Vater wegen seiner Homosexualität verstoßen hat, soll er in ein Heim. Doch so schnell gibt Socrates die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf. Das Spielfilmdebüt des brasilianisch-amerikanischen Regisseurs Alexandre Moratto, gedreht mit einem Mini-Budget von 20.000 Dollar und mit Jugendlichen aus einem Sozialprojekt, kommt seiner Hauptfigur und deren Lebensumständen am sozialen Rand von São Paulo dabei so nah und wirkt derart authentisch, wie es sonst meist nur im Dokumentarfilm gelingt. Axel Schock hat den neorealistisch anmutenden Film, der vergangenes Jahr mit einem Independent Spirit Award ausgezeichnet wurde, für uns gesehen.
The Garden

The Garden

Derek Jarmans "The Garden" (1990) ist ein subjektiver, höchst sinnlicher Strom von Bildern, der kühn die Möglichkeiten des Kinos austestet. Der Experimentalfilm kommt ohne Dialoge aus, lyrische Erzählstimmen und ein betörender Soundtrack von Simon Fisher-Turner bestimmen die Tonspur, über allem schwebt eine madonnenhafte Tilda Swinton. Jarman, der 1994 an den Folgen von Aids starb, verhandelt in dem Film nicht nur die eigene Sterblichkeit, er klagt auch wütend das repressive Klima gegen Schwule und Lesben unter der Regierung Margaret Thatchers in der Hoch-Zeit der Aids-Krise an – und hinterfragt kritisch die Rolle der katholischen Kirche in der Jahrhundert-langen Homosexuellen-Verfolgung. Knapp 30 Jahre nach seiner Uraufführung wurde Jarmans visionäres Meisterwerk vom British Film Institute digital restauriert und erscheint in dieser Fassung jetzt erstmals auch in Deutschland als DVD und VoD. Andreas Köhnemann über ein zeitloses Manifest queeren, filmischen Widerstands.
Acid

Acid

Jetzt als DVD und VoD: Sasha ist 20 und hat keinen richtigen Plan für sein Leben. Gerade ist sein Kumpel Vanya einfach so vom Balkon gesprungen. Nach der Beerdigung geht Sasha mit seinem besten Freund Pete und Freundin Karina erst mal in den Club, feiern. Dort lernen die drei den Künstler Vasilisk kennen, der ihnen Zuhause seine Arbeit vorführt: Er löst alte Politiker-Büsten in Säure auf. Am nächsten Morgen trinkt Pete einen Schluck der Flüssigkeit und landet im Krankenhaus. Als er wieder sprechen kann, findet er endlich Worte für das Chaos um sich. Das Regiedebüt des russischen Schauspielers Alexander Gorchilin – bekannt aus seiner Zusammenarbeit mit Kirill Serebrennikov ("Leto", 2018) – ist ein abgründiges Porträt der Jugend im heutigen Russland. Den jungen Männern in "Acid" scheint es ökonomisch an nichts zu mangeln, emotional wirken sie jedoch verwahrlost und orientierungslos. Stefan Hochgesand über einen Not-Coming-of-Age-Film mit ätzender Wirkung, der in seiner teils virtuosen Filmsprache an das Frühwerk Xavier Dolans erinnert.
Normal

Normal

Jetzt im Kino: In ihrer dokumentarischen Betrachtung „Normal“ befasst sich die italienische Filmemacherin Adele Tulli mit dem Thema Gender - ohne das Gezeigte jemals zu kommentieren. Was mit dem ersten Blick auf das Geschlechtsteil bereits vor der Geburt seinen Anfang nimmt, setzt sich mit Ritualen im Kindes- und schließlich im Erwachsenenalter fort: Wie sich „Mann“ und „Frau“ zu geben haben, muss immer wieder eingeübt werden. Unsere Autorin Beatrice Behn hat „Normal“ für uns gesehen - und darin das Potenzial für eine persönliche Revolution entdeckt.
Celebration: Video-Interview mit Olivier Meyrou

Celebration: Video-Interview mit Olivier Meyrou

Nach zehn Jahren Aufführungsverbot darf Olivier Meyrous meisterhafter Dokumentarfilm "Celebration" über Yves Saint Laurent und dessen Partner Pierre Bergé endlich gezeigt werden. Wir haben uns mit dem Regisseur über die wilde Veröffentlichungsgeschichte des Films unterhalten, über die spezielle Beziehungsdynamik innerhalb des ikonischen Paars und die Herausforderung, eine Person zu filmen, die sich der Außenwelt permanent entzieht. Ein Interview über Mythos und Wirklichkeit, über engste Verbundenheit, tiefe Kränkungen und Filmemachen als Liebesbeweis.
Nurejew – The White Crow

Nurejew – The White Crow

In seiner dritten Regiearbeit erzählt Schauspielstar Ralph Fiennes eine brisante Episode aus dem Leben der sowjetischen Tanzikone Rudolf Nurejew nach: Während eines Gastspiels in Paris in den 1960er Jahren gerät der junge und höchst talentierte Ballett-Star – eindrucksvoll dargestellt vom ukrainischen Weltklasse-Tänzer Oleg Ivenko – ins Fadenkreuz des sowjetischen Geheimdiensts. Auf zwei anderen Zeitebenen blättert das Drehbuch von David Hare ("The Hours", "Der Vorleser") weitere Teile von Nurejews Biografie auf. Dessen Zuneigung zu Männern fällt dabei weitgehend unter den Tisch. Zum Glück gibt es immerhin diese eine Szene, findet unser Autor Stefan Hochgesand...
Celebration

Celebration

Paris, 2001. Yves Saint Laurent skizziert, bereits schwer von Krankheiten gezeichnet, die Entwürfe für seine letzte Kollektion. Unterdessen richtet sein Lebens- und Geschäftspartner Pierre Bergé eine Serie von Feiern aus, um das kolossale Werk des Modedesigners zu würdigen. Regisseur Olivier Meyrou begleitet Saint Laurent in den letzten Karrierejahren und wirft dabei vor allem ein Licht auf die diffizile Beziehung zu seinem Partner. "Celebration" wurde bereits im Jahr 2007 auf der Berlinale uraufgeführt, Bergé ließ die weitere Veröffentlichung des Films jedoch verbieten. Erst jetzt, zwei Jahre nach Bergés und über ein Jahrzehnt nach Saint Laurents Tod, darf "Celebration" wieder gezeigt werden – und läuft ab Donnerstag auch in den deutschen Kinos. Daniel Schreiber hat ihn für uns gesehen.
Gelobt sei Gott

Gelobt sei Gott

Alexandre lebt mit seiner Familie in Lyon. Eines Tages erfährt er per Zufall, dass der Priester, von dem er in seiner Pfadfinderzeit missbraucht wurde, immer noch mit Kindern arbeitet. Er beschließt zu handeln und findet Unterstützung bei zwei weiteren Opfern, François und Emmanuel. Zusammen wollen sie das Schweigen brechen, das über ihrem Martyrium liegt – gegen alle Widerstände. François Ozon hat in seinem neuen Film die wahren Ereignisse des Missbrauchsskandals um den Lyoner Priester Preynat verarbeitet. Seine meisterhaft inszenierte Anklage der erschütternden Versäumnisse in der Katholischen Kirche wurde im Februar auf der Berlinale mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet. Ab Donnerstag ist "Gelobt sei Gott" bundesweit im Kino zu sehen. Andreas Wilink hat den Film für uns gesehen – und genau hingehört.