Sócrates

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Nach dem plötzlichen Tod seiner Mutter ist der 15-jährige Sócrates ganz auf sich allein gestellt. Weil ihn sein Vater wegen seiner Homosexualität verstoßen hat, soll er in ein Heim. Doch so schnell gibt Socrates die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf. Das Spielfilmdebüt des brasilianisch-amerikanischen Regisseurs Alexandre Moratto, gedreht mit einem Mini-Budget von 20.000 Dollar und mit Jugendlichen aus einem Sozialprojekt, kommt seiner Hauptfigur und deren Lebensumständen am sozialen Rand von São Paulo dabei so nah und wirkt derart authentisch, wie es sonst meist nur im Dokumentarfilm gelingt. Axel Schock hat den neorealistisch anmutenden Film, der vergangenes Jahr mit einem Independent Spirit Award ausgezeichnet wurde, für uns gesehen.

Foto: Edition Salzgeber

Endstation Hoffnung

von Axel Schock

Verzweifelt versucht Sócrates, seine Mutter zu wecken, obwohl er längt weiß, dass sie nicht mehr aufwachen wird. Bei ihrer Putzstelle hat er vorgegaukelt, sie sei nur ein bisschen krank, und ist tagelang für sie eingesprungen, um die Einnahmequelle, ihre einzige, für den gemeinsamen Lebensunterhalt zu sichern. Nach dem Tod der Mutter steht Sócrates ganz alleine da: Er kann die Miete für die kleine Wohnung in einem der ärmeren Viertel São Paulos nicht mehr zahlen. Als Minderjähriger bekommt er keine ordentliche Arbeit. Das Sozialamt will ihn zu seinem Vater bringen oder wahlweise in ein Heim stecken. Beides keine akzeptable Lösung für den Teenager. Also versucht er, sein Überleben auf eigene Faust zu sichern. Und sei es nur bis zum nächsten Tag.

Filmemacher Alexandre Moratto folgt seiner Titelfigur auf der Suche nach einem Job, nach Schutz und Verständnis – und nachdem das letzte Geld aufgebraucht ist auch schlicht nach etwas zu essen. Sócrates scheitert daran, die Asche seiner Mutter abzuholen. Aushändigen will man sie nur an seinen Vormund, also seinen tiefreligiösen Vater, der ihm am liebsten das Schwulsein austreiben möchte.

Die Szene im Bestattungsinstitut ist eine der wenigen, in der Sócrates seine Trauer nicht mehr kontrollieren kann. Weil das nackte Überleben seinen Alltag bestimmt, bleibt kaum die Gelegenheit, den Verlust und den Schmerz zu verarbeiten. Während er sonst all die Widrigkeiten und Ablehnungen geradezu stoisch und in beeindruckender Stärke erträgt, überschlagen sich in dieser hochemotionalen Szene die Gefühle: Wut, Verzweiflung, Aussichtlosigkeit und die Liebe für die verstorbene Mutter.

Moratto erzählt „Sócrates“ gleichsam als Stationendrama. Immer wieder ergibt sich ein Hoffnungsschimmer, aber in der gleichen Taktzahl ebenso auch Enttäuschungen, Niederlagen und eine Drehung weiter in der Abwärtsspirale. Zuletzt wühlt der Teenager aus Hunger in Mülltonnen und versucht, sich zu prostituieren, bis er schließlich doch an die Tür des Vaters klopft.

Foto: Edition Salzgeber

Bei einem Job auf einem Schrottplatz lernt er den selbstbewussten Maicon kennen, der erst mal mit Nachdruck seiner Stellung innerhalb der Crew Ausdruck verleiht, um Sócrates später ziemlich unverblümt anzubaggern und sich auf eine Affäre mit ihm einzulassen. In einem konventionellen Film wäre dies die dramaturgische Wendung zum Happy End. Moratto aber verzichtet auf alle kitschig-süße Romantik und verfolgt konsequent eine an das Cinema verité erinnernde Erzählhaltung. Ihm geht es eben nicht um eine Feel-Good-Lovestory, sondern um die soziale Wirklichkeit eines schwulen Underdogs. Die Ursache für Maicons überraschend erbärmliches Verhalten gegenüber Sócrates lässt sich gleichermaßen auf die Homophobie zurückführen, denen die beiden Jungs in ihrem Umfeld ausgesetzt sind, als auch auf Maicons eigenes Geheimnis.

Konsequenterweise hat Moratto für seinem Protagonisten und den Zuschauer*innen kein Hollywood-Ende vorgesehen, bei dem all die sozialen Probleme und Herausforderungen, denen Sócrates gegenübersteht, plötzlich aufgehoben werden. Ein kleiner Triumph ist ihm jedoch nach rund 70 Filmminuten vergönnt, und der rührt umso mehr, gerade weil er Sócrates so viel bedeutet.

Foto: Edition Salzgeber

Entstanden ist der Film im Rahmen eines von UNICEF unterstützten Workshops mit sozial unterprivilegierten Jugendlichen im Alter von 16 bis 20 Jahren; die Darsteller*innen sind überwiegend Laien. Wovon sie in diesem Film erzählen, was sie spielen, das kennen sie aus ihrem eignen Alltag. Das erklärt den unverkrampften, unverstellten Ton von Morattos engagiertem Film, der immer wieder zwischen Sozialstudie und realistischem Melodram oszilliert. Es erklärt allerdings noch nicht automatisch die Intensität und Glaubwürdigkeit – und  das erstaunlich reife Spiel von Christian Malheiros als Sócrates. Er ist in fast jeder Szene zu sehen, fesselt uns mit seiner Verletzlichkeit, Leidenschaft und Energie, und trägt so souverän den gesamten Film. Der Junge ist ein Naturtalent. Beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg und beim Festival Mix Brasil wurde der inzwischen 19-Jährige als bester Darsteller ausgezeichnet; mittlerweile hat er eine Hauptrolle in der brasilianischen Netflix-Serie „Sintonia“ übernommen.




Sócrates
von Alexandre Moratto
BR 2018, 71 Minuten, FSK 12,
portugiesische OF mit deutschen UT,

Edition Salzgeber




DVD: € 16,90 (inkl. Porto & Verpackung)

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VoD (OmU): € 4,90 (Ausleihen) / € 9,90 (Kaufen)

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